Die Mutter und die Möbelstücke

Magst was essen? Mutter antwortet nicht. Sie hat nie viel gesprochen. Sie führte uns fünf Kinder wie ein Militär. Geh besorgen! Pass aufs Nannerl auf! Wo is dei Schuah? Jetzt sitzt sie da auf dem wuchtigen Sessel, dem einzigen Möbelstück, das wir mitgenommen hatten, als sie in die kleine Wohnung umzog. Direkt gegenüber, ebenerdig. Ich bin für sie verantwortlich, denn meine Geschwister sind alle weit weg. Robert und Alfred leben beide schon lang in Amerika, Josefa in Berlin, und wo Marianne abgeblieben war, weiß ich nicht. Und unser Vater ist schon lange tot. Mutter sitzt sehr aufrecht im Sessel und schaut streng auf den ausgeschalteten Fernseher. Aber du musst was essen. Körperlich, hat der Doktor gesagt, ist meine Mutter für ihr Alter gut in Schuss. Da hat er Recht. [Lesezeit ca. 5 min] „Die Mutter und die Möbelstücke“ weiterlesen

Vier bis fünf

Da hast du die Frage: Wärme oder Kälte? Die Stelle schmerzt. Kühlkissen oder Wärmflasche? Wo doch die Körper verschieden reagieren, die männlichen und die weiblichen. Und hättest du dich verbrüht, würdest du kaltes Wasser drüber laufen lassen, gebranntes Kind. Aber darauf reagiert der westliche Mensch mit dem Ruf nach Wärme und Zuneigung. So trafen sie sich nach Wochen an der Tankstelle, die jetzt verfällt. Man hat die Zufahrt gesperrt, damit niemand versehentlich dort hinein gerät, frei von Zapfstellen, kein Platz mehr für Begegnung. [Lesezeit ca. 8 min] „Vier bis fünf“ weiterlesen

Mit und ohne Kapern

Immer wollen sie Königsberger Klopse. Wir hatten zum Essen geladen, und bis auf eine Person hatten alle zugesagt. Sechs Gedecke habe ich aufgelegt. Mein Vater, gestorben am 10. Juni 1967, wird natürlich vor Kopf sitzen. Zu seiner Linken meine Mutter, die am Rosenmontag 1981 von uns gegangen ist. Neben ihr habe ich meinen besten Freund Robbie platziert, der voriges Jahr tödlich verunglückt ist. Meine liebe Frau Sylvie, die ich vor acht Jahren verloren habe, soll gegenüber meiner Mutter sitzen. Neben ihr meine Schwägerin Anne, die immer zusagt, aber bisher nicht einmal zum Dinner erschienen ist. [Lesezeit ca. 4 min] „Mit und ohne Kapern“ weiterlesen

Das Anwesen

Im Sommer trug Professor B. gern orientalische Gewänder. Als ich mich seinem Atelier näherte, das er gern seine Hütte nannte, saß er da auf der hölzernen Veranda in einer blau und ockerfarben gestreiften Djellaba. Ein Kopf eher wie Zeus denn wie ein arabischer Scheich. Mit einem grauen Schopf und akkurat gestutztem Vollbart. Er verfolgte meine Schritte mit eisigem Blick und erhob sich nicht, um mir die Hand zum Gruß zu erreichen. Stattdessen deutete er auf einen freien Stuhl am Tisch und sagte leise: „Setzen“. So wie er auch sonst immer sehr leise sprach, eine Methode, die Zuhörer zu unbedingter Aufmerksamkeit zu zwingen. Er schob eine Kanne mit kaltem Minztee über den Tisch und forderte mich mit einem Nicken auf, mir einzuschenken. [Lesezeit ca. 8 min] „Das Anwesen“ weiterlesen

Die Spargel-Situation

Niemals hatte ich daran gedacht, über dieses Thema aus der Ich-Perspektive zu berichten. Das hasse ich genauso sehr wie das Schreiben der Schreiber über das Schreiben. Aber dieses Mal hat es mich erwischt. Veronika ist schuld. Nun bin ich, Albert Lenz, Teil der Geschichte. Ich schwöre, ich kann nichts dafür. Begonnen hat meine Beschäftigung mit diesem Gemüse beim Ausprobieren eines Rezepts. Die Lasagne mit grünem Spargel geriet köstlich, und die Frau, für dich gekocht hatte, fragte gleich nach Zutaten und Zubereitung.[Lesezeit ca. 8 min] „Die Spargel-Situation“ weiterlesen

Ein schwerer Mantel

Schwerer Fischgrätmantel, fast knöchellang, geerbt von Onkel Wolf, dem alten Nazi. Ist doch noch gut, Junge, hatte er gesagt. Mike trug das Ding natürlich auch im heißen Sommer 1970. Nonkonformist, Künstler unter Künstlern. Wie sein Freund Jörn mit seinem Original-Fishtail-Parka aus England. Dabei waren sie nur Kinderkünstler, Teenager. Ein Jahr zuvor hatte es eine Ausstellung gegeben: Teenage Art. Da hatten sie einen Raum gestaltet. Meterweise schwarzer Molton, seiner Mutter abgeschwatzt, die war Bühnenbildnerin. Alles verhängt. Stockdunkel bis auf ein paar gesetzte Lichter. Jörn hatte Tafeln mit zerknüllter Alufolie bemalt. Mike präsentierte Werkstücke von Lehrlingen einer Schlosserei auf rotem Samt. Und einen Guckkasten. Wer sich traute, den Kopf durch das Loch zu stecken und dabei den Vorhang beiseite zu schieben, sah einen schwach erleuchteten Raum mit Spielzeugmöbeln und Ketten, die von der Decke hingen. [Lesezeit ca. 3 min] „Ein schwerer Mantel“ weiterlesen

Die Jobs der frühen Jahre (2): Das Schulkollegium beim Regierungspräsidenten

Der Stahlhof an der Bastionstraße (Foto: Luekk via Wikimedia, public domain)
Der Stahlhof an der Bastionstraße (Foto: Luekk via Wikimedia, public domain)

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Während des Studiums sollte es etwas Seriöseres und Besserbezahltes sein, da half der Gang zum Arbeitsamt, zur Studentenvermittlung. Da saß man da und wurde aufgerufen. Entweder indem ein/e Arbeitsbeamte/r so etwas in den Raum rief wie „Hat jemand Erfahrung mit Gartenarbeit?“ oder per Termin. Und wenn man einmal bei einem Job den Fuß in der Tür hatte, konnte man in allen Ferien wiederkommen. So ging’s mir mit dem Schulkollegium beim Regierungspräsidenten, dem Amt, das für die Verwaltung der Besoldung von Lehrern an höheren Schulen zuständig war, die dann vom Landesamt für Besoldung und Versorgung (LBV) durchgeführt wurde.[Lesezeit ca. 5 min] „Die Jobs der frühen Jahre (2): Das Schulkollegium beim Regierungspräsidenten“ weiterlesen

Falsch abgebogen


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An diesem heißen Junitag bleibt Albert im Bett. Er liegt unter der warmen Winterdecke und schwitzt. Kann sich nicht entscheiden aufzustehen. Überhaupt kann er sich schon seit einiger Zeit nicht entscheiden, was er tun soll. Sein Freund Klaus hat einmal gesagt: Es gibt keine Fehlentscheidungen, nur Entscheidungen. Und hat hinzugefügt, dass man sich das Leben vorstellen kann, wie eine Fahrt über ein komplexes Straßennetz mit vielen Gabelungen und Kreuzungen oder Kreisverkehren. Wenn man kein Ziel hat, ist es egal, wann und wo man abbiegt – man kommt irgendwohin. Hat man aber ein Ziel, ist es gut, wenn man ein Navi oder eine Straßenkarte besitzt. Albert ist sich nicht sicher, ob er je ein Ziel hatte. Gut, er wollte schon als Jugendlicher nichts anderes werden als Künstler. Nur hatte er keine Vorstellung davon, was das bedeutet. [Lesezeit ca. 4 min] „Falsch abgebogen“ weiterlesen

Die Jobs der frühen Jahre (1): Laufbursche, Hilfsarbeiter, Zeitschriftenausträger


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Keine Ahnung, wie die Situation heute ist, aber in den Sechziger- und Siebzigerjahren war es für Schüler und Studenten kein Problem, Ferien- und dauerhafte Nebenjobs zu finden. Bevor 1971 das Bafög eingeführt wurde, waren Studierende ohne wohlhabende Eltern auf solche bezahlte Arbeit sogar oft angewiesen. Legendär die Geschichten von taxifahrenden Langzeitstudenten, die letztlich bei diesem Job hängenblieben. Genau wie Tausende von jungen Männern und Frauen, die als Aushilfskellner begannen und dann selbst zu Gastronomen wurden. Ich war nie Droschkenkutscher oder Kellner, aber dazu später mehr. Hier soll nur von meinen Jobs in den Sechzigern die Rede sein. [Lesezeit ca. 6 min] „Die Jobs der frühen Jahre (1): Laufbursche, Hilfsarbeiter, Zeitschriftenausträger“ weiterlesen

Die Botschaft vom Weltgeist


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In der Nacht vom siebten auf den achten Januar 2026 empfing Friedrich Kurt Hohenlechner eine Botschaft. Als er am Morgen erwachte, war die Botschaft in seinem Hirn so präsent, dass er sie niederschreiben konnte. Er wusste nicht, woher sie stammte, wer sie ihm eingeflüstert hatte und was sie bedeutete. Hier das, was er notiert hat: [Lesezeit ca. 3 min] „Die Botschaft vom Weltgeist“ weiterlesen

Mein Freund, der Mörder

Nach der Haftentlassung hat er den Mädchennamen seiner Frau angenommen. Eigentlich heißt er auch nicht Udo, so nenne ich ihn. „Heimtückisch“, sagte er, als er zum ersten Mal mit mir offen über seine Tat sprach, „ich kannte das Wort gar nicht, wusste nicht, was es bedeutet. Oder auch arglistig. Was heißt denn das? Musste mir mein Anwalt erst erklären. Und, ja, ich habe meine damalige Frau heimtückisch und arglistig umgebracht.“ [Lesezeit ca. 3 min] „Mein Freund, der Mörder“ weiterlesen

Kanne Eistee

Weiter auseinander konnten Meinungen kaum liegen als die zwischen Siw und ihm. Der Seminarleiter ordnete eine Pause an, um zu verhindern, dass aus dem Disput ein handfester Streit wurde. Unbeabsichtigt trafen sie sich in der Teeküche oben auf der Empore. Sie beobachtete ihn, wie er mit einer Kanne und dem Wasserkocher hantierte. [Lesezeit ca. 2 min] „Kanne Eistee“ weiterlesen

Montreux, der Jazz und ich

Ich war noch nie in Montreux, und ich werde wohl nicht mehr dorthin kommen. Seit ich Smoke on the Water gehört habe, wollte ich immer zum Festival nach Montreux. Es hat sich nicht ergeben. Zu gern hätte ich dort Frank Zappa und Deep Purple gesehen und gehört. Aber als die dort spielten und das Casino abbrannte, war ich noch zu jung, um dorthin reisen zu können. Außerdem faszinierte mich, dass es sich um ein Jazz-Festival handelte. Ich hatte Jazz-Musik beim Onkel kennengelernt. Der hatte eine riesige Musiktruhe mit Radio und einem Plattenspieler, auf dem er die alten 78er, aber auch schon die neuen Singles abspielen konnte, Langspielplatten allerdings nicht. Seine Sammlung an Jazz-Platten war gewaltig. Als ich einmal übers Wochenende bei ihm und der Tante war, habe ich versucht, die Scheiben zu zählen; es waren wohl fast tausend Stück. [Lesezeit ca. 2 min] „Montreux, der Jazz und ich“ weiterlesen

10. Juni 1967: Der Vater stirbt

Das Gewitter konnte sich nicht lösen. Über Tag war es schwül geworden. Jetzt hingen dunkelgraue Wolken wie reife Trauben über der Stadt. Aus allen Richtungen war fernes Donnergrollen zu hören, und überall am Horizont zeigte sich seit Stunden Wetterleuchten. Die Familie hatte sich im Wohnzimmer versammelt. Die Mutter und der älteste Sohn waren im Krankenhaus, wo der Vater zum zweiten Mal innerhalb dreier Wochen operiert wurde. Zuhause warteten die beiden anderen Kinder auf Nachrichten aus der Klinik. Tante Dora und Onkel Hermann passten auf den mittleren Sohn und die kleine Schwester auf. Außerdem waren auch Onkel Martin und Tante Lotte anwesend sowie Frau Binder, die alte Nachbarin, und Herr Roeder, Arbeitskollege und guter Freund des Vaters. [Lesezeit ca. 6 min] „10. Juni 1967: Der Vater stirbt“ weiterlesen