Wunsch ist Wunsch

Man muss sich Brock als glücklichen Menschen vorstellen. Er hauste unter der niedrigen Unterführung der Eisenbahnbrücke. Dort hatte er sich ein gemütliches Heim eingerichtet. Nein, nicht aus Pappe, sondern aus den Styroporverpackungen von Kühlschränken und Waschmaschinen, hübsch verkleidet mit grauen Stoffbahnen, die seine Behausung aussehen ließen wie etwas, das Bauarbeiter hinterlassen. Dort hatte er seine Ruhe. Nur manchmal kamen Jugendliche, tranken und kifften, machten Musik und lachten und kicherten. Das störte ihn wenig. An einem freundlichen Spätsommerabend kurz vor Sonnenuntergang stand plötzlich eine Fee vor seinem Haus. Die sah nicht aus wie diese Disney-Figuren, pastellfarben mit winzigen Flügeln, sondern wie eine richtige Frau, sogar ziemlich stämmig, in einem dunkelblauen Badeanzug. [Lesezeit ca. 2 min]

Hey, sagte sie mit einer kehligen Altstimme, ich bin eine Fee, und du hast wie üblich drei Wünsche frei. Brock grinste und antwortete: Mal sehen, was du drauf hast. Los, zischte die Fee, nun mach schon. Also, begann Brock, als erstes Wünsche ich mir an beiden Enden der Unterführung unsichtbare Wände, durch die niemand durch kann – außer du und ich. Geht klar, sagte die Fee, zog einen Zauberstab aus dem Ausschnitt und richtete ihn auf die gewünschten Stellen. Es flogen ein paar Funken, und es britzelte leise. Und sonst? fragte sie nach. Okay, sagte Brock nach einigem Nachdenken, ich brauche einen neuen, maßgeschneiderten schwarzen Anzug, weiße Oberhemden hab ich noch. Wieder griff die Fee zwischen ihre vollen Brüste und zog eine Karte raus: Hier der Gutschein, den kannst du bei Hillings an der Kö einlösen.

Brock nahm das Ding und las es sorgfältig. Hey, ich hab nicht ewig Zeit, posaunte die Fee, was ist mit Wunsch Nummer Drei? Er zögerte keine Sekunde und sagte: Verschwinde! Und, schwupps, war die Fee weg.

Das mit den unsichtbaren Sperren funktionierte prima. Jugendliche, die unter seiner Brücke feiern wollten, prallten daran ab und zogen dann leise murrend davon. Hunde, die ihre gewohnten Stellen markieren wollten, stießen sich die Nasen und rannten jaulend weg. Brock hatte nun wirklich Ruhe. Den feinen Anzug mit dem Brokatinnenfutter hängte er in einem Kleidersack auf, weil er ihn nur zu besonderen Anlässen tragen wollte. So saß er nach seinen Runden in der Stadt in der letzten Wärme des Jahres gern auf einem Campingstuhl vor seinem Heim.

Da erschien plötzlich und unerwartet seine Fee. Na, wie geht’s? begrüßte sie ihn. Sehr gut! antwortete Brock, was willst du? Das Vollweib im Badeanzug, dieses Mal auf High Heels stehend, sah ihn spöttisch an. Hab letztens was vergessen. Und das wäre? fragte er nach. Du musst einen der drei Wünsche zurücknehmen, mein Konto ist leider überzogen. Also, worauf kannst du am ehesten verzichten. Brock war sauer und brüllte nur: Verschwinde!

Und seit diesem Tag kam die Fee immer wieder unter die Brücke, baute sich vor seinem Heim auf, und grinste ihn an, wenn er vor dem Eingang erschien: Wunsch ist Wunsch.