Geschichten an der Wand

Die Professorin hatte zusammengewachsene Augenbrauen wie Frida Kahlo und rauchte Orient-Zigaretten. Wenn ich in ihrem Atelier zur Einzelkritik saß, bot sie mir eine an. Süßlicher Tabak, der im Hals kratzte. Und immer erzählte sie von ihrer Zeit in Neapel, bevor sie ein Wort über meine Arbeiten verlor. Selten mehr als ein Wort. Sie sagte schönoder scheiße und begründete ihr Urteil nie. Schweiger war da anders. Als ich ihm meine Zeichnungen zeigte, holte er weit aus: Das ist vollkommen epigonal, nur auf den Effekt aus und handwerklich katastrophal. Aber die Dinger haben Kraft, Wucht sogar. Ich wusste, dass ich nicht gut zeichnen und malen konnte. Nicht annähernd so gut wie mein Freund Georg, den Professor Danz gleich in seine Klasse aufgenommen hatte. Ich wusste nur eins: Ich wollte Künstler sein, als Künstler leben. Egal wie. [Lesezeit ca. 18 min]

Sie sind so erschreckend naiv, sagte meine Professorin, das ist Ihre Superkraft. Ich bezweifle nur, dass die Malerei das richtige Feld für sie ist. Haben sie es mal mit Schreiben versucht? Ja, klar, dachte ich, schon mit zehn, elf Jahren. Kurze Texte, die mein Vater Einakter nannte. Er hatte mir einen Stapel DIN-A3-Papiere aus dem Büro mitgebracht; darauf könne ich ja mal was Schönes malen. Stattdessen schrieb ich meine Geschichten mit schwarzem Wachsmalstift darauf. Wissen Sie, sagte die Professorin, damals in Neapel habe ich Tagebuch geführt, intensiv, genau, präzise, habe nicht aufgezeichnet, was ich tat, sondern, was ich sah, hörte, roch und, ja, auch schmeckte. Probieren Sie das doch auch mal. Ich nickte, ohne ihr zu sagen, dass ich seit meinem dreizehnten Lebensjahr exakt eine solche Art Tagebuch schrieb.

Eigentlich war mir auch egal, was sie von mir wollte. Hauptsache, sie nahm mich in den sogenannten Orientierungsbereich auf. Das Formular mit ihrer Unterschrift habe ich noch heute. Ich ließ mir nichts anmerken, aber kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, brüllte ich vor Freude. Ich war angenommen! Ich war Kunststudent! Ich durfte an der Akademie bleiben! Jeden Tag konnte ich jetzt hingehen und im Raum meiner Klasse tun und lassen, was ich wollte, Hauptsache, es ginge als Kunst durch.

Also ließ ich die Sau raus. Ich malte auf allem, was mir in die Hände fiel: zerlegte Pappkartons, abgezogener Möbelstoff, Teppiche und Bettlaken. Immer mit Wandfarbe, immer mit dem breiten Pinsel oder dem Quast. Nie auf Leinwand, nie mit feinen Pinselchen und Ölfarben. Ich nagelte die Pappe oder den Stoff einfach an die Wand und legte los: Porträts, Landschaften, Stillleben, alles, was die konventionelle Malerei so an gegenständlichen Motiven hergab. Meine Klassenkameraden straften mich mit Nichtbeachtung. Und die Professorin sagte immer nur schön oder scheiße.

Ich lebte so, wie ich mir das Leben eines Künstlers, eines Bohemien vorstellte. Lange schlafen, Mittagessen in der Mensa, durch die Akademie schweifen, andere Klassen besuchen, bisschen malen, dann in die Kneipe, und abends gab es immer irgendwo eine wilde Fete. Ich wurde Stammgast in der Schweiger-Klasse, wo nicht lauter Bürgerkinder mit feinen Gefühlen winzige Gemälde pinselten. Da hausten die Harten, da wurde gesoffen, da lief immer die wüsteste Musik. Und da wurde Schach gespielt, Tag und Nacht.

Dass ich arm war, verstärkte noch mein Gefühl, ein echter Künstler zu sein. Nach dem Tod der Mutter war ich einfach in der Mansarde unterm Dache wohnen geblieben, von der die Vermietungsgesellschaft nichts wusste. Und wenn ich gar kein Geld auf Tasche hatte, ernährte ich mich vom Nachschlag, den sich Kommilitonen in der Mensa holten. Oder ich frühstückte in einem der Hotels in der Nähe. Kam ich in der Stoßzeit, kontrollierte niemand, ob ich Gast war. Außerdem hatte ich ein paar alte Freunde, die gleich nach dem Abi ins Berufsleben gestartet waren und bei denen ich schnorren konnte.

Ganze Nachmittag am Flipper im Einhorn, wir teilten uns die Freispiele. Wir wussten, bei welchen Songs die Musikbox lief, ohne dass man Geld eingeworfen hatte und hörten Riders on the storm in Dauerschleife. Samstags im Spiegel Schachspielen um Geld, zusammen mit Manuel, dem Schweiger-Schüler, den wir Orantes nannten. Da kamen ältere Herren und schoben Zwanzigmarkscheine unters Brett als Einsatz. Wer gewann, nahm sich die Kohle. Orantes und ich gewannen neun von zehn Partien, weil wir im Gegensatz zu unseren Kontrahenten nüchtern blieben. Geldverdienen als Babysitter beim Herzog, dem Großkünstler, dem die Frau weggelaufen war, und der seine beiden Töchter selbst großziehen wollte. Viel Alkohol, in Maßen Kiffen und die Hände weg von anderen Drogen.

Und dann kam Elsa. Dünn, nicht schlank, mit ausladendem Krauskopf, immer ein bisschen zu stark geschminkt. Jesús hatte in der Schweiger-Klasse zur Fiesta Mexicana geladen und kistenweise Corona-Bier besorgt, Agaven-Schnaps dazu. Er buk Tortillas auf der nackten Herdplatte, auf der sonst das Malmittel aufgewärmt wurde. Irgendwer hatte einen 10-Liter-Topf Chili gespendet, und Orantes gab den Diskjockey. Ich hockte auf dem durchgesessenen Sperrmüllsofa und ließ das Chaos an mir vorbeiziehen. Professor Schweiger mittendrin, schon schwer betrunken, je eine Studentin in beiden Armen. Da ließ sie sich neben mich ins Polster fallen. Hier, ein richtiges Bier, sagte sie, und reichte eine Flasche Alt rüber.

Jesús, den die eher schlichten Gemüter Speedy Gonzales nannten, hatte Orantes vom Plattenspieler verdrängt, hüpfte auf der Stelle und brüllte Hossa! Hossa! als wolle er Rex Gildo nachmachen. Und legte nur noch Mariachi-Rock auf, Musik von Bronco und Los Tigres del Norte, Sachen, die keiner von uns kannte. Auch das noch, flüsterte Elsa mir ins Ohr. Komm, lass uns gehen. Ich sah die Flasche nicht kommen, hörte nur, wie sie knapp über meinem Kopf hinter mir an der Wand zerschellte. Und wie jemand brüllte: Lass die Finger von Elsa! Und dann kam Kiesow, der Proll, angestürmt. Wie immer im schmierigen Monteursoverall und stahlbewehrten Arbeitsschuhen. Sie sprang auf, griff mich am Arm und zerrte mich zur Tür. Wir hörten noch, wie Kiesow aufprallte und Geräusche von sich gab, wie ein brünftiger Gorilla.

Wir rannten lachend den langen Gang an den Klassenräumen vorbei, die Bierflaschen in den Händen, bis zum hinteren Treppenhaus. Jetzt, wo die Musik der Party nicht mehr zu hören war, lag die Akademie still da. Zu still. Ich nahm meine Flasche und warf sie mit demselben Schwung an die Wand wie Kiesow es getan hatte. Elsa tat es mir nach. Dann lagen wir uns in den Armen, und ich küsste sie mit voller Kraft. Komm, sagte ich. Zog sie die Treppen hinab bis ins Untergeschoss. Der Aktzeichenraum war wie immer nicht abgeschlossen. Wir liebten uns auf der Liege auf dem Podest, auf dem sonst die Modelle posierten, um von uns angestarrt und gezeichnet zu werden.

Haben Sie’s denn mal mit Schreiben versucht? fragte die Professorin und bot mir eine ihrer stinkenden Kippen an. Die entscheidende Besprechung. Sie hatte zu entscheiden, ob ich an der Akademie bleiben könnte. Ich hätte mich auf diesen Termin vorbereiten müssen, aber im stetigen Fluss der Tage, des Malens und der Feten hatte ich ganz vergessen, dass diese Einzelkritik entscheidend sein würde. Kein Bild ausgewählt, dass die Professorin hätte gnädig stimmen können, einfach irgendeine Pappe gegriffen und mitgenommen. Sie wissen, dass dieses Machwerk scheiße ist, sagte sie und zog die Augenbrauen unter ihrem schwarzen Pony drohend zusammen. Ich nickte. So kann ich Ihnen die Bescheinigung nicht geben, das dürfte Ihnen klar sein. Sie stieß eine süßlich duftende Rauchwolke aus und sagte: Ich lass mich nämlich nicht verarschen.

Noch vor ihren Augen zerfetzte ich das schlimme Bild, das ich präsentiert hatte. Denn sie hatte mir noch eine Chance gegeben. Machen Sie mal etwas ganz anderes; keine unmöglichen Malgründe, keine Fassadenfarben, keine breiten Pinsel. Probieren Sie es mal mit Zeichnen, Kohle, Rötel, Sepia auf Papier. Mir unbekanntes Material, zum Glück hatte ein edler Spender der Akademie tonnenweise beste Zeichenbögen geschenkt, die im Keller neben der Mensa lagerten. Und diese Stifte, die konnte ich bestimmt irgendwem klauen.

Ich fand Gefallen an dieser Art Kunst zu machen. Ja, jetzt, wo ich nicht mehr brachial arbeitete, gefiel es mir sogar, in der Klasse mit den ganzen zarten Mädchen und seelenvollen Jungs mit ihren sauteuren Marderhaarpinselchen und den selbst angeriebenen Pigmenten. Es gab da eine Ecke, einen Stuhl, einen Tisch, gutes Licht. Ich fand ein passendes Zeichenbrett und holte mir so viel Zeichenkarton aus dem Keller wie ich tragen konnte. Die Kinder reicher Eltern in der Klasse waren bestens ausgestattet und würden ein bisschen Zeichenkohle und Rötel nicht vermissen. Als ich am dritten oder vierten Tag so dasaß und zeichnete, fiel mir ein, wie ich als Kind Geschichten mit Wachsmalstiften auf Papierbögen geschrieben hatte. Und dann schrieb ich meine erstes Geschichte mit Kohle auf Karton, einzelne Wörter mit Rötel unterstrichen.

Mit Elsa traf ich mich regelmäßig. Sie kam nicht mehr in die Akademie, wollte Kiesow nicht begegnen. Sie hatte Angst vor ihm. Ich auch. Also mied ich die Schweiger-Klasse. Dem Proll aus dem Weg zu gehen, war nicht schwer, der kam ohnehin nur zu den Partys. Elsa war keine Studentin, sie arbeitet als Flugbegleiterin und hatte ein schickes, kleines Appartement in der Altstadt. Wir trafen uns meistens im Einhorn. Manchmal kam sie direkt vom Dienst dorthin, noch in Uniform. Dann roch sie nach Flugzeug. Keine Ahnung, ob ich ihr einziger Typ war, aber mir kam es vor, als sei ich nun Teil eines Paares. Im Oktober zog ich zu ihr, mein geheimes Zimmer unterm Dach behielt ich, es ist bis heute meine geheime Schreibstube.

Sah so ein Künstlerleben aus? Ohne Feten, ohne Saufen, ohne Exzesse? Ich hatte meine Zweifel und erkannte, dass eine Sache fehlte: Ich musste mit meiner Kunst Geld verdienen. Und brauchte Anerkennung. Elsa konnte sie mir nicht geben, sie interessierte sich nicht für Kunst, nicht einmal für meine Arbeiten. Die Wände ihrer Wohnung waren gepflastert mit Fotos der Orte, an denen sie schon war: New York, Barbados, Copacabana, Bali. Ich fand die Bilder kitschig, sagte aber nichts dazu. Um ehrlich zu sein: Elsa ernährte mich, und das bereitete mir manchmal ein schlechtes Gewissen.

Immer mehr Storys malte ich auf den Karton. Ich erzählte von meinem Weg, von den Geschichten, die ich als Kind verfasste, wie ich zur Malerei kam und in die Kunstakademie. Ich berichtete von meinem Leben in den ersten Semestern, von meiner Professorin, von den Tagen in der Schweiger-Klasse, vom Vorfall mit Kiesow und von Elsa. Ich begann ganz am Rand oben in der linken Ecke und schrieb und schrieb, bis ich die untere, rechte Ecke erreicht hatte. Und genau dieses Blatt präsentierte ich der Professorin bei der alles entscheidenden Sitzung. Sie legte es vor sich auf den Arbeitstisch und las. Jedes Wort, und manchmal huschte ein Schmunzeln über ihr Gesicht. Dann nahm sie den Karton und stellte ihn auf eine Staffelei. Das ist gut, sagte sie, sehr gut. Ich möchte, dass sie in meiner Klasse bleiben. Vermutlich habe ich laut gebrüllt und die Fäuste in die Luft gestochen wie ein Fußballer nach dem entscheidenden Tor. Die Professorin strich sich die Haare hinter die Ohren und lächelte. Sie sind auf dem richtigen Weg, sagte sie, mal sehen, was wir aus ihnen machen können.

Ich rannte nach Hause, kaufte eine sündhaft teure Flasche Champagner und eine Einkaufstüte voller Delikatessen. Im Appartement deckte ich den Tisch, so richtig mit weißem Tischtuch, Stoffservietten und Kerzen. Rosen hatte ich ebenfalls mitgebracht. Ich wollte mit Elsa feiern. Sie würde laut Flugplan gegen Mitternacht heimkommen. Um eins war sie noch nicht da. Ich trank den Champagner und aß, nicht ohne ihr die besten Leckereien übrigzulassen. Rauchte einen kleinen Joint und ging irgendwann ins Bett. Als ich mittags aufwachte, lag sie neben mir und schnarchte leise, wie sie das meistens tat. Auf dem Tisch fand ich einen Zettel: Liebster, lass mich bitte schlafen. Hatte einen chaotischen Rückflug. Kuss, Elsa. Ich ging wie jeden Tag in die Akademie und schrieb und malte an meinen Geschichtenbildern.

Jedes Jahr im Januar präsentierten die Studenten die Arbeiten der vergangenen beiden Semester in ihren Klassenräumen. Beflissene Kunstliebhaber flanierten durch die Gänge und schauten hier und da in die Räume, manche auf der Suche nach Kunst, die sie billig für zuhause kaufen konnten. Nicht wenige Studenten aber hofften, dass der eine oder andere bekannte Galerist vorbeikäme und sie entdecken würde. Mich ließ die Aktion relativ kalt. Ich hängte zwei meiner Malereien aus chaotischen Zeiten auf und drei Bögen mit handgeschriebenen Geschichten. Jede Klasse hatte für die Aufsicht zu sorgen, und am Freitag hatte ich von mittags bis abends Dienst.
Es kamen vor allem Eltern und andere Verwandte meiner feinsinnigen Kommilitonen vorbei, um die Arbeiten ihrer Kinder zu bewundern.

Plötzlich stand Professor Danz im Raum, ja, genau der Lehrer, der meinen Freund Georg sofort in seine Klasse aufgenommen hatte. Groß und schwer mit raspelkurzen Haaren in weißer Latzhose. Er ließ seinen dunklen Blick über die Exponate schweifen. Dann trat er näher an meine Geschichtenbilder und sagte über die Schulter hinweg: So, so, das sind also diese Dinger, von denen mir deine Professorin erzählt hat. Ich stellte mich neben ihn und sagte schlicht: Ja, genau. Danz begann zu lesen. Jedes einzelne Wort der Erzählung über meinen Weg in die Akademie. Ab und an grunzte er vor Vergnügen. Mal ganz abgesehen von der Geschichte selbst, begann er, diese Arbeiten haben eine ungewöhnliche ästhetische Qualität. Ich könnte dich, fügte er an und wandte sich mir zu, meinem Galeristen empfehlen. Wär das was?

Danz, der Bildhauer mit den besten Verbindungen in den Kunstmarkt, mindestens so erfolgreich wie der Großkünstler Herzog, dessen Töchter ich immer noch ab und an betreute. Bestes Pferd im Stall des weltberühmten Galeristen Claude Muller. Vermutlich habe ich laut Ja gebrüllt und die Fäuste in die Luft gestochen wie ein Fußballer nach dem entscheidenden Tor. Er musste lachen, ein dröhnendes Lachen, das im Raum widerhallte wie Donner bei einem Gewitter. Er schlug mir mit beiden Händen auf die Schultern. Dann komm mal mit. Gleich jetzt? fragte ich. Ja, gleich jetzt.

Die Galerie des legendären Claude Muller, von dem die ganze Kunstwelt wusste, dass er eigentlich Claus Müller hieß, lag gleich um die Ecke in der Altstadt. Wir gingen nebeneinander, und ich nahm die bewundernden Blicke einiger Mitstudenten wahr. Danz murmelte vor sich hin, kurze Sätze oder Worte wie Scheiß-Bürgerkinder und verfluchter Kunstbetrieb. Wie ich so neben dem Superstar ging, kam es mir vor, als hätte ich die Studentenphase hinter mir, als wäre ich sein Kollege, beinahe auf Augenhöhe. Muller saß wie ein Frosch hinter dem Schreibtisch mitten im größten Raum der Galerie und hatte die Augen halb geschlossen. An den Wänden die neusten Bilder von Schweiger, Schöffe und meiner Professorin. Mensch, Claus, grölte Danz, du schläfst ja bei der Arbeit! Wach auf, ich hab was für dich. Muller öffnete die Augen und starrte uns an. Du kommst jetzt mit in die Akademie und guckst die die Sachen von diesem Supertalent an. Mach den Laden zu so lange.

Der Galerist trug offene Sandalen ohne Strümpfe zu einem taubenblauen Anzug, der ihm deutlich zu eng war. Danz hatte ihn untergehakt und schleppte ihn in die Akademie, ich im Schlepptau dahinter. Rauf in die Klasse. Da standen wir nun vor meinen Arbeiten. Muller war ein bisschen zusammengesackt und musterte die Bilder aus seinen schmalen Sehschlitzen. Fünf Minuten, zehn Minuten, er las, und an manchen Stellen huschte ein Grinsen über sein Gesicht. Nehm ich, sagte er plötzlich. Sammelausstellung Ende März. Vertrag macht meine Assistentin. Schaffst du es allein zurück in deinen Laden? fragte Danz, aber der Galerist war schon losgewatschelt. Und? Zufrieden? Danz nahm mich in den Arm. Der große Danz umarmte mich, den unbegabten Kunststudenten im dritten Semester. War ich wach? Passierte das wirklich?

Wieder kaufte ich Champagner und leckere Sachen. Wieder besorgte ich Rosen. Erneut deckte ich den Tisch mit weißem Tuch, Stoffservietten und Kerzen. Dieses Mal kam Elsa pünktlich. In ihrer blauen Uniform, einem Hosenanzug mit gelben Streifen an den Seiten fand ich sie sehr sexy. Nur das ebenfalls gelbe Käppi, das sie schräg auf ihrer Krause trug, gefiel mit nicht. Oh, sagte sie nach dem ersten Kuss, haben wir was zu feiern? Jubiläum? Genau sechs Wochen nach unserem ersten Mal? Geburtstag habe ich jedenfalls nicht. Muss rasch duschen und mich umziehen. Mach doch schon mal Musik, Liebster. So schnell war sie im Bad, dass ich ihr den Grund für den Champagner und das Festmahl gar nicht nennen konnte. Sie verschwand und kam nach einer halben Stunde wieder ins Zimmer. Jetzt roch sie nicht mehr nach Kabine und Kaffee, sondern nach diesem Parfüm, dessen Name ich mir nicht merken konnte.

Ich schenkte den Champagner ein und hob das Glas. Lass uns auf meine soeben begonnene Karriere als Künstler trinken. Wortlos hob sie den Kelch und stieß mit mir an. Was ist das? rief sie aus, echter Kaviar? Bist du verrückt? Schaufelte sich eingelegten Hummer und Austern auf den Teller, eine Auswahl der Hors d’œuvres von Küsterkemper am Karlsplatz und ein halbes Baguette. Ich hab so’n Hunger, ich könnte ein halbes Schwein auf Toast fressen. Uns ist auf dem Rückflug der Proviant für die Crew ausgegangen. Hab seit, lass mich überlegen, elf Stunden keinen Bissen mehr gegessen. Der Käpt’n hat uns gleich Bescheid gegeben: Wenn wir was vom Essen für die Paxe anrühren, gibt’s Ärger. Gott, ist das lecker! Gießt du mir Champagner nach? So, und jetzt habe ich vier volle Tage und Nächte frei. Was machen wir mit der geschenkten Zeit?

Zeit? Ich hatte keine Zeit, ich musste produzieren. Ich hatte den mittelfeinen Edding für mich entdeckt. Damit ging das Schreiben leichter und schneller, nicht nur auf Karton. Außerdem konnte ich kleinere Buchstaben malen und mehr Text auf die Fläche bringen. Danz hatte mir dazu geraten. Vielleicht schreibst du mal was anderes für deine Ausstellung, mehr Sachen mit Sex, Pornografisches. Oder provokante Texte. Skandale bringen es am meisten. Dieser ganze Tagebuchquatsch interessiert doch kein Schwein. Ich wollte mit Elsa darüber reden, aber die sprach nur noch über Urlaub. Wohin wir für ein paar Tage fahren könnten. Meer oder Berge, was ist dir lieber? Weder noch, hätte ich am liebsten gesagt, aber in Wahrheit dachte ich nur darüber nach, wo ich am besten weiterarbeiten könnte. Wir reisten dann mit einem Mietwagen nach Holland an die See, wohnten in einer Hütte direkt am Strand.

Elsa genoss die Tage. Stand früh auf, rannte in die Brandung und jauchzte vor Vergnügen. Wir schliefen jeden Tag miteinander: abends, morgens und manchmal auch noch mittags. Ansonsten blieb ich im Strandhäuschen und schrieb Texte, die ich nach der Rückkehr mit Filzstift auf Leinwand übertragen wollte. Bei Sonnenuntergang, nach dem Essen, das wir uns aus dem Strandrestaurant holten, saßen wir im Sand und tranken Dosenbier. Elsa erzählte von ihrer Arbeit, von den Orten, die sie schon gesehen hatte und von den erlebten Abenteuern. Wie sie einmal in der Karibik den Flieger verpasste, weil ein Taxifahrer sie zum falschen Airport gebracht hatte. Von den kurzen Affären mit Kollegen und Fluggästen. Ich hörte aufmerksam zu, denn ich hatte eine Idee: Aus ihren Erzählungen würde ich die Texte für die Ausstellung machen.

Wenn sie vom Schwimmen hochkam, noch nass, nach Sonne und Meer duftend, schwärmte sie von den Stränden, an denen sie schon war: Seven Mile Beach, Tel Aviv, Koh Samui, Bondy Beach, und zu jedem dieser Strände hatte sie etwas zu erzählen. Ich machte mir Notizen. Und wusste, dass ich ihre Geschichten härter machen musste, mehr Sex hineinschreiben, vielleicht auch ein bisschen Gewalt, versuchte Vergewaltigungen, versprochene Hochzeiten und tragische Unglücksfälle. Jedes Bild würden mit den Worten Elsa erzählt beginnen. Und weil sich so viel Material ansammelte, war ich froh, als wir wieder zu Hause waren und erst recht, als Elsa wieder Dienst hatte und abflog. Denn nun hatte ich unbegrenzt Zeit für meine Arbeit.

Es waren meine ersten beiden Keilrahmen, mit Leinwand bespannt und grundiert. Der Edding flog nur so darüber, ich konnte mir kaum die Sätze ausdenken, so schnell konnte ich schreiben. Danz kam regelmäßig vorbei, aber als er mich eines Tages bei der Arbeit sah, sagte er nur: Leinwand, aha, jetzt wirst du aber übermütig. Das geht so nicht. Das bist du nicht. Kohle und Rötel auf Pappe, das ist dein Stil. Wartete meine Reaktion nicht ab und ging grußlos. Ja, er hatte Recht. Ich durfte vor lauter Freude am Schreiben nicht vergessen, dass es bei den Arbeiten für die Ausstellung nicht um Text ging, sondern um Bilder. Auf Leinwand konnte ich später immer noch schreiben.

Jedes Mal, wenn Elsa von einer Reise zurückkam, bereitete ich ihr wieder einen besonderen Empfang. Nicht immer mit Champagner und Delikatessen. Aber Tischtuch, Servietten und Kerzen standen jedes Mal auf dem Tisch, und meistens kochte ich so gut es ging selbst. Dann saßen wir gemütlich beim Essen, und sie berichtete, was sie erlebt hatte. Ich konnte schlecht dabei Notizen machen und musste mir Stichwörter merken. Schrieb ich gerade an einer Folge von Elsa erzählt und war unsicher, was sie geschildert hatte, fragte ich nach: Sag mal, wie war das nochmal, damals auf Aruba mit dem komischen Holländer? Sie fragte nie, was ich in ihrer Abwesenheit tat, und hatte wohl auch vergessen, dass ich meine erste Ausstellung haben würde.

Es kam der Tag, an dem ich meine Arbeiten zur Galerie Muller brachte. Danz hatte angeboten, mich zu begleiten. Claude Muller saß wie immer an seinem Schreibtisch und schien zu schlafen. Danz klopfte auf den Tisch und rief: Hallo, jemand zu Hause? Der Galerist schreckte auf, sah mich und den Stapel Pappen und sagte: Dann zeigen’s mal. Mir war bis dahin nicht aufgefallen, dass er versuchte, wienerisch zu klingen. Er erhob sich schwerfällig und nahm uns mit in einen Nebenraum. Ich stellte die Arbeiten eine nach der anderen auf eine Staffelei. Claude Muller las. Wort für Wort, Satz für Satz. A Schreiber san’s, sagte er, kein Maler. Quatsch, warf Danz ein, erkennst du denn nicht die außergewöhnliche ästhetischen Qualität der Dinger? Der Galerist hob die Hände und sagte: Schon gut.

Am Tag der Vernissage würde Elsa nicht unterwegs sein. Klar, geh ich mit, hatte sie gesagt. Komm bloß nicht pünktlich, hatte Danz mir geraten, dann sieht’s so aus, als wär dir das wichtig. Cool musst du wirken, lässig, nicht aufgeregt. Als wir die Galerie betraten, nahm niemand Notiz von uns. Die Besucher standen, die Sektgläser in den Händen, vor meinen Arbeiten und lasen: Wort für Wort, Satz für Satz. Welcher Schriftsteller kann die Reaktionen seiner Leser schon so unmittelbar erleben? Ich sah sie schmunzeln, erschrecken, lachen und verstört schauen. Danz stand mit Claude Muller am Büffet und winkte mich heran. Großer Erfolg, meinte er, schon sieben Bilder verkauft. Elsa hatte einen freier Platz vor einem der Bögen ergattert und las. Sie kam mit harten Schritten und blitzendem Blick rüber und knallte mir eine. Was bist du denn für ein Schwein! Du Parasit! Das sind meine Geschichten, sie gehören mir. Niemals hättest du diese Storys öffentlich machen dürfen. Und wenn, dann hättest du mich wenigstens vorher fragen müssen! Nachdem sie abgerauscht war, sagte Muller nur: Frauen und Kunst, wissen’s, das passt einfach nicht.

Elsa hatte mich vor die Tür gesetzt. Was blieb mir übrig, als mich in meine geheime Schreibstube zurückzuziehen. Mir war klar: Ich hatte sie verloren, und es war meine Schuld. Ich lag in meinem Zimmer auf der Pritsche aus dem Bundeswehr-Shop, trank Whisky aus der Flasche und dachte an Elsa. An ihre Art zu gehen, sich zu setzen, zu gestikulieren, an ihr Gesicht, die Wetterkarte ihrer Gefühle, an die Haare, die nicht zu bändigen waren, an ihren schmalen Körper, scheinbar zart, aber doch stark, wie sie sich die Lippen leckte, bevor sie mich küsste, mir den Rücken mit ihren Fingernägeln zerkratzte, mich beim Sex kniff oder schlug, und dass sie nie schwitzte, dass sie immer leicht nach Kaffee roch und nach dem Desinfektionsmittel, das sie an Bord benutzen musste. Und an ihre Stimme: Ein Alt mit Volumen, manchmal von kleinen Kieksern durchsetzt. War ich je verliebt in sie? Und hatte sie mehr Recht mit dem Vorwurf, ich sei ein Parasit, als sie ahnte? Mit dem unausgesprochenen Vorwurf, dass ich diese Beziehung nur eingegangen war, um eine Frau zu haben, bei der ich wohnen konnte und die mich ernährte.

An einem Freitag im September betrat ich das Sekretariat der Akademie und ließ mich exmatrikulieren. Ich holte meine paar Sachen aus der Klasse. Nein, in die Schweiger-Klasse ging ich nicht, und von meiner Professorin verabschiedete ich mich auch nicht. Meine Zeit als Kunststudent war vorbei. Was würde es auch bringen, weiter Tag für Tag da hinzurennen, mich in den Klassenraum zu hocken und Texte, die nicht meine waren, auf Pappe zu kritzeln? Ich brauchte das alles nicht mehr. Aber ich wusste: Als Schriftsteller würde ich nur leben können, wenn ich mit meinen Texten Geld verdienen würde. Vermutlich war ich noch eine Weile angewiesen auf die Galerie, auf Ausstellungen und den Verkauf von Geschichten auf Pappe. Claude Muller gefiel das, und er hatte Ideen, wie ich mehr verdienen könnte: Machen’s a Performance, da hol ich des Fernsehn, da kommen’s in die Zeitung, dann läuft das Geschäft.

Wenn ich heute nach all den Jahren den Wikipedia-Beitrag lese, den jemand in den Nullerjahren verfasst hat, denke ich oft, das habe wenig mit mir, mit meinem Leben zu tun. Vor allem, weil es darin heißt, die Aktion 17 Tage sei der Höhepunkt meiner Künstlerkarriere. Wenn überhaupt, dann war sie ein Türöffner. Danz hatte die Idee. Ich solle, meinte er, einen ganzen Roman schreiben, und zwar mit Filzstift an die Wände der Galerie. Muller hatte den hintersten, L-förmigen Raum für mich reserviert, den mit der Schaufensterscheibe zur Allee, in der Ecke der sogenannte private Bereich mit Dusche, Toilette und Garderobe. Von morgens um acht bis nachts um eins konnten Besucher zuschauen, wie ich schrieb. Muller hatte eine Sperre zwischen der Galerie und meinem Raum einrichten lassen, die von wechslenden Assistentinnen bewacht wurde. Und nachts blieben immer wieder Leute an der Scheibe stehen und sahen zu, wie ich im abgedunkelten Raum auf meiner Bundeswehrpritsche schlief. Es gab kein Entkommen.

Siebzehn Tage und siebzehn Nächte sollte ich rund um die Uhr schreiben. Auf dem Boden liegend, wenn ich das Ende einer Seite erreicht hatte, auf einem Hocker und auf der Leiter, um bis ganz nach oben an der Wand zu kommen. Sogar die Decke wollte ich mit Wörtern und Sätzen füllen. Die Galerie sorgte für Essen und Trinken, ich ließ mir Whisky bringen, wenn eine Flasche leer war. Zwei Kameraleute wechselten sich ab und filmten die Aktion in voller Länge. Am fünften Tag kam ein WDR-Team zum Interview. Schon am Montag und Dienstag hatten sich Journalisten eingefunden, die Fotos machten und Reportagen verfassten – vor allem für die bekannten Kunstzeitschriften. Und wenn ich wenigstens für ein paar Minuten unbeobachtet sein wollte, verzog ich mich auf die enge Toilette. Sprachen mich neugierige Besucher an, antwortete ich nicht. Manche feuerten mich an, andere machten dumme Witze und ein paar Mal kam es vor, dass mich jemand als aufmerksamkeitsgeiles Arschloch oder anderes beschimpfte.

Bevor ich mich in der Galerie einschließen ließ, hatte ich keinen Plan davon, was ich schreiben würde. Und als ich den Stift in der oberen linken Ecke über dem Durchgang ansetzte, kam automatisch ein Satz: Elsa erzählt. Und ich erzählte Elsas Leben. Das, was ich wusste, und was ich nicht wusste, dachte ich mir aus. Die Geschichte von einem karibischen Vater und einer deutschen Mutter. Wie sie in der Schule wegen ihrer Hautfarbe gemobbt wurde, wie sie auf der Suche nach dem Vater reisen musste und so Flugbegleiterin wurde. Was an der Wand stand, blieb da; keine Korrekturen, keine Streichungen. Das Risiko war mir bewusst, aber ich ahnte, dass man beim Schreiben Risiken eingehen muss. Nichts darf verschwiegen werden, nichts beschönigt.

Am Samstag gegen elf am Abend kam Elsa. Sie stand plötzlich in ihrer Flugbegleiterunform mit dem blöden gelben Käppi an der Absperrung zu meinem Raum, wortlos. Ich sah zu ihr hinüber. Hab dich im Fernsehen gesehen, sagte sie, wollte nur nachschauen, ob es dir gutgeht. Danke, antwortete ich, bestens. Und war froh, dass sie von ihrem Standort aus nicht sehen konnte, was ich geschrieben hatte. Okay, meinte sie, dann weiter viel Erfolg. Drehte sich um und ging. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Wie konnte ich ohne Elsa weiterleben? Hätte sie doch nur ein wenig Interesse an meiner Arbeit gezeigt, ein kleines bisschen Verständnis.

Meinen Tagesablauf regelte ich streng. Stand morgens um acht auf, duschte und aß das Frühstück, das mir eine von Mullers Assistentinnen hingestellt hatte. Dann begann ich zu schreiben. Lag dabei auf dem Boden, saß auf einem Hocker oder auf der Leiter. Zwischen zwei und drei gönnte ich mir einen Mittagsschlaf, und länger als bis eins in der Nacht arbeitete ich nicht. Natürlich schrieb ich nicht ununterbrochen, musste mir ja zwischendurch auch ausdenken, wie es weitergehen sollte mit dem Text. Am Morgen des zweiten Montags ging nichts mehr, mein Handgelenk schmerzte und ich konnte den Stift nicht mehr halten. Die Assistentin rief den Arzt.

Der kam zusammen mit Claude Muller und Danz. Sollen wir abbrechen? fragte der Galerist. Danz meinte, du kannst jetzt nicht aufhören, du musst da durch, wenn du wirklich Künstler sein willst. Dr. Wolf, ein Mann mit weißer Mähne, Bierbauch und ganz dünnen Beinen, diagnostizierte eine Sehnenscheidenentzündung, verschrieb mir eine Salbe, eine Bandage und Schmerzmittel. Mit der Hand schreiben sie in den nächsten zwei, drei Wochen gar nichts, war sein abschließendes Urteil. Nein, ich hatte nicht versagt, ich hatte mich überschätzt. Und mir wurde klar, dass Schriftsteller so etwas nicht machen. Die sitzen in ihrem Zimmer, denken nach, recherchieren, schreiben, korrigieren, schreiben weiter, verwerfen ganze Passagen, haben Zweifel, denken wieder nach und gestalten so nach und nach das Werk. Allein, unbeobachtet, am Schreibtisch. Und erst wenn der Lektor ins Spiel kommt, haben sie wieder den Kontakt zu anderen Menschen.

Ich gab auf. Claude Muller war sauer, Danz enttäuscht. Später brachte die renommierte Zeitschrift Kunst aktuell einen langen Artikel über meine Performance und ihrem Scheitern und nahm die Sache als Beispiel dafür, wie der überheizte Kunstmarkt Talente verbrennt und deren Karriere zerstört, bevor sie begonnen hat. Claude Muller und seine Geldgier wurden explizit erwähnt. Danz distanzierte sich öffentlich von mir. Ich ging einfach nach Hause in meine Dachkammer.

Wenn ich von heute aus auf diese Phase meines Lebens blicke, muss ich sagen: Ich habe Glück gehabt. Ich bin einer Welt entkommen, die mich zerstört hätte. Und damit meine ich nicht nur die Akademie und den Kunstmarkt. Auch die Beziehung zu Elsa hätte mir geschadet. Vermutlich hätte ich den Roman über ihr Leben geschrieben und vielleicht sogar veröffentlicht. Wäre weiter der Parasit geblieben, den sie gehasst hat. Meine Abhängigkeit von ihr wäre möglicherweise sogar weiter bestanden, hätte ich mit meiner Kunst nichts verdient.

Stattdessen war ich nach dem Desaster frei. Nur manchmal hörte ich noch Elsa, wie sie in der Galerie sagte: Dann weiter viel Erfolg. Und wie sie mich fragte, was in meinem Text an den Wänden der Galerie Muller aus dem Mädchen mit dem karibischen Vater geworden wäre. Elsas ganze Geschichte kenne ich bis heute nicht. Ich habe sie auch nie danach gefragt.

Ich fand einen Job als Nachtkassierer in einem Parkhaus. Da hatte ich viel Zeit zu lesen und mir Notizen zu machen. Konnte mir eine kleine Wohnung in einem Vorort leisten, und wenn ich schreiben wollte, dann in meinem geheimen Zimmer – ein perfektes Leben für mich. Vier Jahre nach der abgebrochenen Aktion in der Galerie Muller erschien mein Roman Das lange Sterben des Hundes in einem renommierten Verlag. Das Buch schaffte es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, war kommerziell aber ein Flop. Erst lehnte der Verlag meine Vorschläge für weitere Romane höflich ab, später kamen nur noch die üblichen standardisierten Absagen, und irgendwann reagierten sie gar nicht mehr. Aber ich schrieb weiter. Und tue es immer noch.