Mit nem Ei im Mund (3)

Aber Siggi hatte immer noch Angst vor dem Neger. Der weiß doch, dass wir es waren, hatte er einmal zu Horsti gesagt. Klar, dass der nur darauf wartet, sich zu rächen. Horsti hatte ihm einen Vogel gezeigt. Aber Siggi sagte nur: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Siggi linst um die Ecke des Hauseingangs. Jetzt öffnet Herr Scholten das Tor. Jetzt steigt er wieder in den dreirädrigen Lieferwagen. Jetzt fährt er rein.

Siggi will wieder loslaufen. Bekommt aber ein Stubser von hinten in die Rippen.
„Heh, du Schlafmütz, kreischt Renate, wo bleibst du denn? Bist schon ne halbe Stunde weg. Das war nicht ausgemacht!“
Siggi spuckt, mittlerweile routiniert, das Ei in die Hand.
„Ich musste hier warten, weil grad der Neger kam.“
„Alles Ausreden, du Feigling. Ich soll mit dir laufen und kontrollieren, ob du auch nicht das Ei rausnimmst. Haste aber schon. Wette verloren.“

Renate grinst, so dass Siggi die breite Lücke zwischen ihren oberen Schneide¬zähnen sehen kann. Er mag besonders ihren Silberblick. Und dass sie oft wie eine Taube mit dem Kopf vor und zurück ruckt, weil sie so schlecht gucken kann und damit die Dinge schärfer sieht. Wenn sie ruckt, wippen ihre dicken Zöpfe vor und zurück. Und das mag Siggi ganz besonders. Außerdem ist Renate das einzige Mädchen, das genauso schnell rennen kann wie Ebse. Und der ist immerhin im Leichtathletikverein und trainiert im Sommer zweimal in der Woche.

Sicher, Renate ist ja auch schon zwölf. Und ein Jahr älter zu sein, heißt für die Jungs, fast erwachsen zu sein. Horsti ist auch schon fast zwölf, und er hatte Siggi vor ein paar Wochen gesagt, er sei in Renate verknallt.
„Was heißt das?“ hatte Siggi gefragt.
„Na, ich bin verliebt“, antwortete Horsti.
„Und?“ wollte Siggi wissen.
„Nix, und.“
Damit ließ Horsti ihn stehen.

Vielleicht bin ich auch in Renate verknallt, denkt Siggi jetzt, während Renate weiter grinst oder eher lächelt. Vielleicht heißt verliebt ja, dass ich mit ihr mal ins Lager bei Klever gehen kann. Knutschen hat ja was mit verknallt zu tun. Knutschen, weiß Siggi von Horsti, ist, wenn man sich küsst. Aber ganz hart und sich dabei umarmt oder sogar streichelt. Also nicht wie Eltern das mit ihren Kindern machen. Und Horsti hatte gesagt, sein großer Bruder habe ihm gesagt, das Beste wäre ein Zungenkuss, wo der Mann seine Zunge beim Küssen in den Mund der Frau steckt. Das fand Siggi ekelhaft.

***

„Los, Mensch.“
Renate stubst ihn wieder in die Rippen. Siggi steckt das Ei in den Mund und setzt sich in Bewegung. Renate trabt neben ihm. Sie kommen an der Einfahrt der Schlosserei Klever vorbei.

Seit Herr Klever auf der Kreuzung von einem Schwerlaster überfahren worden ist, hält Frau Klever nur noch den Laden offen. Sie hat die Gesellen entlassen, Werkstatt und Lager sind geschlossen. Bei Frau Klever kann man Eisenwaren kaufen: Nägel, Schrauben, Schlösser, Scharnieren, Beschläge. Auch Werkzeug gibt es da. Schließlich kann man Schlüssel bei Frau Klever nachmachen lassen. Das erledigt sie selbst.

Früher war Frau Klever immer ziemlich lustig und entließ keinen Kunden ohne witzige Bemerkung. Auch die Gesellen in der Werkstatt freuten sich immer, wenn die Meisterin mit einem Korb belegter Brötchen kam und jeden mit einem derben Scherz bedachte.

Als Witwe war Frau Klever schweigsam und mürrisch geworden. Viele Kunden blieben weg und ließen ihre Schlüssel beim Schlüsseldienst auf der Jahnstraße machen. Das war zwar weiter weg und sogar ein bisschen teurer, aber man nahm das in Kauf, um nicht von der Schwermut der Frau Klever angesteckt zu werden.

Das Lager der Kleverschen Werkstatt ist ein Ort zum Verstecken. Ist man einmal in dem Schuppen am hintersten Ende des Innenhofs, kann man die Tür von innen verbarrikadieren und ist ungestört. Natürlich gibt es keinen Strom im Lager. Hinter den hintersten Regalen hatten sich die Gesellen aber noch zu Herrn Klevers Zeiten eine gemütliche Ecke eingerichtet, in der sie sich, wenn der Chef nicht da war, gerne ein bisschen aufs Ohr legten. Dort gab es eine abgenutzte Chaiselongue, deren ehemals weinroter Brokatbezug sich durch die öligen Blaumänner der Schlossergesellen in einen lederähnlichen, harten Belag verwandelt hatte, der immerhin die Ratten davon abgehalten hatte, sich von oben in das Möbel hineinzufressen.

Darauf, dass sich die Nager allerdings von unten durch Holzwolle und Rosshaar gefressen und Gänge und Nester angelegt hatten, ließen die vielfältigen Geräusche schließen, die man hören konnte, wenn man ganz still auf dem Sofa lag.

Neben der Liege gab es noch ein ehemaliges Aktenregal, darauf einen altmodi¬schen Kerzenleuchter aus Messing. Siggi und Horsti hatten dieses Refugium bei ihren Expeditionen durch die Höfe entdeckt und gleich mit Kerzen, Streichhölzer und einem Vorrat an Sigurd-, Akkim- und Tarzan-Heftchen gemütlich ausgestattet.

***

Aber jetzt sind Siggi und Renate auch schon auf Höhe des Milchgeschäfts Nassenstein. Hier wird die Milch gekauft. Auch Siggis Mutter schickt ihn beinahe jeden Tag mit der Blechkanne los, einen Liter Milch zu holen. Siggi darf inzwischen selber pumpen, ein Privileg, das Frau Nassenstein Kindern einräumt, die regelmäßig kommen und artig sind – wie sie es nennt.

An der linken Wand des Ladens stehen drei glänzende eckige Behälter. Die metallische Oberfläche ist mit einem muschelförmigen Muster angeschliffen, das je nach dem Blickwinkel das Licht anders reflektiert. Ein Tank enthält Vollmilch, der zweite entrahmte Milch, und im dritten Behälter ist die Buttermilch. Auf jedem Metallbehälter ist ein gläserner Kolben angebracht, der von verchromten Streben gehalten wird. Feine blaue Striche im Glas teilen den Kolben in Abschnitte ein, von denen jeder einen Viertelliter fasst. Acht solcher Abschnitte gibt es, zwei Liter Milch können als auf einmal gezapft werden. Da, wo die Fassung des Kolbens in den Tank hineinführt, ist ein gut armlanger Hebel, ebenfalls verchromt, über eine Art Walze mit einem einfachen Mechanismus verbunden. Zieht man den Hebel aus seiner senkrechten Ausgangsposition ganz nach unten, strömt die Milch in den Glaskolben. Lässt man den Pumpenarm, der am Ende mit einer blauen Kugel, die Siggi gerne geklaut hätte, los, bewegt sich der Hebel langsam wieder nach oben.

Jeder Pumpvorgang bringt genau einen Viertelliter Milch in den Kolben, der mit einem Zapfhahn wie an einem Bierfass versehen ist. Hat Siggi einen Liter ge¬pumpt (Seine Mutter sagte immer: Lieber zweimal am Tag nur einen Liter holen als saure Milch im Pudding), ruft er Frau Nassenstein Einen voll! zu, worauf diese den Preis für einen Liter Vollmilch in die Registrierkasse tippt und an der Kurbel dreht. Siggi hängt die Milchkanne am Zapfhahn auf und öffnet das Ventil. Die Milch strömt aus dem Glaskolben in die Kanne. Schließlich reicht er der immer freundlichen, aber schweigsamen Frau Nassenstein das abgezählte Geld und geht.

Siggi und Renate gucken durch die Schaufensterscheibe ins Milchgeschäft. Da steht Frau Nassenstein gerade an den Milchtanks und reinigt einen der Glaskolben. Sie hat wie immer ein weißes Häubchen auf dem Kopf und eine weiße Schürze mit Spitzenbesatz umgebunden. Ihr enormer Busen steckt in einem himmelblauen Angorapullover.

Siggi will Renate was fragen, aber bevor er losredet fällt ihm das Ei in seinem Mund ein. Mädchen kriegen einen Busen, wenn sie erwachsen werden. Denkt er. Ob Renate auch einen so großen Busen kriegt wie Frau Nassenstein. Hätte er sie gerne gefragt. Geht aber nicht.

***

Ein lautes Knattern springt von hinten durch die Corneliusstraße. Siggi dreht sich um und sieht das schwere Motorrad mit Beiwagen, das gerade durch die Unterführung braust. Der hat sicher sechzig Sachen drauf. Denkt Siggi. Das Motorrad hat nun Renate und Siggi überholt und vor dem Café Friedchen ange¬halten. Der Fahrer stellt das Gespann an der Bordsteinkante ab und klettert vom Sitz. Im Beiwagen hockt ein großer schwarzer Schäferhund.

Der Mann trägt einen bodenlangen Ledermantel und eine Ledermütze. Jetzt schiebt er die Schutzbrille hoch und schaut sich um. „Komm, Hasso“, ruft er, und der Hund springt aus dem Beiboot auf den Bürgersteig.

Renate bleibt abrupt stehen, und auch Siggi hält an. Der größte Schäferhund, den sie je gesehen haben. Schwarz wie ein Rabe. Schüttelt sich und bellt plötzlich laut. Der Mann lacht, der Hund springt an ihm hoch. „Platz, Hasso.“ Der Hund gehorcht.

Der Mann zieht Mantel, Mütze und Brille aus und wirft alles in den Beiwagen. Er trägt einen recht eleganten hellgrauen Anzug. Dazu ein schwarzes Hemd und eine schmale, gelbe Krawatte. Er greift den Hund am Halsband. Der Hund ist so groß, dass sich sein Besitzer nicht einmal bücken muss, als er das Tier zur Tür des Cafés zieht.

Renate starrt hinter Hund und Herrchen hinterher. Siggi sieht ihre Angst. Schweißperlen auf ihrer Oberlippe. Rote Flecken auf den Wangen. Sie zittert sogar ein bisschen.

Mit einer Kopfbewegung zeigt er ihr, dass es weitergeht.

(Fortsetzung folgt…)