Herr Schilling und Jullie

Sich selbst hält Herr Schilling für ganz normal. Aus seiner Sicht führt er ein normales Leben, hat einen normalen Beruf, normale Hobbys, eine normale Familie und so weiter. Eine Vorstellung davon, was andere Leute von ihm halten, hat er nicht. Auch kann er nichts damit anfangen, wenn ihn jemand gelegentlich Spießer nennt oder Langweiler. Ihm hat der Ausdruck Otto Normalverbraucher immer gut gefallen. Wobei ihm nie ganz klargeworden ist, was das Normale mit dem Verbrauchen zu tun hat. Eigentlich führt Herr Schilling so lange er denken kann ein normales Leben und ist sehr zufrieden damit. Inzwischen hat er eine Frau, zwei Kinder, einen Passat als Dienstwagen und ein Eigenheim. An Umstände, über die sich andere vielleicht beklagen würden, hat er sich gewöhnt. „Herr Schilling und Jullie“ weiterlesen

Luise und Cho

Manchmal ist sich Luise nicht sicher, ob sie sich die ganze Geschichte nur eingebildet oder ausgedacht hat, ob es überhaupt eine Person namens Cho gab. Ob sie diese Person überhaupt gekannt hat. Ob sie Cho jemals begegnet war. Ihr ist bisweilen nicht einmal klar, ob sie je in Shanghai war. Ob sie sich dort in Cho verliebt hat. Und er sich in sie. Aber ganz unabhängig davon, ob es diese Begebenheit gegeben hat, weiß sie, dass die Sache massiven Einfluss auf ihr Leben hatte. In ihrer Erinnerung ist sie 1943 als junges Mädchen, kaum zwanzig Jahre alt, mit ihren Eltern nach China gekommen, die dort als geduldete Missionare wirkten. Dass sie rasch Mandarin gelernt hat und auf die katholische Mädchenoberschule gegangen ist, obwohl Vater und Mutter Baptisten waren. „Luise und Cho“ weiterlesen

Die Familie J.

Er umklammert das Lenkrad, dass die Knöchel weiß werden. Ist wütend, weil er gar nicht hier sein will im Stau. Jetzt stehen sie schon seit fünfunddreißig Minuten auf der A5. Umgeben von lauter anderen Idioten mit merkwürdigen Kennzeichen. Jennifer lehnt benommen auf dem Beifahrersitz an der Seitenscheibe. Die Kinder hängen stumm in ihren Isofix-Sitzen auf der Rückbank. Nachdem sie sich vorher gut zwei Stunden nur gestritten haben, sich gegenseitig das Spielzeug an die Köpfe geworfen, geweint, geschrien. Die Klimaanlage schafft es kaum noch, die Hitze draußen zu halten. Das Außenthermometer zeigt fast fünfunddreißig Grad an diesem ersten Ferientag in dieser Region. Jens fand die Idee von Anfang blöd. Ihre erste gemeinsame Reise nach so vielen Jahren noch einmal zu machen, dieses Mal mit den Kindern. Ihn reizte es überhaupt nicht, noch einmal auf der Insel Camping zu machen. Damals war es gut, aber es würde sich nicht wiederholen lassen. Die Fähre in Genua würden sie ohnehin nicht mehr pünktlich erreichen, aber man kann ja jetzt online umbuchen. [Lesezeit ca. 17 min] „Die Familie J.“ weiterlesen

Köhler

Noch siebenundvierzig Tage blieben den Köhlers. Dann fände die Zwangsräumung statt, und sie wären Wohnungslos. Es gab keine realistische Möglichkeit, bis dahin die rund zweieinhalbtausend Euro Mietrückstände auszugleichen. Alfred hatte also einen Plan B ausgearbeitet. Bei einem Spaziergang mit der Mischlingshündin Hexe hatte er auf halber Höhe am Vorberg der Stadt einen Bunkereingang entdeckt. Hexe hatte im Unterholz gestöbert. Dann jaulte sie, und Alfred wusste, dass sie sich in einem Dornenbusch verfangen hatte. Das Brombeergestrüpp überwucherte er einen Betonstumpf von vielleicht anderthalb Metern Höhe. Mit dem Taschenmesser schnitt er einen Zugang und entdeckte eine Stahltür, die sich ohne Weiteres öffnen ließ. Beim Licht seiner Stablampe erkannte er acht, neun Stufen, die abwärts in einen quadratischen Raum führten. Er beschloss, sich die Sache bei Gelegenheit und besser ausgerüstet anzusehen. [Lesezeit ca. 5 min] „Köhler“ weiterlesen

Erik und Parishad

Er musste noch schneller sein. Noch viel schneller! Er war das ganze Wochenende über schnell gewesen, von Freitagabend bis Sonntagnacht, er konnte jetzt nicht mehr bremsen. Überhaupt konnte er inzwischen kaum noch bremsen, weil er Angst vor dem Stillstand hatte. Er musste dauernd nachtanken, um immer ganz vorne dran zu sein. Nur so konnte er in der Agentur bestehen, ein kreatives Wunderkind. Der Termin war für zehn angesetzt, er wollte um zehn vor zehn da sein. Das Navi hatte 09:54 als Ankunftszeit ermittelt. Er musste schneller sein als das Navi. Die Einfallstraße nahm er mit neunzig. Schnell auf die linke Spur und an der F.-Straße schnell links abbiegen. Die Ampel zeigt schon Gelb. Gasgeben, und so sicher der X6 sonst auf der Straße liegt, das ist zu viel. Der Wagen schlingert, er kontrolliert ihn nicht mehr. Der schwarze Marmor unter den Schaufenster des Goldhändlers. Fast ungebremst gegen die Wand. Er ist nicht angeschnallt. Wird nach vorne geschleudert, das Stirnbein bricht. Sein Körper quer durchs Innere. Rippen, Unterarm, Schienbein, Füße, Hände, alles bricht. „Erik und Parishad“ weiterlesen

Helma und Ulrike

Sie liegen nebeneinander auf der Decke in der Sonne und fühlen sich noch einmal so jung wie damals, als sie sich kennenlernten. Wie sie dann mit den Klischees gespielt hatten: Der blonde Engel und die schwarzhaarige Domina. Galten über viele Jahre als das bekannteste Lesbenpaar der Stadt und waren doch nur gute Freundinnen. „Ich bin eine schwedische Finnin“, so stellte sich Helma vor. Und Ulrike sagte dann jedes Mal: „Quatsch! Sie ist eine finnische Schwedin“. Damals war Helma das, was man fraulich nannte, und fühlte sich wohl in ihrem Körper. Ulrike überragte sie um anderthalb Köpfe, dünn, beinahe dürr, mit raspelkurzen Haaren. Trug meist schwarze Jeans und eine dazu passende Motorradjacke. Rauchte schwarzen Tabak und soff Wodka pur. Zusammen sind sie alt geworden. Und haben sich über die Zeit aneinander angeglichen. Nach ihrer langen Krankheit ist Helma abgemagert und lässt sich die weißgrauen Haare immer sehr kurz schneiden. Ulrike hat durch das viele Training Muskeln angesetzt und trägt einen langen, schwarzen Zopf. „Helma und Ulrike“ weiterlesen

Adele und Wilhelm

Wenige Tage nach der Beerdigung ihres geliebten Mannes beschloss Adele, sich das Leben zu nehmen. Schon als sie ganz allein hinter dem Wagen mit der Urne ging und später als der Bestatter den Behälter in einem Loch in der Erde versenkte, war ihr der Gedanke gekommen. Wider Erwarten hatte dieser Beschluss nichts Trauriges an sich. Sie saß bei einer Tasse Tee an der offenen Terrassentür, blickte auf den Garten, den sie und Wilhelm einst angelegt und beinahe vierzig Jahre gepflegt hatten, und war heiterer Stimmung. Natürlich dachte sie ständig an ihn, so wie sie in den fast sechsundsechzig Jahren ihrer Ehe immer an ihn gedacht hatte. Immer waren sie ein schönes, aber beinahe unmögliches Paar gewesen, die sie beide im selben Jahr und im selben Monat und nur mit zwei Tagen Abstand voneinander geboren waren. Kaum drei Wochen vor Wilhelms Tod waren sie neunundachtzig Jahre geworden und hatten wie immer gemeinsam an einem Tag gefeiert. Zum ersten Mal allein, denn mit Adeles Schwester Claire war die letzte Verwandte gestorben. „Adele und Wilhelm“ weiterlesen

Antoine und Inge

Als Antoine ein Dutzend Lammkoteletts bestellte, legte ihm Inge die Hand auf den Unterarm und sah ihn mit leichter Mißbilligung an. Er lachte kurz und mit weit geöffnetem Mund, sodass man die vielen Lücken und Zahnruinen sehen konnte. Das erste Glas Wein leerte er in einem Zug. Wie immer tropfte ihm das Hammelfett aufs Hemd. Auch die Fritten aß er mit den Fingern. Seine Lebensgefährtin hatte eine kleine Portion Moussaka bestellt und stocherte im Auflauf herum. Sie machte sich Sorgen um Antoine. Sie war der Ansicht, in seinem Alter müsse man mehr auf die Gesundheit achten, nur noch in Maßen essen und sich regelmäßige Ruhepausen gönnen. Dabei war ihr Mann nicht im mindesten krank. Wie schon mit neunzehn, zwanzig stach er aus jeder Menschenmenge heraus: Sehr groß, absolut schlank mit einem wilden Haarschopf und einem kaum gestutzten Bart. Seit Jahren durchzogen graue Strähnen sein Haar, und er fand, das mache ihn noch attraktiver. Genau wie seine Narben. „Antoine und Inge“ weiterlesen

Monika und Bernd

Dieser Tage wachte Monika in der beginnenden Morgendämmerung auf stellte fest, dass Bernd auf dem Rücken lag und leiste schnarchte. Sie erschrak und setzte sich auf. In den mehr als 30 Jahren, in denen sie mit ihm das Bett geteilt hatte, war das noch nie geschehen. Immer schlief er auf dem Bauch. Manchmal auch auf seiner rechten Seite, den Arm lang ausgestreckt. Und geschnarcht hatte er noch nie. Monika war schockiert und wusste, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Leise stand sie auf, um sich einen Tee aufzusetzen. Gegen vier saß sie auf der Terrasse, in eine Decke gewickelt, und hörte den frühen Vögeln zu. „Monika und Bernd“ weiterlesen

Null Uhr achtundzwanzig

Die Dinge waren erheblich schief gelaufen für mich. Audrey hatte im Verlauf der Scheidung fast unseren ganzen Besitzstand zugesprochen bekommen, ich dagegen nur die Schulden. Klar, dass ich abhaute. Und dann Bills Angebot annahm, sich seiner Truppe anzuschließen. Wir gastierten gerade in Kingman, Arizona, und ich hatte meinen ersten Honorarscheck eingelöst. An jenem Abend wollte ich fressen und saufen und mir eine scharfe Nutte leisten. Denn seit dem Ende meiner Ehe fehlte mir vor allem ein warmer Arsch im Bett. [Lesezeit ca. 18 min] „Null Uhr achtundzwanzig“ weiterlesen

Getrennte Wege (Schluss)

Wir haben es in diesen zwei Tagen und drei Nächten elfmal miteinander getrieben. Ich würde mich an diese Zahl weder erinnern, noch sie erwähnen, hätte sie nicht mitgezählt und für jedes Mal eine Kerbe in den alten Esstisch geschnitzt. Außerdem löste die Zahl Elf bei ihr eine Fülle fröhlicher Anspielungen an den rheinischen Karneval aus, die ich nicht so ganz teilen konnte, weil mich das sogenannte Winterbrauchtum nie besonders interessiert hatte. Es muss das neunte oder zehnte Mal gewesen sein, nach dem sie unten auf unserem Matratzenlager im Wohnbereich lag und ich sie von der Empore aus betrachtete. Sie schlief, und ihr Gesicht hatte sich völlig verändert. Es schien, als habe sie im Schlaf die Kontrolle über sich verloren. Wie ein ganz kleines Mädchen sah sie aus. Hätte nur noch gefehlt, dass sie am Daumen lutschte. „Getrennte Wege (Schluss)“ weiterlesen

Getrennte Wege (4)

An einem Freitagbachmittag stand sie unerwartet vor meiner Tür. In beiden Händen hielt sie Schlüssel und fragte freudestrahlend: „Was ist das?“ Ohne zu antworten bat ich sie hinein. Immer noch hielt sie die Hände mit den Schlüsseln hoch und nickte mir zu: „Na, na, na?“ – „Schlüssel?“ entgegnete ich ratlos. „Das hier,“ sie wedelte mit der linken Hand, „sind die Schlüssel zum Hasenhaus.“ Jetzt hielt sie mir die Rechte entgegen und sagte: „Und dies ist der Schlüssel vom Volvo meines Vaters. Also pack deine Sachen. Wir verbringen das Wochenende in der Eifel.“ Langsam dämmerte mir, was sie vorhatte, weil ich mich aber immer noch nicht in Gang setzte, raunzte sie mich fröhlich an: „Richtiger Zeitpunkt, richtiger Ort, Bello.“ „Getrennte Wege (4)“ weiterlesen

Getrennte Wege (3)

Tatsächlich rief sie am nächsten Tag. Ja, sie ginge gern mit zum Konzert. Aber es dürfe auf keinen Fall so wirken, als gehörten wir zusammen. Ich war verblüfft und fragte nach. Wie gute Freunde sollten wir wirken. „Das sind wir ja auch.“ Natürlich sahen meine Freunde und Bekannten im Konzerthaus das ganz anders. Peter nahm mich zur Seite und meinte, da hätte ich ja einen Hauptgewinn gezogen. Elke wirkte verschnupft, ein bisschen als sei sie eifersüchtig, und Georg raunte mir zu „Schönes Paar seid ihr.“ Sie ließ sich an dem Abend nicht von mir nachhause bringen, bedankte sich förmlich für die Freikarte und stürzte sich auf eine wartende Taxe. Dann hörte ich drei, vier Wochen nichts von ihr. Ungefähr zehn Tage nach dem Abend begann ich darüber zu grübeln, ob ich mich melden sollte. Ich kam zu keinem Ergebnis, und an einem regnerischen Spätnachmittag im Juni stand sie mit ihrem Fahrrad vor meiner Haustür. „Ciao, Bello, komm mit.“ Schnell holte ich mein Rad aus der Garage und folgte ihr blind. Sie brachte mich an Orte im Osten der Stadt, die ich vorher nie gesehen hatte. Schließlich landeten wir am oberen Ende einer Sackgasse am Hang der Hügelkette am Stadtrand. Man hatte einen grandiosen Blick auf diese kleine Großstadt am mächtigen Strom. Wir rauchten schweigend. „Ich wollte dir was anderes zeigen, mein Freund. Siehst du da unten, etwa zwei Drittel den Berg runter, dieses klotzige Appartementhaus? Da wohnt mein Kerl.“ „Getrennte Wege (3)“ weiterlesen

Letzte Arbeit

Als sie die Stelle im Park gefunden hatte, der Zaun kaum zehn Metern von den Ferngleisen entfernt, stellte sie fest, dass der ICE schreit, wenn er vorbeifährt. Ein völlig anderes Geräusch als ein IC mit Lok vorne oder ein Regionalexpress oder gar die S-Bahn. Ein hoher Schrei, der ankommt, wenn der Zug ins Blickfeld gerät, dann anhält bis zum letzten Waggon. Kein Schmerzensschrei, sondern ein selbstbewusstes Geräusch wie ein Tier, das so sein Revier markiert. Dann kam sie öfters hierher, wusste nach einiger Zeit ungefähr, wann ein Express vorbei raste. Sie fuhr gern mit der Eisenbahn, schon seit Kindheitstagen. Liebte Bahnhöfe, und Opa nahm sie manchmal sonntags mit. Dann lösten sie an der Sperre Bahnsteigkarten für zehn Pfennige und marschierten wie selbstverständlich zu den Gleisen 11 und 12, wo der TEE mit laufender Dieselmaschine auf seine Abfahrt wartete und die feinen Leute einstiegen, um über Köln den Rhein entlang, ander Loreley vorbei in ferne Länder zu reisen. Ein paar Mal war sie mit den Eltern nach Bocholt gefahren, wo Vater einen Kriegskameraden besuchte. Die Strecke wurde von einer Dampflok bedient, die drei oder vier Waggons schleppte. Der Rhythmus, mit dem der Dampf aus dem Schlot gestoßen wurde, vom Wind gedrückt, sich auflösend an den Fenstern vorbeizog. Der Rhythmus der Schienestöße, das Pfeifen der Lok an den vielen Bahnübergängen. Und dann das Ablassen des Dampfes im Bahnhof wie ein Ausatmen. Später dann das Brummen des Schienenbusses, der die nicht elektrifizierten Strecke übernahm und einen ganzen anderen Gerucht trug. [Lesezeit ca. 15 min] „Letzte Arbeit“ weiterlesen

Getrennte Wege (2)

Das Dumme an diesem Abschied war, dass ich sie danach über zehn Jahre lang nicht wieder sah. Sie hatte bereits gekündigt und war, das erfuhr ich von Kollegen, nach Amerika gegangen. Wollte dort irgendwas mit Theater machen. Ich lernte D. kennen. Zwei Jahre später wurde mein Sohn geboren. Wir heirateten, und ich machte mich selbstständig. Weitere drei Jahre danach kam die Tochter. Getrennt haben wir uns sieben Jahre später. Einigermaßen im Frieden. Da hatte ich ein Appartement mit großer Terrasse im In-Viertel F. gefunden. Mein Büro war Teil einer Gemeinschaft, in der ich Untermieter war. Am liebsten ging ich zu Fuß zur Arbeit. Morgens gab mir die Strecke Gelegenheit, wach zu werden und mich für den Tag zu sortieren. Abends verarbeitete ich, was über Tag geschehen war. Nur ganz selten ging ich die dreißig Minuten mit offenen Augen und offenem Sinn. „Getrennte Wege (2)“ weiterlesen

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