Sie könnte problemlos ihren kleinen Haushalt selbst führen, aber sie weiß einfach nicht mehr, wie das geht. Manchmal bearbeitet sie den Trum von einer Kredenz mit Möbelpolitur. Dann seufzt sie und sagt: Wenn’s keiner macht, dann mach’s halt ich. Kochen lasse ich sie nach ein paar Unfällen nicht mehr. Der Klempner hat das Warmwasser so eingestellt, dass sie sich in der Küche und in der Badestube nicht verbrühen kann. Sie hat sich ohnehin schon früher lieber mit kaltem Wasser gewaschen in der Waschküche.
Also koche ich für sie. Jeden Tag was anderes. Auch wenn ich eines ihrer Lieblingsgerichte bringe, murrt sie: Schmeckt fürchterlich. Nur übers Weißbier, das ich hier zum Essen hinstelle, freut sie sich. Wo is der Voda? fragt sie regelmäßig. Wird wohl auf Montasch sein, gibt sie sich selbst die Antwort. Er ist nicht mehr da, so wie er auch zu unseren Kinderzeiten fast nie da war. Und wenn er alle paar Wochen daheim war, dann schlief er oder schaute Fernsehen und wollte nicht gestört werden. Ich glaube, er kannte nicht einmal unsere Namen, denn wenn er was von einem von uns wollte, sagte er bloß: Du da … Wie der Pap aussah, daran kann ich mich kaum erinnern. Es gibt eine Handvoll Fotos, die meisten zeigen ihn im Overall mit Schutzhelm an irgendeiner Baustelle irgendwo auf der Welt.
Dafür erinnere ich mich ganz genau an Nestor, den Familienhund, einen großen Mischlingsrüden mit struppigem, schwarz und grauem Fell. Den bekamen wir, als ich vier oder fünf war, und er begleitete mich durch meine ganze Kindheit und Jugend draußen in Neuperlach, wo wir in einem Wohnblock lebten, unweit vom Kirchhof. Nestor war in seinen jungen Jahren unkontrollierbar. Ließ ich ihn von der Leine, stürmte er los und raste über den Friedhof, umkurvte die Grabsteine und scharrte in der frischen Erde der neuen Gräber. Der Parkwächter hat uns nie gekriegt, denn nicht nur der Hund war schnell, und wenn ich ihn aus der Ferne rief, kam er auch irgendwann.
Mutter mochte den Hund nicht. Schaff’s depperte Viech aussi! rief sie fast immer, wenn er ihr in der Küche über die Füße lief. Und weil auch meine älteren Geschwister keine Lust auf Nestor hatten, blieb er an mir hängen, wurde mein Hund. Neunzehn ist er geworden. In seinen letzten fünf Jahren war er ein Pflegefall. Manchmal fraß er nicht, und ich musste ihn mit dem Löffel füttern, was oft eine halbe Stunde dauerte. Nachts schlich er durch meine Studentenbude, weckte mich auf, musste raus. Und dann wurde er inkontinent. Beinahe jeden Tag musste ich eine Pfütze wegwischen oder seine Trümmerln aufsammeln. Die Gassirunden wurden immer kürzer, und in seinem letzten Jahr konnte er an manchen Tagen kaum aufstehen, weil seine Hinterläufe wegknickten.
Nestor starb an einem Sonnabend. Als ich in der Früh nach ihm sah, lag er da wie immer. Die Augen geöffnet. Ich rief ihn, aber er reagierte nicht mehr. Sein Herz hatte zum Schlagen aufgehört. Sieben Wochen verfiel ich in eine hysterische Trauer. Erst am sechsten Tag nach seinem Tod nahm ich in der Nacht seinen Leichnam und grub ihm ein Grab am Hachinger Bach, da, wo er als junger Hund gern ins Wasser gegangen war. An diesem Tag trank ich mir einen derben Rausch an. Und erst am Ende meiner Trauerzeit konnte ich mir eingestehen, dass ich erleichtert war, dass er in Frieden von mir gegangen war und ich ein neues Leben anfangen konnte.
Da war mein Vater schon lange tot. Er starb an den Verletzungen, die er sich bei einem Arbeitsunfall auf einer Baustelle in Nigeria zugezogen hatte. Wir erfuhren erst acht Tage nach dem Vorfall von seinem Tod. Begraben ist er in Port Harbour. Es gibt ein Foto von seinem Grab mit dem Holzkreuz, auf dem sein Name steht. Mutter hatte jahrelang davon gesprochen, dorthin zu reisen, um Blumen daraufzulegen. Irgendwann vergaß sie das Vorhaben, so wie sie die wenigen Pläne, die sie in ihrem Leben noch hatte, vergaß. Alois, Alois, wo bist du? greint sie manchmal. Und: Ach, mein armes Loiserl. Ob sie sich geliebt haben, die Mutter und der Vater? Ich weiß es nicht, ich habe sie kaum je zusammen erlebt.
Es begann damit, dass die Mutter mitten im kältesten Winter jener Jahre drunten in der Stadt von der Polizei aufgegriffen wurde, barfuß und in der Kittelschürze, bei drei Grad. Sie habe sich vor Kälte kaum noch bewegen können, hieß es im Protokoll. Sie wird wohl von daheim bis zur Endhaltestelle gelaufen sein und dann weiter mit der Tram. Man fand sie stehend vorm Schaufenster vom Angermeier. Im Spital lag sie drei Tage wegen der Unterkühlung. Ihre Mutter sollte nicht mehr allein leben, sagte die Frau vom Medizinischen Dienst, solche Vorfälle können immer wieder passieren und müssen nicht immer so glimpflich abgehen. Und nach einer Weile: Nehmen sie ihre Mutter doch zu sich, dann können sie auf sie aufpassen. Es war das Letzte, was ich wollte. Sie könne doch in einem Heim unterkommen, sagte ich. Na ja, wenn sie’s sich leisten können, gab die Beraterin zurück.
Also zog ich zu ihr in die alte Familienwohnung, vier Zimmer, Küche, Diele, Bad und Balkon im elften Stock, von dem aus man einen Blick aufs alte Dorf hat. Brauchte von da mit dem Bus und der Tram mehr als eine Stunde zum Institut. Bald war an Schlaf nicht zu denken. Nachts wanderte sie durch die Wohnung und gab den Kindern die Befehle und schimpfte mit ihrem Mann. Oder stand morgens um drei in der Küche und kochte für sechs. Wir stritten viel. Sie schimpfte mich Rotzbua, weil ich mich ihren Anweisungen widersetzte und fragte mich abends, wo ich denn wieder die ganze Zeit nach der Schule gewesen sei. Mitten in der Nacht kam sie in meiner Zimmer und brüllte: Geh besorgen! Pass aufs Nannerl auf! Und jeden zweiten Tag polierte sie die mächtige Schrankwand im Wohnzimmer. Manchmal passte die Nachbarin, der ich einen Schlüssel gegeben hatte, übers Wochenende auf die Mutter auf. Dann fuhr ich heim, putzte mein Apartment und schlief mich aus.
Gut, dass ich mitbekam, dass die kleine Wohnung direkt gegenüber frei wurde. Den Umzug ließ ich machen. Bei jedem einzelnen Möbel fragte ich sie: Soll’s mit? Und sie schüttelte den Kopf. Außer bei der Wohnzimmereinrichtung, der Polstergruppe mit den zwei Sofas und den beiden Sessel, dem gekachelten Couchtisch und der drei Meter breiten Kredenz in Eiche rustikal mit den Butzenscheiben. Dass die Möbelpacker zwei ganze Abteile abmontierten, damit das Ding überhaupt in ihre neue Stube passte, nahm sie nicht wahr. Auch nicht, dass von den Polstermöbeln nur dieser eine Sessel mitkam.
Mutter hat sich dran gewöhnt. Sie bewegt sich sicher durch die Wohnung und verlässt das Haus nicht mehr ohne mich. Jeden Tag, bevor ich in die Arbeit fahre, und nach Feierabend bin ich bei ihr. Ich koche das Essen und achte darauf, dass sie genügend isst und trinkt. Im Kühlschrank ist immer genug Weißbier, sie merkt nicht, dass es eine alkoholfreie Sorte ist. Zur Gymnastik am Freitagnachmittag gehe ich mit, und oft verbringe ich den Abend drüber bei ihr, und wir schauen Fernsehn. Dann bringe ich sie zu Bett. Wenn ich dann noch ein bisschen in ihrem Sessel sitze, denke ich, wie gut es für uns wäre, sie würde friedlich einschlafen. Ich habe kein schlechtes Gewissen dabei. Ich wäre erleichtert. Und ich könnte ein neues Leben anfangen.
