Vier bis fünf

Da hast du die Frage: Wärme oder Kälte? Die Stelle schmerzt. Kühlkissen oder Wärmflasche? Wo doch die Körper verschieden reagieren, die männlichen und die weiblichen. Und hättest du dich verbrüht, würdest du kaltes Wasser drüber laufen lassen, gebranntes Kind. Aber darauf reagiert der westliche Mensch mit dem Ruf nach Wärme und Zuneigung. So trafen sie sich nach Wochen an der Tankstelle, die jetzt verfällt. Man hat die Zufahrt gesperrt, damit niemand versehentlich dort hinein gerät, frei von Zapfstellen, kein Platz mehr für Begegnung. [Lesezeit ca. 8 min]

Die Wagen standen Schnauze an Schnauze, die Türen geöffnet, sie und er dazwischen, unklare Blicke, harte Umarmung. Wortlos bis zum Was machen wir jetzt? Dabei sahen sie beide einen anderen Film, genauer: denselben Film aus anderen Blickwinkel, andere Musik, andere Farben. Sie war Sharon Stone, er vielleicht Robert De Niro. Es gab da keine Brücke. Ein neutraler Beobachter wäre gut gewesen, ein Schiedsrichter, der auch die weiteren Ereignisse der Partie begleitet hätte. Doch wer hätte in dieser Sache neutral bleiben können? Natürlich prallen dauernd Leben aufeinander, nicht nur Personen.

Er zeigte seine Stadt vor, stellte ein Programm zusammen, dass sich nach dem richtete, was er von ihr wusste. Also Architektur. Ein später Vormittag in Flussnähe, Kälte um sie herum, die sie durch Körperaktionen zu verdrängen suchten. Strandeten in einer Bar, die vorzeitig geöffnet hatte. Völlig fehl am Platz. Sie würden sich daran erinnern, dass sie irgendwo gewesen waren, aber nicht, wo. Standen in der Nische, blickten aus dem Fenster und flüsterten Kindersprache: Und jetzt?

Kennst du den Zustand, wenn du mit nichts einverstanden bist? Der totale Widerstand, auch gegen dich selbst. Tage, an denen du das Haus verlässt und draußen sofort feststellst, dass du falsch gekleidet bist. Was sich aber nicht ändern lässt, weil es zu deinem verhassten Körper keine passende Kleidung gibt und weil du nicht einmal eine Hose oder Jacke wählen kannst, die denen da draußen ein Signal gibt, dass du nicht einverstanden bist. Jeder Rollenversuch scheitert im Lächerlichen oder im Selbstmitleid. Am liebsten wärst du nackt unter Bekleideten.

Wie damals in den Dünen, in der windgeschützten Kuhle, unter der Strandsonne. Da lagerte die Gruppe, unschlüssig. Es war, als wäre der Regisseur einfach verschwunden, ohne Anweisungen für die nächste Szene zu erteilen. Paare, die als Paare angereist waren, waren keine Paare mehr. Die Karten lagen offen im Sand, einer hätte mischen sollen. Wir hätten uns neu paaren sollen. Am Tag der Ankunft waren wir zu dritt an den Strand unterhalb des Leuchtturms gegangen, wo die deutschen Bunker im Sand hingen wie vergrabene Elefanten, die sich langsam zu befreien versuchten. Robert hatte gesagt: Ich liebe Bunker, ich finde sie erotisch. Und ihr seid in einen hineingeklettert, der seine Öffnung schräg nach oben anbot. Drinnen war der Sand ganz sauber und glatt und kühl. Das Abenteuer wäre gewesen, wenn Robert und ich da mit Anna gevögelt hätten. Stattdessen schwiegen wir und schliefen ein. Du hättest es gerne gesehen, wenn er sie von hinten gefickt hätte.

Also bestehst du in solchen Phasen nur aus Wunsch. Es soll sich ändern, denn so wie es ist, ist es schlecht. Dann träumst du von einer Schusswaffe, die du bei dir hast als Möglichkeit, die Situation zu verändern. Es müsse nur einer kommen, der dich falsch ansieht oder das Falsche sagt, und du würdest ihn einfach erschießen. Da ist es ja unerheblich, was du anziehst. Im Traum tust du es. Der Lauf des Revolvers ist lebenswarm nach der Salve, die du in den Feind gepumpt hast.

Schwäche ist lauwarm. Wie der Kakao am Samstagabend, den du nicht anrührst, solange er dampft. Wenn du ihn dann trinkst, hat er den Geschmack verloren: Enttäuschung.

Jetzt sind sie bei ihm. Sitzen am Küchentisch, trinken Kaffee, rauchen Zigaretten und reden, als müssten sie ernst bleiben. Sie reden und lachen. Was war eigentlich an dem Wochenende? Erzählen sich das Erlebte so, dass der andere nicken kann: Ja, so war das. Ihre sehnige Hand liegt auf dem Tisch, fast schon über der Grenze, dass er sie mit seiner bedecken müsste. Sie bläst den Rauch durch die Nasenlöcher, den Kopf im Nacken und zeigt ihm ihre Kehle. Er ahnt, dass sie die Beine leicht gespreizt hat, aufrecht wie sie dasitzt und wartet. Jetzt wissen, was richtig ist.

Jedes Mal, wenn ich mit Anna Sex hatte, hoffte ich, die anderen im Haus würden es hören. Jeden Tag erhöhte ich das Risiko entdeckt zu werden. Anfangs trieben wir es im Zimmer, dann im Bad, schließlich im Whirlpool. Nach einer Woche hatte ich die Vision, ich würde sie nach dem gemeinsamen Abendessen rücklings auf den Esstisch werfen, vorher das Zeug mit einer Armbewegung auf den Boden fegen, und es ihr besorgen. Die Freunde würden den Atem anhalten und stumm zuschauen. Ich würde die ganze Zeit Karla in die Augen sehen dabei.

Wie du schon gehst, hatte sie vorwurfsvoll gesagt. Dabei wart ihr auf dem Weg zu einem Klub, in dem man afrikanisch tanzen konnte. Der war geschlossen. Oder im italienischen Restaurant, wo du in der Latzhose saßt, das alberne Reggae-T-Shirt am Leib. Wie sie dich beschimpfte: Du verstehst gar nichts. Dann: Nimm mich in den Arm. Und ihre schweren Brüste an dich drückte. Sich rückwärts gegen dich fallen ließ nach dem Tanz, als du an der Wand lehntest, deine Hände nahm und auf ihren Bauch führte und sagte: Aber nicht an die Brust fassen.

Richard hatte getrunken an dem Abend, nachdem ihn Silvia verlassen hatte. Ich hatte ihn in der Kneipe sitzen lassen in seinem Elend und war heim gegangen. Viel später klingelte es. Silvia fragte schon auf der halben Treppe: Weißt du, wo Richard ist? Ich log und bat sie herein. Ihr schmaler Kopf ragte aus dem Salz-und-Pfeffer-Mantel, denn draußen fiel leichter Schnee. Sie wollte ein Glas Wein. Eigentlich bist du ein ziemlich attraktiver Mann, sagte sie, ohne zu lächeln. Und später: Wir sollten eine gemeinsame Wohnung suchen. Einzelne Sätze kamen bei mir an, während ich nachdachte, was sie von mir wollte. Ich würde deinen Kindern eine gute Mutter sein. Wir malten das aus, und sie bestand auf getrennte Schlafzimmer. Würdest du einen Liebhaber haben, fragte ich. Da war es schon am Morgen, das Straßenweiß reflektierte Laternenlicht ins Zimmer. Sie sah mich lange und ernst an. Und du? Ich bräuchte keine Liebhaberin, antwortete ich, ich hätte doch dich. Sie zog die Strickjacke vor der Brust zusammen und sagte: Ich glaube, ich fahr jetzt besser nachhause.

Als ich am frühen Morgen pinkeln ging, war es noch still im Haus. Anna lag auf dem Bauch, das Laken über dem Rücken, die Beine leicht gespreizt und zeigte ihre haarige Öffnung, an der noch Spermatropfen glänzten. Ich beugte mich zu ihr herunter und fuhr mit dem Finger durch die Furche, bis sie halb erwacht war. Reckte mir den Hintern entgegen. In diesem Augenblick fragte ich mich, ob Frauen überhaupt Sex mit Männern wollen. Oder ob Geilheit grundsätzlich vorgespielt wird, um den Herrn gnädig zu stimmen.

Aus der Küche gleich in sein Bett. Sich vergewissern, dass das Strohfeuer nicht erloschen war, dass sie nichts weiter tun mussten, um die Sache fortzusetzen, die zwei Wochen zuvor begonnen hatte, als sich zu entkleiden. Es wurde einer der wenigen glücklichen Momente ihrer Geschichte. Aber das war ja auch schon etwas.

Dafür hatte der Wind aus Norden die Pfützen mit einer dünnen Eisschicht überzogen, als sie betäubt und ungewaschen aus der Haustür stolperten. Schnee müsste es jetzt haben, meinte sie. Und er antwortete: Hier schneit’s nicht. Sie zog den Mantel aus Plüschfell enger um den Körper. Wenn seine Kinder heimkämen, hätte sie eine Probe zu bestehen. Davor wollte sie etwas trinken. In der Eckkneipe bestellte sie Jack Daniels mit Cola. Die Kellnerin sah sie feindlich an und schnaubte: Haben wir nicht. Nur Johnny Walker. Sie nahm dann einen Rotwein, er ein Bier. Wieder hatten sie sich nichts zu sagen. Oder sie hatten sich schon alles erzählt, was für diese Phase von Bedeutung war.

Auch das war nur eine deiner Verzweiflungen. Dass du weiter mit ihr ausgingst, obwohl es nicht so aussah, als würde sie Sex mit dir haben wollen. Hast dich weiter beschimpfen lassen, hast weiter getanzt wie um dein Leben. Das Einzige, mit dem du sie beeindrucken konntest. Dein Mut ließ nach wie damals, als du Eva wiedergetroffen hattest auf der Straße vor ihrem Haus am Fahrradständer. Gleich wieder verwirrt von ihrer Schönheit. Als du in all den Wochen nie gehofft hattest, sie könnte deine Frau werden mit ihrer hellen Haut. Und hättest doch gerne geprüft, wo überall an ihrem Körper Sommersprossen wuchsen.

Nein, brüllte Karl, es geht nicht nur um Sex. Worum denn? fragte ich. Aber er hatte keine Antwort. Jedenfalls keine, die mich hätte umstimmen können in dieser Männerdebatte um das Verhältnis von Mann und Frau. Ich finde, setzte Klaus an, jeder Mann bräuchte drei Frauen: Eine zum Reden, eine zum Vorzeigen und eine zum Vögeln. Karl schüttelte nur den Kopf und tat, als sei er der wahre Romantiker. Dabei hatte er seine Kurzzeitpartnerinnen mit Methode vor uns versteckt. Bist du nur noch mit Magda zusammen? Ich war nicht mit Magda zusammen, wir sind nur gut befreundet. Und als du ihn eines Tages besuchtest, sahst du jemanden hinter den Gardinen im ersten Stock, aber Karl sagte, er sei allein.

Wie viele Lieben hattest du? Zählt Susanne dazu, mit der du schon mit vierzehn in den Hausecken herumknutschtest? Kannst du überhaupt beurteilen, ob deine Gefühle mit dem Wort Liebe richtig bezeichnet werden? Ist es wahr, dass man Liebe nur spürt, wenn die geliebte Person nicht da ist? Oder wenn du die nicht haben kannst? Du hast Susanne gehabt zehn Jahre lang, ihr wart euch sehr nah, sehr vertraut. Und dann sagt sie dir zwanzig Jahre später, du hättest sie verletzt, als du ihr gestanden hast, für kurze Zeit in eine andere Frau verliebt gewesen zu sein. Du konntest dich nicht daran erinnern, ob sie dich je verletzt hat.

Am dritten Tag liefen wir alle nur noch nackt im Haus herum. Jederzeit saß jemand in der Whirlwanne, selbst mitten in der Nacht schwammen wir im Pool und ließen das Licht in der Halle ausgeschaltet. Gegen Abend heizte irgendwer die Sauna an, und dann hockten wir schweigend dort und schwitzte. Ich studiere so gut es ging, die anatomischen Eigenheiten der Frauen. Jede hätte ich an ihrer Schambehaarung erkannt, an der Farbe, der Dichte, der Form und der Kräuselung. Du hattest begonnen, in deinem Notizbuch Zeichnungen anzufertigen. Die begannen immer mit einem Y als Grundlage für die schematische Darstellung. Bis dir klar wurde, dass bei Inka das Y zwei senkrechte Striche haben müsste, weil sich ihre Oberschenkel im Stehen nie berührten. Auch dieses Merkmal erfasstest du in einer zweiten Serie. Schließlich gingst du dazu über, dir vorzustellen, wie die Mösen aussähen, wenn ihre Inhaberinnen mit gespreizten Beinen vor dir lägen. Natürlich nahmst du zuerst Anna als Modell, denn bei ihr kanntest du jede Falte.

Die meisten Frauen, die du begehrt hast, haben dich abgewiesen. So genau weißt du das jedoch nicht, denn du hattest auch dann das Gefühl, abgewiesen worden zu sein, wenn du die Betreffende nie gefragt hattest, ob sie mit dir schlafen wollte. Eigentlich hast du dir von Jugend an gewünscht, die von dir begehrten Frauen würden dich verführen. Du wärst gern der passive Teil gewesen, du wärst gern einmal von einer Frau vergewaltigt worden, auch wenn du keine Vorstellung davon hattest, wie das gehen sollte. Du hast bei Ilona, Eva und Silvia gehofft, sie würden irgendwann zu dir sagen: So, jetzt habe ich Lust auf dich. Oder: Komm schon, ich will dich jetzt. Bis heute hast du keine Ahnung, was dich für eine Frau begehrenswert machen könnte. Warum ausgerechnet Ilona viele Jahre später mit dir ausging, mit dir nachhause ging, dich umarmte und küsste, dich ins Bett führte, es unbedingt wollte. Vielleicht, denkst du, ist das alles nur Zufall, dass Leute aufeinander scharf werden, wenn aus keinem besonderen Grund die Hormonmaschine auf ein Signal des anderen reagiert, das bisher keine Rolle spielte.

Natürlich ist Sex wichtig, sagte Klaus. Es dient dazu, dass ein Mann und eine Frau sich vergewissern. Karl lachte. Ja, sagte Klaus, beim Vögeln merkt der Mann, dass er ein Mann ist, und die Frau, dass sie eine Frau ist. Genau, spottete Karl, und der Mann merkt, dass sie eine Frau ist, und die Frau merkt, dass er ein Mann ist. Ist gar nicht so falsch, sagte ich, es geht ja dabei um Sicherheit. Siehst du, warf Klaus ein, wenn du meinst, es gäbe nichts von Bedeutung zwischen Mann und Frau als Sex, dann ist das ein Zeichen dafür, wie wichtig dir Sicherheit ist. Karl drehte sich noch eine Zigarette, und Klaus riss das Fenster auf. Mag sein, antwortete ich, deshalb kann ein Fick auch Trost sein, denn Trost braucht ein Mann immer dann, wenn er sich an der Welt gestoßen hat. Alles Quatsch, sagte Karl, das ist alles bloß Biologie. Ja, meinte Klaus, und Soziologie, denn ginge es nur um biologische Funktionen, dann würden die Menschen von morgens bis abends nur durch die Gegend vögeln.

Später, als alles vorbei war, stellte er fest, dass nichts geblieben war. Kein Geruch, kein Satz, kein Bild, das sich gehalten hätte. Nur eine Leerstelle, die sich nicht füllen ließ. Es war, als hätte man eine Tür geöffnet und dahinter nur einen dunklen Raum gefunden, in dem nichts stand, nicht einmal ein Stuhl.