Weil alle anderen Gäste auf Decken lagen oder im Schneidersitz drumherum hockten, sah er sie sofort. Sie saß am Waldrand auf einem dieser weißen Plastikstühle, sehr gerade wie die Königin. Er erkennte sie auf den ersten Blick und spürte im Näherkommen, dass ein sehr altes Gefühl von Verliebtsein in ihm aufstieg. Schön war sie immer noch und in seinen Augen sehr sexy. Hey, rief sie, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Komm zu mir! Ihr strohblondes Haar war jetzt schlohweiß, aber sie trug es immer noch lang und mit Mittelscheitel im Stil der Siebziger Jahre. Sie strahlte, und als er sich zu ihr hinabbeugte, gab sie ihm einen Kuss auf den Mund.
Damals vor nun schon fast vierzig Jahren hatte Gila Dutzende Verehrer, Peter war einer von ihnen, einer den sie freundlich, aber bestimmt abgewiesen hatte. Sie begleitete ihn in seinen Träumen und nicht selten onanierte er in Gedanken an sie. Bis er Elvira kennenlernte, die ebenfalls nicht den Menschen abbekommen hatte, den sie sich erträumt hatte. Die war rein äußerlich das genaue Gegenteil von Gila: Klein mit großem Brüsten und breiten Hüften. Beide wussten, dass es nicht die große Liebe war, aber als Paar funktionierten sie gut, und sie fühlten sich wohl miteinander.
Gila war aufgestanden. Schlank, beinahe drahtig stand sie vor ihm. Hast dich gut gehalten, mein Lieber, sagte sie. Du auch, gab er zurück, weil ihm nichts anderes einfiel. Komm, lass uns an den See gehen. Dort setzten sie sich in den Sand und sahen den Badenden zu. Früher, sagte sie und lächelte breit, wären wir alle nackt im Wasser herumgesprungen. Aber, jetzt guck dir die Jugend von heute an. Prüde wie unsere Eltern. Die Jungs trugen mehr oder weniger lange Schwimmshorts, die Mädchen meist ausgesprochen knappe Bikinis. Nicht eine oben ohne, fügte sie hinzu und schüttelte den Kopf.
Als Peter in der WG in Kraberg lebte, Gila war mit seinem Mitbewohner Uwe zusammen, waren sie oft an den Baggersee geradelt und hatten ganze Tage ohne ein Kleidungsstück am Leib dort verbracht. Und wenn eines der Paare Lust verspürte, zogen sich die beiden hinter ein Gebüsch zurück und trieben es miteinander. Keine große Sache. Peter wäre gern einmal mit Gila hinter den Busch gegangen. Zumal er beinahe jedes Mal, wenn er sie nackt sah, einen Ständer bekam. Und jetzt saßen sie wieder an einem See, dieses Mal dicht beieinander, und sie hatte ihre Hand auf seine gelegt.
Die untergehende Sonne hatte sie in warmes Licht getaucht. Sie rückte näher an ihn. Die Jugendlichen hatten sich zu Paaren zusammengefunden, die wie sie im Sand saßen oder lagen. Die Musiker spielten, was sie für den Augenblick passend fanden. Sie ließ sich nach hinten fallen und sagte: Komm. Er lag halb auf ihr, und sie küssten sich wie frisch Verliebte. Hast du Lust? fragte sie. Er nickte. Sie stand auf, nahm ihn bei der Hand und führte ihn am Waldrand entlang. Da stand ein alter Wohnwagen, und sie ahnten, wozu er dienen sollte.
Gila öffnete den Camper, sie traten ein, und Peter verriegelte die Tür. Als sie sich auszog und nackt vor ihm stand, hatte er sofort eine Erektion. Sie zog ihn aus und fragte: Wann hattest du zum letzten Mal Sex? Er schloss die Augen und senkte den Kopf. Vor ziemlich genau zwölf Jahren, gleiche Jahreszeit, ungefähr drei Monate vor Elviras Tod. Oh, kommentierte sie, das tut mir leid. Er sah sie an und fragte: Und du? Sie verzog den Mund so wie sie früher schon den Mund verzogen hatte, wenn sie etwas Freches sagte: Warte, letzte Woche oder vor zwei Wochen. Und mit wem? Sie legte die Hände auf seine Schultern und grinste: Mit dem Paketboten. Nicht dein Ernst? Hast du es so nötig? Ja, sagte sie, das auch, und griff nach seinem Penis. Aber ich kenne Jaczek jetzt auch schon vier oder fünf Jahre. Ein wunderbarer Liebhaber. Wir wissen, was wir aneinander haben.
Und dann zog sie ihn auf das schmale Bett. Nahm ihren Duft wahr, vielleicht dasselbe Parfüm wie vor vierzig Jahren. Erkannte den Körper, den er damals so oft nackt am Baggersee gesehen, aber nie berührt hatte. An manchen Stellen schmaler, an den Hüften weicher, das Haar zwischen ihren Beinen schütter und weiß. Eine Narbe quer über dem Bauch, die er nicht kannte. Sie nahm seine Hand und führte sie an die Orte, an denen er sie berühren sollte. Wortlos. Gila kam zuerst. Den Kopf zurückgeworfen, ein langes, kehliges Stöhnen. Er hatte sich immer vorgestellt, sie würde beim Orgasmus schreien. Dann er, die Erregung so stark, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Lange lagen sie nebeneinander auf dem Rücken und schwiegen. Peter hätte gern gewusst, was sie in diesem Moment dachte und fühlte. Er dachte an seine Elvira, an den ruhigen, gleichmäßigen Sex, die sie miteinander hatten. An ihre Schwangerschaft, während der sie unersättlich war, und wie ihre Lust nach der Geburt für lange Zeit schlief.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Die beiden erschraken. Anziehen? flüsterte sie. Er saß schon auf der Bettkante und schüttelte den Kopf. Wir sind alt genug, sagte er mit einem leichten Lächeln. Ob sie uns gehört haben? fragte sie. Völlig egal, gab er zurück und sagte: Komm, wir zeigen es den jungen Leuten. Gila und Peter erhoben sich, öffneten die Tür und sahen gut ein Dutzend Jugendliche, die da standen, lachten und applaudierten. Da traten sie Hand in Hand hinaus und standen da wie Adam und Eva.
