Jetzt sitze ich hier in dem, was ich meinen Garten nenne. Über mir das Rauschen der Autos auf der Brücke. Beschirmt und beschützt durch die große Buche. Mit meinem Notebook auf einem wackeligen Gartenstuhl. Ich habe zu recherchieren. Wo der Typ gerade ist, weiß ich. Aber nicht, wie ich die Tat vollenden werde. Mein treuer Rüde Humphrey als Bildschirmhintergrund. Ach, Humphrey, mein Humphrey, was hat er uns bloß angetan? Sei bei mir, wo auch immer du jetzt bist. [Lesezeit ca. 3 min] „Vollendete Tat“ weiterlesen
Die Mutter und die Möbelstücke
Magst was essen? Mutter antwortet nicht. Sie hat nie viel gesprochen. Sie führte uns fünf Kinder wie ein Militär. Geh besorgen! Pass aufs Nannerl auf! Wo is dei Schuah? Jetzt sitzt sie da auf dem wuchtigen Sessel, dem einzigen Möbelstück, das wir mitgenommen hatten, als sie in die kleine Wohnung umzog. Direkt gegenüber, ebenerdig. Ich bin für sie verantwortlich, denn meine Geschwister sind alle weit weg. Robert und Alfred leben beide schon lang in Amerika, Josefa in Berlin, und wo Marianne abgeblieben war, weiß ich nicht. Und unser Vater ist schon lange tot. Mutter sitzt sehr aufrecht im Sessel und schaut streng auf den ausgeschalteten Fernseher. Aber du musst was essen. Körperlich, hat der Doktor gesagt, ist meine Mutter für ihr Alter gut in Schuss. Da hat er Recht. [Lesezeit ca. 5 min] „Die Mutter und die Möbelstücke“ weiterlesen
Wird gestorben sein
In einer nasskalten Novembernacht erwachte Bronn gegen fünf Uhr und fand sich auf dem Rücken liegend vor. Er erschrak, denn üblicherweise schlief er bäuchlings auf der rechten Körperseite. Den rechten Arm unter dem Kopfkissen hindurch ausgestreckt, die linke Hand an seiner rechten Wange. Irgendwo hatte er vor vielen Jahren gelesen, dass eine spontane Änderung der Schlafhaltung auf den nahenden Tod hinweist. [Lesezeit ca. 2 min] „Wird gestorben sein“ weiterlesen
Von einem meiner Tode
Ob ich tot bin? Keine Ahnung. Kann auch nicht sicher sagen, ob ich gestorben bin. Mein Zustand: nicht bewusstlos, aber ohnmächtig. Ich bin im selben Maß bei Bewusstsein, wie ich es im wachen Zustand bin. Vielleicht handelt es sich um ein Wachkoma. Wobei die Personen, die aus einer solchen Lage zurückgekehrt sind, keine Erinnerung an diese Zeit haben. Natürlich kann ich nicht beurteilen, wie ich momentan auf andere Menschen wirke, also ob die mich als wach wahrnehmen. Denn meine Sinnesorgane sind lahmgelegt. [Lesezeit ca. 2 min] „Von einem meiner Tode“ weiterlesen
Letzte Arbeit
Als sie die Stelle im Park gefunden hatte, der Zaun kaum zehn Metern von den Ferngleisen entfernt, stellte sie fest, dass der ICE schreit, wenn er vorbeifährt. Ein völlig anderes Geräusch als ein IC mit Lok vorne oder ein Regionalexpress oder gar die S-Bahn. Ein hoher Schrei, der ankommt, wenn der Zug ins Blickfeld gerät, dann anhält bis zum letzten Waggon. Kein Schmerzensschrei, sondern ein selbstbewusstes Geräusch wie ein Tier, das so sein Revier markiert. Dann kam sie öfters hierher, wusste nach einiger Zeit ungefähr, wann ein Express vorbei raste. Sie fuhr gern mit der Eisenbahn, schon seit Kindheitstagen. Liebte Bahnhöfe, und Opa nahm sie manchmal sonntags mit. Dann lösten sie an der Sperre Bahnsteigkarten für zehn Pfennige und marschierten wie selbstverständlich zu den Gleisen 11 und 12, wo der TEE mit laufender Dieselmaschine auf seine Abfahrt wartete und die feinen Leute einstiegen, um über Köln den Rhein entlang, ander Loreley vorbei in ferne Länder zu reisen. Ein paar Mal war sie mit den Eltern nach Bocholt gefahren, wo Vater einen Kriegskameraden besuchte. Die Strecke wurde von einer Dampflok bedient, die drei oder vier Waggons schleppte. Der Rhythmus, mit dem der Dampf aus dem Schlot gestoßen wurde, vom Wind gedrückt, sich auflösend an den Fenstern vorbeizog. Der Rhythmus der Schienestöße, das Pfeifen der Lok an den vielen Bahnübergängen. Und dann das Ablassen des Dampfes im Bahnhof wie ein Ausatmen. Später dann das Brummen des Schienenbusses, der die nicht elektrifizierten Strecke übernahm und einen ganzen anderen Gerucht trug. [Lesezeit ca. 15 min] „Letzte Arbeit“ weiterlesen
