Gwen über die Karibik
Wir kriegen viel mit von der Welt, auch wenn es so aussieht, als hätten die karibischen Inseln mit allem, was sonst noch so auf dem Globus passiert, wenig zu tun. Das liegt daran, dass viele von uns nach Amerika gehen oder nach Europa. Jeder hat Verwandte in den USA, in England oder in Frankreich. Und dann sind da ja auch noch die Touristen. Gut, viel Kontakt zu denen gibt es nicht. Die Leute, die mit Kreuzfahrtschiffen kommen, die bleiben meist nur einen Tag, steigen morgens ab, lassen sich zu irgendeinem Strand fahren und kehren abends zurück. Andere verbringen ein oder zwei Wochen in einem Ressort, das von hohen Zäunen umgeben ist. Da kommen nur die Einheimischen rein, die da arbeiten.
Bonny ist Beamtin beim Tourismusministerium auf Dominica. Sie sollte vor ein paar Jahren einmal eine Befra-gung unter den Gästen durchführen, die mit den Schiffen nach Roseau kommen. Sie stellte sich zusammen mit einer Kollegin auf die Pier, sie hatten Fragebögen dabei. Als die Leute von Bord gingen, blieb niemand stehen und ließ sich befragen. Bonny sagt, wahrscheinlich haben die Angst vor uns, vielleicht halten sie uns für gefährlich oder so was. Ich glaube eher, dass die keine Zeit haben im Urlaub, weil sie ja viel Geld für so eine Reise bezahlen und viel sehen wollen. Ich kenne nur Europäer, die auch hier leben. Außer Walter, und der kommt aus Deutschland. Von Deutschland wusste ich überhaupt nichts. Aber Walter erzählte mir an diesem Nachmittag von seinem Land. Dass es dort die Tage im Sommer länger wären als hier und im Winter kürzer. Dass es im Winter nie hell würde. Ich stellte mir das furchtbar vor, und plötzlich verstand ich, warum die Menschen aus Europa zu uns kommen. Geld genug haben sie. Mir kommt es so vor, dass sie trotzdem nicht glücklich sind. Vielleicht weil sie nicht wissen, was sie mit dem Geld machen sollen, das übrigbleibt, wenn sie Essen und Kleidung gekauft und die Ra-ten für ihre Häuser und Autos bezahlt haben. Ich wüsste genau, was ich täte. Ich würde so lange sparen, bis ich mir ein Hotel kaufen könnte. Aber nach Europa reisen würde ich bestimmt nicht. Wozu?
Als wir am frühen Abend noch einmal miteinander geschlafen hatten und nackt nebeneinanderlagen, beugte sich Walter auf einmal vor und sah mich ernst an. Darf ich dich etwas fragen, begann er. Ich nickte. Du tust es gerne, nicht wahr? Ja, sagte ich, natürlich, es ist doch schön. Und du hast früh angefangen, oder? Ich wusste nicht, worauf er hinaus-wollte. Wann hast du das erste Mal Liebe gemacht? fragte er. Ich musste lachen. Was denkst du von mir? Dass ich eine Putain bin? Nein, nein, sagte Walter, es ist nur so … Ich habe wenig Erfahrung mit Frauen. Walter, ich sag dir was, du denkst dauernd an deine Töchter, wenn ich nackt neben dir im Bett liege, und du denkst, ob deine Töchter auch mit einem Mann im Bett liegen und Liebe machen. Er hatte von seinen Töchtern und seinem Sohn erzählt. Ob die schon verheiratet seien, fragte ich, und er verneinte. Seine jüngste Tochter war ein bisschen älter als ich. Mir kam es so vor, als ob ihn die Vorstellung erschrecken würde, dass die vielleicht auch mit Männern ins Bett ginge und dabei Spaß hätte. Wir sprachen nicht mehr darüber. Walter schlief ein.
Am nächsten Morgen, ich hatte meinen freien Tag, schlug ich vor, einen Ausflug nach Ste-Marguerite zu machen. Walter zögerte ein bisschen, stimmte dann zu. Er wollte mit dem Motorrad fahren, aber das wäre mir zu anstrengend, sagte ich. Ein Taxi wäre das richtige, sagte ich, wir lassen uns hinbringen und abends abholen. Steph freute sich riesig, mich zu sehen. Wir redeten ein bisschen und tranken Saft.
Aber das war nicht der Grund, warum ich nach Ste-Marguerite wollte. Ich wollte Walter das Hotel zeigen, den Laden, den Steph und Baron bis vor einem Jahr geführt hatten, bis ihnen das Geld ausging. Da hatte ich ein paar Wochen gearbeitet, als ich rüberkam. Das Hotel liegt direkt hinter einem Felsen, über den man zu einem wunderschönen Strand kommt. Es hat drei Stockwerke, eine lange Veranda, eine richtige Rezeption und einen Speisesaal. Die Zimmer in der ersten Etage haben Balkons, von denen aus man das Meer sehen kann. Sechzehn Zimmer gibt es, alle haben ein eigenes Duschbad. Die Küche ist professionell eingerichtet.
Als Steph das Hotel betrieb, waren immer Gäste da, obwohl sie gar keine Werbung machte. Jetzt war es ein bisschen schäbig geworden. Man müsste nur die Wände streichen und ein paar Dinge reparieren. Und es stand zum Ver-kauf. Die Bank wollte nur sechzigtausend Euro dafür, inklu-sive Grundstück. Ein günstiges Darlehen für die Renovierung und die Einrichtung sollte der Käufer auch bekommen. Walter schien nicht besonders begeistert zu sein. Mir war selbst nicht klar, warum ich Walter unbedingt das Hotel hatte zeigen wollen. Vielleicht hatte ich insgeheim gehofft, er würde sagen: Toll! Das wäre doch genau das, was du dir wünschst. Und: Ich kann dir helfen, ich kann dir das Geld leihen. Tatsächlich hatte ich genau davor Angst, dass er einen solchen Vorschlag machen würde, denn dann hätte er doch denken müssen, dass ich es von Anfang an darauf angelegt hatte. Nein, was ich mir wirklich wünschte an diesem Tag in Ste-Marguerite war, dass Walter mir sagen würde: Gwen, ich liebe dich. Ich möchte mir dir zusammen sein. Lass uns gemeinsam das Hotel herrichten und hier leben. Ich hätte mir gewünscht, dass er den Rest seines Lebens mit mir verbringen wollte. Ich hätte mir ein Kind von ihm gewünscht.
Steph ist in vieler Hinsicht mein Vorbild, eine starke Frau, die noch nie wirklich einen Mann gebraucht hat, um mit dem Leben klarzukommen. Das einzige Mal, wo sie sich ganz und gar auf einen Kerl verlassen hatte, das war, als sie mit Baron das Hotel gekauft hat – und das ist schief gegan-gen. Ich weiß nicht genau, ob das an Baron gelegen hat. Ich weiß nur, dass Steph aus dem Nichts und ohne jede fremde Hilfe ihre Bar am Hafen aufgemacht hat, nachdem Baron still und heimlich abgehauen ist. Am liebsten würde ich mein Leben auch ganz alleine aufbauen, und wenn dann ein Mann käme, der passt, egal wo er herkommen würde, egal wie er aussähe und wie alt er wäre, dann würde ich ihn aufnehmen und versuchen mit mir zusammen zu leben mit allem Drum und Dran. Steph hatte es nach dem Desaster mit Baron und der unglücklichen Affäre mit Gerard ganz offensichtlich auf-gegeben, einen Lebenspartner zu finden. Sie spielte nur noch mit den Typen und hielt sie sich ansonsten vom Leib.
Wir verbrachten den Nachmittag in der winzigen Bucht unter dem Felshügel. Walter genoss es genau wie ich. Dann gingen wir noch einmal zum Hotel, später schauten wir bei Steph rein und trafen Dennis. Was hältst du davon, fragte ich Walter, wenn wir mit Dennis zurückfahren, auf seinem Boot? Walter gab zu bedenken, dass der Taxifahrer auf uns warten würde. Ich sagte nur: Ach, das regelt Steph. Wir lassen das Fahrgeld einfach bei ihr. Wir kamen genau bei Sonnenunter-gang im Yachthafen von Saint-Anne an. In der Nacht lagen wir zärtlich beieinander.
Und dann passierte etwas, vor dem ich in diesen Tagen manchmal Angst bekommen hatte. Wir hatten ja noch den halben Tag, dann würde ich ins Hotel zurückgehen müssen und drei Tage am Stück arbeiten. Walter kam mir bedrückt vor, aber auch sehr liebebedürftig. Nachdem wir ausgiebig gefrühstückt hatten, sagte ich deshalb zu ihm: Gehen wir noch einmal zusammen ins Bett, bevor du weg musst? Er nickte. Wir lagen nackt und ohne Laken da, als die Putzfrau ins Zimmer kam. Ich erschrak und schämte mich auf unendlich viele Arten für alles das, was ich in diesen Tagen mit Walter getrieben hatte. Es war nicht recht, das wusste ich in dem Moment, in dem die Frau mir in die Augen sah, die Hände vors Gesicht schlug und den Raum ohne ein Wort verließ. Ihr Blick hatte es gesagt: Nutte! Was hätte sie sonst denken sollen? Eine junge Schwarze nackt im Bett mit einem alten Weißen. Welche vernünftigen Erklärungen hätte es sonst dafür geben können, außer der, dass ich mich für Geld ficken ließ?
Was ist, fragte Walter, kriegst du jetzt Ärger? Was meinst du, schrie ich, was die jetzt denkt? Er versuchte, mich zu beruhigen. Jeder wird es erfahren, jeder! Ich kann nur noch weggehen, ich bin verbrannt. So schlimm könne es doch nicht sein, meinte er. Ich war so wütend, Walter verstand so wenig. Ich nahm meine Sachen, zog sie über und rannte raus.
Walter über das Ende
Eine weiße, grelle Sonne hing über mir an einem flachen blaugrauen Himmel. Sie brannte durch meine geschlossenen Augenlider. Wie spät ist es? Meine Zunge bewegte sich im Mund und strich an der Innenseite der Vorderzähne entlang. Das ergab ein schabendes Geräusch. Ist die Nacht vorbei? Ich nahm alle Kraft zusammen und öffnete den Mund. Stell keine Fragen! Ein Schatten zog durchs Licht. Durst, wollte ich sagen, aber es kam kein Ton aus mir. Links von mir raschelte etwas. Wie spät ist es? Meine Augen sprangen auf, und ich konnte sehen. Ich schluckte. Ganz trocken. Da kam etwas in meinen Mundwinkel, und Wasser floss. Ich schluckte. Guten Tag! Man sprach mich an. Ja, ja, dachte ich und schluckte mehr. Ich presste die Lider zusammen, um in Ruhe nachzudenken. Allo, sagte die Stimme. Allo! Ja, ja. Viel Wasser trinken. Die Hand legte sich auf meine Stirn. Eine fremde Sprache. Ein Luftzug. Das wollte ich sehen. Augen auf, Mund zu. Biss auf den Schlauch. Lakritz. Konnte das kauen. Ein Gesicht verdunkelte die Sonne. Monsieur? Mein Name ist Walter. Er ist wach. Das auf Englisch. Zwei Hände in meinem Gesicht. Der Schlauch verschwindet. Rascheln neben mir. Ja, sagte ich, das konnte ich hören. Gummi quietschte am Boden. Viele Schritte. Und noch mal: Allo, Monsieur. Er versteht nur Englisch. A, qui. Können sie mich hören? Womit hätte ich nicken sollen? Klappte die Augen zu und wieder auf. Ja, ja.
Ich war hinter Gwen durch die Felsen gestiegen, ein schmaler Pfad. Senkrechte Mittagssonne. Berührte den Stein, um mich abzustützen, und verbrannte mir fast die Hand. Windstill zwischen den Granitbrocken, die wie hingeworfene Bauklötze mitten in den struppigen Hügeln oberhalb der Bucht lagen. Gwen rief mir etwas zu. Ich schrie: Ja, ja! Unser eigener Strand. Und es ging noch ein Stück aufwärts. Sie verschwand hinter einem Felsen, und ich war allein mit der Sonne. Mein Magen rebellierte. Ich erbrach das Frühstück in einen Dornenstrauch. Hockte mich hin. Rasende Kopf-schmerzen. Brüllte: Gwen! Die Farben zogen sich zurück, die schwachen Grau- und Grün- und Ockertöne. Ein greller Schwarzweißfilm. Sah zu Boden und zählte meine Schweiß-tropfen auf dem schwarzen Stein. Gwen! Versuchte mich aufzurichten. Ein Nagel in meinem Kopf. Rechts über dem Ohr. Bis tief ins Hirn. Noch einer. Der Fels wurde weiß, glühend hell und wich zurück. Ich schoss empor wie ein Gasballon. Etwas platzte. Das war alles, woran ich mich erinnern konnte.
Wie lange es gedauert hat, bis ich einordnen konnte, wo ich war, weiß ich nicht. Ich nahm zuerst den Raum mit den weißen Wänden, der weißen Decke und der runden Deckenleuchte wahr. Dann wusste ich, dass ich in einem Bett lag. Ich erkannte den Geruch eines Krankenhauses. Nach und nach gewann ich Kontrolle über Augen, Ohren und Mund. Hätte sprechen können, war mir aber nicht sicher, ob jemand es hätte verstehen können. Es waren Menschen im Raum, zwei, vielleicht drei Personen, die leise miteinander redeten. Nach einer Zeit gelang es mir, den Kopf leicht zu drehen. Zwei Schläuche steckten in meinen Nasenlöchern, die führ-ten zu einem Gestell neben dem Bett. Ich konnte ein Fenster sehen, mit einer silbernen Jalousie. Ich versuchte zu lächeln. Jemand trat zu mir und sprach mich auf Englisch an: Kön-nen sie mich verstehen? Ich schaffte ein kurzes Nicken. Gut, sagte die Stimme. Wissen sie, wo sie sind, und was passiert ist. Ich bewegte den Kopf hin und her. Können sie mir ihren Namen sagen. Ich schluckte ein paar Mal, öffnete die Lippen und versuchte, ein W zu formen. Setzte noch einmal an und sagte: Walter. Es kam richtig, schien mir. Ja, Walter, sie werden bald wieder gesund sein. Bin ich krank? dachte ich. Und schlief ein. Sehr tief, sehr fest.
Als ich das nächste Mal wach wurde, sah ich ihr Gesicht und erkannte es. Das war Gwen. Das Gesicht stürzte auf mich, sie küsste mich auf den Mund. Tränen in ihren Augen. Ihre Hände waren irgendwo an mir, aber ich konnte nicht orten wo. Sie sprach mich an. Das war zu kompliziert, sodass ich die Augen schloss und wieder einschlief.
Dann wachte ich irgendwann im Dunkeln auf. Das war besser. Ich konnte mich an vieles erinnern. Ich hob den Kopf an. Lag flach auf dem Rücken unter einem weißen Laken. Ich hatte eine Vorstellung davon, dass ich gelähmt sein könnte. Konzentrierte mich auf meine rechte Hand und versuchte, die Finger zu bewegen. Es gab eine Rückmel-dung, wobei ich nicht sicher war, ob sich wirklich etwas bewegt hatte. Ich verbrachte Stunden damit, verschiedene Körperteile zu bewegen. Als eine Nachtschwester reinkam, um nach mir zu sehen, hatte ich die Bestandsaufnahme abge-schlossen: Meine rechte Seite gehorchte den Befehlen nicht. Links ging alles, allerdings war ich nicht sicher, ob ich den linken Fuß bewegen konnte. Die Schwester sprach mich nicht an, las ein Instrument ab und richtete mein Laken. Dann war sie wieder weg.
An manchen der folgenden Tage, Gwen verbrachte die meiste Zeit an meinem Bett, war meine Sprache wieder weg. An anderen Tagen hatte ich das Gefühl, die Lähmung wäre verschwunden. Es ging auf und ab. Ich wusste jetzt, was geschehen war. Auf dem Weg über den felsigen Hügel zu der kleinen, halbkreisförmigen Bucht, an der wir einen einsamen Strandtag verbringen wollten, war ich zusammengebrochen.
Gwen hatte mich auf der Seite liegend aufgefunden, nachdem sie am Fuß des Hügels auf mich gewartet hatte und den Weg zurückgegangen war. Sie hatte versucht, mich zu tragen, aber ich war zu schwer für sie. Sie hatte aus Ästen und ihrem T-Shirt ein Schutzdach gebaut, damit ich Schatten hätte, und war ins Dorf gelaufen. Ein junger Mann, der bei der Armee Sanitäter gewesen war, kam mit. Ihm war schnell klar, dass es ernst war mit mir. Sie riefen die Ambulanz. Die traf nach zwei Stunden ein. Inzwischen hatte Gwen bei mir ausgeharrt und mich mit Wasser versorgt. Man trug mich den Hügel hinab und zum Krankenwagen. Der Notarzt un-tersuchte mich und nahm an, ich hätte einen Schlaganfall gehabt. Man verständigte die Universitätsklinik in Point-a-Pitre. Ein Helikopter holte mich, Gwen flog mit. Ich wurde operiert.
Tatsächlich hatte sich ein Gerinnsel an der Stelle gelöst, an der sich die Halsschlagader in Richtung Hirn verzweigt und hatte ein paar Millimeter weiter die Blutzufuhr der linken Hirnhälfte blockiert. Die Ader wurde mit einem aufblasbaren Katheter geweitet, das Gerinnsel endoskopisch entfernt. Ich hätte Glück gehabt, sagte mir der Oberarzt. Dafür, dass zwischen dem Anfall und der Operation mehr als drei Stunden gelegen hatten, war die Sache gut abgegangen. Ich würde vermutlich keine Lähmung zurückbehalten, und meine Sprachfähigkeit käme sicher auch bald zurück.
Walter, Gwen und die Zukunft
Am Donnerstag zuvor hätte ich abreisen sollen, die vierzehn Tage waren um. Am Mittwochabend feierten Gwen und ich Abschied am Imbiss von Amanda und Yvonne. Dann spazierten wir am Wassersaum den Strand entlang. Es war Vollmond. Ich versprach, wiederzukommen. Wir liebten uns noch einmal im Sand auf der Halbinsel unter meiner Palme. Gwen weinte. Wir gingen zu meinem Studio. Noch ein Glas Wein. Kannst du nicht noch eine Woche länger bleiben? Ich schüttelte den Kopf. Wir könnten nach Ste-Marguerite gehen und bei Steph wohnen. Ich könnte mir Urlaub nehmen, es sind sowieso kaum Gäste im Hotel. Ich dachte an all die Möglichkeiten, die ich in den letzten Tagen betrachtet hatte. Und plötzlich war mir klar, ich konnte noch nicht weg, ich musste klären, wie es mit mir weitergehen sollte. Du hast Recht, sagte ich einfach, ich bleibe noch. Gwen schrie auf vor Glück.
Am Freitagmorgen packte ich. Rief vom Empfang aus den Flughafen an und stornierte meinen Flug. Nahm ein Taxi und holte Gwen vom Hotel ab. Was hat der Manager dazu gesagt, dass du Urlaub haben wolltest? Er hat mich rausgeschmissen. Sie lachte. War sowieso ein Scheißjob. Sie hatte nur eine Reisetasche. Wir fuhren nach Ste-Marguerite. Steph freute sich uns zu sehen und lachte nur, als Gwen berichtete, dass man ihr gekündigt hatte. Wir könnten ein paar Tage in einem der leerstehenden Ferienhäuser wohnen, um die sich Steph kümmerte. Neue Gäste kämen erst am Mon-tag oder Dienstag. Und danach würde man sehen. Wir quartierten uns in einem winzigen Studio am Hang ein, die Terrasse hing über dem steilen Hügel. Wir aßen bei Steph, redeten und liefen weit nach Mitternacht den Berg hoch zu unserem neuen Heim. Saßen noch auf der Veranda und sahen das Meer im Mondlicht blinken. Wir könnten doch in das Hotel gehen. Ich sah sie fragend an. Baron ist doch abgehauen, die Türen stehen offen. Gute Idee, sagte ich. Wir schliefen unruhig in der Nacht.
Am Morgen erzählten wir Steph von dem Plan, und sie fand auch, dass es eine gute Idee sei. Die erste Nacht schliefen wir auf Matten im Speisesaal. Dennis lieh uns am Montag seinen alten Toyota, und wir fuhren nach Point-a-Pitre um Farben, Pinsel, Werkzeug und das nötigste Baumaterial zu kaufen. Den Rest der Woche verbrachten wir damit, das schönste Zimmer im obersten Stock herzurichten und die Küche. Dennis hatte irgendwie organisiert, dass wir fließendes Wasser hatten, und ein Freund von ihm hatte eine Stromleitung angezapft, die ein Stück entfernt parallel zur Straße verlief. In der größten Mittagshitze schliefen wir, abends zur Zeit des Sonnenuntergangs gingen wir schwimmen.
Wir hatten unseren Privatstrand gemeinsam entdeckt. Oberhalb und unterhalb von Ste-Marguerite gibt es je einen schmalen Streifen Sand am Meer. Der nördliche ist den wenigen Touristen vorbehalten, dort betreibt eine Freundin von Steph eine kleine Bar. Der Südstrand ist der Treffpunkt der Einheimischen, dort baden sie, dort brennen nachts Grillfeuer, dort tanzen die Jugendlichen. Vom Hotel aus sind es gut zweihundert Meter bis zum äußersten Zipfel dieses Strandes. Dort gingen wir zum Baden. Begrenzt wird der Strand von einem steilen, felsigen Hügel, der zwanzig, dreißig Meter ins Meer hineinragt. Einmal sind wir zusammen hinausgeschwommen, dicht unterhalb des Felsens, die See lag ruhig, weil wenig Wind ging. Die Strömung hatte uns weiter südwärts getrieben, sodass wir sehen konnten, was sich jenseits der Felsen befand. Wir sahen eine kleine, halbrunde Bucht, die an allen Seiten von Steinhängen begrenzt war. Wir schwammen hin und fanden einen idealen Strand, kaum fünfzig Meter lang, zwischen den Felsen und der Brandung, nicht mehr als zehn Meter breit. Unter dem Stein wuchs auf halber Höhe ein mächtiger Busch aus dem Sand, der Schatten warf. Wir suchten nach einem Pfad, der aus der Bucht hinausführte, fanden aber nur ein paar Steinstufen. Also schwammen wir zurück und beschlossen, am nächsten Tag vom Inselinneren aus einen Weg zu unserer Bucht zu erkunden.
An diesem Wochenende hatten wir die Arbeiten am Hotel vorläufig eingestellt, alles war in einem Zustand, den man aushalten konnte. Am Dienstagmorgen, wir hatten beim Frühstück ein bisschen die Zeit vertrödelt, brachen wir auf zu unserem Strand. Auch dieser Tag war ungewöhnlich windstill und sehr heiß. Wir marschierten zu dem Hügel, hinter dem wir die Bucht vermuteten und suchten einen Einstieg. Nach gut einer Stunde hatte Gwen einen Pfad ent-deckt, der aufwärts führte. Sie ging voran. Ich nahm noch einen Schluck aus der Wasserflasche und folgte ihr. Sie kletterte geschickt und schnell durch die Felsen. Zu schnell für mich, mein kaputter Fuß behinderte mich. Kurz vor der höchsten Stelle traf mich der Schlag.
Ich bin nicht transportfähig. Das Risiko eines Langestreckenflugs sei viel zu hoch, sagt der Doktor. Ich werde also hierbleiben. Mindestens sechs Monate, vielleicht acht. In drei bis vier Wochen werde ich entlassen. Ich habe die Hoffnung, dass ich nicht im Rollstuhl sitzen muss, sondern an Krücken werde gehen können. Mein rechtes Bein habe ich auch schon wieder gut unter Kontrolle. Gwen hat eine Wohnung am Rand von Point-a-Pitre gefunden, am Hang oberhalb der Rocade in einem der modernen Häuserblocks. Das Appartement liegt im obersten Stockwerk, man kann vom Balkon aus die Bucht überblicken. Der Verwalter kam ins Krankenhaus, damit ich den Mietvertrag unterschreiben konnte. Ich freue mich auf unsere gemeinsame Wohnung. Gestern habe ich Martin angerufen und erzählt, was passiert ist. Macht euch keine Sorgen, habe ich ihm gesagt, mir geht es gut. Gwen kümmert sich um mich. Wann ich denn zurückkäme, fragte Martin, und ich habe nur gesagt: Ich weiß es nicht.
