Das Anwesen

Im Sommer trug Professor B. gern orientalische Gewänder. Als ich mich seinem Atelier näherte, das er gern seine Hütte nannte, saß er da auf der hölzernen Veranda in einer blau und ockerfarben gestreiften Djellaba. Ein Kopf eher wie Zeus denn wie ein arabischer Scheich. Mit einem grauen Schopf und akkurat gestutztem Vollbart. Er verfolgte meine Schritte mit eisigem Blick und erhob sich nicht, um mir die Hand zum Gruß zu erreichen. Stattdessen deutete er auf einen freien Stuhl am Tisch und sagte leise: „Setzen“. So wie er auch sonst immer sehr leise sprach, eine Methode, die Zuhörer zu unbedingter Aufmerksamkeit zu zwingen. Er schob eine Kanne mit kaltem Minztee über den Tisch und forderte mich mit einem Nicken auf, mir einzuschenken. [Lesezeit ca. 8 min]

Der rundum verglaste Holzbungalow thronte oben auf dem Hügel über dem Anwesen am Waldrand. Im Inneren mehrere große Tische, auf denen sich Pläne häuften, dazu Dutzende Papprollen. Kein Computer, dafür mitten im Raum ein Block lückenlos gefüllter Bücherregale. Als ich in den von hölzernen Säulen getragenen Raum blickte, sah ich eine nackte Frau, die gelassen über das Parkett schritt. „Meine Muse“, sagte Professor B. mit einem sanften Lächeln.

Er hatte mich immer noch nicht erkannt, und ich dachte auch nicht daran, mich zu erkennen zu geben. Ganz sicher erinnerte sich nicht an den schüchternen Oberschüler, der damals mit seiner Tochter Beatrice ging und ihn aufrichtig bewundert hatte. Gerade war er berühmt geworden mit der Planung und Realisierung des Salman-Al-Ahmin-Parks, den er nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten entworfen hatte. Noch war er noch nicht zum Professor für Gartenarchitektur geworden, und auf dem Anwesen am Rand von U. stand damals nur das Haupthaus. Er sprach mit uns jungen Leuten, die Freunden seiner Kinder, die regelmäßig zum Essen kamen. Dann saß selten mehr als ein Dutzend Mädchen und Jungen zwischen zwölf und zwanzig am langen Tisch in der Wohnküche, B. und Maria, seine Ehefrau an den Kopfenden.

Er hatte es nicht nötig zuzuhören. Meist stellte er eine Frage an uns alle, wartete aber keine Antwort ab, sondern begann einen Monolog über das von ihm angeregte Thema zu halten. Die Mutter schwieg, und seine Kinder blickten betreten auf ihre Teller. B. schnitt an, was er persönlich von den Zeiten und der Jugend der späten Sechzigerjahre hielt. Damals noch mit wirr geschnittenem pechschwarzen Haar und einem Schnauzbart, der ihn aussehen ließ wie eine Mischung aus Stalin und Günther Grass. Nach dem Dessert zog er sich zurück, und dann entstanden die Gespräche unter seinen Gästen.

Ihre sechs Geschwister nannten sie Tritschi, weil der Vater ihren Vornamen meist italienisch aussprach, einen Spitznamen, den sie hasste. Wer sie mag, sagte Bea zu ihr. Sie war das mittlere Kind zwischen zwei Zwillingspaaren, die vor und nach ihr geboren waren. Dass die Mutter es gesund überstanden hatte, fünf Kinder in nur sechs Jahren zu gebären, brachte ihr die Bewunderung anderer Frauen ein. Später hatte das Ehepaar B. dann noch einen Jungen und ein Mädchen aus Algerien adoptiert. Bis zu seiner Professur war Maria die Erfolgreiche in der Familie, die als Autorin viel beachteter Romane auch das Geld für den Kauf des Grundstücks zwischen Wald und See erwirtschaftet hatte.

Professor B. sah mich weiter aus seinen wässrig blauen Augen an und wartete auf meine erste Frage. Er hatte sich so platziert, dass die untergehende Sonne einen Strahlenkranz rund um seinen Schädel malte. Mir war klar, dass es nur einer Frage bedurfte, ihn zum Reden zu bringen. In der Vorbereitung hatte ich Dutzende Fragen entworfen und wieder verworfen. Ich kannte ihn ja gut genug, wusste beinahe alles über ihn, was öffentlich verfügbar war. „Wie gehen Sie mit dem Erfolg Ihrer Gattin um?“, improvisierte ich in der Absicht, ihn zu provozieren, denn der neuste Roman, den Maria B. wie immer unter ihrem Mädchennamen publiziert hatte, war gerade Nummer 1 der Spiegel-Bestsellerliste geworden.

Vermutlich hatte das Honorar, das Prinz Salman ihm gezahlt hatte, gereicht, die Familie wohlhabend, wenn nicht sogar reich zu machen. So entstand nach und nach das Anwesen rund um das Haupthaus, einen anderthalbstöckigen Backsteinbau mit Flachdach, an den sich nach und nach immer neue Wohngebäude und Arbeitshäuser angliederten. In seiner Zeit als persönlicher Garten- und Parkberater des marokkanischen Königshauses verdiente Professor B. dann so viel, dass er begann, für jedes seiner Kinder eine speziell entworfenes Haus an sieben verschiedenen Orten im Land zu bauen.

„Ich bewundere meine Frau, ihre Rolle als Gattin und Mutter von sieben Kindern, aber auch ihre literarische Arbeit“, antwortete er im Flüsterton. „Sie hat zu unserem Wohlstand beigetragen wie ich.“ Er nahm einen Schluck Tee. „Maria und ich sind vor mittlerweile über sechzig Jahren aufgebrochen, den Weg unserer Träume zu gehen. Und sind noch längst nicht angekommen.“ Mir war klar, dass er wollte, ich möge nachbohren, was die nächsten Pläne wären. Aber ich wollte woandershin mit meinem Interview.

Die Begegnungen mit Beas Vater kurz vor meinem Abitur waren der Grund, weshalb ich Architekt werden wollte. Genauso stellte ich mit mein Berufsleben vor: Bauten zu entwerfen, Gärten zu planen, Menschen Plätze zum Leben zu geben. Und insgeheim hoffte ich, Bea würde mir dabei helfen, von Professor B. gefördert zu werden. Aber, wie sich zeigte, nahm er mich kaum wahr. So wie er die Freunde seiner Kinder und auch seine Kinder kaum wahrnahm. Er sah sie ohnehin nur bei diesen inszenierten Mahlzeiten. Außerdem war gut ein Drittel des Jahres auf Reisen zu seinen Projekten im Maghreb, in Arabien und in Südostasien. Später kamen noch die Vortragsreisen hinzu, und zudem bestand er darauf, mindestens sechs Wochen pro Jahr Urlaub ohne die Familie zu machen.

„Sie haben in sehr jungen Jahren den Gartenbaubetrieb der Eltern übernommen. Wie konnte daraus so schnell dieses weltweit führende Architekturbüro werden? Hatten Sie Förderer?“ Seine Verärgerung war deutlich zu spüren. Er hatte sich auf seinem Deckchair vorgebeugt und antwortete schnell: „Ach, wissen Sie, wen interessiert das noch nach all den Jahren. Dazu ist doch schon alles gesagt und geschrieben.“ Ich kannte die Geschichte, Bea hatte sie mir vor vielen Jahren erzählt. Dass der Vater ohne Abitur per Begabtenprüfung einen Platz an der Kunstakademie bekommen und sich in die Architekturklasse eingeschlichen hatte. Wie er Maria, die Tochter aus der reichen Hugenottenfamilie Piquet kennengelernt und umgarnt hatte. Wie er sich bei deren Vater eingeschleimt hatte, sodass der ihm das Kapital für die Firmengründung gegeben hatte unter der Bedingungen, er würde die bereits schwangere Maria heiraten.

Dass sie das Ungeborene kurz darauf verlor und das Paar einen Pakt beschloss, dass jeder seinen eigenen Weg einschlagen konnte, dass die Familie vor allem der Außensicht zu dienen habe, während sie ihre Romane schrieb und er seine Bauten und Gärten entwarf. Die so errichtete und mit Kindern befüllte Kulisse hielt erstaunlicherweise über diese lange Zeit und hatten Maria und ihm gegeben, was sie sich von der Vereinbarung erhofft hatten.

„Sie haben recht, Herr Professor“, redete ich ihm nach dem Mund, „ich wollte unseren Lesern lediglich ihre Erfolgsgeschichte von Beginn an schildern.“ Professor B. lehnte sich wieder zurück, wandte den Blick ins Innere des Ateliers und machte eine Handbewegung in dieser Richtung. Die schöne, junge Frau erschien im Rahmen der Schiebetür, dieses Mal bekleidet mit einem weißen, einigermaßen transparenten Kleid, musterte mich kurz und sah ihn dann fragend an. „Ein anderes Getränk für Sie? Einen kleinen Imbiss?“ Ich schüttelte den Kopf, und er schickte seine Muse mit einer weiteren Handbewegung weg.

Eigentlich wollte ich den Lesern der Architekturzeitschrift, für die ich als freier Journalist tätig bin, seine Erfolgsgeschichte nicht schildern. Eigentlich wollte ich überhaupt keinen Artikel über Professor B. schreiben. Ich hatte auch gar keinen Auftrag dazu. Alles, was ich wollte, war zu prüfen, ob und wie viel meiner Bewunderung noch übrig war nach all den Jahren. Und ob ich noch Hass empfand auf den Mann, der mich nicht gefördert hatte, sodass ich nicht wie er Architekt werden konnte, sondern nur über Architektur schreiben durfte. Ganz abgesehen davon, dass ich mich auf irgendeine Weise dafür rächen wollte, wie er Bea und mich auseinandergebracht hatte.

Wir waren für unser Alter ein ideales Paar: ich ein verträumter Typ mit künstlerischen Ambitionen, sie das selbstbewusste Mathegenie mit dem extrovertierten Auftreten. So unterschiedlich wir waren, so sehr fühlten wir uns als Seelenverwandte, als zwei Menschen, die sich perfekt ergänzten. Auch unsere Fähigkeiten passten zueinander wie Puzzlestücke. Bea halt mir, wenn es um Mathe und Physik ging, ich war ihr informeller Nachhilfelehrer in Englisch und Deutsch. Mein Lebenstraum war es, Künstler zu sein, sie wollte Ingenieurin werden. Wir waren uns sicher, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben würden.

Professor B. aber, inspiriert von seinen arabischen Kunden, dachte in Dynastien. Eines seiner Kinder sollte das Unternehmen nach seinem Tod übernehmen. Die Adoptivsöhne kamen im Rahmen dieser Philosophie nicht in Frage, die älteren Zwillinge hatten ihr Talent von der Mutter geerbt, und die beiden ältesten Töchter waren aus dem Korsett der Familie geflüchtet, sobald sie gerade volljährig geworden waren. Beatrice schien die natürliche Nachfolgerin des Vaters. Vorausgesetzt, sie würde angemessen heiraten, am besten einen Mann, der von Hause aus Kapital in das Architekturimperium bringen würde.

Damals, im letzten Schuljahr, war für uns beide klar gewesen, dass wir zusammenbleiben würden. Sie wollte Ingenieurin werden, ich Architekt. Wir sprachen darüber, als wäre es längst entschieden. Professor B. sah das anders. Er sprach nie mit mir, er sprach nur mit ihr über das Thema. Zunächst eher beiläufig, später gezielt: von Verantwortung, von Zukunft, von Familien, von Generationen. Irgendwann erwähnte einen jungen Ingenieur aus Casablanca, der in seinem Architektenbüro ein Praktikum machte, Sohn eines befreundeten Unternehmers, ein Mann mit Perspektive, wie er sagte.

Bea lachte anfangs darüber. Doch irgendwann begann sie, die Argumente des Vaters zu wiederholen. Dass es für sie leichter wäre, wenn sie in ein bestehendes Netzwerk einheiraten würde. Dass man in dieser Branche Verbündete brauche, gerade als Frau. Mein einziges Argument war, dass wir uns doch lieben würden. Gefühl und Lebensplanung seien doch zwei verschiedene Dinge, entgegnete sie. Eines Abends, nach einem dieser inszenierten Essen, bat sie mich, nicht mehr zu kommen. „Es macht alles komplizierter“, sagte sie, „mein Vater hat recht, wir leben in verschiedenen Welten.“ Ich gehorchte.

Gut ein Jahr später hielt ich die aktuelle Ausgabe der Architekturzeitschrift in der Hand, für die ich heute schreibe. Auf Seite sieben unter den Personalnachrichten die Notiz über eine Hochzeit in Rabat: Beatrice, Tochter des renommierten Gartenarchitekten B. habe einen aufstrebenden Bauunternehmer und Berater des Königshauses geheiratet. Dazu ein Foto von Bea im traditionellen marokkanischen Hochzeitgewand an der Seite ihres Ehemanns.

Mir fiel nicht ein, wie ich mich an diesem selbstgefälligen alten Mann rächen könnte. Wie ich ihn noch mehr provozieren könnte. Vermutlich nur durch Fragen nach seiner Frau. „Und Ihre Frau?“, begann ich. „Maria. Schreibt sie noch?“ Er sah mich nicht an, sondern richtet seinen Blick auf den See, der hinter den stillen Gebäuden des Anwesens in der Sonne blinkte. „Maria hat immer gearbeitet, immer weiter“, antwortete er. „Sie lebt unten am See. In ihrem Pavillon.“ Er sagte es so, als sei das nie anders gewesen.

„Man sagt, sie empfängt niemanden mehr.“ Jetzt hob er den Kopf und schaute mir gerade ins Gesicht, als sei ihm in diesem Moment etwas aufgefallen: „Wer sind Sie eigentlich?“ Ich nannte meinen Namen. Er wiederholte ihn leise, als wolle er prüfen, ob er ihn irgendwann gehört hatte. „Ach“, sagte er schließlich. „Der Freund meiner der Tochter, der Junge, der zu uns gehören wollte.“ Ich kommentierte das nicht. „Sie hätten nie in diese Familie gepasst“, stellte er ganz nüchtern fest.

„Ich weiß“, gab ich zurück und erwiderte zum ersten Mal seinen harten Blick. „Und doch sind Sie wiedergekommen.“ Nach einer Pause: „Weshalb?“ Ich schaute durch die Glasfront ins Atelier: die Regale, die Pläne, die Muse im Türrahmen lehnend. „Ich bin gekommen, um zu sehen, ob Sie es wert waren.“ Er atmete aus, und es hörte sich an wie ein Stöhnen. „Maria hat sich zurückgezogen, als das letzte Kind ging“, erklärte er. „Sie wollte nicht mehr Teil des Betriebs sein. Sie schreibt dort unten. Sie spricht kaum noch. Nicht mit mir, nicht mit den Kindern.“ Er machte eine fahrige Handbewegung, als wolle er etwas Unsichtbares wegwischen. „Sie hat sich verabschiedet, ohne das Grundstück zu verlassen.“ Ich konnte nicht einschätzen, ob dies nur eine der Geschichten war, die er sich zurechtlegte, um die Dinge erträglicher zu machen.

„Sie können zu ihr gehen“, sagte er schließlich. „Sie wird Sie nicht erkennen. Aber vielleicht erkennen Sie etwas.“ Ich stand auf: „Das Interview ist beendet.“ Er nickte, als hätte er genau darauf gewartet. Als ich die Veranda verließ, hörte ich seine Stimme hinter mir, kaum mehr als ein Flüstern: „Sagen Sie Maria nicht, dass ich über sie gesprochen habe.“ Ich blieb nicht stehen und drehte mich nicht um.

Ich kam an den Gebäuden des Anwesens vorbei. Immer noch geputzte Fenster oder geschlossene Läden. Unkraut zwischen den Steinen der Wege, nie mehr zurückgeschnittene Büsche und Hecken. Das einzigartige Ensemble — das Haupthaus, die Gästebungalows, die Wohnpavillons, die Schwimmhalle – berühmt durch zahllose Artikel in den Architekturzeitschriften. Alles still, nichts verfallen, aber seit Jahren unbewohnt. Ganz unten glitzerte der See. Davor, halb verborgen von Sträuchern und Birken, Marias Pavillon. Ich ging einfach weiter.

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