Charlene und ich (2)

Und so verbrachten wir sechs Wochen im Camp, Marshawn, die Mechaniker Ed, Dave und Sid und ich. Mein Lehrmeister hatte alles Lebensnotwendige in die Einöde schaffen lassen, sodass wir uns ganz auf den Trick konzentrieren konnten. Tatsächlich sah die Maschine nur aus wie eine schwere Indian, denn unter dem hauchdünnen Kunststoff versteckte sich eine leichte, extrem starke Geländemaschine. Deshalb saß der Sprung schon ab Woche vier sicher, und in den letzten Tagen erreichte ich Flüge von über 120 Yards. In Savannah stieß ich wieder zum Tross. Charlene und ich konnten stundenlang nicht voneinander lassen, so sehr hatten wir uns gegenseitig vermisst. Bill hatte die Presse zur Vorstellung meiner Nummer nach Atlantic City einbestellt, und alle waren gekommen: die üblichen Journalisten der Entertainment-Industrie, die Sensationsjäger und die vielen TV-Teams, die Berichte über solche Dinge in die vielen Kanäle in ganz Nordamerika, Asien und Europa einspeisten. Ich war berühmt und bekam allerlei Angebote. Aber natürlich fühlte ich mich Bill verpflichtet und sprach jedes kleine Engagement mit ihm ab. Auch die Rolle in einem Film über die gute alte Zeit der Sensationshows, der im folgenden Sommer in Florida gedreht werden sollte. „Charlene und ich (2)“ weiterlesen

Charlene und ich (1)

Die Dinge waren erheblich schief gelaufen für mich. Audrey hatte im Verlauf der Scheidung fast unseren ganzen Besitzstand zugesprochen bekommen, ich dagegen nur die Schulden. Klar dass ich abhaute. Und dann Bills Angebot annahm, sich seiner Truppe anzuschließen. Wir gastierten gerade in Kingman, Arizona, und ich hatte meinen ersten Honorarscheck eingelöst. An jenem Abend wollte ich fressen und saufen und mir eine scharfe Nutte leisten. Denn seit dem Ende meiner Ehe fehlte mir vor allem ein warmer Arsch im Bett. Die Bar lag in der Gegend, die man woanders Zentrum nennen würde. Ein langer, dunkelbrauner Schlauch, der sich ganz durch einen anderthalbgeschossigen Häuserblock mit jeder Menge sinnloser Läden zog. Das Ding war so breit wie hoch und mit roten Kunstlederapplikationen sowie einem schimmeligen Spiegel hinter der langen Theke versehen. Alle zwei Meter beugte sich irgendeine Gestalt über seinen Drink und aus den versteckten Lautsprechern quoll Fahrstuhlmusik. Durch den Qualm der Zigarren und Zigaretten konnte ich das Ende des Raums nicht erkennen. Ich wählte einen Platz in der Nähe des Vorderausgangs und bestellte einen Long Island Ice Tea. Wie meist musste ich dem Bartender das Rezept verraten und darauf bestehen, dass er die Brühe mit Pepsi aufgoss. Der erste Schluck bewies, dass er ein guter Coacktail-Mixer war. Dann sah ich sie am Ende des Tresens, den Rücken zum stark getönten Fenster. „Charlene und ich (1)“ weiterlesen

Getrennte Wege (Schluss)

Wir haben es in diesen zwei Tagen und drei Nächten elfmal miteinander getrieben. Ich würde mich an diese Zahl weder erinnern, noch sie erwähnen, hätte sie nicht mitgezählt und für jedes Mal eine Kerbe in den alten Esstisch geschnitzt. Außerdem löste die Zahl Elf bei ihr eine Fülle fröhlicher Anspielungen an den rheinischen Karneval aus, die ich nicht so ganz teilen konnte, weil mich das sogenannte Winterbrauchtum nie besonders interessiert hatte. Es muss das neunte oder zehnte Mal gewesen sein, nach dem sie unten auf unserem Matratzenlager im Wohnbereich lag und ich sie von der Empore aus betrachtete. Sie schlief, und ihr Gesicht hatte sich völlig verändert. Es schien, als habe sie im Schlaf die Kontrolle über sich verloren. Wie ein ganz kleines Mädchen sah sie aus. Hätte nur noch gefehlt, dass sie am Daumen lutschte. „Getrennte Wege (Schluss)“ weiterlesen

Getrennte Wege (4)

An einem Freitagbachmittag stand sie unerwartet vor meiner Tür. In beiden Händen hielt sie Schlüssel und fragte freudestrahlend: „Was ist das?“ Ohne zu antworten bat ich sie hinein. Immer noch hielt sie die Hände mit den Schlüsseln hoch und nickte mir zu: „Na, na, na?“ – „Schlüssel?“ entgegnete ich ratlos. „Das hier,“ sie wedelte mit der linken Hand, „sind die Schlüssel zum Hasenhaus.“ Jetzt hielt sie mir die Rechte entgegen und sagte: „Und dies ist der Schlüssel vom Volvo meines Vaters. Also pack deine Sachen. Wir verbringen das Wochenende in der Eifel.“ Langsam dämmerte mir, was sie vorhatte, weil ich mich aber immer noch nicht in Gang setzte, raunzte sie mich fröhlich an: „Richtiger Zeitpunkt, richtiger Ort, Bello.“ „Getrennte Wege (4)“ weiterlesen

Getrennte Wege (3)

Tatsächlich rief sie am nächsten Tag. Ja, sie ginge gern mit zum Konzert. Aber es dürfe auf keinen Fall so wirken, als gehörten wir zusammen. Ich war verblüfft und fragte nach. Wie gute Freunde sollten wir wirken. „Das sind wir ja auch.“ Natürlich sahen meine Freunde und Bekannten im Konzerthaus das ganz anders. Peter nahm mich zur Seite und meinte, da hätte ich ja einen Hauptgewinn gezogen. Elke wirkte verschnupft, ein bisschen als sei sie eifersüchtig, und Georg raunte mir zu „Schönes Paar seid ihr.“ Sie ließ sich an dem Abend nicht von mir nachhause bringen, bedankte sich förmlich für die Freikarte und stürzte sich auf eine wartende Taxe. Dann hörte ich drei, vier Wochen nichts von ihr. Ungefähr zehn Tage nach dem Abend begann ich darüber zu grübeln, ob ich mich melden sollte. Ich kam zu keinem Ergebnis, und an einem regnerischen Spätnachmittag im Juni stand sie mit ihrem Fahrrad vor meiner Haustür. „Ciao, Bello, komm mit.“ Schnell holte ich mein Rad aus der Garage und folgte ihr blind. Sie brachte mich an Orte im Osten der Stadt, die ich vorher nie gesehen hatte. Schließlich landeten wir am oberen Ende einer Sackgasse am Hang der Hügelkette am Stadtrand. Man hatte einen grandiosen Blick auf diese kleine Großstadt am mächtigen Strom. Wir rauchten schweigend. „Ich wollte dir was anderes zeigen, mein Freund. Siehst du da unten, etwa zwei Drittel den Berg runter, dieses klotzige Appartementhaus? Da wohnt mein Kerl.“ „Getrennte Wege (3)“ weiterlesen

Letzte Arbeit (4)

Es ist Freitag, und sie hat beschlossen, übers Wochenende nach Frankfurt zu fahren, dort zweimal zu übernachten, um sich die Stadt endlich ein wenig anzuschauen, und dann am Montag dieses ganztägige Meeting bei der Bank zu absolvieren. Albert ist ohnehin ab Mittag unterwegs nach Leverkusen zu diesem Jazz-Konzert, sodass sie deb Abend nicht miteinander verbringen würden. Wie sie überhaupt nicht unbedingt jeden Abend miteinander verbringen müssen. Das ist etwas, was sie an ihm auch schätzt, dass er sie in Ruhe lassen kann und es auch braucht in Ruhe gelassen zu werden. Jörg war da anders, weil er der Ansicht war, Paare hätten gemeinsam aufzutreten. Wann immer sie eingeladen war: Jörg wollte mit. Und wer eine Veranstaltung zu besuchen hatte, bestand er darauf, dass sie ih begleitet. Vermutlich gehörte das zu seinem Statusdenken, dass er als erwachsener Mann nun mal mit einer Frau an seiner Seite anzutreten habe. Gerade in den letzten Jahren wäre sie ein paar Mal gern allein gereist, aber Jörg verstand es, ihr das auszureden oder sich einfach dazwischen zu drängen. „Letzte Arbeit (4)“ weiterlesen

Letzte Arbeit (3)

Jörg war kühl, Albert dagegen warm. Aber bis zur ersten Nacht mit Albert hatte sie nicht geahnt, wie sehr ihr die Wärme zuvor gefehlt hatte. Seine Wärme war nicht nur eine körperliche, sondern eine allumfassende. Wenn sie ihn sah, wurde ihr warm ums Herz, wie in einem Liebesroman. Immer wollte sie ihn berühren, und er ließ das im Gegensatz zu Jörg nicht nur zu, sondern freute sich über ihre Zuwendung. Ihr Leben veränderte sich, weil sich der Sinn dieses Lebens änderte. Ohne dass sie es so gewollt hätte, stockte ihre Karriere, aber durch ihr Fachwissen und die lange Erfahrung war sie für die Firma unverzichtbar, und man ließ sie trotz mangelnden Ehrgeizes in Ruhe. Sie zog in die Stadt, nahm eine ziemlich schicke Wohnung nahe des Zentrum, ganz oben mit einer Dachterrasse, von der aus man auf der einen Seite bis zum Rhein und auf anderen bis zu den ersten Hügeln des Bergischen Landes sehen konnte. Albert wohnte anfangs noch in einem kleinen Appartement in der Altstadt, zog aber nach ein paar Wochen zu ihr, und sie wurden ein Paar, bildeten eine Lebensgemeinschaft. „Letzte Arbeit (3)“ weiterlesen

Letzte Arbeit (2)

Sie erledigte das Studium wie eine Maschine: mit gleichmäßiger Energie in gleichförmigen Abläufen und vollkommener Konzentration. Da ihr an Parties, an Abenden in Gastwirtschaften, überhaupt an den üblichen Freizeitvergnügungen anderer Studenten wenig gelegen war, überholte sie die Kommilitonen mit Leichtigkeit, erwarb das Diplom vorzeitig mit Bestnote und Auszeichnung und fand unter diesen Voraussetzungen umgehend einen Job. Dass sie in ihrer Heimatstadt bleiben und weiter bei den Eltern wohnen konnte, nahm sie ohne große Begeisterung hin. Rasch wurde sie zur Hoffnungsträgerin ihrer Abteilung und erfuhr von allen Vorgesetzten jegliche Förderung. Weil sie zudem als einzige Kollegin nichts gegen viele Reisen hatte, machte sie innerhalb von kaum drei Jahren Karriere. Allerdings löste ihr unverhandelbarer Wunsch nach einer Netzkarte für die Bahn anstelle des ihr zustehenden Dienstwagens der gehobenen Mittelklasse zumindest in der Personalabteilung Verwunderung aus. Und weil sie ungern flog, fuhr sie auch Ziele mit dem Zug an, die sie mit dem Flugzeug schneller und bequemer erreicht hätte. Ja, um beispielsweise nach Rom zu kommen, nahm sie einen Tag Urlaub, den sie dann in deutschen und italienischen Zügen verbrachte. Die Rückfahrt lag ohnehin auf eimem Wochenende. Irgendwann lernte sie Jörg kennen, und zwischen ihr und ihm entwickelte sich etwas. „Letzte Arbeit (2)“ weiterlesen

Letzte Arbeit (1)

Als sie die Stelle im Park gefunden hatte, der Zaun kaum zehn Metern von den Ferngleisen entfernt, stellte sie fest, dass der ICE schreit, wenn er vorbeifährt. Ein völlig anderes Geräusch als ein IC mit Lok vorne oder ein Regionalexpress oder gar die S-Bahn. Ein hoher Schrei, der ankommt, wenn der Zug ins Blickfeld gerät, dann anhält bis zum letzten Waggon. Kein Schmerzensschrei, sondern ein selbstbewusstes Geräusch wie ein Tier, das so sein Revier markiert. Dann kam sie öfters hierher, wusste nach einiger Zeit ungefähr, wann ein Express vorbei raste. Sie fuhr gern mit der Eisenbahn, schon seit Kindheitstagen. Liebte Bahnhöfe, und Opa nahm sie manchmal sonntags mit. Dann lösten sie an der Sperre Bahnsteigkarten für zehn Pfennige und marschierten wie selbstverständlich zu den Gleisen 11 und 12, wo der TEE mit laufender Dieselmaschine auf seine Abfahrt wartete und die feinen Leute einstiegen, um über Köln den Rhein entlang, ander Loreley vorbei in ferne Länder zu reisen. Ein paar Mal war sie mit den Eltern nach Bocholt gefahren, wo Vater einen Kriegskameraden besuchte. Die Strecke wurde von einer Dampflok bedient, die drei oder vier Waggons schleppte. Der Rhythmus, mit dem der Dampf aus dem Schlot gestoßen wurde, vom Wind gedrückt, sich auflösend an den Fenstern vorbeizog. Der Rhythmus der Schienestöße, das Pfeifen der Lok an den vielen Bahnübergängen. Und dann das Ablassen des Dampfes im Bahnhof wie ein Ausatmen. Später dann das Brummen des Schienenbusses, der die nicht elektrifizierten Strecke übernahm und einen ganzen anderen Gerucht trug. „Letzte Arbeit (1)“ weiterlesen

Getrennte Wege (2)

Das Dumme an diesem Abschied war, dass ich sie danach über zehn Jahre lang nicht wieder sah. Sie hatte bereits gekündigt und war, das erfuhr ich von Kollegen, nach Amerika gegangen. Wollte dort irgendwas mit Theater machen. Ich lernte D. kennen. Zwei Jahre später wurde mein Sohn geboren. Wir heirateten, und ich machte mich selbstständig. Weitere drei Jahre danach kam die Tochter. Getrennt haben wir uns sieben Jahre später. Einigermaßen im Frieden. Da hatte ich ein Appartement mit großer Terrasse im In-Viertel F. gefunden. Mein Büro war Teil einer Gemeinschaft, in der ich Untermieter war. Am liebsten ging ich zu Fuß zur Arbeit. Morgens gab mir die Strecke Gelegenheit, wach zu werden und mich für den Tag zu sortieren. Abends verarbeitete ich, was über Tag geschehen war. Nur ganz selten ging ich die dreißig Minuten mit offenen Augen und offenem Sinn. „Getrennte Wege (2)“ weiterlesen

Getrennte Wege (1)

Sie hatte die hellste Haut, die ich je bei einem Menschen gesehen hatte. Und später je sah. Unten hatte sie sich ein Lager aus Kissen und Matratzen zurechtgemacht und die große grüne Decke darüber gebreitet. Da lag sie, und aus meiner Perspektive von der Empore aus sah sie aus wie eine Schneeverwehung am grünen Straßenrand. Sie hatte mich nach oben verbannt mit den Worten „Brauch mal Ruhe“ und angemerkt, sie sei schon ganz wund. Das ging mir auch so. Aber ich hätte sie gern weiter erforscht, auch an diesem sonnigen Septembertag. Diffus war das Licht, bisweilen durchschnitten von einem einzelnen Strahl, der es durch eine Lücke in den Rollläden geschafft hatte. Da tanzte der Staub, und die Sonne malte einen einzelnen Kringel auf ihren bloßen Körper. Sie hatte mir nicht erlaubt, ihren Leib zu markieren. Eine Linie aus dunkelroter Farbe zu ziehen mitten durch sie hindurch und einmal um sie herum. Am Nabel beginnend, abwärts über den Haarbusch, unten durch bis zum Ansatz des Rückgrats, über alle Wirbel, den Nacken hoch, über den Schädel, die Stirn, die Nase, die Lippen, das Kinn, den Hals und zwischen ihren Brüsten hindurch. Es wäre ein Kunstwerk geworden. Aber sie wollte nicht. Mir schien, sie habe beschlossen, ich hätte ohnehin schon zu viel bekommen von ihr. Zwei Tage vorher hatte ich neben ihr gelegen auf dem breiten Bett, und sie hatte mich ihre Haut erobern lassen. Da hatte ich erst realisiert, dass sie nicht ganz weiß war und nicht überall. Da entdeckte ich Schattierungen wie das warme Grau in ihren Achselhöhlen. „Getrennte Wege (1)“ weiterlesen