Wir waren unterwegs zu meinem Freund Paul mit seinem Häuschen mitten im Wald von B. Die Nacht war sehr dunkel. Den ganzen Tag hingen schwere, schwarze Regenwolken über dem Land, und es war Neumond. Manon hatte wie üblich Stöpsel in den Ohren und hörte Musik. Was machst du? fragte sie, als ich schon bei F. von der Autobahn abfuhr. Wir müssen noch zwei Ausfahrten weiter. Ist ’ne Abkürzung, antwortete ich kurz. Dann eine Allee, die in eine schmale Straße überging. Der Wald wurde dichter. Nasse Äste schlugen aufs Autodach. Bald war die Fahrbahn nur noch einspurig. Die Bäume immer näher am Rand. Dazwischen dunkles Dickicht. Und dann wurde aus der asphaltierten Straße eine Schotterpiste, die sich mit unvorhersehbaren Kurven durch den Forst schlängelte. Manon kaute ihr Kaugummi und sah starr nach vorne auf den Weg. [Lesezeit ca. 5 min]
Ich blickte aufs Navi. Stupste Manon an und sagte: Schau mal, obwohl ich durchgehend dreißig fahre, bewegt sich der Punkt nicht mehr. Kannst du mal auf deinem Handy nachschauen? Sie zog das iPhone aus der Tasche und sagte: Kein Empfang. Und wie hörst du dann Musik? fragte ich nach. Alles lokal gespeichert, antwortete sie und steckte die Stöpsel wieder in die Ohren. Vielleicht war das GPS ausgefallen, dachte ich. So fuhren wir eine Weile schweigend über die wellige Schotterstraße. Wieder stieß ich Manon an. Wie lange sind wir eigentlich schon unterwegs seit der Autobahn? Schätze, ’ne Stunde. Ich sah auf die Uhr im Armaturenbrett; danach waren es schon vier Stunden. Irgendwas stimmt hier nicht, sagte ich, aber Manon zuckte nur mit den Schultern.
Der Wagen rumpelte durch ein paar Schlaglöcher. Im Scheinwerferlicht sah ich eine tote Katze auf der Piste. Ein abgeknickter Ast. Manon hatte die Augen geschlossen und kaute gleichmäßig. Plötzlich das Radio, ich hatte es gar nicht eingeschaltet. Eine Stimme flüsterte: Immer geradeaus, immer geradeaus. Wieder und wieder. Hörst du das auch? fragte ich sie. Was? Die Stimme. Sie schüttelte den Kopf und sagte: Ich hör Musik. Wieder die Schlaglöcher, die tote Katze, der abgeknickte Ast. Und noch einmal. Beim nächsten Mal sah ich aus den Augenwinkeln einen Mann in Schwarz, der uns den Rücken zuwandte und langsam am Straßenrand entlangging.
Ich glaube, ich hab mich verfahren, sagte ich. Ohne mich anzusehen, sagte Manon: Dann sollten wir nach dem Weg fragen. Wen denn? Na, die Leute da. Sie zeigte mit dem Finger auf ein Haus mitten im Wald. Licht in den Fenstern. Wir hielten an. Klopften an die Tür. Keine Reaktion. Dann schwang die Tür von selbst langsam auf, und wir traten ein. In der Ecke lief der Fernseher ohne Ton. Auf dem Tisch standen drei dampfende Teller. Hallo, rief ich, ist da jemand? Keiner da, kommentierte Manon, lass uns gehen. Auf dem Weg zum Auto entdeckte ich ein Hinweisschild, einen gelben Pfeil, darauf stand: Immer geradeaus.
Aus der Piste war ein Waldweg mit tiefen Reifenspuren geworden. Die Büsche streiften den Wagen. Immer schmaler wurde der Weg. Und plötzlich hörte er auf. Wir steckten in einer Sackgasse. Hast dich verfahren, kommentierte Manon, und empfahl: Du musst wenden. Ja, klar, antwortete ich, geht hier aber nicht. Links lagen aufgestapelte Bäume, rechts standen drei alte Buchen mit mächtigen Stämmen. Na, dann eben rückwärts. War der Weg vorher noch relativ gerade, erschien es mir, dass jetzt alle paar Meter eine scharfe Kurve folgte. Mehr als Schritttempo war im Rückwärtsgang nicht möglich. Ich hasse es, rückwärts zu fahren.
Zum Glück öffnete sich eine kleine Lichtung, und ich konnte wenden. Manon wippte, kaute, die Augen zu. Ich hatte das Fenster geöffnet, um Luft hineinzulassen. Aus dem Gebüsch ein schwaches Raunen und Schmatzen. Nach einiger Zeit ging der Waldweg wieder in eine Schotterpiste über, aber ich hatte nicht den Eindruck, es sei dieselbe, über die wir in diese Situation geraten waren. Dann wieder Asphalt. Die Straße führte in sanften Schwüngen bergab. Halt mal an, ich muss pinkeln, sagte sie. Moment, antwortete ich, dahinten ist Licht, da halten wir an. Und dann erkannte ich ein rot und gelb strahlendes Tankstellenschild. Die altmodische Station war hellerleuchtet. Wir stiegen aus. Niemand im Geschäftsraum. Hallo, rief ich, während Manon nach der Toilette suchte. Keine Antwort. Gibt hier kein Klo, sagte sie. Dann pinkle doch draußen.
Als wir die Station verließen, hörte ich ein dumpfes Knurren, wie eine verzerrte menschliche Stimme. Zwischen uns und dem Wagen ein großes Tier, vielleicht ein Bär, aufgerichtet, massig und schwarz. Das Wesen hatte Menschenaugen und starrte uns an. Manon schrie kurz auf. Nicht stehen bleiben, sagte sie, die merken das. Wir wichen seitwärts aus, aber egal, wie wir zum Auto standen, das Biest erschien immer im selben Winkel. Getrennt! rief ich. Und dann lief Manon links vorbei an diesem mächtigen Tier und ich rechts herum. Erreichte die Fahrertür und stieg ein. Als Manon sich auf den Beifahrersitz fallen ließ, war die Erscheinung verschwunden. War vielleicht bloß ein Hund, sagte sie und steckte die Ohrhörer wieder rein.
Ich atmete schwer. Was ging hier vor? Wir müssten längst bei Paul sein. Hatte keine Erklärung. Dieses Wesen, die Tankstelle, das verlassene Haus im Wald, die Radiostimme – waren das nur Halluzinationen? Während wir uns entfernten, gingen mir Szenen aus Horrorfilmen durch den Kopf: Paare, die sich verirren und am Ende irgendeinem Monster begegnen. Passiert im echten Leben nicht. Manon dagegen kaute weiter ihr Kaugummi, hörte Musik und wirkte, als wäre nichts geschehen.
Bald wurde die Straße wieder zweispurig mit Markierungen in der Mitte und an den Rändern. Sie führte fast schnurgerade eine Anhöhe hinauf. Wir erreichten die Kuppe, und in der Senke sah ich die Lichter einer Stadt. Ich stieß meine Begleiterin an: Endlich wieder Zivilisation. Sie nickte nur. Die Abfahrt wieder kurvenlos, aber die Stadt kam nicht näher. Im Gegenteil: Gab ich Gas, wich die Stadt zurück, der Abstand änderte sich nicht. Fahr nicht so schnell, forderte Manon. Plötzlich stoppten die Lichter, und wir erreichten die Ortsgrenze. Eher ein Vorort als eine Kleinstadt. Gleichförmige Häuser mit gepflegten Vorgärten. Üppige Straßenbeleuchtung, überall brannte Licht. Kein Mensch auf den Straßen, keine Autos, auch keine parkenden. Ganz schön aufgeräumt, kommentierte Manon und suchte einen anderen Song in ihrer Playlist.
Die letzte Straßenlaterne lag hinter uns. Als ich in den Rückspiegel sah, erkannte ich, dass sich die Stadt mit ihren Lichtern in tausend glitzernde Funken und dann in Schwärze auflöste. Wir rasten weiter in die Dunkelheit, jetzt wieder durch einen dichten Forst. Dann ein Kreisverkehr. Ich entschied mich für die zweite Ausfahrt, um weiter geradeaus zu fahren. Kaum hundert Meter weiter wieder ein Kreisverkehr, derselbe wie vorher. Nun nahm ich die erste Ausfahrt. Der nächste Kreisverkehr, wieder derselbe mit der Rasenfläche in der Mitte, darauf die Statue eines Bären. Manon bekam nichts mit, so vertieft war sie in die Musik, die Augen geschlossen. Beim nächsten Versuch wählte ich die dritte Ausfahrt. Inzwischen war es mir egal, wo wir landen würden.
Vor uns plötzlich ein Lastwagen. Jedenfalls erkannte ich die Rücklichter und die Markierungsleuchten an den oberen Ecken des Hecks. Dazwischen ein schwarzes Quadrat. Ich atmete auf: Dem fahr ich nach, der will bestimmt zur Autobahn. Manon kaute weiter an ihrem Kaugummi und sah nur kurz rüber zu mir. Der Truck fuhr ziemlich schnell, sodass ich Mühe hatte, ihm zu folgen. So ging es über mehrere Kilometer. Plötzlich stoppte der Lastzug. Ohne dass die Bremslichter angegangen wären. Ich konnte nicht mehr bremsen. Manon stützte ich mit beiden Armen am Armaturenbrett ab und nahm den Kopf runter. Warum ich gar nicht versuchte zu bremsen, kann ich nicht sagen. Jedenfalls schoss ich mit Fullspeed auf das schwarze Quadrat zu. Und einfach hindurch.
Endlich, das blaue Hinweisschild: A74. Und genau an der Stelle, an der wir abgefahren waren, kamen wir wieder auf die Autobahn. Jetzt muss ich aber wirklich dringend, sagte Manon. Dutzende Autos an der Tankstelle. In der Raststätte ein paar Trucker, wenige Touristen. Sie fand schnell die Toilette. Mit Milch und Zucker, rief sie mir noch zu. Ich holte zwei Becher Kaffee und fand einen Platz am Fenster. Draußen rauschte der Fernverkehr vorbei. Manon setzte sich zu mir, nippte an der Tasse und sagte: Puh, das war knapp. Noch ’ne halbe Stunde hätte ich nicht einhalten können.
Sag mal, begann ich, was war das alles in den letzten Stunden? Die Sackgasse, das verlassene Haus, die Tankstelle, dieses Monster, die menschenleere Stadt, der endlose Kreisverkehr und dann der unheimliche Lkw vor uns. Ich dachte, wir kämen da nie raus. Woraus? fragte Manon. Na, aus diesem Horrortrip. Sie sah mich an, als hätte ich etwas völlig Absurdes gesagt. Dringend mal zu müssen, ist doch kein Horror. Also, wovon redest du da? fügte sie an, ich bin doch gefahren. Du hast die ganze Zeit geschlafen.
