Schwerer Fischgrätmantel, fast knöchellang, geerbt von Onkel Wolf, dem alten Nazi. Ist doch noch gut, Junge, hatte er gesagt. Mike trug das Ding natürlich auch im heißen Sommer 1970. Nonkonformist, Künstler unter Künstlern. Wie sein Freund Jörn mit seinem Original-Fishtail-Parka aus England. Dabei waren sie nur Kinderkünstler, Teenager. Ein Jahr zuvor hatte es eine Ausstellung gegeben: Teenage Art. Da hatten sie einen Raum gestaltet. Meterweise schwarzer Molton, seiner Mutter abgeschwatzt, die war Bühnenbildnerin. Alles verhängt. Stockdunkel bis auf ein paar gesetzte Lichter. Jörn hatte Tafeln mit zerknüllter Alufolie bemalt. Mike präsentierte Werkstücke von Lehrlingen einer Schlosserei auf rotem Samt. Und einen Guckkasten. Wer sich traute, den Kopf durch das Loch zu stecken und dabei den Vorhang beiseite zu schieben, sah einen schwach erleuchteten Raum mit Spielzeugmöbeln und Ketten, die von der Decke hingen. [Lesezeit ca. 3 min]
Sie waren schließlich moderne Künstler und schwärmten für den Surrealismus. Aber auch für Zero (Piene, Uecker, Mack). Und weil ihnen keine spitzen Schnurbärte wuchsen (Dalí), sie Latzhosen (Uecker) doof fanden und Beuys schon das Ding mit dem Hut erfunden hatten, liefen sie eben im Fischgrätmantel und Parka herum. Und gingen in die Kneipen – sie durften, waren ja schon sechzehn -, in denen sie die echten Künstler trafen. Wurden (als Maskottchen, spottete Jörns Mutter) zu Vernissagen eingeladen und in die Ateliers.
Mike war immer froh, wenn er den Wintermantel ablegen konnte. Draußen 30 Grad, er schwitzte schlimm. Aber ohne Mantel sah er aus wir irgendein hergelaufener Oberschüler. Auch nicht gut. Jörn hatte die Idee. Sie besorgten sich billige weiße Oberhemden aus Nyltest. Seine Mutter (Sag einfach Barbara zu mir.) war auch Kostümbildnerin, brachte passende Textilfarben aus dem Atelier mit und zeigten ihnen, wie sie die Hemden bemalen konnten. Jörn entschied sich für Fantasiewesen mit langen Hälsen. Er hatte einen Fernkurs in Ölmalerei absolviert. Mike konnte dagegen nur zeichnen und verzierte sein Hemd mit vielfarbigen Strichmännchen, Skeletten und verschiedenen Symbolen. Viel angenehmer im Sommer und künstlerischer. Und im Winter konnten sie ja immer noch den schweren Mantel und den Parka drüber tragen.
Sie lernten viel über Kunst in dieser Zeit. Um richtige Künstler zu werden, mussten sie an der Akademie studieren. Jörn brach die Schule ab und bestand die Begabtenprüfung in Hamburg. Mike machte noch das Abi. Er hatte aber keine Mappe. Also nutzte er die leeren Stunden bei einem Aushilfsjob. Mit schwarzer Kohl auf großen Papiertischtüchern schuf er mit schwarzer Farbe wilde Kompositionen voller Skelette, Sterne, Würmer, Augen, Brüste und geometrischen Figuren. Reichte die Arbeiten ein und wurde wider Erwarten an der Kunstakademie angenommen.
Wo er auf Leute traf, die noch viel individueller gekleidet waren als er. Die noch wilder waren, noch nonkonformistischer, künstlerischer eben. Jörn war schon fertig und landete am Landestheater Bremen. Sie hatten nicht mehr viel Kontakt. Mike tauchte dagegen voll ein in das Akademieleben mit den Performances, Aktionen und Festen.
Wüste Party in der Mensa im Sommer 1971. Schweiß tropfte von der Decke. Alle tanzten auf Tischen und Bänken. Orantes spielte im Vorraum auf seiner E-Gitarre was von den Stones (Gimme shelter). Mike trank und trank. Er kannte Mona kaum. Die kam angesprungen und fiel ihm um den Hals: Ich hab dich so lieb! Spitze Brüste unter ihrem nassen T-Shirt. Ja, warum nicht. Er riss sich das goldgelbe Turnhemd vom Leib und presste sich an sie. Mehr war da nicht. Später schlief er sturztrunken auf der Holzbank im Vorraum ein, und niemand weckte ihn.
Er hätte Künstler werden können, aber er verstand die Spielregeln nicht. Jörn auch nicht. Nach zwei, drei von ihm geschaffenen Bühnenbildern wurde er für den Rest seines Lebens Inspizient am Stadttheater einer kleineren Stadt und malte nur noch in seiner Freizeit, meist größere Formate mit Fantasiewesen mit langen Hälsen. Immerhin hielt Mike den schweren Fischgrätmantel von Onkel Wolf in Ehren, zog ihn aber nie wieder an. Nach dem Studium schlug er die gehobene Beamtenlaufbahn ein und wurde Amtmann bei der Stadt, zunächst im Katasteramt, später und bis zu seiner Pensionierung im Stadtarchiv. Manchmal zeichnete er Figürchen beim Telefonieren auf die Schreibtischunterlage.
