Vollendete Tat

Jetzt sitze ich hier in dem, was ich meinen Garten nenne. Über mir das Rauschen der Autos auf der Brücke. Beschirmt und beschützt durch die große Buche. Mit meinem Notebook auf einem wackeligen Gartenstuhl. Ich habe zu recherchieren. Wo der Typ gerade ist, weiß ich. Aber nicht, wie ich die Tat vollenden werde. Mein treuer Rüde Humphrey als Bildschirmhintergrund. Ach, Humphrey, mein Humphrey, was hat er uns bloß angetan? Sei bei mir, wo auch immer du jetzt bist. [Lesezeit ca. 3 min]

Voll draufgehalten hat er, als wir beide gerade die Straße überquerten. Unsere stille Sackgasse, Tempo 30 vorgeschrieben. Mindestens 50 hatte er drauf, eher mehr. Du schlichst wie immer hinter mir. Ich sah ihn kommen und war sicher, er würde bremsen. Hat er aber nicht. Er erwischte dich mit seinem rechten vorderen Kotflügel am Hinterlauf. Du wurdest in die Luft geschleudert und schlugst mit deinem wundervoll geformten Schädel hart auf die Bordsteinkante. Ich hörte die Knochen brechen. Das Arschloch hielt an, und er kroch aus seiner Kiste. Nicht dass er sich um dich und mich kümmerte. Er ging um den Wagen herum und inspizierte den Kotflügel.

Da riss ein Draht in meinem Hirn. Ich sprang auf ihn zu und trat nach seinem Kopf wie nach einem Fußball. Volltreffer. Er fiel rückwärts und schlug hart auf dem Asphalt auf. Ich trat ihm in die Eier und in die Rippen. Zwei Passanten stürzten herbei und umklammerten mich. Sie hielten mich davon ab, wieder und wieder auf seinem Schädel herumzutrampeln.

Der Krankenwagen war zuerst da. Dann kam die Polizei. Die Zeugen berichteten, was ich getan hatte. Niemand achtete auf dich, niemand. Später erfuhr ich, dass die Müllabfuhr deinen Kadaver geholt hat. Die Müllabfuhr! Ach, Humphrey, mein Humphrey. Wenn du einmal sterben würdest, wollte ich dich eigenhändig beerdigen. Drüben am Rand der Bucht am Fluss, gleich unter den Büschen, die du so oft markiert hast. Schon als Welpe. Wie oft haben wir dort im Sommer gelagert. Ich habe dagesessen und die Sonne und die Luft genossen. Du bist mit den Pfoten ins Wasser gegangen und hast im Sand gebuddelt. Ab und zu habe ich dich gerufen. Du kamst, nicht immer sofort, und ich habe dir dein Lieblingsleckerli gegeben. Schöne Zeiten für uns zwei.

Bei der Vernehmung sagte ich kein Wort. Hatte auch keine Papiere dabei. Nannte ihnen keinen Wohnsitz. Also nahmen sie mich in Haft. War mir egal, denn ohne dich spielte es keine Rolle mehr, was mit mir passierte. Acht Monate ohne Bewährung für gefährliche Körperverletzung. Ich saß sie ab bis auf den letzten Tag. Den verlassenen Kleingarten unter der Brücke kannte ich von unseren gemeinsamen Spaziergängen. Ich gab die Wohnung auf, unsere gemeinsame Wohnung. Brach den Schuppen auf und richtete mich dort ein. Wer diesen versteckten Winkel nicht kannte, würde ihn niemals entdecken hinter dem wüsten Gebüsch und der wilden Müllhalde. Und unter der Buche war ich unsichtbar für die Welt. Schon im Knast hatte sich meine Trauer um dich, alter Freund, in Wut verwandelt. Ich hätte ihn gleich töten müssen. Jetzt ging es darum, die Tat zu vollenden.

Und nun sitze ich hier in diesem milden Spätsommer und recherchiere. Weißt du, Humphrey, das Arschloch ist nach meinem Angriff ins Koma gefallen. Als er wieder aufwachte, kam er in eine Reha-Klinik. In Bad Pyrmont. Ein Auto habe ich mir schon besorgt. Gefälschte Nummernschilder dazu. Ich weiß, wie ich dorthin komme und wie ich unbemerkt in die Klinik gelange. Bleibt nur die Frage, wie ich es mache. Am liebsten würde ich ihn erschlagen mit einem Baseballschläger. Oder erstechen. Kann aber leider kein Blut sehen. Schätze, die dumme Sau wird noch geschwächt sein. Wie wär’s mit erwürgen, Humphrey? Was meinst du?

Ich stelle mir vor, wie du ihn stellen würdest, Humphrey. Wie du das tun würdest, was ich nicht kann. Du würdest nicht zögern. Du würdest nicht nachdenken. Du würdest die Zähne fletschen, knurren, ihn zurückdrängen, bis er keinen Schritt mehr hätte. Und dann würdest du springen. An seinen Hals, fest, unnachgiebig. Ich müsste nicht einmal hinsehen. Ich müsste gar nichts tun.

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