Eines Tages, sie hatten sich gerade eine Dose Ravioli geteilt und waren erst beim dritten Bier, fragte er nach: Sag mal, kannst du nicht laufen oder willst du nicht? Schere strich sich das lange Haar aus dem Gesicht und sah seinen Mitbewohner aus müden Augen an. Alles Taktik, sagte er dann, bringt ne Menge Vorteile, das mit dem Rollstuhl. Kolle nickte und ließ es dabei bewenden.
Kolle hatte Schere auf dem Brandt-Platz kennengelernt, als er auf der Suche nach Pe war, seiner Freundin. Da war ein Typ auf dem Bahnsteig in seinem Rollstuhl sitzend, langes Haar, langer Bart wie ein Wikinger, eine Flasche in der Hand, als warte er auf die Straßenbahn. Die 709 hielt, aber der Kerl rührte sich nicht. Kolle ging hin: Soll ich dir in die Bahn helfen? Ganz langsam wandte der Rollstuhlfahrer ihm das Gesicht zu und sagte: Nicht nötig, ich warte auf jemanden. Ja, sagte Kolle, und ich suche jemanden.
Er war in die Hocke gegangen, um auf Augenhöhe zu sein. Pe, meine Freundin, hab sie seit mehr als einer Woche nicht gesehen. Vielleicht kennst du sie. Und beschrieb die Frau, mit der er vor einem Jahr zusammengekommen war, ein dürres Wesen von ungefähr dreißig, das aussah wie fünfzig. Die sich manchmal auf dem Brandt-Platz herumtrieb, wenn die letzte Kneipe, in der sie kein Lokalverbot hatte, sie rauswarf. Kenn ich, sagte der Mann im Rollstuhl, kommt ab und zu mal hier vorbei. Trinkt nur Rotwein, richtig? Kolle nickte. Sie heißt Pe. Ich weiß, sagte sein Gegenüber, ich bin Schere. Er gab Kolle die Hand.
Pe blieb verschwunden, aber Kolle besuchte Schere jetzt alle paar Tage an seinem Stammplatz. Wohnungslos? fragte Schere eines Tages, als Kolle durchnässt und halb erfroren am Brandt-Platz ankam. Ja, sagte Kolle. Kannst bei mir wohnen, bot Schere an, kleine Erdgeschossbude, barrierefrei, mit Balkon, da hinten. Und zeigte mit einer Kopfbewegung in Richtung Industriegebiet. So was kriegst du nur als Rollifahrer. Erst jetzt nahm Kolle wahr, dass Schere an der linken Hand einen altmodischen Siegelring trug.
Schere trank nur zuhause. Immer nur Pils und nebenbei eine Flasche Korn pro Tag. Außerdem hatte er immer ein bisschen Geld für Getränke und Essen auf Tasche. Kolle kaufte ein, kochte, putzte und brachte Scheres und seine Klamotten in den Waschsalon. Und jeden Abend, jede Nacht tranken sie zusammen. Sie sprachen nie von der Vergangenheit und vermieden es sorgfältig, dem anderen irgendwelche Geschichten aus ihren Leben zu erzählen. Bis Schere in einer heißen Sommernacht, als sie auf dem nach einer Leergutaktion freien Balkon saßen, plötzlich sagte: Ich hätte ihn leicht töten können. Beide saßen da mit freiem Oberkörper, und Kolle sah zum ersten Mal Scheres Tätowierungen und die Narbe quer über den Bauch.
Eines Abends hatte Kolle Bratkartoffeln mit Spiegeleiern serviert. Sie aßen schweigend, und als Schere das letzte Kartoffelstückchen vertilgt hatte, grinste er wie er noch nie gegrinst hatte: Du bist ein Koch, Kolle, stimmt’s? Sein Mitbewohner lächelte vorsichtig und schüttelte den Kopf: Kann ich einfach so. Und als ob der erwähnte Beruf ein Signal gewesen, fragte Schere weiter: Was hast du jetzt vor? Kolle war irritiert: Wie meinst du das? Na, mit deinem Leben. Kann doch so nicht weitergehen. Kolle nickte leicht und räumte ab. Als er zurück an den Tisch kam, hatte Schere schon ein Bier und zwei Korn intus. Und du, fragte Kolle. Immer so weiter, grinste Schere, mietfrei wohnen, Rente kassieren, Bierchen trinken, rumsitzen.
In einer Nacht, als sie es mit ihrer Sauferei sehr übertrieben hatten, war Schere im Rollstuhl eingenickt, den Kopf auf der Brust, der Bart als Polster. Plötzlich schreckte er auf und schrie: Lasst mich einfach liegen! Er hatte die Arme ausgestreckt und seine Hände sahen aus, als würden sie Griffe umklammern. Er zitterte, warf den Kopf in den Nacken und stöhnte, als habe er große Schmerzen. Hey, Großer, lallte Kolle, alles gut. Aber da war Schere schon wieder in sich zusammengesackt und eingeschlafen.
Am nächsten Tag brachten sie wie üblich Leergut weg, und Kolle kaufte vom Pfandgeld Steaks und Salat. Dafür hätten wir einen ganzen Kasten Pils gekriegt, maulte Schere. Als er aber das perfekt gebratene Fleisch restlos verzehrt hatte, brummte er zufrieden und sagte: Hat sich gelohnt. Es wurde ein fröhlicher Abend. Sie redeten dummes Zeug und machten Witze. Plötzlich fragte Kolle: Warst du Biker? Schere erstarrte, richtete sich in seinem Rollstuhl auf und sah seinen Mitbewohner böse an. Was geht dich das an? Er nahm die halbvolle Flasche, trank sie auf einen Sitz leer und warf sie über die Schulter an die Wand.
Er atmete schwer und beugte sich vor. Mit der rechten Hand strich er immer und immer wieder über den Bart und schaute auf die Tischplatte. Ja, war ich. Bis zum Überfall. Hatten uns gestellt und eingekreist. Peng! Hier hat er mich getroffen. Ich fiel vom Bike. Die Kameraden flüchteten, die Scheißkerle hauten ab. Und ich lag da. Nichts schlimmes. Fleischwunde. War meine Chance.
Wenn sie nicht zusammen in der Wohnung waren und jeder für sich den Tag herumbrachte, trafen sie sich doch immer am Brandt-Platz. Und immer war es so, dass Schere auf dem Bahnsteig sehr aufrecht in seinem Rollstuhl saß und alles beinahe regungslos beobachtete. Der Platz hatte sich immer mehr zum Treffpunkt und Marktplatz der Junkies entwickelt, und beinahe jeden Tag gab es Schlägereien und flippte irgendeiner von denen aus. Es roch ständig nach Gewalt, und Frauen trauten sich mittlerweile gar nicht mehr dorthin.
Es war ein klarer, kalter Tag im frühen Dezember. Kolle trug eine wattierte Winterjacke. Nimm die, ich hab zwei, hatte Schere gesagt. Das Teil war ihm viel zu groß, sodass er drei Pullover darunter angezogen hatte. In der Innentasche eine Flasche billigen Korn, die er sich mit Schere teilen wollte, von seinem eigenen Geld gekauft. Schon von weitem sah er seinen Kumpel und um ihn herum eine Meute Junkies. Streit, Geschrei, Geschubse. Schere wie ein Fels mittendrin. Die 709 fuhr ein. Jemand stieß den Rollstuhl weg. Der rollte auf die Bahnsteigkante zu. Steh auf, brüllte Kolle, steh auf, Mann! Aber Schere blieb unbeweglich sitzen, die Hände fest an den Seitenlehnen. Und dann sah Kolle, wie Schere vorwärts aus dem Stuhl kippte, direkt vor die einfahrende Straßenbahn.
Kolle brauchte ein paar Wochen, bis er sich traute. Jetzt sitzt er mit zwei Flaschen Pils in der Straßenbahn zum Südfriedhof. Er weiß, wo das Feld ist, auf dem sie die Toten begraben, für die niemand eine Beerdigung zahlt. Dort wird Schere liegen. Für die Gestorbenen, die Papiere dabei hatten, stehen am Rand schlichte Holzkreuze mit den Namen und den Geburts- und Sterbedaten, die nach einer Zeit wieder abgeräumt werden. Er findet das Kreuz für einen Helmut Scherer. Der Todestag stimmt. Kolle öffnet beide Flaschen und stellt eine neben das Grabkreuz: Mach’s gut, mein Freund.
