Die Botschaft vom Weltgeist


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In der Nacht vom siebten auf den achten Januar 2026 empfing Friedrich Kurt Hohenlechner eine Botschaft. Als er am Morgen erwachte, war die Botschaft in seinem Hirn so präsent, dass er sie niederschreiben konnte. Er wusste nicht, woher sie stammte, wer sie ihm eingeflüstert hatte und was sie bedeutete. Hier das, was er notiert hat: [Lesezeit ca. 3 min]

„Seit gut sechzig Jahren versucht ihr herauszufinden, ob es im Universum außer euch intelligentes Leben gibt. Ihr könnt diese Bemühungen einstellen, denn ihr werden nichts finden. Denn es gibt im gesamten Kosmos nur euch Menschen auf eurer schönen Erde, die ihr ein Bewusstsein habt, das über eure individuelle Befindlichkeiten hinausgeht. Wir beobachten euch seit Millionen von Jahren, haben eure Entwicklung sehr genau verfolgt, und wir machen uns Sorgen. Denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden ihr euch in Kürze selbst ausrotten.

Auf den Planeten, die den Übergang vom Anorganischen zum Organischen geschafft haben, ist die Evolution auf dem Niveau von Einzellern stehengeblieben. Auf der Erde entstanden die ersten mehrzelligen Algen und Pilze vor etwa 750 Millionen Jahren, vor rund 600 Millionen Jahre kamen die ersten primitiven Tiere wie Würmer und Quallen. Im Trias erschienen die frühesten Säugetiere, und der Mensch betrat die Erde etwa 300 Millionen Jahre vor eurer Zeitrechnung. Wir sehen keinen Planeten im Universum, die sich in diese Richtung entwickelt.

Wer wir sind? Wir sind keine Gespenster oder die Geister der Gestorbenen. Wir sind ein universelles Prinzip. Ihr würdet es vielleicht Weltgeist nennen. Im Gegensatz zu dem, was Hegel in uns sah, sind wir nicht die Totalität. Wir können nur existieren und beobachten, nicht aber erschaffen oder verändern. Vielleicht sind wir deshalb neidisch auf euch Menschen, die ihr Körper habt und als Individuen existiert und durch eure Vorstellungskraft Dinge erschaffen und verändern könnt. Im Gegensatz zu euch sind wir emotionslos, wir nehmen alles, wie es kommt. Aber wir wünschen uns so sehr, dass die Menschheit weiterlebt, damit wir etwas haben, das wir bewundern können.

Aber ihr habt nicht nur die Schaffenskraft, ihr könnt auch zerstören. Und weil ihr Individuen seid, könnt ihr euch zu Familien, Clans, Stämmen und Nationen zusammenschließen. Leider wohnt in euch auch eine Kraft, die bewirkt, dass Menschen andere Menschen bekämpfen, verletzen und töten, dass Clans, Stämme und Nationen Kriege gegeneinander führen. Und wir betrauern, dass ihr das Kreislaufprinzip eines Planeten nicht verstanden habt, dass ihr die Ressourcen der Erde und die Natur ausgebeutet habt. So konntet ihr erst vor wenigen Jahren ahnen, dass die Zerstörung der Ökosysteme nicht nur der Flora und Fauna schadet, dass immer mehr Arten aussterben, sondern dass auch die lebenswichtigen Ressourcen wie Atemluft und Wasser schwinden oder vergiftet werden. Das führt zwangsläufig zu eurem Aussterben.

Wie gesagt: Wir können euch nicht daran hindern. Und wir haben lange nach einer Möglichkeit gesucht, euch zu warnen. Immer wieder haben wir einzelnen Menschen Botschaften gesandt. Entweder, sie wurden von den Empfängern als Träume verstanden oder als Gehirngespinste, oder sie wurden für verrückt erklärt, wenn sie versuchten, die Botschaft öffentlich zu machen. Besonders schlecht erging es denjenigen, die in diesen Fällen zu Ketzern oder Hexen erklärt, gefoltert und dann getötet wurden. Besonders die Institutionen, die ihr Kirchen nennt, gingen rigoros gegen unsere Botschafter vor, weil sie ihre Macht gefährdet sahen. In den letzten rund zweihundert Jahren hat man diese Menschen für verrückt erklärt und in psychiatrischen Einrichtungen eingesperrt. Im besten Fall hielt man sie für Propheten, die eure Zukunft vorhersagen wollten.

Auch mit dieser Botschaft an dich, Friedrich Kurt Hohenlechner, verbinden wir wenig Hoffnung, dass sich die Menschheit schnell genug ändern könnte. Aber wir wollten es nicht unversucht lassen, weil wir euch so bewundern, lieben und beneiden. Wir sind die, die immer waren und immer sein werden.“

Lange dachte Hohenlechner darüber nach, ob und wie er diese Botschaft weitergeben könnte. Am liebsten hätte er den Weltgeist um Rat gefragt, aber die Kommunikation mit dieser Instanz hatte keinen Rückkanal. Er beschloss, den Kontakt mit der philosophischen Fakultät der Universität München zu suchen und schrieb den Dekan der Fakultät an. Nach Wochen erhielt er die Antwort, man fühle sich für derartige literarische Produkte nicht zuständig. Daraufhin versuchte Hohenlechner, die Kosmologen der astronomischen Fakultät in Bonn um Rat zu fragen. Man verwies ihn auf sogenannte „Alien-Forscher“. Er besuchte den UFO-Kongress in London und sprach mit einer Reihe von renommierten Forschern über die Botschaft. Da er keine Aussagen darüber machen konnte, wer sie ihm geschickt hatte, aus welcher Galaxie die Sender stammten und ob er belegbare Beobachtungen gemacht hatte, blieben sinnvolle Reaktionen aus.

Ende des Jahres 2026 entschied Friedrich Kurt Hohenlechner, es habe sich bei der Botschaft des Weltgeistes eben doch nur um einen Traum gehandelt, der sich – ungewöhnlich genug – als Text manifestiert hatte. Erst über achtzig Jahre später fand man in den Überresten der Münchner Uni eine Kopie seiner Niederschrift. Aber da war es schon zu spät.