Der Fressfreund

Als im Haus der Aufzug wegen einer Reparatur stillgelegt wurde, fiel Klett in eine tiefe Depression. Wie damals, als sein Verein abstieg. Oder nach dem Tod seiner Frau. Jetzt saß er auf dem Sofa und lauschte. Stille im Treppenhaus. Er brauchte vier Tage, bis er erstmals wieder die Wohnung verließ. Jeder Schritt die Treppe hinab kam ihm neu und ungewohnt vor, an jeder Aufzugtür blieb er stehen und las den Außer-Betrieb-Zettel. Zum ersten Mal sah er den Müll vor den Wohnungstüren, die sechs Paar Schuhe auf der Fußmatte in der zweiten Etage, den Adventskranz an der Tür im vierten Stock. Klett blieb vor einer der Aufzugtüren stehen, las noch einmal den Zettel und dachte nach. Wie sollte er jetzt den Einkauf bewältigen? Was sollte er essen? Sonst war er jeden zweiten Tag beim Aldi, um Bier und Lebensmittel zu holen. Das war schon so, als Gila noch lebte und für ihn kochte. In dieser schwierigen Lage blieb ihm wohl nur, bei Kostas einzukehren. [Lesezeit ca. 8 min] „Der Fressfreund“ weiterlesen

Song des Lebens

Weißt du noch, wie wir mitten im Gewitter über den Deich gerannt sind und Songs in den Sturm gebrüllt haben. Unten am Strand mehr Wasser von oben als von vorn. Sogar die Geldscheine im Portemonnaie waren durchweicht. Du warst immer der Musikalischere von uns beiden, hattest die Gitarre dabei, hast gespielt, ich habe gesungen, wenn wir mit den Freunden gefeiert haben. House of the Rising Sun und so. Einmal hast du eine Melodie gespielt, und ich habe einen Text dazu erfunden. Wir sind doch nicht blind sollte der heißen, so ein Ding im Stil von Bendzko, Foster, Giesinger, Bourani. Komm, sagte ich, lass uns bei dieser Casting‑Show bewerben. Du hast abgewinkt. Du warst an einem ganz anderen Punkt im Leben. [Lesezeit ca. 2 min] „Song des Lebens“ weiterlesen

Das Anwesen

Im Sommer trug Professor B. gern orientalische Gewänder. Als ich mich seinem Atelier näherte, das er gern seine Hütte nannte, saß er da auf der hölzernen Veranda in einer blau und ockerfarben gestreiften Djellaba. Ein Kopf eher wie Zeus denn wie ein arabischer Scheich. Mit einem grauen Schopf und akkurat gestutztem Vollbart. Er verfolgte meine Schritte mit eisigem Blick und erhob sich nicht, um mir die Hand zum Gruß zu erreichen. Stattdessen deutete er auf einen freien Stuhl am Tisch und sagte leise: „Setzen“. So wie er auch sonst immer sehr leise sprach, eine Methode, die Zuhörer zu unbedingter Aufmerksamkeit zu zwingen. Er schob eine Kanne mit kaltem Minztee über den Tisch und forderte mich mit einem Nicken auf, mir einzuschenken. [Lesezeit ca. 8 min] „Das Anwesen“ weiterlesen

Falsch abgebogen


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An diesem heißen Junitag bleibt Albert im Bett. Er liegt unter der warmen Winterdecke und schwitzt. Kann sich nicht entscheiden aufzustehen. Überhaupt kann er sich schon seit einiger Zeit nicht entscheiden, was er tun soll. Sein Freund Klaus hat einmal gesagt: Es gibt keine Fehlentscheidungen, nur Entscheidungen. Und hat hinzugefügt, dass man sich das Leben vorstellen kann, wie eine Fahrt über ein komplexes Straßennetz mit vielen Gabelungen und Kreuzungen oder Kreisverkehren. Wenn man kein Ziel hat, ist es egal, wann und wo man abbiegt – man kommt irgendwohin. Hat man aber ein Ziel, ist es gut, wenn man ein Navi oder eine Straßenkarte besitzt. Albert ist sich nicht sicher, ob er je ein Ziel hatte. Gut, er wollte schon als Jugendlicher nichts anderes werden als Künstler. Nur hatte er keine Vorstellung davon, was das bedeutet. [Lesezeit ca. 4 min] „Falsch abgebogen“ weiterlesen

Unterwegs mit dem Örtzel

Damals als wir noch in der Nähe des F.-Parks wohnten, gab es in der Nachbarschaft einen kleinen, dicken Mann, der Tag für Tag auf den Straßen unterwegs war. Weil er mit lauter Stimme jeden ansprach, der ihm begegnete, konnte man ihn schon von Weitem hören. Zumal er mit hoher Kinderstimme redete und mit einer regionalen Färbung, die ich nie so ganz zuordnen konnte. Offensichtlich wusste der Kerl, den Alteingesessene den Örtzel nannten, viel über die Leute in seiner Gegend, denn er stellte bei den Begegnungen ziemlich spezifische Fragen nach ihrem Tun und Treiben. Dabei blieb er immer einigermaßen ernst, ich habe ihn in all den Jahren nie lachen hören oder grinsen sehen. Selbst Lächeln gehörte wohl nicht zu seiner Mimik. [Lesezeit ca. 4 min] „Unterwegs mit dem Örtzel“ weiterlesen

Hans, der Mathematiker

Hans, der Mathematiker, lebte und arbeitete in einer ehemaligen Garage in einem Hinterhof an der H.-Straße. Wer war wohl seit vielen Semester für das Lehramt eingeschrieben, verdiente seinen Unterhalt aber mit Fahrradreparaturen. Im hinteren Teil gab es Tisch, Bett und Stuhl, vorne, abgetrennt durch ein raumhohes Stahlregal betrieb er seine Werkstatt. Seine Freundin hieß vermutlich Ella und räkelte sich meistens nackt oder leicht bekleidet auf der Pritsche im Wohnbereich. Hans war nicht nur ein Meister seines Faches, sondern ein Magier. [Lesezeit ca. 4 min] „Hans, der Mathematiker“ weiterlesen