Hebers Salon

Trübe Stimmung. Die Leute standen verteilt im weiten, niedrigen Loft und schauten aneinander vorbei. Eine am Fenster sog an einer Zigarettenspitze. Hebers Hündchen lief verzweifelt von einem zum anderen auf der Suche nach ein bisschen Aufmerksamkeit. Heber selbst hatte sich in seinem strahlend blauen Anzug theatralisch aufs Designersofa drapiert, den Handrücken gegen die Stirn gepresst. Es hatte Streit gegeben, und er hatte noch versucht, zu schlichten. Die Anwesenden waren in zwei Gruppen aufgeteilt und schrien sich gegenseitig an. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Frau Knoll streckte den Bornschein mit einem Tritt in die Eier nieder. Da hatten alle schon vergessen, worum es eigentlich ging. Dann wehte schwach ein Martinshorn an den Industriefenstern vorbei. [Lesezeit ca. 7 min]

Jetzt ist der Raum leer. Heber ist eingeschlafen auf der Couch, die Beine angezogen, die Arme vor der Brust gekreuzt. Sein cognacfarbener Zwergpudel hat sich in seine Kniekehlen gekuschelt. Die Bedienungen, die sich schon beim Ausbruch des Konflikts in den Raum mit dem Privat auf der Tür zurückgezogen haben, trauen sich wieder raus. Die Kellnerin mit der weißen Schürze und dem ebenfalls weißen Spitzenkrönchen auf dem Kopf schaut sich vorsichtig um, während ihr Kollege, ein massiger Typ mit rasiertem Schädel und zu eng sitzendem Kellnerjackett seinen Servierwagen beherzt zum Büffet schiebt und beginnt, abzuräumen. Nicht ohne zwischendurch von den Leckerbissen zu naschen. Auch die junge Frau hat nun einen passenden Wagen geholt und sammelt Flaschen und Gläser ein.

Als sie den Veranstalter auf dem ochsenblutfarbenen Sofa sieht, erschrickt sie und wirft eine Magnumflasche Dom Pérignon um. Vom Scheppern wacht zuerst das Hündchen auf und beginnt zu kläffen, was wiederum Heber aufschrecken lässt. Ja, ich nehm noch ein Gläschen, sagt er wie in Trance. Woraufhin die Kellnerin flüchtet. Er merkt, dass er pinkeln muss. Und macht sich auf den Weg zur Damentoilette, denn dort im Stehen sein Wasser zu lassen, ist eine seiner wohlgepflegten Macken. Eine Kabine steht offen, und da hockt eine Frau mit dem Kopf auf der Brust schlafend auf der Schüssel. Er stupst sie an: Hey, alles okay? Sie hebt langsam das Gesicht an, öffnet die großen, tabakbraunen Augen und erzeugt ein asymmetrisches Lächeln.

Heber erkennt sie sofort: Irma von Süss, die Großschauspielerin, ein Star am hiesigen Provinztheater. Als er sie vor zehn oder zwölf Jahren zum ersten Mal auf der Bühne erlebt hatte, war er sofort und unsterblich in sie verliebt. Von da an besuchte er, unabhängig davon, was gespielt wurde, beinahe jede Vorstellung, in der sie zu sehen war, immer auf einem Platz in der ersten Reihe. Und weil er dem notleidenden Theater auch noch eine größere Spende hatte zukommen lassen, lud man ihn zu einer internen Premierenfeier ein. So lernte er Irma kennen. Und in dem Moment, in dem er ihr vorgestellt wurde, erlosch sein Verliebtsein. Aber, sie mochten sich auf Anhieb und wurden gute Freunde, die sogar zweimal Urlaubstage in seinem Haus in Juan-les-Pins verbrachten. Dabei war es einmal sogar zu einem sexuellen Vorfall gekommen, der ihnen beiden kein Vergnügen bereitet hatte und der den großen Mengen kühlen Rosé-Weins von Minuty, die sie verzehrt hatten, geschuldet war.

Die Künstlerin trägt ein dünnes, geblümtes Sommerkleidchen, in dem sie hofft, deutlich jünger auszusehen als dreiundfünfzig. Wie sie auch die Stimmlage einer Fünfundzwanzigjährigen pflegt und sich Frisuren machen lässt wie Frauen Anfang Dreißig. Als Grande Dame des ortsansässigen Theaters spielt sie natürlich alles weg, was man dem bildungshungrigen, aber schlichten Gemütern zumuten kann, aber im Zweifel lieber das Gretchen als Mutter Courage. Nun hat sie sich erhoben und hält sich am Waschbecken im Vorraum fest, während Heber die Brille aufklappt und stehend ins Becken pinkelt.

Und jetzt? fragt er, während er sie am Arm in den Saal führt, der weitestgehend aufgeräumt scheint. Die Bedienung ist verschwunden und der Kellner hat die besten Häppchen und das eleganteste Fingerfood auf einen großen Teller gehäuft und sitzt damit auf einem Hocker an einem Stehtisch, dazu ein Weizenbierglas voll Rotwein. Heber bringt sie zur Couch und lässt sie dort fallen. Das Hündchen hat sich verkrochen, denn man hatte ihm im Scherz erzählt, Frau von Süss halte sich einen veritablen Dobermann, der kleine Pudel auf einen Happs verschlinge, und er hatte seine Angst aufs Frauchen übertragen. Irma ist mit gespreizten Beinen gelandet, das Kleid ist hochgerutscht, und Heber betrachtet nachdenklich den weißen Slip mit dem Kirschmuster zwischen ihren Beinen.

Wie konnte die Soirée so aus dem Ruder laufen? fragt er sich jetzt. Lag es an ihm? Hatte er die falschen Leute eingeladen? Sicher nicht, denn seit dem ersten Salon, den er vor sieben Jahren, noch vor der Pandemie, ausgerufen hatte, weil er plötzlich und kaum erklärlich lokalpolitische Ambitionen entwickelt hatte, kamen eigentlich immer mehr oder weniger dieselben Leute. Anfangs waren es in erster Linie die Bildungsbürger, vor allem die kulturbeflissenen Damen der Gesellschaft. Die zerrten dann bald ihre Ehemänner mit. Und so bildete sich das Netzwerk, von dem Heber zu profitieren dachte.

Auch als er das Interesse an der Politik völlig verloren hatte, lud er weiter sieben- bis achtmal im Jahr, also alle zwei Monate plus Weihnachten und Mittsommermatinée, in das Loft ein. Meistens gab es ein bisschen erbauliche Live-Musik, mal etwas Klassisches, manchmal einen spanischen Gitarristen und gelegentlich eine Singer-Songwriterin. Dann moderierte jemand vom örtlichen Privatradio eine kurze Talkrunde zu einem aktuellen, nicht zu heißen Thema, in der Heber immer einer der Teilnehmer war. Und schließlich gab er als Gastgeber das unbedingt exquisite Büffet frei, sodass die Veranstaltung beinahe jedes Mal in einer derben Völlerei mit viel Alkohol endete.

Er erinnert sich. Der Streit hatte begonnen, als einer der alten weißen Säcke vom Urlaub in Kenia erzählte und witzig sein wollte. Wie nennt man es, wenn eine Person of colour jemandem einen Schmatz aufdrückt? Er wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern sagte gleich das N-Wort. Der Witz war so flach, dass er bei keinem Zuhörenden auch nur ein Zucken der Augenbrauen auslöste. Dann brüllte Schmuhen: Darauf ein Zigeunerschnitzel! Und jedes Gespräch im Raum erstarb. Wer ist das überhaupt, dieser Schmuhen? fragt sich Heber. Vermutlich fragte sich nicht nur er das, denn niemand wusste, wo dieser schmierige Kerl lebte und wovon, geschweige denn, dass bekannt wäre, weshalb er zu allen Events der Kleinstadt eingeladen wurde.

Aus dem Schweigen heraus meldete sich Silke Wekenecker-Ampong mit ihrer angerauten Altstimme, die ortsbekannte Feministin, ehemalige Chefredakteurin der Lokalzeitung als diese noch eine eigene Redaktion vor Ort hatte. Ja, geht’s noch! brüllte sie. Was soll die Scheiße? Wer sind diese toxischen Kerle überhaupt. Und Frau Knoll, gerade aus dem Baudezernat ins Kulturamt gewechselt, fiel mit schriller Stimme ein: Sie müssen sich sofort entschuldigen! Bei wem? fragte Schmuhen mit einem frechen Grinsen. Bei den betroffenen Menschen hier im Raum. Der schlaksige Adabei drehte sich theatralisch um sich selbst und fügte an: Ich sehe keinen … Und bevor er das N-Wort sagen konnte, hatte ihm eine Frau, die möglicherweise zu ihm gehörte, den Mund zugehalten.

Heber hatte mit dieser ganzen Woke-Sache nichts zu tun. Es interessierte ihn nicht, weil es für ihn selbstverständlich war, Menschen nicht mit Ausdrücken zu belegen, die ihnen wehtun könnten. So hatte er immer von Homosexuellen gesprochen, bis diese sich selbst als Schwule bezeichneten und er sie auch so nennen konnte. Und weil er nie einen Sinti oder Roma kennengelernt hatte, den er hätte fragen können, vermied er das Z-Wort und bestellte im Zweifel ein Schnitzel mit Paprikasoße. Gut, er hätte seinen Freund Jaques fragen können, den Menschen mit der schwärzesten Haut, den er je gesehen hatte, einen westafrikanischen Geschäftsmann, den er immer bei sich zu Hause beherbergte, wenn er in Europa war. Aber, was hätte er fragen sollen: Stört es dich, wenn ich dich N… nenne? Völlig absurd, fand Heber und hielt sich deshalb aus dem Streit heraus, der jetzt das gesamte Publikum seines Salons ergriffen hatte.

Es hatten sich zwei Gruppen gebildet, die sich gegenüberstanden wie die Sharks und die Jets in der West Side Story. Die Neutralen hatten sich an die Ränder des Lofts verzogen und versuchten, die Schreierei zu ignorieren. Er persönlich, knurrte Binger, der Vorsitzende des örtlichen Unternehmerverbandes, lasse sich von niemandem vorschreiben, welche Wörter er verwenden dürfe und welche nicht. Ja, klar, zischte die grüne Ratsfrau Röther, und wenn ihr alten Säcke unter euch seid, erzählt ihr euch gern frauenfeindliche Herrenwitze. Gelächter auf beiden Seiten: dort höhnisch, hier applaudierend. Und Heber mittendrin beim Versuch, beruhigend einzuwirken. Unterstützt nur von Minka Minderhoud, seiner Freundin aus Kindheitstagen, die über die Jahre zu seiner wichtigsten, wenn nicht einzigen Beraterin geworden war, einer stattlichen Frau, der man ihre holländische Herkunft durchaus ansah. Wortlos wie meistens ging Mi, wie sie alle nannten, von einem zum anderen, von einer zur anderen, legte hier eine Hand auf eine Schulter, tätschelte da eine Hand oder legte einen Finger an die Lippen, um ein Schweigen auszulösen.

Mi war es, die eine Lösung fand, als der Besitzer der heruntergekommenen Fabrikhalle, in deren oberer Etage die Matinées und Soirées stattfanden, grundlos den Mietvertrag kündigte. Kauf ihm das Ding ab, hatte sie geraten. Besser als einen weiteren Bentley anzuschaffen. Und billiger. Natürlich war Heber ihrem Rat gefolgt, wusste aber nicht so recht, ob und was er mit dem Rest der Immobilie anfangen sollte. Wie ihn Geschäfte jeder Art ja auch nie wirklich interessiert hatten. So lief der Konzern, dessen Aktienmehrheit ihm der Vater überlassen hatte, ohne ihn bestens, und er konnte sich den schönen Dingen des Lebens zuwenden.

Dass sich dann Leute gegenseitig schubsten, dass Frauen Männer vor die Brust stießen, ja, sogar Ohrfeigen fielen, konnte auch Mi nicht mehr verhindern. Flaschen fielen zu Boden, Gläser zerschellten, und irgendwer begann, mit den Häppchen vom Büffet zu werfen, was der Kellner dann aber mit körperlicher Präsenz verhinderte. Wer nicht beteiligt war, verließ den Saal möglichst unauffällig. Schließlich beruhigte sich die Situation, und wer jetzt ging, verabschiedete sich artig bei Heber. Frau Knoll entschuldigte sich sogar und sagte bloß: Musste sein.

Heber fühlt sich erschöpft und müde. Kaffee wäre gut, denkt er und schnipst nach dem Kellner. Bin noch nicht fertig, gibt der lapidar über die Schulter hinweg zurück. Ja, haben wir denn noch Kaffee? hakt der Gastgeber nach. Der kauende Dienstleister zeigt mit dem Finger auf eine Pumpkanne auf dem Büffettisch. Irma von Süss ist erwacht, pliert ihn an und sagt: Nur noch ein Gläschen. Ich glaube, antwortet er, Kaffee wäre besser für dich. Tatsächlich findet sich noch ein lauwarmer Rest in der Kanne, den er für sich mit zwei Portionen Kondensmilch und drei Stück Zucker aufwertet, für Irma aber schwarz lässt. Nachdem beide schweigend ausgetrunken haben, steht sie auf und sagt: Nimm mich mal in den Arm. Aus alter Freundschaft tut er ihr den Gefallen. Ihr fehlt die Körperspannung, und es fühlt sich für ihn an, als halte er einen Wäschesack in den Armen.

Dann wankt sie zum Ausgang und ruft ihm noch zu: Taxi find ich alleine. Sein Hündchen atmet auf und kommt schwanzwedelnd aus seinem Versteck. Heber schaltet das Licht aus, zieht den Trenchcoat über und nimmt den Pudel an die Leine. Sie spazieren durchs Industriegebiet, der Hund erleichtert sich und markiert, was zu markieren ist. Nach einer Stunde landen sie in ihrem Viertel. Die Weinstube Zum Rebstock hat noch geöffnet, und drinnen sitzt Mi an dem Tisch, an dem sich die beiden fast jeden Abend zum letzten Glas des Tages treffen. Er legt den Mantel neben den Tisch auf den Boden, und sein Hündchen macht sich darauf bequem. Die Kellnerin bringt die übliche Flasche Primitivo. Alles okay? fragt er. Mi nickt, und mehr haben sie an diesem Abend nicht zu bereden.