Schon immer hat er von einem Haus am See geträumt, einem kleinen Holzhaus mit Steg, vielleicht ein umgebautes Bootshaus. Mit dem Sonnenaufgang, während Dorit noch schlief, würde er im Bademantel mit dem Kaffeepott hinaustreten auf den Steg, bis zum Ende gehen, auf den See schauen und in Ruhe seinen Kaffee trinken. Dann würde er den Bademantel ablegen, sich auf die Kante setzen, einen Moment warten, um sich dann vornüber ins kühle Wasser fallen zu lassen. Er würde in gelassenen Zügen ein paar Dutzend Meter hinausschwimmen, sich dann umdrehen, wassertretend an einer Stelle, und zufrieden auf sein Haus am See blicken. [Lesezeit ca. 8 min]
Meistens würde Dorit nackt in der Tür stehen, verschlafen blinzelnd, ihm dann zuwinken und wieder ins Haus gehen. Albert würde noch ein paar Runden drehen, schließlich den Steg ansteuern und aus dem See klettern. Er würde sich mit dem Bademantel abtrocknen, den Kaffeepott aufnehmen und langsam zurück in das Haus am See gehen, wo Dorit schon Orangen ausgepresst, Brot geröstet und Spiegeleier gebraten hätte, sein Lieblingsfrühstück. Wie sie so am Herd stünde, würde er von hinten an sie herantreten, sich kühl und feucht vom See an sie pressen und sie umfassen. Sie würde kurz zusammenschrecken und Iih, bist du kalt! rufen, sich umdrehen und ihn küssen.
Draußen, am anderen Ufer und jenseits des Waldes würde sich die Erde weiterdrehen und die Welt sich weiter im Chaos wälzen. Das wäre weit weg. Sie würden keine Nachrichten lesen, sie hätten keinen Fernseher, nur ein kleines Radio mit dem Lokalsender, der die Hits der Achtziger spielt und in dem die Sprecher nur vom Wetter reden würden und wann im Nachbardorf Markt wäre.
Einmal vor mehreren Jahren hatten Albert und Dorit ein solches Haus am See als Feriendomizil gefunden, weit hinten in Brandenburg, gleich am Rand von Wich, einem Ort, der sich Künstlerdorf nannte, weil dort in den Dreißigerjahren ein paar unbedeutende Maler zwei Sommer verbracht hatten. Leider hatte ihr Holzhaus keinen Steg, das Ufer dort war steil, unten stand dichtes Schilf, sodass er nicht noch vor dem Frühstück schwimmen gehen konnte. Es blieb nur der kaum zehn Meter breite Strand in der Ortsmitte, der offiziell als Schwimmbad galt, für das man Eintritt bezahlen musste.
Zum Badestrand gehörte eine Imbissbude oder umgekehrt, in dem es außer fettigen Fritten und Industriebratwurst nur etwas gab, was die Wirtin Hamburger nannte. Am zweiten Tag des Urlaubs hatte er den nach dem Schwimmen probiert, während Dorit Currywurst mit Pommes bestellt hatte. Beide konnten nicht aufessen, und Dorit sagte, sie habe den Geschmack vom ranzigen Öl noch Stunden im Mund gehabt. Wer trotzdem dort aß, sparte sich den Eintritt. Und so bestellten sie in den folgenden Tagen jeweils eine gemeinsame Portion Pommes, die sie einfach stehen ließen. Bis die Wirtin das bemerkte, sie als blöde Wessis beschimpfte und ihnen Lokalverbot auf Lebenszeit erteilte.
Sie brachen den Urlaub ab und verbrachten die restliche Zeit bei Dorits Familie auf dem Land ein paar Kilometer außerhalb von Rostock. Rayko, ihren Bruder, hatte es nie in den Westen gezogen, er war bei den Eltern geblieben und hatte nach deren Tod das Haus übernommen. Er war noch zu jung, aber natürlich hatte der Vater gehofft, dass sein Sohn wie er auf der Neptun-Werft in die Lehre gehen und dann für den Rest seines Lebens dort arbeiten würde. Kurz nachdem Albert Dorit kennen- und lieben gelernt hatte, besuchten sie die Eltern. Und der Vater erzählte von der Werft und von dem Ende nach der Wende. Arbeitslos mit sechsundfünfzig, sagte er und leerte sein Bier in einem Zug. Scheiß-Treuhand, fügte er hinzu.
Zu der Zeit hatte Albert gerade seine erste Stelle als Dozent für Medievistik an der Uni Dortmund angetreten, ein Fachgebiet, das er übernommen hatte, weil er sich dort mangels Konkurrenz größte Karrierechancen ausrechnete. Dorit sagte manchmal: Du machst es dir schwer und leicht zugleich. Unterrichtest Stoff, der dich nicht interessiert, und weichst jedem Konflikt mit Kollegen aus. Mach doch was über die Wiedervereinigung oder den Anschluss, wie mein Vater dazu sagt. Das eine tun, das andere nicht lassen, war seine Devise. Regelmäßig waren sie nach Rostock gereist, Dorit hatte ihm nicht nur die ganze Verwandtschaft vorgestellt, sondern Kontakte zu Dutzenden Leuten gemacht, die seinerzeit ebenfalls vom Treiben der Treuhand betroffen waren. Albert zeichnete die Interviews auf und hatte bald Zitate für mehr als fünfhundert Seiten.
Er wurde zu allen bekannten Talkshows eingeladen, und bald nannten ihn die Medien Anwalt der Ossis. Nur an seiner Uni kam er nicht weiter. Die Positionen im Bereich Neuere Deutsche Geschichte waren von altgedienten Professoren besetzt, und wann immer eine Dozentenstelle frei war, verhinderte irgendeine Intrige, dass er sie bekam. Alberts Ruhm verblasste, und er unterrichtete weiter Medievistik. Immerhin war das Buch weit über Fachkreise hinaus ein Bestseller geworden, und Dorit schlug vor, von den Einnahmen endlich ein Ferienhaus zu kaufen, vielleicht solch ein Holzhaus am See mit eigenem Steg, von dem er schon so lange träumte.
Wieder einmal besuchten sie Dorits Bruder und fuhren mit Rayko über Land durch die Mecklenburgische Seenplatte zu einer stillen Badestelle, die Rayko kannte, eine winzige Sandbucht zwischen Kiefern am Ende eines gewundenen Waldwegs. Der Tag war heiß, und alle drei konnten es kaum erwarten, ins Wasser zu kommen. Als Albert aber gerade den ersten Schritt machen wollte, erstarrte er. Genau gegenüber, kaum einen Kilometer entfernt, ein Holzhaus mit Steg, das genauso aussah wie das in seinen Träumen. Dorit! schrie er, da, da, sieh mal da! Das ist es! Zog sich rasch wieder an und sprintete zum Auto, sodass die beiden anderen kaum mitkamen. Tatsächlich fand Rayko den Besitzer heraus, aber natürlich war das Traumhaus nicht zu verkaufen.
Alberts Karriere stockte. Als an seiner Uni ein weiterer Lehrstuhl für Neuere Geschichte eingerichtet wurde, der wie für ihn gemacht schien, verlor er die Ausschreibung gegen einen Kollegen mit den richtigen politischen Verbindungen. Da waren seit dem Erscheinen seines Bestsellers bereits zehn Jahre vergangen. Er trat auf der Stelle, während Dorit Karriere in einem Logistikunternehmen gemacht hatte und das Angebot bekam, in die Zentrale nach Berlin zu gehen, um die Leitung der konzernweiten Personalabteilung zu übernehmen. Sie sagte zu und pendelte zwei Jahre lang zwischen Herdecke und Berlin. Albert aber versuchte, den Erfolg seines Fachbuches zu wiederholen und verfasste ein populärwissenschaftliches Buch zum selben Thema mit noch provokanteren Thesen, das nach seinem Erscheinen von gewissen politischen Kreisen hoch gelobt wurde. Wieder griffen die Medien das Thema auf, wieder wurde er von Talkshow zu Talkshow gereicht, und wieder flossen die Tantiemen.
Albert kündigte seine Dozentenstelle, und Dorit und er zogen zusammen in ein feines Haus unweit des Sacrower Sees in Großglienike. Er war seinem Traum näher gekommen, auch wenn es eben kein Holzhaus mit eigenem Steg am See war. Immerhin gab es in Laufweite eine sandige Bucht als Badestelle für die Anwohner. Nein, für den Weg mit dem Kaffeepott im Bademantel war es doch zu weit, aber ab Mai schaffte er es mindestens zweimal pro Woche, im See zu schwimmen. Und dann kam das Angebot von der Uni Potsdam. Er nahm an und wurde Professor für deutsche Nachkriegsgeschichte mit dem Schwerpunkt auf der Wiedervereinigung. Für die Antrittsvorlesung ließ er sich einen dunklen Anzug schneidern, und Dorit gab viel Geld für ein dazu passendes Kleid aus.
Weil er solch eine Medienpersönlichkeit war, sah er sich einem bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal gegenüber. Und weil es keinen Stuhl für sie gab, stand Dorit ganz oben hinter der letzten Reihe. Albert hatte sich den launigen Titel Warum Ossis Wessis nicht mögen und umgekehrt und was die Treuhand dafür kann ausgedacht, nicht nur wegen des Unterhaltungswertes, sondern auch um die ostdeutschen Zuhörer ein wenig zu provozieren. Die lokale und bundesweite Presse war vollzählig erschienen und ARD und ZDF hatten Reporter für Interviews mit Albert geschickt. Der Ministerpräsident saß gleich neben dem Dekan in der ersten Reihe.
Alberts Idee war es, die Rede mit einer Anekdote zu beginnen. Also schilderte er sein Erlebnis mit dem Imbiss am Wicher See, dem das sogenannte Schwimmbad gehört. Die Pommes haben wir nie gegessen, erzählte er, war immer noch billiger als Eintritt zu bezahlen. Er hob den Blick und sah Dorit in der letzten Reihe, die langsam den Kopf schüttelte. Es war ihm, als hätten einige Menschen im Saal leise gestöhnt. Und als Albert damit schloss, dass die Wirtin sie Scheiß-Wessis genannt hatte, breitete sich betretenes Schweigen im Saal aus. Dabei hatte er mit ein paar Lachern gerechnet. Als der Ministerpräsident aufstand und sich anschickte, den Audimax zu verlassen, wusste er, dass er einen schweren Fehler begangen hatte.
Noch in der Nacht checkte er stündlich sein Handy, aber erst am nächsten Morgen wurde ihm wirklich klar, was er angerichtet hatte. Wie zu erwarten war das BLATT auf die Sache eingestiegen und titelte Wessi-Professor macht sich über Brandenburger Wirtin lustig und schnell verbreitete sich der Skandal unter dem Hashtag #pommesgate. Natürlich ereiferte sich auch die DPP in einer Presseerklärung und bezeichnete Albert als typischen Besserwessi, als arroganten Angehörigen der Eliten, die sich den ostdeutschen Bürgern, die unter dem DDR-Regime so gelitten hätten, überlegen fühlen. Gegen sechs Uhr früh rief das Lokalradio an. Was er wirklich gemeint habe, fragte der Moderator. Albert versuchte die Sache richtigzustellen, es sei ihm nicht um das konkrete Ereignis gegangen, also nicht um die schlechten Pommes, sondern um die Vorurteile, die Wessis und Ossis übereinander immer noch haben. Als Dorit den Beitrag eine Stunde später hörte, war sie entsetzt; von Alberts Statement war nur noch seine Aussage zu den fettigen, ranzigen Fritten geblieben.
Die Fraktion der Deutschen Patriotenpartei im Brandenburger Landtag forderte einen Untersuchungsausschuss mit dem Ziel, Alberts Berufung zum Professor an der Potsdamer Uni zu widerrufen. Die Wirtin der Wicher Imbissbude wurde zur Heldin, gab Interview um Interview und wurde als Opfer typischen Wessi-Verhaltens durch die Talkshows getrieben. Jedes Mal wurde ihre Version ungünstiger für Albert, und einer ihrer Nachbarn erstattete Anzeige gegen ihn und Dorit wegen Betrugs.
Dass seine Frau wegen dieser Sache Schwierigkeiten mit dem Konzern bekommen würde, damit hatten beide nicht gerechnet. Für Dorit, die auf dem Sprung in den Vorstand war, eine Katastrophe. Sie sitzen beim Rotwein in ihrem nur notdürftig eingerichteten Haus in Großglienike. Musstest du ausgerechnet diese Schote einbauen? fragt sie, und er weiß, dass sie ernsthaft sauer ist. Das war doch vorhersehbar, dass die Ossis darauf abfahren. Ihm fällt nichts ein, was zu seiner Verteidigung beitragen könnte. Es tut mir leid, Liebste, ist alles, was er sagen kann. Davon wird’s auch nicht besser, schnaubt Dorit, deine Karriere ist am Arsch. Aber ich lass mich davon nicht mitreißen, das sag ich dir.
Am nächsten Tag verschickt Dorit über den Medienverteiler des Konzerns eine Stellungnahme. Sie sei zwar bei dem Vorfall am Wicher See dabeigewesen, habe aber das Verhalten ihres Mannes nicht gutgeheißen und im Gegensatz zu ihm die bestellten Pommes Frites sehr wohl verzehrt. Im Gegenteil habe sie ihn bei der Auseinandersetzung mit der Wirtin noch bremsen wollen, aber das sei ihr nicht gelungen. Gleichwohl werde sie noch am selben Tag nach Wich fahren, um sich bei der Imbisslokalbesitzerin zu entschuldigen. Schließlich stamme sie ja im Gegensatz zu ihrem Mann selbst aus der ehemaligen DDR und fühle sich mit den Bürgern der neuen Bundesländer selbstverständlich solidarisch. Drei Tage später erscheint ein vom Pressefotografen aufgenommenes Foto, das Dorit und die Wirtin beim Händeschütteln zeigt, in allen relevanten Medien.
Albert hat gepackt, nimmt das Auto und fährt zu seinem Schwager. Rayko hat den Skandal natürlich mitbekommen. Schöne Scheiße, ist sein einziger Kommentar. Und was jetzt? Ruhe finden, sagt Albert, irgendwo ohne Fernseher, ohne Handyempfang, weit weg von der Straße. Ich wüsste da was, sagt Rayko, am Teufelssee, da gibt’s ne Bude im Wald, war mal irgendwas mit Naturschutz. Haben wir uns früher zum Saufen getroffen. Müssten wir mal hinfahren und gucken. Albert nickt. Das Ding ist nicht mehr als eine Art würfelförmiger Container aus Asbestbetonplatten mit einem Fenster und einer Tür. Rayko ist einem Waldweg gefolgt bis zu einer Lichtung und hat den Wagen geparkt. Von da aus laufen sie noch fünf Minuten durch den Mischwald bis zu dieser Bude. Die Tür ist nicht abgeschlossen. Es gibt einen quadratischen Tisch mit Resopalplatte, einen Stuhl und eine Pritsche aus NVA-Beständen. Wasser kannst du aus dem See holen, sagt Rayko. Da ist eine Steckdose, vielleicht ist da sogar Strom drauf.
Albert hat nur noch das Wort See gehört und ist schon aus der Tür. Zwischen den dicht zusammenstehenden Buchenstämmen sieht er das Helle, das muss der See sein. Ein zugewachsener Pfad führt in Schlangenlinien dorthin. Und dann steht er am Ufer. Der Teufelssee ist viel kleiner als der Sacrower See, ein typisches Moorgewässer, keine Strände, ein breiter Streifen tiefer Schlamm rundum. Geh da nicht rein, warnt Rayko, der Matsch hält dich fest. Wir haben immer Bretter drübergelegt, vielleicht sind hier noch welche.
Man hat Dorit zum COO des Gesamtkonzerns befördert. Sie hat das Haus in Großglienike aufgegeben und wohnt in einer luxuriösen Maisonette in Charlottenburg. Einmal hat sie bei Rayko angerufen und nach Albert gefragt. Der hat sich in der Butze im Wald am Teufelssee eingerichtet. Hat einen Bretterlaufsteg ins trübe Wasser gebaut, das Gras vor dem Häuschen gemäht und Gartenmöbel aufgestellt. Er hat tatsächlich Strom und hört viel Radio, und für den Fall, dass er einmal telefonieren muss, hat er tagelang eine Stelle im Wald gesucht, wo er Empfang hat. Wasser holt er mit dem Eimer aus dem See, bringt es auf der Kochplatte zum Sieden und gießt sich den Pulverkaffee auf. Rayko kommt einmal die Woche vorbei, bringt ihm die gewünschten Einkäufe. Den ganzen Sommer über bis weit in den Oktober geht Albert in seinem See schwimmen.
