Der Fressfreund

Als im Haus der Aufzug wegen einer Reparatur stillgelegt wurde, fiel Klett in eine tiefe Depression. Wie damals, als sein Verein abstieg. Oder nach dem Tod seiner Frau. Jetzt saß er auf dem Sofa und lauschte. Stille im Treppenhaus. Er brauchte vier Tage, bis er erstmals wieder die Wohnung verließ. Jeder Schritt die Treppe hinab kam ihm neu und ungewohnt vor, an jeder Aufzugtür blieb er stehen und las den Außer-Betrieb-Zettel. Zum ersten Mal sah er den Müll vor den Wohnungstüren, die sechs Paar Schuhe auf der Fußmatte in der zweiten Etage, den Adventskranz an der Tür im vierten Stock. Klett blieb vor einer der Aufzugtüren stehen, las noch einmal den Zettel und dachte nach. Wie sollte er jetzt den Einkauf bewältigen? Was sollte er essen? Sonst war er jeden zweiten Tag beim Aldi, um Bier und Lebensmittel zu holen. Das war schon so, als Gila noch lebte und für ihn kochte. In dieser schwierigen Lage blieb ihm wohl nur, bei Kostas einzukehren. [Lesezeit ca. 8 min] „Der Fressfreund“ weiterlesen

Kurz vor elf

Natürlich hätte ich mich auch an einen anderen Tisch setzen können. An diesem Wochentag um diese Uhrzeit waren im Brauhaus immer einige Tische frei, aber ich entschied, mich zu zwei freundlichen Frauen zu setzen. Nicht ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Mir schien, es handele sich um Mutter und Tochter, so groß war die Ähnlichkeit, und auch der Altersabstand stimmte. Sie hatten ihre Mahlzeit schon beendet, die Reste von den Haxen lagen auf den Tellern neben dem Püree und dem Sauerkraut. Sie hatten beide kaum die Hälfte der Portionen geschafft. Hat’s geschmeckt, eröffnete ich das Gespräch, und beide nickten wortlos. Der Kellner stellte ungefragt drei Glas Altbier auf den Tisch und räumte die Teller ab. Ich erhob mein Glas und prostete den Damen zu. Während beide an ihren Bieren nippten, stürzte ich das leckere Getränk zu zwei Dritteln hinunter. Auf Michael, sagte ich. Und fügte hinzu: Ich trinke immer das erste Bier auf meinen Freund Michael. Der ist vor etwas mehr als zwei Jahren gestorben, der Arme. Wieder nur verhaltene Reaktionen. [Lesezeit ca. 6 min] „Kurz vor elf“ weiterlesen

Immer geradeaus

Wir waren unterwegs zu meinem Freund Paul mit seinem Häuschen mitten im Wald von B. Die Nacht war sehr dunkel. Den ganzen Tag hingen schwere, schwarze Regenwolken über dem Land, und es war Neumond. Manon hatte wie üblich Stöpsel in den Ohren und hörte Musik. Was machst du? fragte sie, als ich schon bei F. von der Autobahn abfuhr. Wir müssen noch zwei Ausfahrten weiter. Ist ’ne Abkürzung, antwortete ich kurz. Dann eine Allee, die in eine schmale Straße überging. Der Wald wurde dichter. Nasse Äste schlugen aufs Autodach. Bald war die Fahrbahn nur noch einspurig. Die Bäume immer näher am Rand. Dazwischen dunkles Dickicht. Und dann wurde aus der asphaltierten Straße eine Schotterpiste, die sich mit unvorhersehbaren Kurven durch den Forst schlängelte. Manon kaute ihr Kaugummi und sah starr nach vorne auf den Weg. [Lesezeit ca. 5 min] „Immer geradeaus“ weiterlesen

Song des Lebens

Weißt du noch, wie wir mitten im Gewitter über den Deich gerannt sind und Songs in den Sturm gebrüllt haben. Unten am Strand mehr Wasser von oben als von vorn. Sogar die Geldscheine im Portemonnaie waren durchweicht. Du warst immer der Musikalischere von uns beiden, hattest die Gitarre dabei, hast gespielt, ich habe gesungen, wenn wir mit den Freunden gefeiert haben. House of the Rising Sun und so. Einmal hast du eine Melodie gespielt, und ich habe einen Text dazu erfunden. Wir sind doch nicht blind sollte der heißen, so ein Ding im Stil von Bendzko, Foster, Giesinger, Bourani. Komm, sagte ich, lass uns bei dieser Casting‑Show bewerben. Du hast abgewinkt. Du warst an einem ganz anderen Punkt im Leben. [Lesezeit ca. 2 min] „Song des Lebens“ weiterlesen

Vollendete Tat

Jetzt sitze ich hier in dem, was ich meinen Garten nenne. Über mir das Rauschen der Autos auf der Brücke. Beschirmt und beschützt durch die große Buche. Mit meinem Notebook auf einem wackeligen Gartenstuhl. Ich habe zu recherchieren. Wo der Typ gerade ist, weiß ich. Aber nicht, wie ich die Tat vollenden werde. Mein treuer Rüde Humphrey als Bildschirmhintergrund. Ach, Humphrey, mein Humphrey, was hat er uns bloß angetan? Sei bei mir, wo auch immer du jetzt bist. [Lesezeit ca. 3 min] „Vollendete Tat“ weiterlesen

Die Mutter und die Möbelstücke

Magst was essen? Mutter antwortet nicht. Sie hat nie viel gesprochen. Sie führte uns fünf Kinder wie ein Militär. Geh besorgen! Pass aufs Nannerl auf! Wo is dei Schuah? Jetzt sitzt sie da auf dem wuchtigen Sessel, dem einzigen Möbelstück, das wir mitgenommen hatten, als sie in die kleine Wohnung umzog. Direkt gegenüber, ebenerdig. Ich bin für sie verantwortlich, denn meine Geschwister sind alle weit weg. Robert und Alfred leben beide schon lang in Amerika, Josefa in Berlin, und wo Marianne abgeblieben war, weiß ich nicht. Und unser Vater ist schon lange tot. Mutter sitzt sehr aufrecht im Sessel und schaut streng auf den ausgeschalteten Fernseher. Aber du musst was essen. Körperlich, hat der Doktor gesagt, ist meine Mutter für ihr Alter gut in Schuss. Da hat er Recht. [Lesezeit ca. 5 min] „Die Mutter und die Möbelstücke“ weiterlesen

Vier bis fünf

Da hast du die Frage: Wärme oder Kälte? Die Stelle schmerzt. Kühlkissen oder Wärmflasche? Wo doch die Körper verschieden reagieren, die männlichen und die weiblichen. Und hättest du dich verbrüht, würdest du kaltes Wasser drüber laufen lassen, gebranntes Kind. Aber darauf reagiert der westliche Mensch mit dem Ruf nach Wärme und Zuneigung. So trafen sie sich nach Wochen an der Tankstelle, die jetzt verfällt. Man hat die Zufahrt gesperrt, damit niemand versehentlich dort hinein gerät, frei von Zapfstellen, kein Platz mehr für Begegnung. [Lesezeit ca. 8 min] „Vier bis fünf“ weiterlesen

Mit und ohne Kapern

Immer wollen sie Königsberger Klopse. Wir hatten zum Essen geladen, und bis auf eine Person hatten alle zugesagt. Sechs Gedecke habe ich aufgelegt. Mein Vater, gestorben am 10. Juni 1967, wird natürlich vor Kopf sitzen. Zu seiner Linken meine Mutter, die am Rosenmontag 1981 von uns gegangen ist. Neben ihr habe ich meinen besten Freund Robbie platziert, der voriges Jahr tödlich verunglückt ist. Meine liebe Frau Sylvie, die ich vor acht Jahren verloren habe, soll gegenüber meiner Mutter sitzen. Neben ihr meine Schwägerin Anne, die immer zusagt, aber bisher nicht einmal zum Dinner erschienen ist. [Lesezeit ca. 4 min] „Mit und ohne Kapern“ weiterlesen

Das Anwesen

Im Sommer trug Professor B. gern orientalische Gewänder. Als ich mich seinem Atelier näherte, das er gern seine Hütte nannte, saß er da auf der hölzernen Veranda in einer blau und ockerfarben gestreiften Djellaba. Ein Kopf eher wie Zeus denn wie ein arabischer Scheich. Mit einem grauen Schopf und akkurat gestutztem Vollbart. Er verfolgte meine Schritte mit eisigem Blick und erhob sich nicht, um mir die Hand zum Gruß zu erreichen. Stattdessen deutete er auf einen freien Stuhl am Tisch und sagte leise: „Setzen“. So wie er auch sonst immer sehr leise sprach, eine Methode, die Zuhörer zu unbedingter Aufmerksamkeit zu zwingen. Er schob eine Kanne mit kaltem Minztee über den Tisch und forderte mich mit einem Nicken auf, mir einzuschenken. [Lesezeit ca. 8 min] „Das Anwesen“ weiterlesen

Die Spargel-Situation

Niemals hatte ich daran gedacht, über dieses Thema aus der Ich-Perspektive zu berichten. Das hasse ich genauso sehr wie das Schreiben der Schreiber über das Schreiben. Aber dieses Mal hat es mich erwischt. Veronika ist schuld. Nun bin ich, Albert Lenz, Teil der Geschichte. Ich schwöre, ich kann nichts dafür. Begonnen hat meine Beschäftigung mit diesem Gemüse beim Ausprobieren eines Rezepts. Die Lasagne mit grünem Spargel geriet köstlich, und die Frau, für dich gekocht hatte, fragte gleich nach Zutaten und Zubereitung.[Lesezeit ca. 8 min] „Die Spargel-Situation“ weiterlesen

Ein schwerer Mantel

Schwerer Fischgrätmantel, fast knöchellang, geerbt von Onkel Wolf, dem alten Nazi. Ist doch noch gut, Junge, hatte er gesagt. Mike trug das Ding natürlich auch im heißen Sommer 1970. Nonkonformist, Künstler unter Künstlern. Wie sein Freund Jörn mit seinem Original-Fishtail-Parka aus England. Dabei waren sie nur Kinderkünstler, Teenager. Ein Jahr zuvor hatte es eine Ausstellung gegeben: Teenage Art. Da hatten sie einen Raum gestaltet. Meterweise schwarzer Molton, seiner Mutter abgeschwatzt, die war Bühnenbildnerin. Alles verhängt. Stockdunkel bis auf ein paar gesetzte Lichter. Jörn hatte Tafeln mit zerknüllter Alufolie bemalt. Mike präsentierte Werkstücke von Lehrlingen einer Schlosserei auf rotem Samt. Und einen Guckkasten. Wer sich traute, den Kopf durch das Loch zu stecken und dabei den Vorhang beiseite zu schieben, sah einen schwach erleuchteten Raum mit Spielzeugmöbeln und Ketten, die von der Decke hingen. [Lesezeit ca. 3 min] „Ein schwerer Mantel“ weiterlesen

Die Jobs der frühen Jahre (2): Das Schulkollegium beim Regierungspräsidenten

Der Stahlhof an der Bastionstraße (Foto: Luekk via Wikimedia, public domain)

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Während des Studiums sollte es etwas Seriöseres und Besserbezahltes sein, da half der Gang zum Arbeitsamt, zur Studentenvermittlung. Da saß man da und wurde aufgerufen. Entweder indem ein/e Arbeitsbeamte/r so etwas in den Raum rief wie „Hat jemand Erfahrung mit Gartenarbeit?“ oder per Termin. Und wenn man einmal bei einem Job den Fuß in der Tür hatte, konnte man in allen Ferien wiederkommen. So ging’s mir mit dem Schulkollegium beim Regierungspräsidenten, dem Amt, das für die Verwaltung der Besoldung von Lehrern an höheren Schulen zuständig war, die dann vom Landesamt für Besoldung und Versorgung (LBV) durchgeführt wurde.[Lesezeit ca. 5 min] „Die Jobs der frühen Jahre (2): Das Schulkollegium beim Regierungspräsidenten“ weiterlesen

Falsch abgebogen


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An diesem heißen Junitag bleibt Albert im Bett. Er liegt unter der warmen Winterdecke und schwitzt. Kann sich nicht entscheiden aufzustehen. Überhaupt kann er sich schon seit einiger Zeit nicht entscheiden, was er tun soll. Sein Freund Klaus hat einmal gesagt: Es gibt keine Fehlentscheidungen, nur Entscheidungen. Und hat hinzugefügt, dass man sich das Leben vorstellen kann, wie eine Fahrt über ein komplexes Straßennetz mit vielen Gabelungen und Kreuzungen oder Kreisverkehren. Wenn man kein Ziel hat, ist es egal, wann und wo man abbiegt – man kommt irgendwohin. Hat man aber ein Ziel, ist es gut, wenn man ein Navi oder eine Straßenkarte besitzt. Albert ist sich nicht sicher, ob er je ein Ziel hatte. Gut, er wollte schon als Jugendlicher nichts anderes werden als Künstler. Nur hatte er keine Vorstellung davon, was das bedeutet. [Lesezeit ca. 4 min] „Falsch abgebogen“ weiterlesen

Die Jobs der frühen Jahre (1): Laufbursche, Hilfsarbeiter, Zeitschriftenausträger


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Keine Ahnung, wie die Situation heute ist, aber in den Sechziger- und Siebzigerjahren war es für Schüler und Studenten kein Problem, Ferien- und dauerhafte Nebenjobs zu finden. Bevor 1971 das Bafög eingeführt wurde, waren Studierende ohne wohlhabende Eltern auf solche bezahlte Arbeit sogar oft angewiesen. Legendär die Geschichten von taxifahrenden Langzeitstudenten, die letztlich bei diesem Job hängenblieben. Genau wie Tausende von jungen Männern und Frauen, die als Aushilfskellner begannen und dann selbst zu Gastronomen wurden. Ich war nie Droschkenkutscher oder Kellner, aber dazu später mehr. Hier soll nur von meinen Jobs in den Sechzigern die Rede sein. [Lesezeit ca. 6 min] „Die Jobs der frühen Jahre (1): Laufbursche, Hilfsarbeiter, Zeitschriftenausträger“ weiterlesen

Die Botschaft vom Weltgeist


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In der Nacht vom siebten auf den achten Januar 2026 empfing Friedrich Kurt Hohenlechner eine Botschaft. Als er am Morgen erwachte, war die Botschaft in seinem Hirn so präsent, dass er sie niederschreiben konnte. Er wusste nicht, woher sie stammte, wer sie ihm eingeflüstert hatte und was sie bedeutete. Hier das, was er notiert hat: [Lesezeit ca. 3 min] „Die Botschaft vom Weltgeist“ weiterlesen

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