Anfangs habe ich mich über die iPad-Käufer lustig gemacht. Das tue ich meistens, wenn irgendeine Hardware auf den Markt kommt und von einem hysterischen Hype begleitet wird. Das bleibt nach gut 30 Jahren im Umfeld der Computerbranche nicht aus. Und als PR-Mensch weiß ich natürlich zu gut, wer welche Wellen wie erzeugt. Beim iPad fanden sich – wie schon zuvor beim iPhone und anderen Apple-Produkte – reihenweise willige Missionare, die viel Zeit darauf ver(sch)wendeten, die Menschheit vom Nutzen des Tablett-Computers zu überzeugen. Und dafür nicht etwa entschädigt wurden, sondern auch noch überhöhte Investitionen riskierten – wie bei Apple üblich. Dabei fand ich das Konzept grundsätzlich spannend. Was auch damit zu tun hat, dass ich vor einiger Zeit relativ lange für Wacom tätig war, den berühmten Hersteller von Grafiktabletts; also, diese Geräte mit Stifteingabe. Bei Grafik-Designern sind die sehr beliebt, und für manche Aufgaben immer noch beinahe unentbehrlich. Im Zuge dieser Betreuung habe ich natürlich immer ein kleines Wacom-Tablett am PC gehabt, als Mausersatz. Das bringt Vorteile: Man kann den Mauszeiger direkt platzieren, ohne dass man rumschieben muss. Da wo die Stiftspitze auf das Tablett trifft, wird der Cursor auf dem Bildschirm auftauchen. Ich habe mich dann auch daran gewöhnt, handschriftliche Notizen einzugeben, Markierungen auf Dokumente zu malen und mich an der Computergrafik zu versuchen. Just an der Schwelle zum Tablet-PC – befeuert von Wacom-Technologie – war ich dann nicht mehr für dieses Unternehmen unterwegs und verpasste die nächsten Schritte. Dabei fand ich die Idee, direkt auf dem Monitor zu navigieren, naheliegend und logisch.
Ich erinnere mich, dass Wacom auch einen sündhaft teuren LCD-Monitor anbot, auf dem per Stift gearbeitet werden konnte. Tobias Groten, Gründer von Tobit in Ahaus, ebenfalls ein Kunde, hatte so ein Teil. Darauf war ich neidisch, konnte mir aber weder eines leisten, noch testweise abstauben. Die nächste Stufe, so viel war klar, müssten mobile Stiftcomputer sein. Aber irgendwas lief schief; vermutlich bei Microsoft, und das ganze Thema tauchte für drei, vier Jahre fast völlig ab.
Aus heutiger Sicht werden so zwei Faktoren sichtbar, die diese Entwicklung bestimmten:
- der Wunsch nach mobiler Computernutzung
- der Wunsch nach einem Mausersatz
Mobiles Computing
Bis dahin hieß “mobiles Computing” immer: Kampf mit Gadgets. Ich gestehe, ich war wild auf all diese kleinen Geräte, die man in der Hosen- oder Hemdtasche bei sich haben konnte, und auf denen man höchstwichtige Daten immer dabei hatte. Weit vor den Tagen des Palm Pilot aus dem Hause US Robotics (Wer erinnert sich noch?) hatte ich auf einer Messe in Birmingham einen Stiftcomputer von Amstrad gekauft, angeblich mit Handschrifterkennung. Der kam etwa gleichzeitig mit dem legendären Apple Newton auf den Markt, einem bis auf den heutigen Tag schwer unterschätzen Gerät… Ich erinnere mich, dass dieses so genannte “Message Pad” dem deutschen Markt bei einer Veranstaltung in der Alten Oper in Frankfurt präsentiert wurde. Aus irgendeinem Grund fuhr ich an jenem Tag mit meiner Moto Guzzi von Düsseldorf nach Frankfurt und wieder zurück, was einigermaßen anstrengend war. Während der Veranstaltung wurde gezeigt, wie Leute in Frankfurt per Newton mit Kollegen in Australien Daten austauschten – was sich später als Fake herausstellte. Während der Amstrad mein Feind bliebt, war mir der Newton in der täglich Nutzung nach einer Weile zu kompliziert, und so wurde ich für fast zehn Jahre Fan und Anwender von Palm-PDAs.
Prähistorische Maschinen
Mein Drang nach digitaler Mobilität war auch vorher schon groß. In meiner Eigenschaft als Chefredakteur der Fachmagazine Data Welt und PC Praxis sicherte ich mit das Privileg, alles zu testen, was tragbar war. Das begann mit einem Commodore SX64, einem Koffer mit eingebautem 64er und einem Monitor mit gefühlten drei Zoll Diagonale. Einen Apple IIc kaufte ich mir für den persönlichen Gebrauch. Selbstverständlich hatte ich kurz einen Osborne im Test, später den ersten Compaq-PC-Koffer und dann die Nähmaschinen-PCs aus taiwanesischer Fertigung, bei denen das LCD an der Seite angeflanscht war. Mein erster echter Laptop war natürlich ein Toshiba, aber auch einen Epson HX-20 nutzte ich für einige Wochen. In jenen Jahren war ich glühender Mac-Fan und erwarb natürlich eines der ersten Powerbooks. In besonderer Erinnerung geblieben ist mir aber ein Ding mit dem schlichten Namen Z88.
Den hatte Sir Clive Sinclair höchstpersönlich erfunden, und ich erwarb mein Exemplar – ebenfalls während einer Messe, ich glaube in London… – von Sir Clive höchstpersönlich. Das Brett ist immer noch in meinem Besitz. Es war exakt so groß wie ein DIN-A4-Blatt, knapp fingerdick, hatte ein sechszeiliges, nicht-grafikfähiges Display und eine Gummitastatur, die sich anfühlte wie die Haut von einem toten Schwein (…wie ein Kollege einst ketzerisch behauptete). Der Z88 hatte ein Betriebssystem namens “Pipedream”, das gleich die wichtigsten Anwendungen (Text, Tabelle, Datenbank) enthielt. Es gab keinen separaten Massenspeicher, alle Dokumente verblieben im RAM und mussten zur Weiterverarbeitung per Datenfernübetragung (DFÜ!) auf einen anderen Rechner übertragen werden. Als stolzer Besitzer dieses Z88 erregte ich während der Comdex 1987 in Las Vegas für Aufsehen, weil ich meine Artikel während der Pressekonferenzen gleich eintippte.
Fingerfarbenallergie
So viel zur historischen Seite des Themas. Bei allem Drang nach Mobilität hatte ich von Anfang an eine deutliche Aversion gegen die Abwesenheit von Tastaturen. Wie gern hätte ich eine am Newton gehabt (Gab’s aber nicht)! Als die berühmt-berüchtigten Klapp-Keyboards für Palms rauskamen, war ich einer der ersten Käufer. Und den Z88 liebte ich so, weil er praktisch nur aus Tastatur bestand. Das galt auch für meinen ersten Nokia Communicator. Deshalb war ich auch völlig elektrisiert, als mit dem Asus EeePC das erste Netbook auf den Markt kam. DAS war es, wonach ich all die Jahre gesucht hatte! Ein handliches Gerät mit richtigem, wenn auch kleinen Display und einer richtigen, wenn auch kleinen Tastatur. Den EeePC kaufen und darüber ein Buch zu schreiben, war eine Sache von sechs Wochen. Natürlich kämpfte ich – wie alle Besitzer der ersten Generation – mit dem merkwürdigen Linux-Derivat. Natürlich rüstete ich das Kistchen auf und um. Und wurde für zwei Jahre – zuletzt mit Ubuntu auf der SSD – ganz glücklich damit.
Und ich nutzte den EeePC auch so, wie es heute für Tablet-PCs propagiert wird: Gemütlich beim Fernsehen auf der Couch als schnelle Wikipedia- und IMDB-Quelle. Und dann hatte ich für zehn Tage ein iPad zum Testen. Das war noch zur Zeit meiner Spöttereien über die notorischen Apple-Fanboys. Ich gab mir Mühe. Aber – um es abzukürzen – das Schmieren mit dem Finger auf dem Display hat für mich etwas von Fingerfarbenmalerei, und die mochte ich noch nie. Als altgedienter Betriebssystemnutzer ist mir dieser ganze App-Quatsch außerhalb der Smartphone-Welt suspekt. Ich will einfach nur einen guten Browser, mit dem ich die wichtigsten Sites aufsuchen kann und an meine Google-Wolke komme. Das geht mit einem Netbook besser. Und eine Tastatur hat es auch. Einen zweiten Versuch unternahm ich für knapp drei Wochen mit einem 7-Zoll-Galaxy. Der gefiel mir dank seiner Handlichkeit und den vorhandenen Anschlüssen schon besser als das iPad. Aber meine Fingerfarbenallergie hielt an. Dann probierte ich in diversen Läden alle nur denkbaren Tablet-PCs aus, und keiner vermochte mich zu überzeugen.
Nun bin ich seit drei Tagen stolzer Besitzer eines Asus EeePC 1001P Go, der ein eingebautes UMTS-Dings enthält. Ich habe das Ding einem jungen Mann abgekauft, der dann doch lieber einen Laptop haben wollte, auf dem er dann auch Spiele spielen und Filme gucken kann. Bezahlt habe ich 220 Euro, also etwas mehr als ein Drittel vom iPad. Das Display ist hervorragend, die Tastatur klasse. Alle nützlichen Anschlüsse sind vorhanden, und die Akkulaufzeit im Normalbetrieb (getestet!) liegt bei rund sieben Stunden. Was will ich mehr? Mein Bauch sagt: Das wird eine lange, harmonische Beziehung zwischen mir und dem EeePC. Und wenn ich, dann weiß ich auf jeden Fall: So’n Tablett, das brauch ich nicht…