Kurz vor elf

Natürlich hätte ich mich auch an einen anderen Tisch setzen können. An diesem Wochentag um diese Uhrzeit waren im Brauhaus immer einige Tische frei, aber ich entschied, mich zu zwei freundlichen Frauen zu setzen. Nicht ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Mir schien, es handele sich um Mutter und Tochter, so groß war die Ähnlichkeit, und auch der Altersabstand stimmte. Sie hatten ihre Mahlzeit schon beendet, die Reste von den Haxen lagen auf den Tellern neben dem Püree und dem Sauerkraut. Sie hatten beide kaum die Hälfte der Portionen geschafft. Hat’s geschmeckt, eröffnete ich das Gespräch, und beide nickten wortlos. Der Kellner stellte ungefragt drei Glas Altbier auf den Tisch und räumte die Teller ab. Ich erhob mein Glas und prostete den Damen zu. Während beide an ihren Bieren nippten, stürzte ich das leckere Getränk zu zwei Dritteln hinunter. Auf Michael, sagte ich. Und fügte hinzu: Ich trinke immer das erste Bier auf meinen Freund Michael. Der ist vor etwas mehr als zwei Jahren gestorben, der Arme. Wieder nur verhaltene Reaktionen. [Lesezeit ca. 6 min]

Ich hätte ihnen so gern von diesem Kerl erzählt, der mir zu Lebzeiten so wichtig gewesen ist. Mit dem ich mich jeden zweiten Montag genau hier im Brauhaus, hinten in der Schwemme getroffen habe. Wo wir tranken und redeten und tranken und redeten, bis wir so viel getrunken hatten, dass wir nicht mehr redeten, sondern uns nur noch mit müden Augen ansahen. Dann trennten wir uns grußlos, und jeder ging in eine andere Richtung nachhause. War ein schlauer Kerl, mein Michael, begann ich. Vergiss es, sagte der Kellner im Vorübergehen, die sprechen kein Deutsch. Und trotzdem hatte ich den Eindruck, dass sich die beiden Frauen für meine Geschichte interessierten. Zumindest die Ältere schien genau zuzuhören.

Michael war der vielleicht schlauste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Er wusste so viel, er war immer bestens informiert und konnte Standpunkte formulieren wie kein Zweiter. Wir waren einst Kollegen. Genauer: Ich war sein Chef. Michael war ehrgeizig, ich nicht. Es dauerte lange, bis mir klar wurde, dass er meinen Job übernehmen wollte. Mit seinem Know-how beeindruckte er das Team, mit seinem Charme zog er nach und nach die Kollegen auf seine Seite, zuerst die Frauen. In den Meetings stellte er kritische Fragen oder machte überzeugende Vorschläge. An dieser Stelle nickte die Mutter wissend und griff nach ihrem Glas.

Als ich ihr zuprostete, trat der Kellner an den Tisch: Na, erzählste wieder vom Michael? Ich antwortete nicht, sondern orderte drei Bier, obwohl die Frauen noch nicht ausgetrunken hatten. Du solltest nie mit Frauen trinken, hatte Michael einmal gesagt, die verstehen das immer falsch; Saufen ist ein Männerding. Als die frischen Gläser kamen, lehnten die beiden dankend ab. Na, dann trink ich die eben selbst, sagte ich dem Kellner. Wissen Sie, einen Kellner nennt man in einem Brauhaus Köbes. Stimmt’s, Köbes?

Je wichtiger Michael im Team wurde, desto mehr geriet ich in Panik. Wenn der Inhaber mitbekäme, was sich in meiner Abteilung abspielte, wäre ich wohl meinen Job losgeworden. Aber dann passierte die Sache mit Anna-Lena. Die Tochter horchte auf, als ich diesen Namen nannte. Sie lächelte, zeigte auf sich selbst und sagte: Anna-Lena. Nein, nein, sagte ich, eine andere Anna-Lena. Damals hatte Michael gerade geheiratet. Ilona war eine Sandkastenfreundin, die wenig sprach, eine sehr schlanke, stille Schönheit, die ihren Partner bewunderte und kein Problem damit hatte, in seiner Gegenwart nur Statistin zu sein. Ich war sicher, dass Ilona die erste und einzige Frau in seinem Leben war; ein Womanizer war Michael sicher nicht.

Was anderes für die Damen? fragte der Köbes und zeigte dabei auf die immer noch nicht geleerten Gläser. Die Ältere winkte hektisch ab. Wasser? Cola? Wein? fragte er nach. Ja, bring mal zwei Cola, ordnete ich an, weil ich meinte, eine Reaktion der Frauen bei diesem Wort bemerkt zu haben. Ich redete weiter, aber ich kam mir ein wenig unhöflich vor. Ich hatte mir die beiden Damen noch nicht einmal richtig angesehen. Und nicht einmal versucht herauszufinden, welche Sprache sie sprachen und woher sie kamen. Aus Schweden, sagte der Köbes, als er die Getränke auf den Tisch stellte.

Ah, rief ich aus: ABBA! Björn Borg! Die Schwedinnen sahen sich peinlich berührt an. Egal, ich nahm mir eines der überzähligen Biere und erzählte weiter von Michael und Anna-Lena. Die hatte ich als Praktikantin eingestellt und fühlte mich verantwortlich. Ein wenig wie ein Vater, der ich ja nie war und wohl auch nie werde. Ich hielt eine schützende Hand über sie. Übersah aber nicht, dass Michael von dieser ungewöhnlichen jungen Frau fasziniert war. Sie war 22 als sie zu uns kam, wirkte aber wie eine reife, erfahrene Frau, schon allein äußerlich mit ihren üppigen Kurven. Ja, sie war in dieser Hinsicht das exakte Gegenteil seiner Ilona. Und: Bei der dritten oder vierten Teilnahme an der Teamsitzung widersprach sie ihm. Das hatte außer mir noch niemand gewagt. Jedes Mal, wenn ich den Namen der Praktikantin erwähnte, zuckte ein Lächeln über das Gesicht der Tochter. Der übrigens mit ihren dunkelblonden, langen Haare eher der Typ Ilona war.

Ich hörte mich reden und fragte mich dabei, worauf ich eigentlich hinauswollte. Und die Mutter, vielleicht war es ja doch die ältere Schwester, sah mich beim Trinken prüfend über den Glasrand an, als wolle sie herausfinden, was genau nicht mit mir stimmte. Inzwischen war es mit auch fast egal. Ich musste diese Geschichte einfach erzählen, wieder und wieder, ganz gleich wem. Jedenfalls hatte Michael in Anna-Lena einen Menschen gefunden, der ihm gewachsen war. Ihr ging es offensichtlich ebenso. Und genau da sah ich meine Chance. Exakt an diesem Punkt winkte die ältere der beiden Schwedinnen nach dem Köbes und machte die international übliche Geste fürs Bezahlen. Warten Sie, sagte ich, und legte meine Hand auf ihren Unterarm; vorher trinken wir noch einen Schnaps zusammen. Sigi, drei Kurze für uns!

Wenn mein Lieblingskellner eines nicht mochte, dann quer durchs Lokal bei seinem Vornamen gerufen zu werden. Er stand vor mir, sah mich streng an und sagte: So, Jung, jetzt lässte die Damen mal schön in Ruhe. Trink dein Bier und halt die Klappe. Ich fand, damit hatte dieser Kellner eine Grenze überschritten. Schließlich war ich der Gast und er nur die Bedienung. Er kehrte mir den Rücken zu, nahm den Deckel der Frauen, rechnete zusammen und schrieb den Betrag auf den Rand. Die Ältere zückte ihr Portemonnaie, legte einen Schein auf den Tisch und winkte ab, als Sigi das Wechselgeld herausgeben wollte. Sie wollen doch nicht schon gehen? sagte ich verzweifelt, die Geschichte ist doch noch nicht zu Ende. Dabei griff ich über den Tisch und ergriff je eine Hand der Frauen. Jetzt ist aber gut! herrschte mich der Köbes an, und ich ließ sofort los.

Dabei kam doch jetzt erst die Pointe. Bei unserer Karnevalsparty passierte es. Wie immer war viel Alkohol im Spiel. Wie immer waren alle mehr oder weniger enthemmt. Und dann sah ich sie ganz hinten in der Ecke der Teeküche: Michael und Anna-Lena, Arm in Arm, küssend! Okay, das war lange vor #metoo, aber wenn eine Führungskraft mit einer naiven Praktikantin rummachte, dann war das schon damals ein Kündigungsgrund. Es schien den beiden Turteltauben egal zu sein, dass man sie beobachten konnte. Da hatte ich einen Einfall. Gerade war der Inhaber zu uns gestoßen. Ich griff ihn am Ellenbogen und zerrte ihn unter einem Vorwand in die Teeküche. Ende vom Lied: Die Firma trennte sich im gegenseitigen Einvernehmen von Michael, und Anna-Lena beendete vorzeitig ihr Praktikum. Die Gefahr war vorüber.

Es muss an der Dramatik in meiner Stimme gelegen haben, denn die Frauen aus Schweden waren stehengeblieben und hörten mir zu. Ja, sie hörten mir zu! Auch ich erhob mich, gab der Mutter mit einer leichten Verbeugung die Hand und sagte: Sorry. Sie sah mir direkt in die Augen, lächelte und nickte freundlich.

Das Schlimme am Brauhaus meines Vertrauens ist, dass die schon um elf schließen. Und es war kurz vor elf. Mit Michael hatte ich oft die Sperrstunde überschritten. Wir waren Stammgäste, man kannte uns und wusste, dass wir sofort gehen würden, wenn man uns aufforderte. Nicht selten hatte sich Sigi zu uns gestellt, um seine letzten Biere vor Feierabend zu trinken. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er das auch an diesem Abend tun würde. Das Lokal war leer, die Kellner räumten auf und im hinteren Bereich waren die Lichter schon ausgeschaltet. Mein Lieblings-Köbes brachte zwei Bier und zwei Klare und setzte sich zu mir.

Sag mal, du hast nie erzählt, wieso ihr beiden dann doch noch dicken Freunde wurdet? Dicke Freunde? Übertreib nicht, antwortete ich. Wir waren einfach nur Saufkumpanen, beide aus ähnlichen Gründen. Viele Jahre nach seinem Rausschmiss rief Michael mich an, erzählte ich. Er würde sich gern mal mit mir treffen. Ich war skeptisch und fragte nach dem Wann und Wo. Wie sich herausstellte, kam er wie ich genau einmal pro Woche hier uns Brauhaus, nur an einem anderen Wochentag. Wäre also für uns beide ein Heimspiel, dachte ich. Also trafen wir uns an einem Montag im November genau hier. Wir prosteten uns zu, und bevor ich fragen konnte, wie es ihm ging, sagte er: Ich wollte mich bei dir bedanken. Dass du für meine Entlassung gesorgt hast, war mit das Beste, was mir im Leben passiert ist. Erstens habe ich sofort einen neuen Job mit viel mehr Verantwortung gefunden, und zweitens sind Anna-Lena und ich jetzt schon seit acht Jahren verheiratet, zwei Kinder haben wir. Und du so?

Bei allem Ehrgeiz, bei aller Überheblichkeit, die er oft an den Tag legte, war Michael ein sehr empathischer Mensch. Ich berichtete in dürren Worten, dass ich immer noch in der Firma war, allerdings nicht mehr in leitender Funktion, keine Personalverantwortung mehr. Dass es mir nie gelungen war, eine Partnerin zu finden, dass es keinen Freundeskreis gäbe, den man so nennen könne, und dass die Abende hier im Brauhaus die Highlights der Woche wären. Na, sagte er einfach, dann konsolidieren wir unsere Termine und sehen uns alle zwei Wochen montags hier beim Bier. Sigi war längst aufgestanden, stand am Ausgang und winkte mir: Komm, Jung, ich schließ jetzt ab.

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