Wer war Bernd Loschen?

Bernd Loschen war ein Bursche wie ein Berg mit dem Gemüt eines gütigen Greises. Er zeigte nie Zorn oder Wut, aber auch sehr selten Freude oder Begeisterung. Die Nadel seines Emotionsmessgerätes schlug meist nur leicht um die Mittellage herum aus. Schon als Junge war er mit unvergleichlichen Körperkräften ausgestattet. Und weil es bei ihm dafür mit dem Lesen und Schreiben, dem Rechnen und auch dem Malen haperte, landete er in de Sicherheitsbranche. Den größten Teil seines Lebens arbeitete er als Türsteher. Nur einmal wirkte der Mann, den seine Kollegen Boddie nannten, als Personenschützer. Für diskrete Dienste war er einfach immer zu auffällig. Nachdem die Schlagersängerin Jule West massiv mit Morddrohungen überzogen worden war, wurde Loschen ihr Bodyguard. „Wer war Bernd Loschen?“ weiterlesen

Das Tier in mir

Am Anfang war das Tier ziemlich klein. Es saß weit oben unterm Solarplexus und verhielt sich meistens still. Und wenn es dann einmal zubiß, dann kitzelte es mehr als dass es schmerzte. Etwa so als wenn ein Welpe zubeißt mit seinen kleinen, spitzen Milchzähnen. Du hast nicht gemerkt, dass es wächst und wie schnell es wächst. Erst als der Schmerz zum ersten Mal deine Baumuskeln krampfen ließ und dir die Luft nahm. Das Tier saß nun tiefer un umklammerte den oberen Teil deines Magens. Du wusstest, dass es da ist, du wusstest, dass es dich beißen würde. Du wusstest nur nie, zu welchem Zeitpunkt und aus welchem Grund. Mal erschien es dir, als ob es auf bestimmte Speisen reagierte. Und du beganns, bestimmte Lebensmittel zu meiden. Dann warst du dir sicher, dass es Wein und Schnaps seien, die das Tier weckten. Auch als dir wohlmeinende Freunde empfahlen, deine Ernährung ganz umzustellen, und du deren Rat folgtest, konntest du es nur eine Weile besänftigen. Nach Monaten stellte es seinen Rhythmus um und wurde nachtaktiv wie ein Hamster. Es machte sich einen Spaß darauf, dich grundlos zu wecken und dann seine Zähne und Krallen in deinen Magen zu schlagen. Die Diagnose war dann keine Überraschung. „Das Tier in mir“ weiterlesen

Charlene und ich

Die Dinge waren erheblich schief gelaufen für mich. Audrey hatte im Verlauf der Scheidung fast unseren ganzen Besitzstand zugesprochen bekommen, ich dagegen nur die Schulden. Klar dass ich abhaute. Und dann Bills Angebot annahm, sich seiner Truppe anzuschließen. Wir gastierten gerade in Kingman, Arizona, und ich hatte meinen ersten Honorarscheck eingelöst. An jenem Abend wollte ich fressen und saufen und mir eine scharfe Nutte leisten. Denn seit dem Ende meiner Ehe fehlte mir vor allem ein warmer Arsch im Bett. Die Bar lag in der Gegend, die man woanders Zentrum nennen würde. Ein langer, dunkelbrauner Schlauch, der sich ganz durch einen anderthalbgeschossigen Häuserblock mit jeder Menge sinnloser Läden zog. Das Ding war so breit wie hoch und mit roten Kunstlederapplikationen sowie einem schimmeligen Spiegel hinter der langen Theke versehen. Alle zwei Meter beugte sich irgendeine Gestalt über seinen Drink und aus den versteckten Lautsprechern quoll Fahrstuhlmusik. Durch den Qualm der Zigarren und Zigaretten konnte ich das Ende des Raums nicht erkennen. Ich wählte einen Platz in der Nähe des Vorderausgangs und bestellte einen Long Island Ice Tea. Wie meist musste ich dem Bartender das Rezept verraten und darauf bestehen, dass er die Brühe mit Pepsi aufgoss. Der erste Schluck bewies, dass er ein guter Coacktail-Mixer war. Dann sah ich sie am Ende des Tresens, den Rücken zum stark getönten Fenster. [Lesezeit ca. 18 min] „Charlene und ich“ weiterlesen

Getrennte Wege (Schluss)

Wir haben es in diesen zwei Tagen und drei Nächten elfmal miteinander getrieben. Ich würde mich an diese Zahl weder erinnern, noch sie erwähnen, hätte sie nicht mitgezählt und für jedes Mal eine Kerbe in den alten Esstisch geschnitzt. Außerdem löste die Zahl Elf bei ihr eine Fülle fröhlicher Anspielungen an den rheinischen Karneval aus, die ich nicht so ganz teilen konnte, weil mich das sogenannte Winterbrauchtum nie besonders interessiert hatte. Es muss das neunte oder zehnte Mal gewesen sein, nach dem sie unten auf unserem Matratzenlager im Wohnbereich lag und ich sie von der Empore aus betrachtete. Sie schlief, und ihr Gesicht hatte sich völlig verändert. Es schien, als habe sie im Schlaf die Kontrolle über sich verloren. Wie ein ganz kleines Mädchen sah sie aus. Hätte nur noch gefehlt, dass sie am Daumen lutschte. „Getrennte Wege (Schluss)“ weiterlesen

Getrennte Wege (4)

An einem Freitagbachmittag stand sie unerwartet vor meiner Tür. In beiden Händen hielt sie Schlüssel und fragte freudestrahlend: „Was ist das?“ Ohne zu antworten bat ich sie hinein. Immer noch hielt sie die Hände mit den Schlüsseln hoch und nickte mir zu: „Na, na, na?“ – „Schlüssel?“ entgegnete ich ratlos. „Das hier,“ sie wedelte mit der linken Hand, „sind die Schlüssel zum Hasenhaus.“ Jetzt hielt sie mir die Rechte entgegen und sagte: „Und dies ist der Schlüssel vom Volvo meines Vaters. Also pack deine Sachen. Wir verbringen das Wochenende in der Eifel.“ Langsam dämmerte mir, was sie vorhatte, weil ich mich aber immer noch nicht in Gang setzte, raunzte sie mich fröhlich an: „Richtiger Zeitpunkt, richtiger Ort, Bello.“ „Getrennte Wege (4)“ weiterlesen

Getrennte Wege (3)

Tatsächlich rief sie am nächsten Tag. Ja, sie ginge gern mit zum Konzert. Aber es dürfe auf keinen Fall so wirken, als gehörten wir zusammen. Ich war verblüfft und fragte nach. Wie gute Freunde sollten wir wirken. „Das sind wir ja auch.“ Natürlich sahen meine Freunde und Bekannten im Konzerthaus das ganz anders. Peter nahm mich zur Seite und meinte, da hätte ich ja einen Hauptgewinn gezogen. Elke wirkte verschnupft, ein bisschen als sei sie eifersüchtig, und Georg raunte mir zu „Schönes Paar seid ihr.“ Sie ließ sich an dem Abend nicht von mir nachhause bringen, bedankte sich förmlich für die Freikarte und stürzte sich auf eine wartende Taxe. Dann hörte ich drei, vier Wochen nichts von ihr. Ungefähr zehn Tage nach dem Abend begann ich darüber zu grübeln, ob ich mich melden sollte. Ich kam zu keinem Ergebnis, und an einem regnerischen Spätnachmittag im Juni stand sie mit ihrem Fahrrad vor meiner Haustür. „Ciao, Bello, komm mit.“ Schnell holte ich mein Rad aus der Garage und folgte ihr blind. Sie brachte mich an Orte im Osten der Stadt, die ich vorher nie gesehen hatte. Schließlich landeten wir am oberen Ende einer Sackgasse am Hang der Hügelkette am Stadtrand. Man hatte einen grandiosen Blick auf diese kleine Großstadt am mächtigen Strom. Wir rauchten schweigend. „Ich wollte dir was anderes zeigen, mein Freund. Siehst du da unten, etwa zwei Drittel den Berg runter, dieses klotzige Appartementhaus? Da wohnt mein Kerl.“ „Getrennte Wege (3)“ weiterlesen

Letzte Arbeit

Als sie die Stelle im Park gefunden hatte, der Zaun kaum zehn Metern von den Ferngleisen entfernt, stellte sie fest, dass der ICE schreit, wenn er vorbeifährt. Ein völlig anderes Geräusch als ein IC mit Lok vorne oder ein Regionalexpress oder gar die S-Bahn. Ein hoher Schrei, der ankommt, wenn der Zug ins Blickfeld gerät, dann anhält bis zum letzten Waggon. Kein Schmerzensschrei, sondern ein selbstbewusstes Geräusch wie ein Tier, das so sein Revier markiert. Dann kam sie öfters hierher, wusste nach einiger Zeit ungefähr, wann ein Express vorbei raste. Sie fuhr gern mit der Eisenbahn, schon seit Kindheitstagen. Liebte Bahnhöfe, und Opa nahm sie manchmal sonntags mit. Dann lösten sie an der Sperre Bahnsteigkarten für zehn Pfennige und marschierten wie selbstverständlich zu den Gleisen 11 und 12, wo der TEE mit laufender Dieselmaschine auf seine Abfahrt wartete und die feinen Leute einstiegen, um über Köln den Rhein entlang, ander Loreley vorbei in ferne Länder zu reisen. Ein paar Mal war sie mit den Eltern nach Bocholt gefahren, wo Vater einen Kriegskameraden besuchte. Die Strecke wurde von einer Dampflok bedient, die drei oder vier Waggons schleppte. Der Rhythmus, mit dem der Dampf aus dem Schlot gestoßen wurde, vom Wind gedrückt, sich auflösend an den Fenstern vorbeizog. Der Rhythmus der Schienestöße, das Pfeifen der Lok an den vielen Bahnübergängen. Und dann das Ablassen des Dampfes im Bahnhof wie ein Ausatmen. Später dann das Brummen des Schienenbusses, der die nicht elektrifizierten Strecke übernahm und einen ganzen anderen Gerucht trug. [Lesezeit ca. 15 min] „Letzte Arbeit“ weiterlesen

Getrennte Wege (2)

Das Dumme an diesem Abschied war, dass ich sie danach über zehn Jahre lang nicht wieder sah. Sie hatte bereits gekündigt und war, das erfuhr ich von Kollegen, nach Amerika gegangen. Wollte dort irgendwas mit Theater machen. Ich lernte D. kennen. Zwei Jahre später wurde mein Sohn geboren. Wir heirateten, und ich machte mich selbstständig. Weitere drei Jahre danach kam die Tochter. Getrennt haben wir uns sieben Jahre später. Einigermaßen im Frieden. Da hatte ich ein Appartement mit großer Terrasse im In-Viertel F. gefunden. Mein Büro war Teil einer Gemeinschaft, in der ich Untermieter war. Am liebsten ging ich zu Fuß zur Arbeit. Morgens gab mir die Strecke Gelegenheit, wach zu werden und mich für den Tag zu sortieren. Abends verarbeitete ich, was über Tag geschehen war. Nur ganz selten ging ich die dreißig Minuten mit offenen Augen und offenem Sinn. „Getrennte Wege (2)“ weiterlesen

Getrennte Wege (1)

Sie hatte die hellste Haut, die ich je bei einem Menschen gesehen hatte. Und später je sah. Unten hatte sie sich ein Lager aus Kissen und Matratzen zurechtgemacht und die große grüne Decke darüber gebreitet. Da lag sie, und aus meiner Perspektive von der Empore aus sah sie aus wie eine Schneeverwehung am grünen Straßenrand. Sie hatte mich nach oben verbannt mit den Worten „Brauch mal Ruhe“ und angemerkt, sie sei schon ganz wund. Das ging mir auch so. Aber ich hätte sie gern weiter erforscht, auch an diesem sonnigen Septembertag. Diffus war das Licht, bisweilen durchschnitten von einem einzelnen Strahl, der es durch eine Lücke in den Rollläden geschafft hatte. Da tanzte der Staub, und die Sonne malte einen einzelnen Kringel auf ihren bloßen Körper. Sie hatte mir nicht erlaubt, ihren Leib zu markieren. Eine Linie aus dunkelroter Farbe zu ziehen mitten durch sie hindurch und einmal um sie herum. Am Nabel beginnend, abwärts über den Haarbusch, unten durch bis zum Ansatz des Rückgrats, über alle Wirbel, den Nacken hoch, über den Schädel, die Stirn, die Nase, die Lippen, das Kinn, den Hals und zwischen ihren Brüsten hindurch. Es wäre ein Kunstwerk geworden. Aber sie wollte nicht. Mir schien, sie habe beschlossen, ich hätte ohnehin schon zu viel bekommen von ihr. Zwei Tage vorher hatte ich neben ihr gelegen auf dem breiten Bett, und sie hatte mich ihre Haut erobern lassen. Da hatte ich erst realisiert, dass sie nicht ganz weiß war und nicht überall. Da entdeckte ich Schattierungen wie das warme Grau in ihren Achselhöhlen. „Getrennte Wege (1)“ weiterlesen

Dialektik

Dialektik ist, wenn der Postmann zweimal klingelt. Der Postmann besteht aus den zwei Seiten einer Medaille und ist zusammengenommen dein altes Ego. Wie die zwei Backen, die den Arsch bilden. Zwischen den Seiten das Vakuum, das Nichts. Insofern ist der Hintern eine wunderbare Metpaher für das dialektische Prinzip: zwei antagonistische Seiten und dazwischen ein Arschloch.

Abzocker auf Achse

Er ist ein Charmeur, dieser Lion Minter. Er kann die Leute einwickeln. Und dann über den Tisch ziehen. Ich sag dir: Minter ist ein Arschloch. Ein böser Mensch. Aoszial, skrupellos und bösartig. Nein, sagen dann die meisten, der ist doch nett. Und die Frauen finden, er sieht gut. Redford nennen sie ihn wegen der Ähnlichkeit. Und in seiner Jugend in seiner rheinischen Heimat hieß er nur „dä Schön“. Inzwischen ist er fasst so zerknittert wie der Schauspieler, dessen Bruder er sein könnte. Gut gealtert, meinen die Frauen. Dies schiefe Lächeln am Rande eines unverschämten Grinsens, das hat er immer noch drauf. Schlank ist er geblieben. Kleidet sich jugendlich, also so wie die jeweilige Jugend es tut. Das macht er schon seit fünfzig Jahren so. Wird dieses Jahr siebzig und ist immer noch on the road. Um die Leute auszunehmen. Angefangen hat er mit einem ziemlich angelatschten Bulli, den er aus einer Polizeiversteigerung erworben hatte. Muss Ende der Sechzigerjahre gewesen sein. Hatte mit den Hippies nichts am Hut, sondern wollte Geschäftsmann sein. Zocken war immer schon sein Ding. Seit Schulhofzeiten. Schibbeln hieß das Spiel, bei dem die Jungs aus der Hocke Groschen gegen die Wand warfen. Wessen Münze am nächsten an der Mauer liegenblieb, gewann und kassierte alle geworfenen Münzen. Lion gewann, wie er immer sagt, in achtundneunzig Prozent der Fälle. „Abzocker auf Achse“ weiterlesen

Kommst hier nicht rein

„Was willst du?“ sagte er, und es hörte sich an wie „Wasswissu!“ Sein Kopf stand etwas vor der Längsachse seines Körpers auf einem wulstigen Nacken. Von hinten sah er vermutlich aus wie eine Echse. „Und? Was?“ wiederholte er. Jedenfalls interpretierte ich so das Geräusch aus seiner schmalgekniffenen Sprechöffnung. Der Typ stand festgemauert da, die Füße auf Hüftbreite auseinander, die Faust der einen in der Fläche der anderen Hand auf Bauchnabelhöhe. Es gab auch eine Nase im Gesicht, aber die hatte eine außergewöhnliche Form und Richtung. Einsfünfsechzig war er höchstens groß. Bizeps mit Eiweißpräparaten und viel Eisen aufgepumpt. Zuckte nervös mit den Muskeln rund um den den Kurzhals. „Ich muss da mal eben rein, weil ich was aus der Pförtnerloge holen soll.“ Die Schmeißfliegenbrille unter der wulstigen Stirn hüpfte im Takt seines Schnaufens: „Geht nicht.“ Mir war klar, dass man diesem Wesen mit Argumenten und gutem Zureden nicht würde beikommen. „Befehl vom Boss“, versuchte ich mit einer Art Blaffen. Der Security-Affe ging einen halben Schritt rückwärts. Anscheinend dachte es mit ihm. Dann: „Welcher Boss?“ Er zeigte leichte Unsicherheit. Ich setzte nach: „Na, der oberste Boss, natürlich!“ „Kommst hier nicht rein“ weiterlesen

Notnagel

Sie hat die Decke mit dem Rankenmuster aufgelegt. Dazu das passende Platzdeckchen aus hellem Bast. Eine gelbe Rose in der schlanken Vase. Zwei weiße Kerzen in den silbernen Leuchtern. In dieser Woche ist das schlichte weiße Geschirr dran. Wie immer hat Almut drei Scheiben vom gesunden Brot mit der Maschine geschnitten und ins Körbchen gelegt. Zwei davon wird sie essen. Mit Messer und Gabel. Gerade hat sie sich hingesetzt und einen Schluck vom Hagebuttentee genommen. Sie hat sich Kräuterquark zurechtgemacht und Radieschen. Das Radio spielteStreichquartette von Brahms, und sie ist ganz allein. Ja, sagte sie den wenigen Bekannten und Verwandten auf Nachfrage, ich bin gern allein. Muss ich auf niemanden Rücksicht nehmen, kann machen, was ich will. Meistens geht es ihr auch gut, da istsie nicht einsam, nur allein. „Notnagel“ weiterlesen

Freier Fall

Jetzt und hier im Jenseits kann ich sagen, ich habe den Flug genossen. Allein der Absprung war ein Moment größter Freiheit. Stolz war ich auf mich, fühlte mich als Sieger, hatte meine Höhenangst endgültig überwunden. Außerdem war der Sturz an sich die Belohnung für die viele Arbeit und Mühe, die mich erst ganz oben auf die Spitze des Brückenpfeilers gebracht hatten. Denn einfach war es nicht, die verschiedenen Sicherheitseinrichtungen zu überwinden. Konnte nur gelingen nach sorgfältiger Planung und langfristiger Vorbereitung. Den Gesellenbrief als Maler und Lackierer zu fälschen sowie diverse Arbeitsbescheinigungen und Zeugnisse ehemaliger Arbeitgeber, war da noch die leichteste Aufgabe. Und dann musste ich warten. Genau drei Jahre, sieben Monate und elf Tage. So lange dauerte es, bis die zuständige Firma wieder jemanden für die Renovierung der Pylonen suchte. Ich bewarb mich online, hatte am nächsten Tag das Vorstellungsgespräch und erhielt am Montag drauf die gute Nachricht: ich könne zum 1. September anfangen. Die fünf Wochen bis zu diesem Termin wurden mir sehr lang. Sie dehnten sich ebenso wie die sieben Wochen und vier Tage bis ich zum ersten Mal am Fuß des Nordpfeilers stand, zusammen mit dem Chef, einem Kollegen und dem Lehrling, der ein Mädchen war. „Freier Fall“ weiterlesen

Neue Dichter

Als Hans O. in diesen Märztagen draußen in der Sonne saß, einen starkgestrickten Wollschal gegen den scharfen Wind um den Hals geschlungen, da musste er an Thomas Mann denken, an den Zauberberg. An Lungenkranke, die hoch in den Schweizer Bergen in der Frühlingssone auf Terrassen liegen, mit Decken gegen die Kälte geschützt. Man müsste öfter an Thomas Mann denken, dachte er, und dass er selbst vielleicht ein Dichter werden könnte. Denn sein Versuche in der Prosa waren samt und sonders gescheitert. Da schien es ihm erfolgversprechender, sich an der Dichtkunst zu versuchen. Und begann in der Märzensonne sich wärmend mit dem Nachdenken über die Poesie. Als Ingenieur hatte man ihm allerdings im Ingenieursstudium die Poesie gründlich ausgetrieben. Mathematik und Physik bestimmten sein Denken, Formeln, Gleichungen und Konstruktionszeichnungen. Dafür hatte ihm seine Ausbildung das nötige Rüstzeug mitgegeben, Ziele durch systematisches Arbeiten zu erreichen. „Neue Dichter“ weiterlesen

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