Wie billig, magst du denken, da versucht der Kerl eine Frau mit einem Spargel-Gericht zu verführen – in der Hoffnung, es sei etwas dran an dem Gerücht, es handele sich um ein Aphrodisiakum. Aber, wollte ich wirklich Veronika verführen? Durch ein gutes Essen und die schmeichelnde Musik der Comedian Harmonists? Jedenfalls: Die Situation war da. Dabei war es gerade erst Frühling geworden in meiner Stadt. Nicht später als sonst, auch nicht früher.
Ach was, angefangen hat alles viel früher. Und wenn ich mir schon erlaube, die Sache aus meiner persönlichen Sicht zu schildern, dann nehme ich mir auch die Freiheit an einem x-beliebigen Punkt meiner Vergangenheit zu beginnen. Sagen wir mal: frühe Kindheit. Als ich Spargel noch verabscheute. Den Biss auf das faserige Äußere, der auf den weichen Kern trifft, der allzu viel Saft abgibt, der wiederum einen für Kindergaumen viel zu intensiven Geschmack freisetzt. Einen Geschmack, der – wie ich viel später feststellte – erhebliche Ähnlichkeit mit menschlichen Säften hat. Nein, Spargel mochte ich nicht – und musste ihn doch essen, denn man Vater war ein großer Spargelliebhaber.
Überhaupt war er wohl ein großer Liebhaber oder zumindest ein Mann, der die Frauen liebte. Den aber die Frauen anscheinend auch liebten, diesen nicht besonders großen Mann mit den Geheimratsecken und dem jungenhaften Lächeln, der seine Jugend – na ja, was für ein Gemeinplatz für einen im Jahr 24 Geborenen – im Krieg und in der Kriegsgefangenschaft verbracht hatte und 48 heimkam. Dieser Mann kam heim, lernte die erstbeste Frau kennen, die Frau, die als Vertriebene auf dem gleichen Bauernhof in Schleswig-Holstein untergekommen war wie dessen Mutter, die er schwängerte gleich beim ersten Mal.
Veronika heißt gar nicht Veronika, sie heißt Vera. Jedenfalls damals hieß sie Vera, als mein Bruder sie kannte. Ich glaube auch, sie mag gar nicht Veronika heißen, denn das ist ja nun auch ein ziemlich blöder Name. Wär sie eine Bayerin, würde man sie Vroni rufen. Zum Glück stammt sie aus Mecklenburg. Beziehungsweise: Ihre Eltern kamen daher. Kamen daher per Flucht, so um 55 rum. Da war sie aber auch schon sieben oder acht Jahre alt. Weiß gar nicht, ob man dort die Mädchen Veronika nannte. Vera passt besser. Passt besser zu ihren Haaren. Zu ihrem Gang, Zu ihrem Lächeln. Zu ihrem Schweigen.
Natürlich musste mein Vater sich ausprobieren. Vielleicht war ihm meine Mutter nicht genug. Darum schwängerte er Uschi, die Cousine meiner Mutter, die drei, vier Jahre jünger war, aber fast ihr Abziehbild: dickes, blauschwarzes Haar, dunkelblaue Augen, nur ein bisschen kleiner und runder. Das geschah ein paar Tage nachdem er mich gezeugt hatte. Oder ein paar Tage früher. Irgendwann im Februar 52. Wahrscheinlich zu Karneval, als die Menschen aus dem Osten, die im Rheinland gelandet waren, feierten. So feierten wie sie das immer getan hatten, auch in der Schweren Zeit (wie meine Mutter die Kriegsjahre nannte). Feiern konnten sie und Spaß haben, die Ostpreußen und Pommern. Und der Vater hatte eine Menge nachzuholen mit den Frauen, die ihn liebten.
Du kannst deine Scheiß-Zeitschriften behalten! schrie sie meinen Bruder an, der gerade die Jahrgänge der Twen in Kartons packte. Ich stand dabei und verliebte mich wieder. Vera trug ein rotes Sommerkleid mit Blumendruck, ein dünnes Teil, das mir durchsichtig erschien. In ihrer Wut hob sie den Kopf, reckte das Kinn und war wunderschön. Wie Uschi Obermeier. Das APO-Mädchen aus der Twen, da gab es Nacktaufnahmen von ihr, aber die Arme brav vor den Brüsten verschränkt. Genug für mich, genug für meine Phantasie.
Sag mal, Albert, was hat das jetzt alles mit uns zu tun? Ich bin Veronika. Ich esse dein Spargelgericht. Warum erzählst du mir das alles? Entschuldige. Hab nicht gemerkt, das ich das alles gesagt habe. Magst du noch ein Glas vom Riesling?
Pralle Stangen mit obszönen Köpfen, überglänzt von zerlassener Butter, eingewickelt in nackten Schinken. Am Stück zum Mund geführt, die Spitze voran – so will es die Benimmregeln – dann gebissen, dass der Saft teils in den Mund fließt, teils aus den Mundwinkeln tropft. Man meint, ertrinken zu können. Beobachte mal Frauen beim Spargelessen. Da gibt es verschiedene Typen. Diejenigen, die den weichen Kern aus der Faserhüllen saugen, und diejenigen, die wild und fest zubeißen.
Vera kam einfach so vorbei, obwohl mein Bruder nicht zuhause war. Na, du hast es dir aber gemütlich gemacht, sagte sie, weil ich auf der Terrasse den Liegestuhl aufgebaut hatte, ein paar Illustrierte lagen daneben, eine Flasche Limo dazu. Komm rein, was gibt’s? Wo ist denn dein Brüderlein? Keine Ahnung, noch im Büro? Nee, der hat heute frei. Ja, dann … Wo kann er denn sein? Was weiß ich? Bei Susanne? Wer ist Susanne? Kennst du doch, die war doch neulich auch mit als wir alle unten am Rhein waren zum Picknick.
Sie zog das rote Sommerkleid mit dem Blumendruck aus und trug einen gelben Bikini drunter. Leg dich ruhig in den Liegestuhl, ich hol mir nen Hocker. Willste auch was trinken? Da hatte sie die Limoflasche schon am Mund. Findest du die Susanne hübscher als mich? Kann ich nicht sagen … Komm schon, mal ehrlich. Ich fand Vera zu dünn, mochte aber ihre langen, glatten, blonden Haare, die in der Mittel gescheitelt ihr Gesicht beschnitten. Hast du ne Freundin? Na ja, ich geh mit der Ilka aus der Parallelklasse. Was heiß: Gehen? Wir sind oft zusammen. Und was macht ihr dann? Quatschen und so – zusammen gehen eben. Das ist doch dieses dürre Mäuschen ohne Busen: Zwei Erbsen auf nem Brett. Na, hör mal … Magst du nicht lieber mehr was zum Anfassen? Und nahm noch einen Schluck Limo. Du gefällst mir fast so gut wie dein Bruder. Ich stand auf und ging rein, nicht, um etwas tu holen, nur um da weg zu kommen. Vera kam mit ins Wohnzimmer, im gelben Bikini. Zog das Oberteil aus. Hier, fass mal an.
Bei uns zuhause gab’s oft Spargel. Frischen, wenn die Zeit danach war, oder welchen aus dem Glas oder aus der Dose. Erinnerst du dich noch? Spargeldosen waren höher als Dosen mit Erbsen oder Bohnen, eben so hoch, dass ganze Spargelstangen hinein passten. Auf dem Etikett waren Spargelstangen in Originalgröße abgebildet, rundum. Auf der Weihnachtsfeier der Brauerei bekam jede Familie einen Fresskorb, da waren solche Dosen drin. Mein Vater verschlang großen Mengen Spargel und sagte immer: Nur mit Butter, alles andere ist Sünde.
Obwohl ich dann doch ihren Busen anfasste. Einfach beide Handflächen drauflegte und ein wenig knetete. Küss mich. Legte meinen Kopf auf ihre Schulter und berührte mit meinen Lippen ihren Hals. Nein, richtig. Griff mich und küsste mich, dass ich fast keine Luft mehr bekam. Knöpfte mein Hemd auf. Streifte mein Hemd ab. Nahm meine rechte Hand und legte sie zwischen ihre Beine auf den warmen Stoff ihrer Bikinihose. Da war etwas Weiches darunter. Uschi Obermeier, dachte ich, nahm den Kopf zurück und starrte ihren Busen an.
Ach, Veronika, ich bin da. Dein Albert Lenz ist da. Die Vögel singen, wir sitzen im Garten und du bist ziemlich weit weg auf der anderen Seite vom Tisch, die Teller stehen noch da, und dein Weinglas ist schon wieder leer. Was schaust du so versonnen? Erinnerst du dich an deine Zeit als Vera? Magst du lieber grünen Spargel oder weißen, Liebste? Du weißt, dass der grüne aromatischer ist, die weißen Stangen aber viel dicker sein können. Hier, nimm noch einen Schluck Wein. Nein, ich will dich nicht betrunken machen, Veronika. Ich will dir nur zeigen, dass dies der Mai ist, die Maienzeit, die angekommen ist und dass dir gegenüber der Albert sitzt, dem du damals eine Ahnung davon gegeben hast, was Jungs mit Mädchen machen könnten. Wenn du die Arme hebst, dann sehe ich den hellen Flaum in deinen Achselhöhlen und bin sehr froh darüber.
Veronika, wenn ich dich anspreche, dann sage ich Vera, aber du bist meine Veronika. Nein, alt bist du nicht geworden, nicht wirklich, immer noch hast du diesen Blick, der mir sagt: Hey, du, ich will dich, jetzt. Und kann’s nicht glauben und füttere dich deshalb mit Spargel und gebe dir Wein zu trinken, damit ich es sein kann, der dich verführt, nachher, wenn der Sonnenuntergang genau so gut gelungen ist wie der Nachmittag unter dem Baum mit seiner milden Brise, die manchmal dein immer noch langes, in der Mitte gescheiteltes, vermutlich gefärbtes Haar verweht und einen Blick auf deine Ohren frei gibt, die ich in meinem Leben bisher nur einmal sah und die mich rührten, nein erregten, weil ich damals von einem Schulfreund gehört hatte, dass man an den Ohren einer Frau genau sehen könne wie ihre Muschi beschaffen ist. Da hatte ich mir vorgestellt, dass deine Lippen sehr schön sein müssten und das, genau das will ich heute Nacht herausfinden. Aber das ahnst du nicht, Geliebte, oder?
Vierundzwanzig Jahre lang, das weißt du, Vera-Veronika, habe ich von dir geträumt. Nein, nicht jede Nacht, das zu sagen wäre eine Lüge, aber jedes Jahr mindestens einmal und oft in Momenten, in denen ich mit einer Frau schlief. Immer in den Stunden, in denen ich zusammen mit einer Frau Spargel aß. Und wenn beides zusammenkam, dann hatte ich dieses Bild vor mir, dieses Bild von dir und dem Spargel, das heute, heute endlich wahr werden soll. Ahnst du das, Veronika? Oder wieso schaust du mich jetzt so an? Ist es die Ahnung, die dich seit Minuten ständig das Haar hinter die Ohren streichen lässt? Weißt du schon, was kommt? Du lächelst nicht mehr, du siehst mich ziemlich ernst an, dabei hat dieser Frühlingstag so gar nichts Ernstes an sich. Leicht ist der Tag, unbeschwert ist es, dass wir hier sitzen, an den Stangen zuzzeln und kühlen Wein dazu geben. Schwer ist nur die ganze lange Zeit, die wir gewartet haben, nicht wahr, Vera?
Vera ging natürlich ein und aus bei uns und übernachtete oft bei meinem Bruder. Mit dem teilte ich ein Zimmer und so musste ich ein, zwei Mal die Woche zum Schlafen umsiedeln in dieses so genannte Gästezimmer, das ganz am Ende des Ganges lag, der sich durch den Dachboden zog; das versteckte Zimmer, hatte mein Vater es genannt, denn es sei illegal gewesen, es auszubauen. Dort schlief ich in den Nächten, wenn Vera bei meinem Bruder lag. Direkt darüber war das versteckte Zimmer, wo ich zu sein hatte und hören konnte und musste, dass mein Bruder und Vera vögelten, was das Zeug hielt. An Wochenenden saß sie dann beim Frühstück, erhitzt und noch leicht errötet, lächelnd, und ich war voller Liebe zu ihr und Hass auf meinen Bruder.
Du kannst nicht mehr, Liebste? Sieh nur, da liegen noch drei besonders dicke Spargelstangen auf der Platte, schau mal, die eine hat eine besonders ausgeprägte Spitze, ich habe eine Sorte mit besonders schönen, violetten Köpfen gewählt für dich. Nein, Veronika, die wirst du nicht mehr essen. Such dir eine aus, die werden wir gleich mit ins Haus nehmen, wenn die Vögel nicht mehr zwitschern und der Maimond über mich lacht. Ein Kaminfeuer werde ich anmachen, denn die Nacht wird kühl, und du wirst davor liegen mit mir und dem Spargel. Du weißt nicht, dass ich dir nicht helfen kann, weil mein Spargel nicht wächst. Öffnen wirst du dich und ich werde deine Blüte studieren und weiter öffnen und betrachten im Feuerschein. Keine Angst, Vera, ich kann dir nichts tun. Die feuchte Stange werde ich durch deine Lippen ziehen, sodass der Kopf glänzt wie von Butter, und dann hinein schieben, so wie’s dir gefällt. Es wird dir gefallen, du Schöne.
Als dann meine Mutter im Sommer der Mondlandung auf Kur war, teilten wir drei uns die Wohnung. Sechs Wochen Hitze. Sie trieben es jede Nacht, aber ich musste es nicht mehr hören, denn ich war ins Schlafzimmer übergesiedelt. Und dann wiederholte sich, was drei Sommer zuvor geschehen war. Wieder lag ich auf der Terrasse in der Sonne, wieder war mein Bruder nicht da, wieder kam Vera zu mir, wieder zog sie erst das Kleid aus, dann das Oberteil, wieder fasste ich ihre Brüste an. Aber dieses Mal küssten wir uns. Dazu eine schmerzhafte Erektion, auf die sie ihre Hand legte, gerade in dem Moment als mein Bruder auf die Terrasse trat.
Schau mich nicht so an, Veronika. Es wird nur der Spargel sein, der dich teilt. Ich knöpf dir schon mal die Bluse auf, ja, Liebste? Damit die Brise deine Brüste streicheln kann. Das kann er noch besser als ich. Spürst du es? Ja, denn ich kann dich riechen. Jetzt liegst du neben mir, Vera. Ich hab dich für mich allein. Wie jedes Jahr zur Spargelzeit.
