Die Jobs der frühen Jahre (1): Laufbursche, Hilfsarbeiter, Zeitschriftenausträger


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Keine Ahnung, wie die Situation heute ist, aber in den Sechziger- und Siebzigerjahren war es für Schüler und Studenten kein Problem, Ferien- und dauerhafte Nebenjobs zu finden. Bevor 1971 das Bafög eingeführt wurde, waren Studierende ohne wohlhabende Eltern auf solche bezahlte Arbeit sogar oft angewiesen. Legendär die Geschichten von taxifahrenden Langzeitstudenten, die letztlich bei diesem Job hängenblieben. Genau wie Tausende von jungen Männern und Frauen, die als Aushilfskellner begannen und dann selbst zu Gastronomen wurden. Ich war nie Droschkenkutscher oder Kellner, aber dazu später mehr. Hier soll nur von meinen Jobs in den Sechzigern die Rede sein. [Lesezeit ca. 6 min]

Nachdem mein Vater im Juni 1967 mit nur 43 Jahren gestorben war, ging es uns finanziell ziemlich schlecht. Ein nennenswertes Taschengeld für mich 14-, 15-Jährigen war nicht drin. Also suchte ich einen Schülerjob. Den fand ich über eine Anzeige in der Tageszeitung. Eine Import-Export-Firm mit Sitz auf der Berliner Allee suchte einen Laufburschen – drei Nachmittag zu je drei Stunden. Immerhin 1,10 DM pro Stunde sollte es geben. Ich rechnete nach: Das wären ja fast zehn Mark pro Woche, also mehr als 40 Mark im Monat!

Import/Export

Die Firma bestand aus einem schlechtgelaunten Ehepaar, das in einem staubigen Büro hockte. Ohne weitere Vorrede schickte mich die Chefin in den Keller; ich sollte dort Akten sortieren. Welche Akten auf welche Weise sortiert werden sollten, sagte sie nicht. Immerhin fand ich das von ihr sogenannte Archiv. Auf dem Boden mehrere Dutzend Ordner und leere Regale. Ob ich diese Aufgabe richtig ausführte, erfuhr ich nie. Ansonsten wurde ich damit beauftragt, Medikamente aus der Apotheke zu holen, die Post in den Briefkasten zu werfen und Wein einzukaufen, denn die Firmeninhaber tranken tagsüber gern Rotwein.

Dann kam es zum Eklat. Es müsse eine Sendung vom Zoll am Flughafen abgeholt werden. Man drückte mir einen Zettel in die Hand und sagte mir, es handle sich um ein Emulgiermittel – ein Wort, das ich seitdem mit diesem Job verbinde. Damals konnte man den Flughafen nur per Bus erreichen, und ich hatte Mühe, die richtige Verbindung zu ermitteln, kam aber nach dreimal Umsteigen doch an. Nur den Zoll, den fand ich nicht. Dafür aber ein Reisebüro, wo ich mich an den Prospekten bediente. Ich irrte durch das Abfertigungsgebäude und fragte mich durch. Der Zoll, erfuhr ich, läge weit außerhalb. Ich machte mich auf den Weg, aber die Behörde hatte schon geschlossen. Unverrichteter Dinge kehrte ich zurück und handelte mir einen schlimmen Anschiss ein. Ob ich zu blöd wäre. Aber, bunte Prospekte, die hätte ich mir mitgebracht. Nicht einmal in der Schule war ich derart angebrüllt worden. Ich ging einfach nicht mehr hin und verzichtete auf gut und gerne elf Mark, die ich bis dahin verdient hätte.

Praline, Bunte und Neue Mode
Anschließend trug ich über zwei Jahre lang einmal die Woche Zeitschriften des Bauerverlags aus. Im Büro an der Grabenstraße hatte mir ein strenger Angestellter einen Stapel Kärtchen ausgehändigt, auf denen die Namen und Adressen der Abonnenten verzeichnet waren, sowie, welche Zeitschriften sie bezogen. Es gab keinen Stundenlohn, der Verdienst richtete sich nach der Anzahl der tatsächlich ausgelieferten Hefte. Die Bezieher hatten in bar zu bezahlen, und ich konnte meinen Anteil abziehen und behalten.

Mein Gebiet war ein langgestrecktes Dreieck östlich des Güterbahnhofs; im Norden reichte es bis zum Hochhaus am Zoo, im Süden bis zur Grafenberger Allee. Die meisten Adressen lagen an der Rethel- und der Lindemannstraße sowie den Nebenstraßen. Auf einer Tour war das nicht zu schaffen. Also packte ich jeweils die Hälfte der Zeitschriften in eine Aktentasche, deponierte die auf meinem Fahrrad und schob es über die Zoobrücke in mein Revier. Geliefert wurden die Hefte in Folie eingeschweißt; jemand klingelte und legte die Lieferung im Hausflur ab. Welche Zeitschriften es gab weiß ich nicht mehr, aber an die Praline, die Bunte und die Neue Mode erinnere ich mich. Natürlich studierte ich immer die Praline, die damals schon viele Nacktfotos und Soft-Sex-Bilder brachte.

Es ging mir meist wie heute den Paketzustellern: Viele Empfänger waren nicht da, wenn ich kam, oder öffneten mir nicht. Wen ich mehr als zweimal nicht antraf, hatte ich dem Büro zu melden, denn dann wurden die nicht geleisteten Zahlungen direkt eingezogen – auf die eine oder andere Art. Viele Abonnenten nahmen ihre Hefte nur unwillig an, weil sie durch Drücker in die Abos gezwungen worden waren. Aber es gab vor allem ältere Frauen, die sich immer freuten, wenn ich kam, und die mir sogar Trinkgeld gaben.

Einer meiner Lieblingskunden waren das Hotel an der Ecke Lindemann-/Hebbelstraße, ein kleines Haus mit wenigen Zimmern und einer freundlichen Inhaberin. Sie bezog gleich mehrere Zeitschriften, manche sogar doppelt. Hier gab es jedes Mal ein ordentliches Trinkgeld, und wenn ich diese Station erreicht hatte, war die Tasche schon halb leer. Und dann waren da noch die Bordelle – Sventy-seven Rethel-Street hieß die unter uns Jungs. Auch der Puff nahm gleich einen ganzen Haufen Hefte. Die Haushälterin lud mich beinahe jedes Mal in die Küche ein und bot mir Cola und belegte Brötchen an.

Meistens gab ich meine Einnahmen gleich wieder aus. Im Winter kaufte ich mir gern eine Tüte Spitzkuchen bei Hussel. Viel öfter aber kehrte ich am Ende meiner Runde in einem Laden ein, den eine ältere Damen betrieb; eigentlich ein Schreibwarengeschäft, aber sie bot auch Langspielplatten an, immer die neusten Scheiben, und einen großen Teil meiner Sammlung aus den Sechzigern habe ich dort erstanden. Dann kürzte man uns die Provision, sodass ich einen Stundenlohn von kaum noch 80 Pfennig errechnete. Ich kündigte.

Schreinerei und Drahtlager

In den Jahren 1969 und 1970 verdiente ich mir mein Geld in allen Schulferien. Und da kam mehr zusammen als bei irgendwelchen Dauerjobs. An zwei dieser Tätigkeiten erinnere ich mich noch ziemlich genau, beide in den Sommerferien. Mein Schulfreund Uwe ging mit Margot, der Tochter des Schreiners Alfred Zerdick, der seine Werkstatt an der Weseler Straße hatte. Ich mochte die Familie sehr, auch, weil der Meister ein geborener Ostpreuße war wie meine Mutter. Und Margots Bruder war geradezu ein Vorbild. Ob er einen Ferienjob für mich habe, fragte ich Herrn Zerdick, und er sagte, ja, ich könne drei, vier Wochen bei ihm aushelfen.

Es stellte sich schnell heraus, dass ich handwerklich sehr wenig begabt war. Ja, ich konnte tragen helfen, mehr aber auch nicht. Also nahmen mich Meister Zerdick, sein Sohn und der Geselle mit auf Baustellen, meist dahin, wo sie maßgeschneiderte Fenster montierten. Leider war ich auch dabei zum Helfen zu ungeschickt. Also wurde ich zum Laufburschen, der vor allem für die Beschaffung von Frühstück und Getränken eingesetzt wurde. Immerhin kannte ich mich bald so gut mit Werkzeug aus, dass ich mal eben den fehlenden Hobel oder die kleine Handsäge aus dem Auto holen konnte. Und einmal, die Fenster wurden in einer Nobelvilla im Ratinger Osten eingebaut, musste ich per Bus und Bahn nachhause in die Werkstatt fahren, um ein paar fehlende Schrauben zu holen.

Und weil es für mich sonst nichts zu tun gab, verbrachte ich die bleibenden zwei Wochen damit, das restaurierte Holzboot des Sohnes zu grundieren und anschlie0end zu lackieren. Das Schönsten an jedem dieser heißen Sommertage war das gemeinsame Mittagessen, wenn alle Schreiner mit der Familie zusammen am Tisch saß und aß. Meister Zerdick bezahlte mich ordentlich und machte mir keine Vorwürfe für meine Ungeschicklichkeit.

Im Sommer 1969 nahm ich auf Vermittlung meines Bruders einen Job im Drahtlager der Firma Klöckner an der Ronsdorfer Straße an. Wir waren drei Schüler beziehungsweise Studenten, die dort als Handlanger eingesetzt wurden. Meist hatten wir nichts zu tun, lungerten auf den Feindrahtnestern herum, rauchten viel und lasen. So richtig hart arbeiten mussten wir nur, wenn der Kranführer uns brauchte, weil Paletten zu be- und entladen waren. Heinz hieß der Kollege, der in der Regel ab zehn Uhr morgens betrunken war und uns mit kaum verständlichen Zurufen dirigierte. Überhaupt soffen die festangestellten Arbeiter wie die Löcher. Der Kleinste von uns, ein schüchterner Junge, der aussah, als sei er höchstens vierzehn, war für den Biernachschub zuständig. Den offiziell verbotenen Schnaps versteckten die Kollegen in den Ecken der Halle hinter den großen Drahtrollen.

Die Schwerstarbeiter nahmen uns nicht ernst und redeten kaum mit uns. Bubis nannten sie uns und machten grobe Scherze. Unseren Kleinen schickten sie einmal auf einen Hubwagen, fuhren die Plattform bis unter die Hallendecke und ließen ihn da oben über Stunden schmoren. Später stellte sich heraus, dass uns die Firma denselben Stundenlohn zahlte wie den schwer schuftenden Festangestellten. In meine Zeit bei Klöckner fiel die erste Mondlandung, die mein Bruder und ich die ganze Nacht im Fernsehen verfolgten. Weil es sich nicht mehr lohnte, schlafen zu gehen, trat ich völlig übermüdet meinen Dienst morgens um sieben an und verschlief den Tag in einer Ecke des Drahtlagers.

Dies und das

Einmal nahm ich einen Job bei einem Friedhofsgärtner an, der mich gleich am ersten Tag zum Ausheben eines Grabes auf dem Nordfriedhof schickte. Ich quittierte die Arbeit nach kaum einer Stunde und ließ mich nicht mehr blicken. Ganz ähnlich hielt ich es als Nachtwächter auf dem Messegelände. Zwei Nächte lang erschien ich um acht Uhr abends, zog mir – das war Pflicht – die Uniformjacke der Wachgesellschaft an, um anschließend alle zwei Stunden meine Runde durch die zwei Hallen zu drehen, für die ich zuständig war. Das war mir zu langweilig, und ich kündigte umgehend.