Der kühle Garten

Philipp hatte den mörderisch heißen Sommer unbeschädigt überstanden, und die Erinnerung daran verblasste rasch. So plötzlich wie die Hitze am Pfingstmontag über die Menschen gekommen war, so schnell wurde es nach den letzten Tagen mit mehr als dreißig Grad im September Herbst. Genau sein Wetter: Kühl, immer windig mit ein wenig Regen ab und zu. Da saß er gern beim Bier im warmen, braunen Brauhaus und träumte davon Kneipenwirt zu sein. Wenn er dort allein mit sich war, dachte er gern an den Landgasthof seiner Großeltern, bei denen er beinahe alle Schulferien verbracht hatte. [Lesezeit ca. 10 min]

Dann stiegen ihm längst vergessene Gerüche in die Nase. Wie aus der Küche ein Duft nach billigem Bratfett und Fondor in den Gastraum wehte und sich dort mit schalem Bierdunst und kaltem Zigarettenrauch mischte. Das Klappern der Bierkästen beim Reinholen aus dem Hinterhof, das dumpfe Plopp, mit dem Fass um Fass vom Bierwagen aufs Lederkissen an der Kellerluke fiel, das Klirren der Gläser beim Spülen und das endlose Murmeln der Gäste. Eine Musikbox gab es nicht, und die beiden Spielautomaten in der Ecke klingelten nur, wenn jemand etwas gewonnen hatte.

So wie der kleine Philipp die Wochen bei Oma und Opa genoss, war er doch froh, wenn er wieder nachhause in die Stadt kam. Wo er sich auskannte, wo es nie ganz still war, wo er alleine mit der Straßenbahn fahren durfte und gern lange Rundfahrten unternahm, ohne auszusteigen. Der Höhepunkt jeder Woche war es, wenn er den Onkel sonntags zum Frühschoppen begleitete, wo der Skat mit alten Männern spielte. Der Onkel gab ihm einen Stapel Groschen für den Spielautomaten, und er bekam auch dort Limonade und sogar Cola, während die Männer die Karten auf den Tisch droschen und der Onkel immer betrunkener wurde, bis Philipp ihn mühsam nachhause zur Tante zerren musste.

Die Eckkneipe hieß Zum Schwan und blieb für ihn das Idealbild einer Wirtschaft; braun getäfelt mit dunklen Stühlen und Tischen und bunten Bleiglasfenstern. Und wenn jemand Hunger bekam, nahm er sich vom Tresen eine Frikadelle aus dem Kasten oder ein Solei aus dem Glas. Die Wirtin war mürrisch und sah aus, wie man sich eine Wirtin nur vorstellen kann. Sie trug eine ärmellose Kittelschürze und hatte dicke Oberarme. Mehr als Na du sagte sie nie zu Philipp, und wenn sein Glas leer war, fragte sie nur: Limo oder Cola?

Viele Jahre später schloss seine geliebte Stammkneipe am Königsplatz. Er fühlte sich heimatlos und fand im Brauhaus Ersatz. Nur in der Altstadt gab es noch richtige Kneipen, mehr oder weniger dunkle Höhlen, in denen die Musik von Schallplatten so laut lief, dass sich die Gäste nicht miteinander unterhalten mussten. Manchmal trieb es ihn freitags dorthin, und nachdem er verschiedene Lokale ausprobiert hatte, wählte er schließlich eine verwinkelte Pinte mit dem Namen Die Linse. Nicht zuletzt, weil hinter der Theke eine junge Frau wirkte, die ihn an die Wirtin vom Schwan erinnerte. Auch sie sah nie gut gelaunt aus, redete wenig mit den Gästen und trug eine altmodische Inge-Meysel-Frisur. Hier am Tresen nahm er Platz, trank genau zehn Bier und verließ die Kneipe pünktlich um Mitternacht.

Nur wenn es ihm schlecht ging, wurden es zwölf Bier, und er blieb bis zur Polizeistunde. Da hatte Silke, so der Name der Bedienung, schon die Musik abgestellt und begonnen, ihren Arbeitsplatz zu reinigen und aufzuräumen. Stand Philipp nicht von selbst auf, um zu bezahlen und zu gehen, sagte sie nur: Na, was ist? Feierabend. Er hätte gern mit ihr geredet, von sich erzählt und sie nach ihrem Leben gefragt. Aber erst am Tag vor Heiligabend in dem Jahr, in dem es schon im November begonnen hatte zu schneien, und die Sonne vier Wochen lang nicht zu sehen war, fasste er sich ein Herz.

Wieder war er der letzte Gast, wieder fragte Silke nur: Was ist? Dieses Mal sagte er: Was machst du an Weihnachten, wenn hier zu ist? Sie hörte auf, die Theke zu wischen, sah ihn mit ihren hellen Augen an und fragte. Und du? Philipp war deprimiert, weil er so einsam war wie nie zuvor in seinem Leben. Die Eltern waren im Vorjahr kurz nacheinander gestorben, seinen Bruder hatte es nach Amerika verschlagen, und Freunde hatte er schon lange nicht mehr. Seine letzte Affäre mit einer hysterischen Kollegin auf dem Amt lag auch schon mehr als ein halbes Jahr zurück. Er sehnte sich nach einer Frau. Das erzählte er Silke nicht, sondern schloss damit, dass er furchtbare Angst vor den einsamen Weihnachtstagen habe.

N’Schnaps? fragte Silke und füllte, ohne die Antwort abzuwarten, zwei Pinnchen mit Apfelkorn. Sie prosteten sich zu. Bin auch allein, sagte sie schließlich und musterte ihn zum ersten Mal richtig. Philipp war nach gängigen Maßstäben, ein attraktiver Mann, recht groß und schlank mit einem kantigen Kopf und dichtem schwarzen Haar. Mein Kasperkopp, hatte die Mutter ihn früher oft genannt. Vermutlich wegen seiner Augenbrauen, die immer aussahen wie hochgezogen und ihm einen erstaunten Gesichtsausdruck gaben, der scharf geschnittenen Nase und des Mundes, der scheinbar ständig lächelte. Mmhh … machte er, und Silke goss nach. Wahrscheinlich bleibe ich einfach hier, sagte sie. Hier in der Kneipe? Sie lachte kurz auf. Ne, oben in meinem Zimmer. Warst du immer schon Kellnerin? fragte er nach.

Sie stießen wieder mit den Kurzen an. Eigentlich schon, sagte sie nach einigem Nachdenken. Bin in einem Gasthaus großgeworden, drüben auf der anderen Seite, Wirtsfamilie in der siebten Generation, war ganz früher Poststation, dann Dorfgasthof, bis die Stadt das Dorf verschluckt hatte. Meine Eltern waren die einzigen Arbeitskräfte von Oma und Opa, und als sie den Laden übernahmen, fanden sie lange keine brauchbaren Kellner. Noch’n Bier? Sie zapfte zwei Gläser, und schob Philipp eins davon hin. Die haben also rund um die Uhr gearbeitet, sieben Tage die Woche. Meine große Schwester war für mich zuständig, so lange ich noch nicht laufen konnte. Danach wohnte ich in einem Hundekörbchen unter der Theke. Später hatte ich meinen Tisch im Gastraum, wo ich Hausaufgaben erledigte. Klar, dass ich mit vierzehn als Bedienung einsprang.

Kann nicht mehr stehen, stöhnte Silke, nahm ihr Bier und ihren Schnaps, kam hinter dem Tresen hervor und setzte sich an einen Tisch. Philipp folgte ihr und nahm ebenfalls Platz. Tja, und seitdem arbeite ich in der Gastronomie, wie man heute so hochtrabend sagt. Und du? Nichts Besonderes. Bin Bürohengst. Verwaltungsfachwirt, arbeite im Ordnungsamt. Nach einem langen Schluck Bier und einer Pause: Meine Großeltern hatten einen Landgasthof, da war ich fast immer in den Ferien. War so schön da. Der Biergarten mit den alten Linden. Immer schön kühl da in den heißen Sommern. Silke hatte aufmerksam zugehört. Einen Biergarten hatten wir nicht, aber eine Terrasse mit Blick auf den Fluss. Ich weiß noch genau, welche Sonnenschirme da standen, alle zwei Jahre andere mit Reklame für Bier oder Limo. Brauchten wir nicht, sagte Philipp, die Bäume sorgten für den Schatten.

Zapfst du mal zwei Bier? fragte sie, kannst du doch bestimmt als Enkel von Gastwirten. Sie lächelte ihn an, und die Lücke zwischen ihren Vorderzähnen verzauberte ihn. Perfekt, sagte sie, als er die Pilstulpen servierte. Und Schnaps? Philipp schüttelte den Kopf: Reicht, will ja nicht besoffen werden. Nachher komme ich nicht mehr heil nachhause. Musst du ja nicht, sagte Silke sanft, kannst auch hierbleiben. In meinem Bett ist genug Platz.

Sie verbrachten die Feiertage in Silkes Bett in dem winzigen Appartement zwei Etagen über der Linse. Wenn sie Durst hatten, holte sie Getränke aus der Kneipe. Waren sie hungrig, zog sich Philipp an und ging rüber zum Imbiss, der zum Glück auch in der Woche zwischen den Jahren geöffnet hatte. Und immer wieder erzählten sie sich Geschichten von den Gastwirtschaften ihrer Kindheit und Jugend. Kurz vor Silvester fragte er: Sag mal, würdest du selbst so ein Gasthaus haben wollen? Also, als Wirtin? Sie zögerte mit der Antwort. Ach, weißt du, ja, schon gern, aber ich hab kein Geld und bin nicht kreditwürdig. Wer sollte für mich bürgen.

Am 2. Januar fand Philipp in der Lokalzeitung einen Artikel über den alten Gasthof auf der anderen Seite des Flusses, wie schade es sei, dass er schon seit fünfzehn Jahren geschlossen sei und immer mehr verfalle, weil sich niemand fände, der ihn sanieren und wieder eröffnen könnte; die Brauerei habe es leider schon vor Längerem aufgegeben, neue Pächter zu suchen. Sie saßen unten in der Kneipe beim Frühstück. Guck mal, sagte er bloß und hielt ihr die Zeitung hin. Er hatte erwartet, dass sie den Beitrag lesen und kommentieren würde, aber Silke brach in Tränen aus. Er hatte sie noch nie weinen sehen, und genau in diesem Augenblick wusste er, dass er sie liebte.

Philipp hatte all die Jahre im öffentlichen Dienst bescheiden gelebt, nie ein Auto besessen oder teure Urlaube gemacht. Jeden Monat blieb reichlich Geld über, das er auf Festgeldkonten parkte, weil ihm nichts Besseres einfiel. Jetzt wusste er, wofür er seine Ersparnisse einsetzen würde. Silke würde Wirtin werden im frisch renovierten Wiesenhof und er wäre der Investor.

Wieder drohte ein heißer Sommer, die Vorhersagen warnten vor einer Hitzewelle von Anfang Juni bis Ende August. Und am Tag der Eröffnung des Wiesenhofs wollten es mindestens 33 Grad werden. Anderthalb Jahre hatten die Arbeiten am alten Gasthof gedauert. Philipp hatte sich in das Projekt gestürzt und war überrascht, dass seine Bank ihm einen Kredit gewähren würde. Wie viel brauchen Sie denn? hatte der Banker gefragt, und als Philipp ganz schüchtern die Zahl Fünfhunderttausend genannt hatte, lautete die Antwort: Geht klar, kein Problem. Er suchte den Architekten und das Bauunternehmen und beteiligte sich an der Auswahl der Handwerker für die verschiedenen Gewerke. Seine Kontakte innerhalb der Stadtverwaltung konnte er für die nötigen Genehmigungen nutzen. Und nachdem die Arbeiten begonnen hatten, war er beinahe jeden Tag auf der Baustelle.

Silke wollte mit den finanziellen und organisatorischen Dingen nichts zu tun haben. Ich kann das einfach nicht, hatte sie ihre Haltung begründet. Außerdem stehe ich an sechs Tagen die Woche jeweils sechs bis acht Stunden in der Kneipe, danach will ich einfach nur meine Ruhe haben. Dafür machte sie allerdings jede Menge Vorschläge für die Inneneinrichtung, die Küchentechnik, die Dekoration und vor allem den neuen Biergarten. Philipp war dreimal mit der zuständigen Sachbearbeiterin essen und einmal im Kino, um die Genehmigung für die Vergrößerung und die Umwandlung der Terrasse in einen Biergarten zu bekommen.

Jetzt war alles fertig, und die beiden warteten auf die ersten Gäste. Der Biergarten war das Schmuckstück des Wiesenhofs. Silke hatte darauf bestanden, acht Linden zu pflanzen, keine Jungbäume aus der Baumschule, sondern so große Exemplare, dass sie von Anfang an Schatten werfen würden. Das allein hatte fast ein Fünftel des gesamten Budgets verschlungen, die Logistik samt Autokran inklusive.

Philipp hatte sich eine offizielle Abmahnung vom Amt eingehandelt, nicht nur wegen der vielen privaten Telefonate während der Dienstzeit, sondern auch weil er offensichtlich versucht hatte, andere Verwaltungsangestellte zu bestechen. Und sein komplettes Vermögen steckte nun im Wiesenhof. Er hatte schon überlegt, seine Wohnung zu kündigen, um die Miete zu sparen, aber das hatte Silke ihm ausgeredet, weil sie ihre Bude über der Kneipe aufgeben und zu ihm ziehen wollte. Also lebten sie zusammen, sahen sich aber nur, wenn Philipp abends auf ein, zwei Bier die Linse ansteuerte. Kam sie nachhause, schlief er meistens schon, der Dienstbeginn war schon um acht Uhr.

Sie hatten den zweiten Samstag im Juni für die Eröffnung angesetzt und lokale Prominenz sowie ein paar Stammgäste der Linse eingeladen. Gegen drei Uhr zeigte das Thermometer an der Wand des Wiesenhofs 35 Grad im Schatten. Die ganze Stadt war erstarrt. Wer konnte, blieb zuhause oder hielt sich in klimatisierten Räumen auf. Auf eine Klimaanlage für den Gastraum hatten sie verzichtet: Lohnt sich nicht, hatte Silke gemeint, wenn’s heiß ist, sitzen die Leute im Biergarten. Der für vier Uhr avisierte Bezirksbürgermeister erschien nicht. Überhaupt kam an diesem Nachmittag kein Mensch. Das kalte Büffet schwitzte im aufgeheizten Inneren des Gasthofs. Sie beschlossen, die Eröffnung zu verschieben.

Vier Wochen später hatten die Temperaturen schon mittags fast 40 Grad erreicht. Niemand ging mehr zu Fuß, und es fuhren nur noch die wenigen vollklimatisierten Straßenbahnen. Der Bezirksbürgermeister hatte sich spontan Urlaub genommen und war nach Norwegen gereist. Dieses Mal hatten sie auf einen Imbiss für die Eröffnungsgäste verzichtet. In der Woche Ende Juli, an deren Samstag sie eröffnen wollten, hatte die Landesregierung den Notstand erklärt und die Bürger aufgerufen, sich kühle Orte aufzusuchen, um dort auch zu übernachten. Am 2. August kam der erste Stromausfall. Die Lokalzeitung sprach von über dreitausend Hitzetoten allein in dieser Stadt.

Philipp und Silke hatten sich im alten Bierkeller unter der Gastwirtschaft eingerichtet. Die Kosten liefen weiter, Einnahmen aus dem gastronomischen Betrieb hatten sie nicht. Ende August war Philipp pleite, konnte die Rechnungen nicht mehr bezahlen und kündigte seine Wohnung. Silke weigerte sich, wieder als Kellnerin zu arbeiten, obwohl es für sie ein Angebot für die gut gekühlte Bar im Hotel Königs gab. Und wenn wir doch aufmachen, hatte sie zu bedenken gegeben, wer macht dann hier die Arbeit? Dem Koch, dem Beikoch, der Küchenhilfe und den beiden festangestellten Bedienungen hatten sie bereits gekündigt. Philipp saß jeden Abend, wenn die Temperaturen auf weniger als 30 Grad gefallen waren, draußen und trank das warme Bier, das noch auf Vorrat lag, bis er betrunken genug war, im Keller zu Bett zu gehen.

Als Silke am Morgen des elften Septembers aufstand, die Treppe in den Gastraum hochstieg, die Rollläden vor dem Eingang hochzog und durch die Glasscheiben der Tür nach draußen sah, gab sie einen Laut von sich, der mehr nach Lachen als nach Stöhnen klang. Es regnete in Strömen. Sie sprang hinaus in den Biergarten, riss sich das T-Shirt vom Leib und tanzte unter den Linden im Biergarten bis ihr die Füße wehtaten. Erst dann schaute sie aufs Thermometer. Eine Kaltfront war übers Land gezogen und hatte die Stadt auf weniger als 25 Grad heruntergekühlt. Philipp! Philipp! Es ist vorbei! schrie sie. Wir können aufmachen! Jetzt wird alles gut! Er kam hoch, stand im Eingang und weinte.

Am Montag ging Philipp zu seinem Bankberater und erklärte ihm die finanzielle Situation des Wiesenhofs. Der Banker hörte sich alles an, nickte ein paar Mal und fragte schließlich: Wie viel brauchen Sie denn? Ganz leise antwortete Philipp: Hunderttausend. Kein Problem, sollen sie haben, sagte der Berater fröhlich, und sein Kunde konnte schon eine Woche später alle aufgelaufenen Schulden bezahlen. Silke hatte inzwischen das alte Team zusammengeholt und den Gasthof ohne großes Tam-tam eröffnet. Nach und nach fanden sich Gäste ein. Und auch der Bezirksbürgermeister ließ sich sehen. Schade, dass man bei dem Dauerregen nicht in Ihrem wunderschönen Biergarten sitzen kann, sagte er und trank drei Bier auf Kosten des Hauses.

Der Regen hielt an, der Fluss stieg, bis das Wasser am Rand des Biergartens leckte. Philipp hatte inzwischen große Sonnenschirme beim Getränkelieferanten geordert und aufstellen lassen. Als Silke sah, dass die Schirme Reklame für Sinalco machten, dachte sie an Oma und Opa und die alte Terrasse. Nach und nach trauten sich immer mehr Gäste, draußen unter den Schirmen zu sitzen, zu essen und zu trinken und auf den angeschwollenen Fluss zu schauen, denn zu kühl wurde es im September nicht. Philipp hatte eine Wohnung gefunden, gleich um die Ecke im Stadtteil, und kümmerte sich um die Einrichtung und den Transport der wenigen Sachen, die ihnen im Wirtshauskeller als Möbel gedient hatten. Oft saßen sie nach der Polizeistunde draußen unter den Linden. N’Schnaps? fragte Silke dann mit einem Zwinkern und holte gleich eine Flasche Korn und zwei Pinnchen aus dem Wirtshaus. Sie waren glücklich.

Bis zu diesem Sonntag im Oktober, als das, was als Der große Sturm in die Stadtgeschichte eingehen würde, über den Ort und den Wiesenhof kam. Erst frischte der Wind auf, sodass Philipp die Sonnenschirme reinholte. Dann zogen von Südwesten schwere Wolken herüber. Und genau um 20 Uhr brach der große Sturm los. Der Regen fiel so dicht, dass sie von drinnen kaum noch die Bäume im Biergarten erkennen konnten. Dann flogen Tische und Bänke durch die Gegend. Schnell schloss Silke die Rollläden runter, weil der Wind schon gegen die Fenster drückte. Nur durch die Scheiben in der Eingangstür konnten sie noch sehen, wie das Unwetter draußen wütete. Dann stürzte die erste der acht Linden. Die zweite und die dritte, die vierte wurde entwurzelt und flog gegen das Gasthaus. Der Sturm trieb das Wasser aus dem Fluss über den gekiesten Grund, und bald stand es knöchelhoch rund um den Wiesenhof und lief in die Kellerluken. Es gab einen Kurzschluss und die Sicherung flog raus.

Nur knapp zwanzig Minuten hatte der Sturm über der Stadt getobt. Und als die fetten Wolken vorbeigezogen waren, hörte es zum ersten Mal nach vier Wochen auf zu regnen. Der Himmel klarte auf und sah unschuldig aus. Philipp und Silke traten vor die Tür. Nur noch eine der acht Linden stand aufrecht. Die Bierbänke und -tische bildeten eine skurrile Plastik an der Wand des Festsaals. Der Fluss hatte den Kies aus dem Biergarten geschwemmt, und zwei Rollläden hingen nur noch an ein paar Schrauben. Am Schlimmsten aber: Der Baum, der komplett entwurzelt durch die Luft geflogen war, hatte das Ziegeldach über dem Gastraum durchschlagen.

Sie standen lange schweigend in der kühlen Dämmerung. Und jetzt? fragte Philipp. Silke hatte die Arme um den Körper geschlungen. Und jetzt, sagte sie, muss ich wohl doch wieder zurück in die Linse. Und ich ins Amt, antwortete Philipp.