Song des Lebens

Weißt du noch, wie wir mitten im Gewitter über den Deich gerannt sind und Songs in den Sturm gebrüllt haben. Unten am Strand mehr Wasser von oben als von vorn. Sogar die Geldscheine im Portemonnaie waren durchweicht. Du warst immer der Musikalischere von uns beiden, hattest die Gitarre dabei, hast gespielt, ich habe gesungen, wenn wir mit den Freunden gefeiert haben. House of the Rising Sun und so. Einmal hast du eine Melodie gespielt, und ich habe einen Text dazu erfunden. Wir sind doch nicht blind sollte der heißen, so ein Ding im Stil von Bendzko, Foster, Giesinger, Bourani. Komm, sagte ich, lass uns bei dieser Casting‑Show bewerben. Du hast abgewinkt. Du warst an einem ganz anderen Punkt im Leben. [Lesezeit ca. 2 min]

Kurz vorm Master, der Job bei der Behörde so gut wie sicher. Und Alisa war schwanger. Bei mir das Gegenteil: Studium abgebrochen, keine Ahnung, was ich wollte. Samira weg. Mach das allein, meintest du. In der Show sollte ich Cover singen, aber ich bestand darauf, unseren Song zu performen. Sie stimmten zu. Zwei Tage später ging das Ding viral. Über zwei Millionen Klicks in einer Woche. Wir sind doch nicht blind wurde zum Meme meiner Generation.

Gewonnen habe ich nicht. Aber der Produzent Chris Köhler meldete sich. Aus dem Ding machen wir was, sagte er. Ich sang das Lied noch einmal ein, Chris baute die Musik drumherum. Der Song ging durch die Decke. Nach einer Woche Nummer eins, siebzehn Wochen in den Top Ten. Journalisten jagten mich. Ich weiß nicht, ob du das alles mitbekommen hast. Talkshows, Interviews, die Stimme meiner Generation.

Mitte Dezember meinte Chris: Jetzt das Album. Seine Song‑Fabrik stehe bereit, ob ich noch was Eigenes hätte. Hatte ich nicht. Nicht einmal einen Text. Ich bat um Bedenkzeit, obwohl ich gar nicht wusste, was ich bedenken sollte. Hätten meine Eltern noch gelebt, hätte ich sie gefragt. Wäre mein Bruder nicht so ein Arschloch, vielleicht ihn. Dich wollte ich nicht belasten, die Zwillinge waren gerade geboren, ihr wart in das Häuschen am Stadtrand gezogen. Also beschloss ich, über den Jahreswechsel irgendwohin zu fliegen.

Sardinien. Du weißt ja, wie oft wir dort waren. Ich fand eine heruntergekommene Anlage an der Costa Smeralda. An der Rezeption Nicoletta. Die schönste Frau der Welt, mindestens aber Sardiniens. Und klüger als alle anderen zusammen. Ich war sofort verloren. Sie auch, glaube ich. Dann die erste Abrechnung: siebenhundertachtundzwanzigtausend und ein paar Zerquetschte. Ich war reich, wie man so sagt. Das war erst der Anfang. Bist du einverstanden, wenn ich deinen Anteil für die Zwillinge anlege?

Ich bleibe hier bei Nicoletta. Investiere alles in die Anlage. Wir machen einen Club draus. Mensch, Benny, komm doch mal mit deiner Familie her und mach Urlaub. Lass uns über die alten Zeiten quatschen. Spielst du noch Gitarre? Bring sie einfach mit. Vielleicht ergibt sich ja was.

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