»Erzähl doch mal!« Diese Aufforderung kennt Peter, hat sie immer gefürchtet, wenn sie von seinen Kindern kam. Zum Beispiel, wenn er von einer Dienstreise aus einem exo-tischen Land zurückkam oder aus Moskau, New York oder Johannesburg. Wenig fiel ihm schwerer, als mündliche Be-richte abzuliefern. Auch wenn jahrelange logopädische Behandlung seine Dysphasie so weit geheilt hatte, dass niemand, der nichts von dieser Störung wusste, darauf gekommen wäre, dass Peter einen Sprachfehler hatte, so wurde er doch kein Freund der Worte.
Als Martina fünf Jahre alt geworden war und ebenfalls Geschichten von ihm wollte wie die Brüder, hatte er sich eine private Polaroidkamera beschafft und Dutzende Fotos von den Touren mitgebracht, die er dann den Kindern vor-führte und dabei sogar auf seine knappe Weise Anekdoten anfügte. Zum Beispiel von den Niagara-Fällen, wo ein Windstoß seinem Chef den Regenmantel weggerissen hatte und der durch die Gischt nass geworden war – das kommentierte Peter mit einem Satz: »Mein Chef, der hat viel Wasser abgekriegt.«
Karin sammelte die Fotos, klebte sie in Alben und schrieb jeweils Peters Sätze dazu, sofern sie sich erinnern konnte. So entstanden über die Jahre vierzehn Bände, in denen die Kinder immer wieder gerne blätterten, um zu sehen, wo ihr Papa gewesen war. Aber jetzt hat er keine Polaroids. Und so beginnt er ganz langsam, seinem Sohn die Geschichte seiner fünfeinhalb Monate in Paris zu erzählen. Simon stellt ab und an Zwischenfrage, bemüht sich aber, den ungewohnten Erzählfluss des Vaters nicht zu stören.
»Und als ich dann abgerissen und verletzt und ohne meine Sachen und Kameras in der Lambachstraße bei deiner Mutter ankam, da begannen ihre Wehen. Zehn Stunden spä-ter wurdest du geboren.«
Dann fragt Simon: »Und die Fotos aus Paris?«
»Such ich raus und zeig sie dir. Zehn Tage nachdem ich wieder zuhause war, brachte ein Spediteur die Kiste. Da war meine komplette Ausrüstung drin und alle Negative und ein paar Abzüge. Olivier hatte eine seiner Karten beigelegt. Da stand ›Wollte nicht versäumen, dir dein Eigentum zurückzu-geben‹ und ›Danke für alles‹. Hab nie wieder was von ihm gehört. Und von Ludwig auch nicht.«
Die Bedienung bringt noch zwei Pils, und damit ist das Thema erstmal vom Tisch.
Ankunft
Im Nachtzug nach Paris teilte Peter sein Abteil mit vier besoffenen Seeleuten, drei davon waren Polen, einer von denen war relativ nüchtern und sprach hervorragend deutsch. Sie hätten in Riga abgemustert und seien nun auf dem Weg nach Zeebrügge, um auf einem Tanker anzuheuern. Vor vierzehn Stunden seien sie losgefahren, und in jeder Stunde hätten sie je zwei Flaschen Wodka geleert. Die Matrosen waren nicht nur betrunken, sondern stanken. Einer lag über den Sitzen im Gepäcknetz und schnarchte. Der Typ am Fenster hatte sich vollgepisst. Der am wenigsten betrunkene Pole hatte ihm zum Abschied einen Hundert-Dollar-Schein in die Hand gedrückt: »Der Rest von unserem Geld. Brauchen wir an Bord nicht. Geh schön ficken davon.«
Und jetzt verlässt Peter die Halle des Gare du Nord, den Rucksack auf dem Buckel, den Koffer in der rechten, die Kameratasche über der linken Schulter. Es ist vor acht Uhr an diesem klaren Märzmorgen. Der Bahnhof spuckt gleichmäßig Pendler aus wie ein Vulkan die Lava. Quer dazu gehen Leute mit schnellen Schritten von rechts nach links und umgekehrt. Ein stetiger Strom Autos kreuzt die Straße vor dem Platz. Fahrzeuge fädeln sich ein, andere biegen ab. Irgendeiner hupt immer, und im Hintergrund hört er die Sirene einer Ambulanz.
Gisela will sich um zwei mit ihm in einem Bistro in der Nähe der Oper treffen. Er hat noch viel Zeit. Wilde Jungs wuseln um ihn herum. Er fürchtet, man könne ihm seine Ausrüstung stehlen.
Kehrt um und zurück in die hohe Bahnhofshalle. Ununterbrochene Lautsprecherdurchsagen. Das Quietschen der Räder auf den Gleisen bei der Ein- und Ausfahrt. Druckluft zischt aus den Bremsen. Eine Diesellok zieht leere Waggons hinaus. Reisende hasten zum Gleis mit den Fernzügen.
Peter entdeckt den Wegweiser zu den Schließfächern. Steht zwischen den langen Reihen der Metallschränke, findet ein leeres Abteil. Kein französisches Kleingeld. Also mit Sack und Pack zurück in die Halle zum Geldwechseln. Er hat ausschließlich 100-Franc-Scheine und weiß nicht, was er kaufen soll. Dann sieht der die rote Raute mit dem Schriftzug Tabac an einem Kiosk. Kauft eine Packung Gitanes, natürlich ohne Filter, und ein Einwegfeuerzeug. Der Händler murrt ein wenig, gibt ihm dann aber auf die hundert Franc heraus.
Das Gepäck ist verstaut, und Peter steht wieder draußen im Sonnenschein. Es sind jetzt viel weniger Fußgänger unterwegs, die Leute sitzen schon in ihren Büros. Dafür flitzen Lieferwagen hin und her. Männer schieben Handkarren durch den Autoverkehr. Am Taxistand patrouillieren zwei Polizisten mit steifen runden Kappen auf den Köpfen und wirbeln dabei ihre Gummiknüppel um die Handgelenke. Irgendwo bläst jemand in eine Trillerpfeife, und eine Droschke setzt sich in Bewegung.
Eigentlich raucht Peter nicht. Jedenfalls nicht regelmäßig. Aber es scheint ihm eine gute Idee, ab sofort immer mit einer Kippe zwischen den Lippen oder den Fingern herumzulaufen wie das die Franzosen tun. Vielleicht werden sie ihn für einen aus der Normandie halten mit seinen semmelblonden Haaren. Den Backenbart und den damit verbundenen Schnäuzer wird er sich abrasieren, so etwas trägt hier niemand. Er wird sich auch einen Mantel kaufen müssen. Dabei hat er sich erst ein paar Tage vor der Abreise im Bundeswehrshop einen Parka geleistet, ein halblanges Ding mit schwarzrotgoldener Flagge oben am linken Ärmel.
Er geht ein paar Schritte vor, um einen Blick in die quer verlaufende Straße zu werfen. Von links kommt die Sonne durch und beleuchtet das Café an der gegenüberliegenden Häuserecke. Die schwache Brise lässt die Markise leicht pulsieren. Draußen sitzt niemand, drinnen die Zeitungsleser. Peter kann kein Französisch, beherrscht nur die nötigsten Floskeln.
Betritt das Café und sucht sich einen Platz am Fenster. »Un café au lait, si vous plait« bestellt er, und der Kellner wiederholt »Grand café creme, bon.«
Karin fand seine Idee, für ein paar Monate nach Paris zu gehen, um dort eine Fotoreportage als Examensarbeit zu machen, überhaupt nicht gut. »Warum machst du das nicht hier? Dortmund hat doch auch interessante Ecken.«
Er hatte dann von Henri Cartier-Bresson erzählt und von Brassaï und den Magnum-Fotografen, das seien seine Vorbilder, die hätten nun mal viel in Paris fotografiert. Aber Karin ist schwanger und hat Angst vor der Zukunft. Sie wünscht sich insgeheim, dass Peter die Fotografie sausen lässt und einen sicheren Job annimmt. So wie Ingo, ihr Bruder, der eigentlich Maler werden wollte, dann aber doch Dekorateur gelernt hat und jetzt beim Kaufhof gutes Geld verdient.
Peter ist sich nicht sicher, ob er überhaupt zurückgehen wird nach Dortmund zu Karin. Aber das sagt er niemandem, nicht einmal Jörg, seinem besten Freund hat er das gestanden. Und Gisela, die hier schon seit acht Jahren in Paris lebt und sich hier Giselle nennt, wird er das auch nicht erzählen.
Der Kellner stellt den Kaffee hin und dazu ein braunes Plastikschälchen mit dem Bon. Peter überlegt, wie das in Frankreich geht mit dem Bezahlen. Er nimmt den Zettel und studiert ihn. Legt dann ein Fünf-Franc-Stück ins Schälchen. Später kommt die Bedienung, nimmt die Münze und den Bon, reißt einen Schlitz hinein und legt ihn samt Wechselgeld ins Schälchen. Er fragt, ob er noch was bringen kann.
»Pastis«, sagt Peter, denn das trinken sie hier am Vormittag. Er weiß auch, dass das Wasser in der Kanne zum Verdünnen da ist. Dann sucht er den Zettel, auf dem er sich den Treffpunkt mit Giselle notiert hat. In der Innentasche vom Parka ist der Faltplan untergebracht, den er vor sich auf dem runden wackligen Tisch ausbreitet. Er findet den Gare du Nord und auch die Oper. Durchsucht die Straßennamen dort, und findet die Ecke mit dem Bistro, wo er auf seine Gastgeberin warten soll.
Beschließt, zu Fuß dort hinzugehen. Er muss ja nur der Rue Lafayette folgen, weit kann es nicht sein. Er reißt die Zigarettenpackung auf, holt eine Gitanes heraus, klopft sie kurz auf dem Tisch auf und steckt sie sich in den Mund. Zündet die Kippe an und nimmt einen Zug. Der Rauch kratzt, er muss kurz husten. Aber der Geschmack, ja, das ist Frankreich. Er legt das Geld für den Pernod hin, steht auf und geht.
Schlendert auf der linken Straßenseite Richtung Stadtmitte. Durch den Rinnstein strömt ein reißender Bach, auf dem Schaumflocken schwimmen, Papierfetzen, Eierschalen, Brotstücke. Aus einem Eingang leert jemand den Putzeimer direkt vor ihm auf den Gehsteig. Ein knochiger Hund bedient sich an einem offenen Abfalleimer. Ein Müllmann schiebt einen Wagen mit großen Metallrädern und einer Tonne am Straßenrand an ihm vorbei. Da steht ein älterer Herr im dunklen Nadelstreifenanzug am Straßenrand, wedelt mit einem Gehstock und ruft nach einem Taxi. Zwei junge Frauen in schwingenden Röcken überholen ihn, und er hört sie fröhlich kichern.
An der Kreuzung mit der Rue Lamartine hat es gekracht. Peter bereut zum ersten Mal, dass er seine Kamera nicht dabeihat. Drei Wagen sind zusammengestoßen. Ein grauer Lieferwagen hat den blauen Peugeot an der Seite erwischt und auf eine schwarze DS geschoben. Die Fahrer sind ausgestiegen und schreien sich gegenseitig an. Im Fonds des Citroën sitzt ein Mann mit schwarzem Hut und liest Zeitung. Die Gäste vom Café an der Ecke stehen am Kantstein und diskutieren, wer Schuld hat.
Die Strecke ist deutlich länger, als er sie nach dem Studium des Stadtplans eingeschätzt hat. Daran wird er sich gewöhnen müssen, dass Paris zu groß ist, um einfach so von A nach B zu spazieren. Peter kennt die Metro, hat sich auch fest vorgenommen, sie auszuprobieren, ja, während der Fahrt die Leute darin zu fotografieren. Aber nicht an seinem allerersten Tag.
Jetzt muss er erst einmal Gisela treffen, dann sein Zimmer kennenlernen und einziehen. Vermutlich wird er mit seinem Gepäck mit der Metro zu Giselas Wohnung fahren, wo immer die auch sein mag.
In Dortmund, da ist er fast nur zu Fuß gegangen. Radfahren kann er ja nicht wegen seinem tauben Ohr und den Gleichgewichtsstörungen, und einen Führerschein hat er auch nicht. Karin und er könnten sich ohnehin kein Auto leisten, erst recht nicht, wenn das Kind da ist. Dieses Kind, um das sich schon ein halbes Jahr vor der Geburt alles dreht, als sei es das Wichtigste auf der Welt. Karin sagt immer, es sei ein Wunschkind, aber wenn, dann ist es Karins Wunschkind.
Nicht dass er nicht gerne Vater werden würde. Aber doch nicht mit fünfundzwanzig noch vor dem Staatsexamen. Eigentlich hatte er vorgehabt, sich erst einmal als Fotograf, als Künstler ins Gespräch zu bringen. Vielleicht eine erste Einzelausstellung zu haben oder einen Bildband mit eigenen Fotos herauszubringen. Ja, er war bereit, noch eine Strecke zu gehen, mit wenig Geld, in unsicheren Verhältnissen, ganz auf die Kunst konzentriert. Karin hat andere Pläne, das weiß er.
Die Oper sieht von hinten unspektakulär aus. Peter muss rechts dran vorbei, passiert das Kaufhaus Lafayette auf dem Boulevard Haussmann, wo schon früh am Morgen die feinen Damen aus den Limousinen steigen, mit denen die Chauffeure sie hergebracht haben. An der spitzen Ecke zur Rue de Rome liegt das Triadou Haussmann, eine Brasserie im klassischen Pariser Stil. Viel zu fein für Peters Geschmack. Hochnäsige Kellner, die ihn lange ignorieren. Er ist ja auch viel zu früh da und verlässt den Laden wieder.
Findet weiter weg eine stille Grünanlage. Plötzlich ersetzt Vogelgezwitscher den Verkehrslärm. Eine alte Frau mit gebeugtem Rücken schlurft den Weg entlang, zieht eine prall gefüllte Plastiktüte an einer Schnur hinter sich her. Der Park liegt im Schatten, ihm wird kühl. Er fühlt sich sehr fremd hier, sehr einsam.
Seit seinem siebzehnten Lebensjahr hat er vielleicht fünf oder sechs Tage ohne Karin verbracht. Alle Reisen haben sie zusammen gemacht: an die Nordsee, an die Ostsee, an den Bodensee, nach Berlin und München. Dreimal waren sie in Holland am Meer, einmal ganz kurz in Dänemark. Das war alles an Ausland, was sie kennengelernt haben. Für Karin ist das okay, sie reist nicht gern. Fliegen würde sie niemals, und auf ein Schiff bekäme Peter sie auch nicht. Immer wenn sie mit der Eisenbahn gereist sind, hatte sich Karin während der Fahrt wohlgefühlt, aber wäre nach der Ankunft am liebsten gleich wieder umgekehrt.
»Zuhause ist am schönsten«, sagte sie dann. Er war dagegen neidisch auf seine Schulkameraden, die sich nach dem Abitur in alle Himmelsrichtungen zerstreut haben: nach Indien, nach Amerika oder auch bloß nach Sizilien.
Sein Vater hatte nie genug verdient, sich ein Auto leisten zu können oder der Familie einen Urlaub im Ausland zu bieten. Gestorben ist der, da war Peter gerade elf. Danach war die Familie richtig arm, weil Mutter nichts gelernt hatte und mit der Witwenrente und dem Kindergeld auskommen musste. Mit vierzehn hatte er beschlossen, für sich selbst zu sorgen. Jobbte während des Schuljahrs und malochte in den Ferien in der Fabrik. Mit siebzehn auch Doppelschichten. Ließ seiner Mutter nicht nur die Waisenrente, sondern steuerte regelmäßig hundertfünfzig Mark zum Haushalt bei.
Der Vater war Bahner gewesen, aber nicht Beamter. Rangierhelfer nannte man die Männer, die auf dem Güterbahnhof dafür sorgten, dass die Waggons neu zusammenge-stellter Züge richtig verkoppelt wurden. Ein harter Beruf und gefährlich dazu. Vielleicht war der Vater sogar an den Folgen eines Arbeitsunfalls gestorben, das wurde nie untersucht. War mal zwischen Puffer geraten. Brustkorb gequetscht, nur noch eine halbe Lunge funktionsfähig. Danach kriegte er immer Atemnot und hatte ständig Bronchitis. Starb an einer Lungenentzündung.
Peter hätte auch bei der Bahn anfangen können. »Werd doch Beamter«, hatte die Mutter gesagt. Aber er wollte ja irgendwie Künstler werden. Weil er im Gegensatz zu den meisten Klassenkameraden kein Instrument spielen konnte, fiel eine Karriere als Beat-Musiker flach. Für die Bühne war er zu schüchtern. Und sein Sprachfehler hätte es auch schwierig gemacht, Schauspieler zu werden. Auch zum Schriftsteller fehlte ihm das Talent. Dafür konnte er prima zeichnen.
Den heißen Sommer 1973 über jobbte er in der Union-Brauerei. In der Fasswäscherei und da, wo die Fässer von innen mit Teer abgedichtet werden. Knochenharte Maloche. Überstunden ohne Ende. Und dann sah er die Anzeige eines Versandhauses für Fotosachen. Da gab es eine Spiegelreflexkamera aus der DDR mit allem Zubehör für zweihundert Mark.
Spontan bestellte er die. Fand sich rasch mit der Technik zurecht und nahm die Kamera mit auf die Arbeit. Verbrauchte drei, vier Schwarzweißfilme pro Woche und zahlte Unsummen für Entwicklung und Abzüge. Zeigte die Bilder dem Vorarbeiter, der sie dem Leiter der Abfüllung zeigte, der sie dem Braumeister zeigte, der sie einem der Geschäftsführer vorlegte. Alle waren begeistert, und so wurde Peter Haus- und Hoffotograf der Brauerei. Verdiente damit übers Jahr mehr als mit der ganzen harten Arbeit sonst.
An seinem zwanzigsten Geburtstag schenkte ihm der Geschäftsführer im Namen der Firma eine Nikon, seine erste Nikon. Und der Chef vom Fotolabor, dem er immer seine Filme brachte, bot an, ihm die Arbeit in der Dunkelkammer beizubringen. Peter hatte seine Kunstform gefunden.
Er sitzt auf einer abgewetzten Holzbank mit schön geschwungenen Beinen aus Gusseisen und sieht überall Motive. Hätte jetzt gern seine Kamera dabei. Würde hier anfangen mit seinen Paris-Fotos. Würde sich von hier aus spiralförmig durch die Stadt bewegen und fotografieren, fotografieren, fotografieren. Dann wäre er nicht mehr fremd hier und einsam. Dann wäre Paris seine Stadt. So stellt er sich das jedenfalls vor.
Aber jetzt noch einmal zum Gare du Nord zu laufen, die Fototasche zu holen und wieder zurückzukehren, dafür reicht die Zeit nun nicht mehr aus, denn inzwischen ist es ein Uhr geworden, und er muss ja wieder zurückfinden zum Triadou Haussmann, wo er Gisela treffen wird.
Der Park bleibt menschenleer und still in der Maiensonne zurück. In der Seitenstraße nur Fußgänger, am Boulevard dann wieder der hektische Strom der Autos, die sich beinahe organisch zueinander bewegen wie Blutkörperchen in den Adern. Niemand hält sich an Fahrstreifen oder Ampeln. An Kreuzungen bremsen alle leicht ab, auch wenn ihre Ampel gerade Grün zeigt. Gehupt wird, um andere auf sich aufmerksam zu machen. Niemand ist aggressiv, aber niemand nimmt wirklich Rücksicht. Passanten achten auf sich selbst und kreuzen die Fahrbahn in sorgfältig gesetzten Schritten mitten durch den schnell fließenden Verkehr.
Wieder hört er eine Sirene. Dieses Mal ist es ein blauer Kleinlaster der Gendarmerie, der in der Mitte des Boulevards mit sicher 80 Stundenkilometern Richtung der Madeleine rast. Kein Wagen macht Platz, die freie Spur entsteht einfach so. Je feiner die Leute werden, die an den Modegeschäften vorbeischlendern, desto mehr Bettler hocken an den Hauswänden. Clochards nennt man die, weiß Peter. Der weiß viel über Paris, aber vor allem aus den Schwarzweißfilmen mit Jean Gabin und Lino Ventura und den Filmen der Nouvelle Vague, aus den Büchern von Henry Miller und Ernest Hemingway und vor allem von den Fotos seiner großen Vorbilder.
