Wir hatten ja nichts. Waren Flüchtlinge. Alles hinter uns gelassen, immerzu. Heimat mutwillig verlassen. Das alles in Anekdoten gepresst und verschickt. Das, was wir hatten und waren, war nicht, das, was wir haben und sein wollten. [Lesezeit ca. 2 min]
Das Glück, so dachten wir, läge irgendwo da vorne, hinter der nächsten Ecke. Nur ein Stück noch, einmal abbiegen, noch einmal packen und umziehen. Dann wieder die Mauer am Ende der Straße.
Die Fernzüge konnten wir hören, die startenden Flugzeuge sehen. Und hinterm Garten lag der Friedhof. Das war’s dann wieder nicht. Zusammen kamen wir einfach nicht weiter. Und keiner von uns konnte zurück. Die Sackgasse hatte zwei tote Ende. Wir mittendrin.
Und plötzlich lernte ich fliegen. Erhob mich vom fleckigen Asphalt, schwebte an der grindingen Fassade eines Mietshauses hoch und überflog das Dach. Sah die Gärten mit den grillenden Herrn und ihren Hunden, unter Spielzeug verschüttete Kinder und Frauen ohne Grund.
Das spielte alles keine Rolle, ein Ziel war nicht nötig, die Landung war nicht geplant. Und so zog ich am frühen Abendhimmel meine Bahnen über der Stadt, mit den Mauerseglern und den verbliebenen Amseln. Den Blick nach vorne oder oben gewendet, mehr Himmel sehen, nach vorne schauen.
Bis ich plötzlich und versehentlich den Kopf so drehte, dass ich wieder das Labyrinth sehen konnte, die nachglühen-den Fahrbahnen, da einen begrünten Platz, Baumwipfel und Dächer. Einen Park und ein wohlgeformtes gelbes Haus daneben, das mir bekannt vorkam. Ging in den Sturzflug über und landete gekonnt auf dem kleinen Anbau im Hinterhof.
Dort war ich aufgewachsen. Das Haus, der Hof, die Straße. Roch noch einmal den starken Geruch der Erde aus den Gräben, in die Bauarbeiter Rohre gelegt hatten. Die süße Limonade schmecken. Mit dicken Murmeln unter Kastanien, Löcher in die Erde gescharrt. Wundertüten. Die Werkstatt des Schlossers. Feuchte Bierkästen aus Holz, gestapelt. Ganze Tage auf Wiesen. Schulwege. Aufgeschürfte Knie. Die Hitze im Zimmer unterm Dach, während das Radio Konzerte spielte und die Eltern sich leise unterhielten. Staubige Dielen, dunkelrot lackiert. Die kalte Kloschüssel auf halber Treppe. Zweiundzwanzig Kinder bei uns im Haus. Spielen. Brüllen. Lachen. Freude.
Ich bezog die Dachwohnung ganz oben, die mit den großen Fenstern und blieb mit den Vögeln befreundet. Ging täglich durch die Straßen und begrüßte die Ladenbesitzer, den Friseur und den Mann vor der Kneipe. Ich war wieder da.
