Wolken haben mich schon immer fasziniert. Seit ein paar Jahren fotografiere ich sie in allen Lebenslagen – rund 5.000 Aufnahmen sind so zusammengekommen, ein Teil davon ist öffentlich auf Picasa zu sehen. Apropos Picasa: Natürlich habe ich die Fotos, die sich andere Leute anschauen können sollen, in der Google-Wolke abgelegt. Denn es ist ja ein großes Missverständnis, dass Cloud-Computing etwas ganz Neues, Tolles, Hippes ist. Im Gegenteil: Seitdem es das Internet gibt, gibt es auch Ansätze von Datenwolken, und spätestens mit der Ankunft von webbasierten Mail-Services wie GMX, Web.de, Hotmail etc. haben Millionen Internetnutzer persönliche Daten in Wolken gehalten. Anfangs waren es “nur” empfangene und gesendete E-Mails. Schon um das Jahr 2000 herum tricksten fähige Entwickler die Plattformen aus, indem sie Tools schufen, mit denen man auch andere Daten dauerhaft im Mail-Account speichern konnte. 2004 wurde Flickr gestartet, die Plattform für Bilder in der Wolke. Ein Jahr später kam YouTube als Pendant für Videos. Der Hype rund um die Clouds wurde von zwei Seiten befeuert. Die Leute von Amazon boten bereits 2002 ihre so genannten “Web Services” an, die im Wesentlichen die Möglichkeit mit sich brachten, eigene Daten auf Amazon-Servern abzulegen – geboren wurde die Idee angesichts der extremen Überkapazitäten der Server des Unternehmens. Zweite Startrampe für den Boom war GMail, der Maildienst von Google, der im Jahr 2004 antrat. Denn diese Plattform erlaubte es von Anfang an, auch die Daten von Anhängen dauerhaft im Mail-Account abzulegen.
Ob Google tatsächlich aufs Cloud-Computing abzielte oder eher den alteingesessenen Mailservices wie Yahoo, Hotmail oder AOL Konkurrenz machen wollte, ist unklar. Sichtbar wurde aber spätestens mit der Ankunft von Google Docs (im Herbst 2006!), wohin der Hse laufen sollte. Jetzt konnte der geneigte Google-User tatsächlich per Browser an Dokumenten in der Google-Wolke arbeiten, sie also überall anfassen und nutzen, wo er ins Internet kam. Einen etwas anderen Weg geht Dropbox, eine Anwendung, die für eine vollautomatische, reibungslose und vollkommen transparente Synchronisierung von Daten in der Wolke mit den Datenträgern in den Endgeräten (PC, Notebook, Smartphone) sorgt. Nicht jedem Dropbox-Anwender ist übrigens bewusst, dass das System die Daten tatsächlich in Amazons S3-Speicherfarmen abgelegt…
Und nachdem also Millionen Menschen in aller Welt seit gut zwölf Jahren mehr oder weniger viele und mehr oder weniger sensible Daten in Wolken ablegen, beginnt hierzulande eine Debatte um die Datensicherheit des Verfahrens. Befeuert wird die vor allem von jenen Journalisten, die weitgehend frei von Basiskenntnisse gern über datentechnische Themen schreiben, meist getrieben von der eigenen Paranoia und dem Wunsch, knallige Überschriften zu erzeugen.
Datensicherheit ist grundsätzlich relativ. Und sieht für jeden Anwender und jede Organisation anders aus. Wie immer hilft ein Blick auf die wirklich wahre Realität. Nehmen wir als einfaches Beispiel die Korrespondenz. Früher schrieben sich Menschen Postkarten (manche tun das noch heute aus dem Urlaub…). Jeder, der eine solche Postkarte in die Hände bekam, konnte deren Text lesen, der Content war vor fremden Augen nicht geschützt. Handelte es sich um eine Ansichtskarte, war sogar der Aufenthaltsort des Senders bekannt, über die Datierung auch der Zeitpunkt, zu dem er sich dort befand. An Datenschutztdebatten über Ansichtskarten kann ich mich nicht erinnern. Das Gegenteil war und ist der Brief mit dem gleichnamigen Geheimnis. Das Geschriebene wird durch ein Couvert vor den Blicken Unbefugter verborgen, der Inhalt soll nur dem Empfänger sichtbar sein. Ähnliches gilt für das Telefonat: Wer nicht will, dass jemand hört, was gesprochen wird, der telefoniert an einem geschützten Ort. Wem’s egal ist, der postiert sich mit seinem Handy an einem belebten Ort und redet so laut, dass jeder das Gespräch mithören kann.
Den Unterschied macht der jeweilige Content und seine Bedeutung. Schreibe ich ein kleines Gedicht über die niedlichen Schäfchenwolken am Himmel, dann gibt es drei Möglichkeiten: Entweder ich BEABSICHTIGE, dass Fremde es lesen, oder mir ist es EGAL, ob Fremde es lesen, oder aber ich geniere mich so sehr, dass ich VERMEIDEN möchte, dass Fremde es lesen. Nur im letztgenannten Fall werde ich Maßnahmen ergreifen, den Content vor dem Zugriff Unbefugter zu schützen. Für das Leben in der Wolke bedeutet das im Klartext: Nur Content, der nur besonders Befugten zugänglich sein soll, gehört nicht in die Cloud.
Welche Motive jemand haben kann, Content verbergen zu wollen, ist ganz unterschiedlich. In diesen Tagen herrscht eine unscharfe Paranoia vor, ja bisweilen ein (legitimer) Trotz, aber kaum jemand prüft die eigenen Daten unter rationalen Gesichtspunkten auf die Folgen ihrer Enttarnung. Die Debatte ist aus dem Facebook-Umfeld bekannt und gipfelt im eitlen Geplapper der Verfechter der so genannten “Post Privacy”. Wer die aufgestellte Frage rein defensiv betrachtet, wird danach streben, alle Inhalte über die eigene Person unsichtbar zu halten, die kurz-, mittel- oder langfristig schaden könnten. Die offensive Sicht bestünde darin, sich zu fragen, welchen Content man mit kurz-, mittel- oder langfristigem Nutzen für die eigene Person öffentlich machen könnte…
So betrachtet ist die Wolke der ideale Aufenthaltsort für alle persönlichen Daten und Dokumente, bei denen kein Schaden entstünde, würde ein Unbefugter sie betrachten können. Und der Content, den man öffentlich präsentieren möchte, den kann man ganz selbstverständlich einer der Clouds – sei es die von Amazon oder die von Google oder irgendeine andere – anvertrauen.