Der Fressfreund

Als im Haus der Aufzug wegen einer Reparatur stillgelegt wurde, fiel Klett in eine tiefe Depression. Wie damals, als sein Verein abstieg. Oder nach dem Tod seiner Frau. Jetzt saß er auf dem Sofa und lauschte. Stille im Treppenhaus. Er brauchte vier Tage, bis er erstmals wieder die Wohnung verließ. Jeder Schritt die Treppe hinab kam ihm neu und ungewohnt vor, an jeder Aufzugtür blieb er stehen und las den Außer-Betrieb-Zettel. Zum ersten Mal sah er den Müll vor den Wohnungstüren, die sechs Paar Schuhe auf der Fußmatte in der zweiten Etage, den Adventskranz an der Tür im vierten Stock. Klett blieb vor einer der Aufzugtüren stehen, las noch einmal den Zettel und dachte nach. Wie sollte er jetzt den Einkauf bewältigen? Was sollte er essen? Sonst war er jeden zweiten Tag beim Aldi, um Bier und Lebensmittel zu holen. Das war schon so, als Gila noch lebte und für ihn kochte. In dieser schwierigen Lage blieb ihm wohl nur, bei Kostas einzukehren. [Lesezeit ca. 8 min]

Dabei machte er sich nichts aus Gyros und Bifteki, von Tsatsiki ganz zu schweigen. Außerdem gab es im Poseidon sein Lieblingsbier nicht. Aber Kostas, der Wirt, war nett und sprach mit ihm. Er hätte so gern Rouladen oder Gulasch bestellt, das hätte ihn an seine Frau erinnert. Stattdessen hatte er nur die Wahl zwischen Keftedes und Souvlaki.

Klett hatte das Erdgeschoss erreicht und blickte an der öden Fassade des Hochhauses aufwärts, in dessen neuntem Stockwerk er wohnte. Gila hatte ihn damals überredet. Hier hätten sie Zentralheizung, ein richtiges Badezimmer mit Wanne und Dusche und einen Balkon nach Westen hinaus. Er wäre lieber im Gartenhäuschen geblieben, das er von seiner Oma übernommen hatte. Er dachte an den Regen, der aufs Blechdach prasselte, und den Geruch nach Kohlenfeuer. Auch wenn sie nur im Sommer unterm Gartenschlauch duschen konnten und im Winter bei dem bisschen Wärme aus einem Kanonenöfchen immer froren, es war sein Zuhause. Und es war ebenerdig. Was nutzte ihm der Balkon, wo er doch unter Höhenangst litt?

Die Schritte bis zum Zentrum der Hochhaussiedlung zählte er mit. Der Aldi war schon zu, nur im Nagelstudio und am Kiosk brannte noch Licht. Er drehte sich noch einmal um und betrachtete die Fassade der Gebäude im letzten Sommerlicht. Ihm war nie aufgefallen, dass es da verschiedene Farben gab: Ocker, Beige, ein helles Gelb und ein warmes Grau. In den Fenstern gingen nach und nach die Lichter an.

Im Poseidon setzte er sich wieder an den Zweiertisch gleich neben dem Gang zu den Toiletten. Der Wirt hatte ihm kurz zugewinkt und gefragt: Schnitzel wie immer? Klett hatte genickt. Immerhin gab es dieses Schnitzel mit Paprikasauce und Pommes. Er bestellte ein kleines Pils und wollte noch schnell aufs Klo. Als er zurückkehrte, saß jemand auf seinem Platz. Er sah nur den breiten Rücken, den Hintern, der nicht auf die Sitzfläche passte, und einen sonnenverbrannten Stiernacken. Der Fremde hatte das Schnitzel vor sich und säbelte große Stücke vom Fleisch ab, die er sich schmatzend in den Mund schob. Schmeckt prima, sagte er, als Klett sich hinsetzte, auch was abhaben?

Nein, das ist mein Schnitzel! Ach, komm, dann bestellen wir dir auch eins, grinste der Fette, sodass sich seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammenschoben. Hey, Kostas, ein Schnitzel für meinen Freund hier. Und ein Bier. Klett fand, der ungebetene Gast habe ein Froschgesicht, und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Bist ein freundlicher Typ, sagte der dicke Mann zwischen zwei Bissen. Immer gut, nette Freunde zu haben. Wohnst du hier? Ich bin ja nur zufällig hier, wegen dem Auto. Er deutete mit dem Messer über die Schulter zum Ausgang hin.

Klett trank das Bier, das ihm nicht wirklich schmeckte, fast auf einen Sitz leer. Ich habe kein Auto, sagte er, hatte noch nie eins, nicht mal einen Führerschein. Was! grölte der massige Kerl, sowas gibt’s? Kostas, hast du das gehört, der hat kein Auto. Der Wirt hinterm Tresen reagierte nicht. Könnte dir leicht eins besorgen, bot der Fremde an, billig und gut. Und, Führerschein? Gibt’s für kleines Geld dazu. Hey, Kostas, was ist jetzt mit dem Schnitzel für meinen Freund? Der verhungert ja.

Die Kellnerin brachte den Teller, und der Fette nahm sich gleich ein paar Pommes, bevor Klett auch nur das Besteck in der Hand hatte. Wir zwei, sagte er, wir könnten große Dinge bewegen. Du kennst dich doch bestimmt mit Bürokram aus. Nicht mein Ding. Bücher führen, Steuern machen, paah! Nein, antwortete Klett, ich bin Komponist. Der Typ lachte laut auf und griff erneut nach den Fritten. Musik, was? Brotlose Kunst, sagt man. Kaufen und verkaufen, das ist es. Übrigens: Bogdan mein Name. Und streckte seinem Gegenüber die Hand entgegen. Ich heiße Klett. Komischer Vorname, kommentierte sein neuer Freund. Ist nicht mein Vorname.

Isst du das noch? fragte Bogdan, nachdem Klett etwa ein Drittel vom Schnitzel verzehrt hatte. Er nickte: Ja, ich habe Hunger. Hab seit gestern nichts gegessen. Nichts mehr im Kühlschrank. Aufzug kaputt, war noch nicht einkaufen, und der Aldi hat schon zu. Der fette Kerl nickte: Verstehe. Wie viele Etagen? Neun, antwortete Klett. Ui, das wär nichts für mich, die Treppe würde ich nicht schaffen. Nach einer Pause: Da würd ich eher in ein Hotel gehen, bis der Lift wieder funktioniert. Gute Idee, was?

Er trank das Bier seines neuen Freundes aus und sagte: So, ich muss dann mal. Man sieht sich. Stand auf und verließ das Poseidon, ohne zu zahlen. Klett saß da mit offenem Mund und starrte auf das leere Glas. Geht alles aufs Haus heute, sagte Kostas, willst du einen Ouzo? Ich trinke nie Schnaps, antwortete Klett und ging am Wirt vorbei zum Ausgang. Als er in der milden Nacht vor dem Ladenzentrum stand, sah er Bogdan auf einem Blumenkübel sitzen und telefonieren. Er spürte dessen Blicke, als er das Haus betrat. Dieses Mal zählte er beim Hochgehen die Stufen.

In der Nacht träumte er, Gila und er würden in einem weißen Cabrio mit roten Ledersitzen über eine enge Allee rasen, sie am Steuer. Sie würden die Fähre gerade noch erreichen, und auf der Insel in einem Hotel mit Pool ganz für sich allein wohnen. Es gäbe Dienstboten in schwarzen Uniformen, die sich im Hintergrund hielten und immer schon wüssten, was sie essen wollten. Im Foyer stünde ein schwarzer Bösendorfer Imperial, an dem er nachmittags seine Kompositionen spielte. Bis das Unwetter über der Insel hereinbrach.

Klett schrak auf. Es hatte geklingelt. Rasch zog er sich an und öffnete. Da stand Bogdan vor der Tür, zwei vollgepackte Aldi-Taschen in den Händen. Boah, Mann, bestimmt mehr als hundertzwanzig Stufen, auf jedem Treppenabsatz fünf Minuten Pause. Ich dachte schon, ich schaff das nicht. Aber, bitteschön, hier ist er, dein alter Freund Bogdan. Wollte dich nicht verhungern lassen. Kann ich reinkommen? Und betrat die Wohnung an Klett vorbei, fand die Küche und stellte den Einkauf ab. Dann wollen wir gleich mal schön kochen. Paar wunderbare Steaks braten, lecker Bier dazu trinken. Was meinst du? Bogdan schnaufte immer noch, unter den Achseln hatten sich Schweißflecken auf seinem zu eng sitzenden Anzug gebildet.

Komm rein, sagte Klett und folgte dem massigen Kerl, der nun das Wohnzimmer inspizierte. Ah, hier schläfst du. Und da dein Klavier. Spielst du mir was vor, während ich koche? Er hatte das Jackett abgelegt und auf Gilas Lieblingssessel geworfen. Muss kurz ein bisschen sitzen. Bringst du mal das Bier? Klett fand zwei Dosen Bier in den Tüten, seine Lieblingsmarke, erstaunlich kühl, und fragte sich, woher der Fremde wusste, welches Bier er am liebsten trank. Bogdan hatte auch das Hemd ausgezogen und saß mit freiem Oberkörper, eine Landschaft aus Fett, schweißnass. Hat mir gestern Abend bei Kostas gut gefallen, unsere Unterhaltung. Endlich jemand, der sich für meine Geschäfte interessiert. Klett hatte sich auf das Schlafsofa gesetzt und das Bier geöffnet. Irgendwo im Haus hörte man eine Toilettenspülung rauschen. Es sind hundertvierundvierzig Stufen, sagte er und trank.

Auch sein Gast setzte die Bierdose an und leerte sie. So, und jetzt geht der liebe Bogdan erstmal duschen. Badezimmer ist da hinten? Du kannst schonmal auspacken und die Steaks schön abspülen und trocknen. Moment! Klett war aufgestanden und zeigte mit dem Finger auf den Eindringling: Du duschst nicht in meinem Badezimmer! Niemand duscht in meinem Badezimmer. Hast du das verstanden? Bogdan starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, und sein Mund verformte sich, als wolle er weinen. Aber, mir geht es nicht gut. Das war zu viel für mich. Hätte einen Herzinfarkt kriegen können. Tränen liefen ihm aus den Augenwinkeln und tropften auf seinen Bauch. Heul nicht, sagte Klett, leg dich da hin und ruh dich aus. Ich mach das Essen. Willst du noch ein Bier? Der Freund nickte nur.

Als Klett die Steaks gebraten, die Pommes gebacken und den Salat angerichtet hatte und auf dem Küchentisch abgestellt hatte, sah er nach Bogdan. Der lag auf dem Rücken und schnarchte sanft. Jeder Atemzug brachte seinen Bauch zu wabern. Hey, Essen ist fertig. Komm in die Küche. Mit Mühe hievte der Dicke seinen schweren Körper auf die Sofakante. Klett fand, jetzt sähe der Freund aus wie ein Kind, ganz weich und naiv. Bogdan zog sein Hemd an und folgte ihm in die Küche.

Er aß langsam und mit Bedacht, sah Klett manchmal lächelnd an und nickte: So gut hab ich lang nicht gegessen. Gibt ja nichts Anständiges in den Restaurants. Da fehlt immer die Liebe. Wann hab ich zum letzten Mal etwas Selbstgekochtes gegessen? Ist lange her. Bei meiner Tetka, meiner Tante, vielleicht, vor zwölf, fünfzehn Jahren in Pirot, eine Pasulj vermutlich, mit Kobasica. Er hatte Messer und Gabel neben den Teller gelegt und blickte über Klett hinweg, gefangen in Erinnerungen. Die ist jetzt auch schon tot, die Tante. Meine ganze Familie ist tot. Die hatten mich nach Deutschland gebracht, als ich vier war, wegen dem Krieg. Zu einer fremden Familie. Als ich das erste Mal Scheiße gebaut habe, haben die mich rausgeschmissen. Da war ich fünfzehn. Seitdem zieh ich rum und mach Geschäfte.

Kochst du öfter? fragte Bogdan. Nicht mehr. Früher, als Gila und ich in Omas Gartenhäuschen gewohnt haben, da habe ich immer für sie gekocht. Auf dem Kohlenofen, Gemüse aus dem eigenen Garten. Und wenn dann der Regen aufs Blechdach prasselte, war es so richtig gemütlich, da waren wir glücklich. Wo war das denn, fragte sein Freund nach. Ach, drüben in Schwesig, Schrebergärten. So, und jetzt iss auf und trink noch ein Bier. Klett war aufgestanden und hatte zwei weitere Dosen aus dem Kühlschrank geholt. Und nachher kannst du ein Bad nehmen. Ich wasch schnell deine Sachen. Kannst auf dem Sofa schlafen. Ich nehm das Bett. Er zeigte auf die verschlossen Tür des Schlafzimmers mit dem Ehebett, in dem er nach Gilas Tod nie wieder gelegen hatte. Aber ich wasch dir nicht den Rücken. Bogdan schniefte und lachte zugleich. Prost, mein Freund, mein bester Freund.

Er hatte sich lange gegen die Anschaffung eines Trockners gewehrt. Den bräuchten sie nicht, hatte er Gila erklärt, im Wind auf dem Balkon würden die Sachen doch auch gut trocknen. Außerdem sei die Stromrechnung schon hoch genug. Aber seine Frau hatte sich durchgesetzt. Und nun kam das Gerät zum ersten Mal nach ihrem Tod wieder zum Einsatz. Den Anzug hatte Klett zum Auslüften draußen aufgehängt. Bogdan lag in der Wanne und sang leise Lieder in einer fremden Sprache. Seine Kleidung fand er gefaltet auf dem Sofa. Aus der Küche rief sein Freund: Kaffee?

Und dann saßen sie wieder am Küchentisch und tranken Kaffee. Du musst mal raus, sagte Bogdan plötzlich, du wirst ja verrückt hier in der Bude, hundertvierundvierzig Stufen ohne Aufzug, rauf und runter, geht gar nicht. Lass uns einen Ausflug machen mit meinem neuen Daimler. Steht drüben an der Tankstelle, fahrbereit und zugelassen. Und bevor ich den nach Serbien verkaufe, kann ich ihn ja wenigstens einmal selbst fahren. Was meinst du? Klett nippte an der Tasse: Ich weiß nicht. Wohin denn? Wirst schon sehen, sagte Bogdan und verzog seinen breiten Mund zum Grinsen.

Nicht dein Ernst, sagte Klett, als sie auf dem Hof der Tankstelle vor Bogdans Mercedes standen; eine goldfarbene S-Klasse mit polierten Chromteilen. Doch, antwortete der Freund, 5,7-Liter-V8, 300 PS, fetter geht’s nicht. Steig ein. Der dicke Kerl erwies sich als gelassener Fahrer. Sie verließen die Hochhaussiedlung, und er bog auf den Autobahnring ein. Sie hatten die Fenster geöffnet, und Bogdan hielt den linken Ellenbogen in den Fahrtwind. Seine Sonnenbrille mit dem goldenen Gestell passte perfekt zum schweren Daimler. Alles gut, fahr ich zu schnell? Klett lächelte ihn an und antwortete nur: Wunderbar. Der Himmel ungetrübt, die Sonne noch nicht zu hoch, wenig Verkehr.

Und dann verlässt Bogdan die Autobahn, fährt auf die Landstraße ab und nimmt dann die schnurgerade Allee, die zum Horizont führt. Klett kommt die Landschaft bekannt vor. Jetzt biegt der Mercedes in eine schmale, gewundene Straße ein, die am Ende zu einem sandigen Weg wird. Er hält an. Endstation. Klett erkennt den überwucherten Maschendrahtzaun, findet sofort das Tor. Geht vor, zweimal rechts, einmal links. Und da ist es, das Gartenhaus der Oma, die abgeblätterte Farbe, der verwilderte Garten, das schmutzige Blechdach. Er riecht die Erde, er hört das Holztor im Wind schlagen. Woher weißt du? fragt er seinen liebsten Freund. Der grinst: Du hast davon erzählt, und ich merk mir sowas. Klett steht da, unbewegt, lächelnd. Und? fragt Bogdan. Komm, lass uns reingehen.

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