Sie hatte für beide echte Djellabas aus Marokko kommen lassen, und um die Köpfe trugen sie gewickelte Seidentücher, denn obwohl die Sonne jetzt um acht Uhr morgens noch nicht sehr hoch stand, stach sie bereits, und wer ohne Kopfbedeckung unterwegs war, erlitt zwangsläufig einen Sonnenstich. Bundeskanzler Mirz hatte in seiner Ansprache ans Volk gesagt, dass der Klimawandel nicht aufzuhalten sei und dass man sich nur noch darum kümmern könne, die Folgen abzufedern; genau dieses Wort benutzte er. Und das einen Tag nachdem die Förderung von privaten Solaranlagen und die Prämien für den Kauf von Elektroautos per Gesetz abgeschafft, gleichzeitig aber die wegen des Krieges zwischen dem Iran und den Golfstaaten extrem gestiegenen Benzinpreise wie im Vorjahr subventioniert wurden.
Männliche Politiker trugen bei den Interviews in klimatisierten Räumen keine Krawatten mehr und ließen sich draußen auch gern im Polohemd und kurzen Hosen. Die weiblichen Volksvertreterinnen bevorzugten luftige Sommerkleider und Riemchensandalen. Niemand von ihnen kommentierte die Katastrophe. Kein Wort dazu, dass überall in Europa das Vieh in den Ställen verhungerte und verdurstete, dass ältere Menschen im Stundentakt starben. Ein Bauer, dem das ganze Vieh verendet war, hatte Frau und Kinder erschossen und sich dann selbst und den Hof angezündet, was großflächige Brände bis weit nach Holland ausgelöst hatte.
Wer konnte, versuchte nach Skandinavien zu fliehen, aber mit dem Auto gab es kein Durchkommen mehr. Vor dem Hamburger Elbtunnel standen die Flüchtenden schon seit zwei Tagen im Stau, und Reporter berichteten, es habe in den überhitzten Autos bereits etliche Tote gegeben. Angesichts des Wetterdisasters hatten Länder in kühleren Regionen, insbesondere in den Ländern Marokko, Tunesien, Ägypten, Jordanien und der Türkei Menschen aus Deutschland, Benelux und Frankreich Asyl angeboten, und die Bundeswehr flog täglich mehr als zwanzigtausend Senioren und Kinder aus. Gleichzeitig brauten sich über der Nordsee zum ersten Mal überhaupt Tornados auf, die langsam auf die Küste hin zogen. Und manche hofften darauf, dass die Wirbelstürme nicht nur Zerstörung mitbringen würden, sondern Abkühlung und Regen.
Kurt hatte sich beim Kampf um die letzte Klimaaanlage im Baumarkt den linken Arm gebrochen, und als Roswitha versehentlich mit bloßen Füßen auf die Terrasse hinausgegangen war, hatte sie sich beide Fußsohlen verbrannt. Sie lebten jetzt im Keller, wo auch tagsüber keine 30 Grad herrschten. Er hatte noch rechtzeitig Wasser- und Lebensmittelvorräte angelegt, sodass sie sich wenigstens keinen Sorgen ums Essen und Trinken machen mussten.
Wenn man doch irgendwie Regen erzeugen könnte, seufzte Roswitha. Da hilft keine Technik, sagte Kurt, mit Silberjodid kann man nur schon vorhandene Wolken zum Abregnen bringen. Und wenn man Sulfatpartikel irgendwo in der Stratosphäre verstreut, dann verdunkelt das immerhin die Sonne, aber Regen bringt das nicht. Links und rechts standen abgestorbene Sträucher, und die Bäume hatten ihr Laub abgeworfen, sodass der Boden mit einer dicken Schicht trockener Blätter bedeckt war. Was ist denn mit Regentänzen? fragte Roswitha. Ich glaube, die bringen auch keine Niederschläge. Aber man könnte es versuchen.
Die ganze Nacht waren sie im Internet unterwegs und suchten nach den Methoden der indigenen Regenmachern. Am erfolgreichsten, so schien es, waren wohl die Arrernte, ein australischer Stamm, der in der Wüste nahe Alice Springs lebt. Deren Gesänge und Tänze fand Roswitha in mehrere YouTube-Videos, und Berichte aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert schilderten, dass es manchmal wirklich Regen in dieser trockenen Gegend gab, wenn die Arrernte-Männer, denn Frauen durften nicht mitmachen, tagelang getanzt und gesungen hatten. Eine Woche lang übte Kurt stundenlang und Roswitha nahm sein Training mit dem Smartphone auf, um es mit den Dokumentarfilmen zu vergleichen. Dann fanden sie heraus, dass die Rituale meist bei Neumond an einem heiligen Ort stattfanden.
Die Stelle am Stausee, an der laut alter Sagen der irische Missionar Wilbert von germanischen Kriegern hingerichtet worden war, eine Buche mit einem Basaltstein, schien ihnen geeignet. Er würde seinen nackten Körper mit Erde beschmieren, und Roswitha würde mit weißer Asche die rituellen Symbole auf Gesicht, Brust und Beine malen. Aus einem Besenstiel schnitzte er einen Speer, und sie bastelte aus Dosendeckeln eine Rassel, wie sie die Arrernte benutzen. Dann kam die Neumondnacht. Eine leichte Brise aus Nordwest überraschte sie, und der Himmel sah anders aus als in mondlosen Nächten. Sie kamen an der Wilbert-Buche an. Roswitha hielt sich im Hintergrund und startete die Aufzeichnung mit dem Smartphone, während Kurt mit dem Regenritual begann.
Nach drei Stunden, der Sonnenaufgang zeichnete sich am Horizont schon ab, sank Kurt erschöpft zusammen. Roswitha versorgte ihn mit Wasser, und zu Hause verschwendete er zum ersten Mal seit Tagen Duschwasser, um sich reinzuwaschen. Er stand unter dem künstlichen Regen, als Roswitha ins Bad stürzte. Wolken, schrie sie, da sind Wolken am Himmel! Beide rannten hinaus. Eine Cumuluswolke segelte gemächlich über den Himmel und warf einen fliegenden Schatten. Dann zwei, drei weitere Wattebäusche, hinter denen sich immer mehr Wolken auftürmten. Ein Wind aus Westen kam auf, und kaum zehn Minuten später zogen dicke Wolken über den Reeser Bergen, dem Stausee und dem Haus der beiden auf. Und dann regnete es. Erst in einzelnen dicken Tropfen, dann in gleichmäßigen Fäden, und schließlich strömte das Wasser von oben wie bei jedem schönen Landregen. Kurt und Roswitha tanzten auf dem verbrannten Rasen, der Regen wusch Kurt die Bemalung vom Körper.
Drei Tage lang regnete es, und die Temperaturen fielen erstmals seit Wochen unter 30 Grad. Immer wieder schauten sich Kurt und Roswitha die Videos von seinem Regentanz unter der Wilbert-Buche an und erfreuten sich daran. Und dann hatte Roswitha eine Idee: Sie schnitt den Film zusammen und postete ihn mit dem Titel Und man kann doch Regen machen auf TikTok, Instagram und YouTube. Nach drei Stunden hatten Menschen weltweit das Video mehr als drei Millionen mal angeklickt. Reporter riefen an, und am nächsten Morgen stand ein Fernsehteam vor der Tür. Kurt gab Interviews und betonte immer wieder, dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Zusammenhang zwischen seinem Ritual und dem einsetzenden Regen gäbe. Aber das schnitten die Berichterstatter raus.
Man lud ihn zu einem Festival, das für seine esoterischen Besucher berühmt war, nach Südfrankreich ein. Dort war seit März kein Niederschlag gefallen. Kurt solle doch bitte einmal sein Ritual vorführen, sagte der Veranstalter, gleich nach dem Didgeridoo-Spieler. Also sang und tanzte er vor Tausenden begeisterten Zuschauern. Eine Stunde später setzte der erste Regen in der Region seit sieben Wochen ein. Kurt wurde gefeiert und bekam nun Angebote aus ganz Europa. In Prag blieb der Regen nach seinem Ritual aus, aber als er für einen niederländischen TV-Sender auf dem Marktplein in Rotterdam tanzte, fielen die ersten Tropfen schon, bevor er fertig war.
Kurt war nur noch unterwegs, überall in Europa, immer mehr Menschen besuchten seine Vorstellungen. Manchmal regnete es nach seinem Tanz, manchmal nicht. Inzwischen war es September geworden, und je mehr die Hitze nachließ und je öfter ein wenig Regen fiel, desto weniger Leute wollten ihn tanzen sehen. Aber inzwischen war er eine weltweite Berühmtheit. In Chile hatte er dreimal nacheinander Erfolg mit seinem Ritual. In Australien ernannten ihn die Arrernte zum Ehrenmitglied. Und Anfang Oktober lud ihn Kanzler Mirz ein. Wie machen Sie das? fragte er. Ich folge einem uralten Ritual eines indigenen Stammes, antwortete Kurt. Aber deswegen regnet es doch wohl nicht, meinte der Kanzler. Ich weiß es nicht, gab der Mann, den die Medien den Regenmacher nannten, zurück. Was halten Sie davon, wenn die Bundesregierung ein Programm aufsetzen würde, Hunderte Regenmacher auszubilden und im nächsten Sommer bei Bedarf flächendeckend einzusetzen? Kurt schüttelte den Kopf und sagte: Das würde nicht funktionieren.
Inzwischen aber war eine Regenmacher-Bewegung entstanden. Überall, wo Kurt auftauchte, ob er nun tanzte oder nicht, fanden sich Hunderte Jünger ein, vor allem Männer, die sich bemalt hatten wie er und Speere und Rasseln nach seinem Muster bei sich trugen. An vielen Orten fanden Regenmacher-Wettbewerbe statt und ein Privatsender startete eine Show unter dem Titel Germanys next Regenmacher. Anfang November, es regnete nun schon seit zwei Wochen beinahe ununterbrochen, beschloss Kurt, nie wieder als Regenmacher aufzutreten. Da stand er mit Roswitha am Ufer des Stausees, der sich schon wieder zu einem Drittel gefüllt hatte, blickte hinüber auf die verbrannten Hänge der Reeser Berge, auf denen sich erstes zartes Grün zeigte. Was meinst du, fragte er, hat es wirklich wegen meines Rituals geregnet? Roswitha wandte sich zu ihm um, sah ihn lange mit einem sanften Lächeln an und sagte: Spielt das eine Rolle?
