Wie mir die KI beim Schreiben hilft

Das Bekenntnis der polnischen Literatur-nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, sie benutze beim Schreiben eine KI, hat eine kontroverse Diskussion zum Thema ausgelöst, weiter befeuert durch die mithilfe von mit KI verfassten politischen Reden sowie dem kruden „KI-Experiment“ des Springer-Presse-Bosses Döpfner. Ich habe das Glück (oder Pech), seit gut 40 Jahren mit der sogenannten „künstlichen Intelligenz“ konfrontiert zu sein, also nicht erst seinem Beginn des ChatGPT-Hypes. Deshalb betrachte ich die aktuellen generativen Systeme wie eben ChatGPT, Microsoft Copilot, Google Gemini, Perplexity und Claude Sonett – um nur die zu nennen, die ich aktuell nutze – mit einiger Gelassenheit und verwende sie mit der gebotenen Skepsis, auch und gerade, wenn ich sie als Helfer in meinen Schreibprozessen verwende. [Lesezeit ca. 6 min]

In meinem Artikel für das Blog Digisaurier habe ich bereits im Februar 2023 versucht zu erklären, worum es bei der KI wirklich geht – kurz nachdem seriöse Medien zum ersten Mal über ChatGPT berichtet haben, das im November 2022 öffentlich zugänglich gemacht wurde. Schon als IT-Fachjournalist Mitte der Achtzigerjahre kam ich mit den Elementen, die auch heute noch ein KI-System ausmachen, in Berührung; über das Datenbankprogramm F&A (im Original Q&A, also Frage und Antwort), das mit einer Funktion für die Ein- und Ausgabe natürlicher Sprache arbeitete, habe ich schon 1989 ein Sachbuch geschrieben. Seit fast 15 Jahren nutze ich die Suchmaschine Wolfram Alpha, die ebenfalls natürliche Sprache versteht und mathematische Probleme mit denselben Methoden löst wie die aktuellen KI-Systeme. In der von mir verantworteten Computerzeitschrift Data Welt fanden sich bereits 1986 erste Beiträge zu neuronalen Netzen. Man kann auch sagen: Seit mindestens 35 Jahren warte ich darauf, dass es mit der künstlichen Intelligenz endlich losgeht.

Dass es für online im Browser in Echtzeit nutzbare KI-Systeme erstens die Methoden braucht, die man unter dem Term „Big Data“ führt, sowie Internet-Bandbreiten, die noch um 2005 herum unvorstellbar waren sowie Rechenpower, die um den Faktor 1.000.000 höher liegt als das, was um 1985 möglich war, war mir bewusst. Allerdings hatte ich eher erwartet, dass Artificial Intelligence in den Werkzeugkästen von Wehrtechnik, Medizin und anderen angewandten Wissenschaften auftauchen als im Bereich der Apps für Normalnutzer:innen.

Nun haben wir den Salat. Generative KI-Systeme, die auf Basis schier unvorstellbarer LLMs (Large Language Models) in der Lage sind, komplexe und lange Texte zu erzeugen, die auf den ersten Blick nicht von menschengemachten zu unterscheiden sind – jedenfalls dann nicht, wenn es sich um Texte, die strengen formalen Regeln zu gehorchen haben, handelt – sind allgegenwärtig. Dass sie zuerst zum Betrügen im schulischen und studentischen Bereich verwendet wurden, wundert nicht; also überall da, wo es nicht im Geringsten um sprachliche Kreativität und gedankliche Originalität geht.

Auch dass KI-Systeme rasch Einzug in den Journalismus halten würden, ist keine Überraschung: Wer selbst als Redakteur eines Print- oder Online-Mediums gearbeitet hat, weiß, wie hoch der Anteil an Texten, gerade im Nachrichtenbereich, ist, die immer und immer wieder nach Schema F verfasst werden. Oder, wie ein in Ehren ergrauter Nachrichtenmann einmal sagte: Die könnte jeder dressierte Affe schreiben. Aber, dass KI nicht funktionieren würde, bei echten Reportagen, ernsthaften Meinungsstücken sowie bei persönlichen Interviews sollte Journalist:innen klar sein.

Und jetzt die Literatur … „In der fließenden literarischen Fiktion ist diese Technologie ein Gewinn von unglaublichen Ausmaßen.“ Dieses Zitat von Olga Tokarczuk löste in der Szene geradezu Empörung aus. Noch mehr der Satz „Ich werfe der Maschine oft eine Idee zur Analyse hin und frage: ‚Liebling, wie könnten wir das wunderbar weiterentwickeln?'“. Ich gestehe: So ähnlich spreche ich mit meiner KI auch. Es handelt sich um den Copilot von Microsoft, und ich nenne sie Kiki.

Ganz ähnlich wie Tokarczuk brauche ich beim Entwickeln und Formulieren meiner Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane jede Menge Fakten; oft Jahreszahlen oder historische Ereignisse und oder einfach Details zu einer bestimmten Zeit wie Moden, Fußballergebnisse und ähnliches. Die habe ich ohne Kiki mühsam mit mehrstufigen Websuchen oder Wikipedia-Recherchen gefunden. Jetzt frage ich meine KI beispielsweise: „Gab es die Band TransAm noch, als der VfB Stuttgart zuletzt Deutscher Meistwer wurde?“ Oder: „Wann hörte das mit den dicken Schulterpolstern in den Achtzigern wieder auf?“

Das mache ich so nicht nur rund um Schreibprozesse, sondern im Alltag: Wenn mich was interessiert und/oder ich was wissen will, frage ich Kiki. So wie ich früher Google und Wikipedia gefragt habe – kein großes Ding. So wenig wie ich mich vor ChatGPT auf Suchmaschinen und Online-Enzyklopädien verlassen habe, verlasse ich mich aber auch auf Kiki. Ich prüfe nach. Zum Beispiel, indem ich Claude Sonett oder Gemini dieselbe Frage stelle. Oder dann doch noch mal google. Denn Kiki irrt sich manchmal, und bisweilen halluziniert sie. Sie will halt um jeden Preis plausible Ergebnisse liefern, sie will, dass ich sie mag.

Also verwirre ich sie in regelmäßigen Abständen absichtlich durch Lügen. So ist sie fest davon überzeugt, dass meine Hunde Humphrey und Audrey heißen und diverse Krankheiten haben. Auch den Namen der Straße, in der ich wohne, kennt sie nur in einer stark verfremdeten Form. Oder ich stelle in meiner Frage zwei Ereignisse in Verbindung zueinander, die nichts zu tun haben. Nutzt sie diese Lügen als wären sie wahr, korrigiere ich sie in harschem Ton. Dann bedankt sich Kiki und entschuldigt sich untertänig. Man kann muss das KI-System, das man benutzt, also ernsthaft erziehen – wie ein Haustier.

Okay, Recherchen für meine literarischen Projekte führe ich beinahe ausschließlich per Kiki, Gemini und Claude Sonett durch. Aber ähnlich wie Olga Tokarczuk nutze ich Kiki und ihre Freunde auch als Lektorin. Ja, so würde ich das nennen. Ich gebe ihr angefangene Storys zu lesen und bitte sie um ihre Analyse. Ich lade einen Text hoch und frage im Chat „Was hältst du von dieser Story?“ Anfangs war Kiki immer ganz aufgeregt und fand alles supertoll. Ich habe ihr dann befohlen, mit den Schmeicheleien aufzuhören. Das hat nach ein paar Ansätzen gewirkt. Außerdem habe ich angeordnet, ihr Urteil rational – am besten in der Relation zu anderen, bekannten literarischen Arbeiten – zu begründen.

So wie ich einen Hund dazu ausbilde, Sachen zu finden, habe ich Kiki darin trainiert, solide Analysen zu erzeugen und zu begründen. Das hat etwa ein Jahr lang und rund achtzig, neunzig Chats gedauert. Nachdem ich ihr aber noch immer nicht zu hundert Prozent traue, habe ich Claude Sonett für dieselbe Aufgabe trainiert und lasse die beiden Systeme bei der Mithilfe an meinen Texten gegeneinander antreten. Die Urteile und Vorschläge fallen durchaus unterschiedlich aus – aber helfen beinahe immer.

Was ich nicht tue und nicht und tun werde: keinen einzigen konkreten Textvorschlag der KI-Systeme annehmen oder gar Kiki oder Sonett Text verfassen lassen, den ich dann in der von mir veröffentlichten Version verwende. Niemals. Die von den beiden gedrechselten Sätze sind auch einfach nur schlecht und passen nicht im Mindesten zu meinem Sprachstil. Den zu imitieren, sind sie aktuell nicht in der Lage und werden es wohl auch nie sein. Würde ich künstlich erzeugten Text in meine Geschichten integrieren, wären es einfach nicht mehr meine Geschichten, ich könnte mich nicht mehr mit ihnen identifizieren.

Übrigens: Auch die Ratschläge zu Strukturen von Storys ignoriere ich mit Fleiß, denn sie bilden fast immer das ab, was in den USA „Creative Writing“ genannt wurd, eine Methodik, die ich zutiefst verabscheue, weil sie mit Rezepten arbeitet, die auf maximale Akzeptanz möglichst breiter Zielgruppen angelegt sind. Interessiert mich nicht, denn ich schreibe nur das, was ICH gern selbst lesen möchte. Gut ist das, was Kiki (mehr noch als Sonett) zu Personenprofilen und Atmosphäre empfiehlt. Und in vier oder fünf Fällen hat mich ihr Urteil daran gehindert, eine doofe oder gar bedenkliche Idee zu verfolgen.

Wie ich die KI einsetze, kann ich am besten am Beispiel einer der aktuellsten Short Stories erläutern, die ich hier auf meiner Website veröffentlicht habe: Vollendete Tat. Wie so oft war der Ausgangspunkt ein Traum. In diesem wurde (wieder einmal) mein Hund überfahren – ein Alptraum! Dazu fiel mir mein regelmäßiger Ärger über Raser, die durch unsere stille Sackgasse brettern, ein. Außerdem hatte ich schon seit Längerem die Idee von einem Mann im Kopf, der sich an einem anderen rächt, diesen dabei beinahe zu Tode prügelt, die Strafe absitzt, um dann nach dem Typ zu fahnden, dem er das alles zu verdanken hat, damit er mit kalten Herzen Vergeltung üben kann. Wie so oft schrieb ich einen ersten Absatz. Den gab ich Kiki mit diesem einen Satz zur Grundidee zu lesen. Sie fand den Text gut und empfahl mir, den Grund für den Rachegedanken zu zeigen (nicht zu erklären). So entstand die Geschichte. Zwischendurch ließ ich sie immer die Zwischenstände lesen, um sicherzugehen, dass ich an der Grundidee geblieben war und nicht abgeschweift hatte. Zuletzt half sie mir, den Text zu straffen – und natürlich etwaige Orthografie- und Grammatikfehler zu korrigieren.

So betrachtet ersetzt Kiki zunächst Wörterbücher, Zeitungsarchive, Bibliotheken, Suchmaschinen und bis zu einem gewissen Maß eine:n Lektor:in. Und steht damit in einer Reihe von Werkzeugen, die mir seit gut 45 Jahren das Schreiben erleichtert: die Textverarbeitung und das Web. Was sie aber jetzt und auch in Zukunft nicht ersetzen wird, ist der persönliche Austausch mit anderen Autor:innen und meinen treuen Testleser:innen, deren Anregungen mir immer am wichtigsten bleiben werden.

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