An einem freundlich-warmen Sommertag sitzt er auf dem schmalen Balkon mit Blick auf den Bahndamm und beobachtet eine Spinne, die anscheinend gerade ihr Netz fertig gewoben hat. Das fingernagelgroße Wesen, das zuvor noch systematisch und zielsicher Fäden gezogen hat, hat sich nun an eine zentrumsferne Position zurückgezogen und lauert unbeweglich auf Beute. Georg, der sich ungern Schorsch nennen ließ, hatte sich in seinem Leben nie weit weg bewegt, und wenn, dann hat er das möglichst wenig Menschen wissen lassen. Er wohnte jetzt schon mehr als fünfundzwanzig Jahre in einem schmucklosen Appartementhaus jenseits des Hauptbahnhofs, schräg gegenüber der Baulücke, an der zuvor das Haus gestanden hatte, in dem er bei den Großeltern aufgewachsen war. [Lesezeit ca. 6 min]
Der Papus war vor ein paar Jahren zurück nach Thermaikos gezogen, und Georg hatte ihn dort zweimal besucht, die einzigen Fernreisen seines Lebens. Und weil er praktisch nie verreiste, kannte er sich in seiner Stadt so gut aus wie eine Biene in ihrem Bienenstock. Jeder kannte Georg, und er kannte jeden. Und das seit seiner frühesten Jugend, als seine schwarzen Haare lang waren und er als Jorgo in verschiedenen Bands sang. Es gibt Fotos aus jener Zeit, auf denen er aussieht wie eine schmale Version von Demis Roussos; er trägt ein schwarzes, besticktes Gewand und eine schwarze Gitarre, obwohl er überhaupt nicht Gitarre spielen konnte.
Es ist eine sich hartnäckig haltende Annahme, dass die Spinne immer unbeweglich im Zentrum ihres Netzes hockt und darauf wartet, dass sich ein Insekt verfliegt und sich in den klebrigen Fäden verfängt. Das stimmt nicht. Tatsächlich sitzt sie in der Regel am äußeren Rand in der Nähe einer der Fäden, die das Netz an seiner Position fixieren. Das stellt Georg fest, nachdem er seine Spinne über mehrere Tage beobachtet hat, wenn er in der Morgensonne auf dem Balkon seinen ersten Kaffee trinkt. Er hat überlegt, ihr einen Namen zu geben, ist dann aber davon abgekommen. Niemand soll jemand anderem einen Namen geben außer den Eltern, ist seine Meinung.
Unerwartet hatte Georg in den späten Siebzigern mit Live A Life einen Hit. Da sah er aus wie Danyel Gerard mit Schlapphut und Bart im hellgrauen Anzug. Die Gerüchte, er habe die Melodie bei Born To Be Alive von Patrick Hernandez geklaut, verstummten nie. Als ihm klar wurde, dass er als Popstar ständig reisen müsste, manchmal wochenlang unterwegs wäre, beendete er die Karriere bevor sie richtig begonnen hatte. Einmal im Jahr kam ein Brief von der GEMA, mit einer Zahl darauf, die Georg nie ganz glaubte. Reichte trotzdem für das Appartement hinterm Bahnhof – Miete hatte er seither keine mehr gezahlt.
Er hat die Spinne mit dem Handy fotografiert, so gut es geht. Auch wenn sie völlig unbeweglich am unteren Rand ihres Netzes ausharrt, ist es schwierig, nahe genug heranzukommen, um sie möglichst groß auf dem Bild zu haben. In der Stadtbibliothek findet er einen Bildband mit Abbildungen aller möglichen Spinnen. Sein Foto ist etwas zu unscharf, aber er entscheidet, dass es sich bei seinem Tier um eine Gartenkreuzspinne handelt. Und ist angenehm überrascht, dass die Zeichnung auf ihrem Rücken am ehesten dem Kreuz der griechisch-orthodoxen Kirche ähnelt. Im Gegensatz zu seinem Großvater hat Georg es nicht so mit der Religion. Nur wenn er beim Papus zu Besuch war, ging er mit in die Liturgia.
Radnetzspinnen, sagen Arachnologen, beißen Beute, die sich im Netz verfangen hat, und töten sie mit Gift. Dann spinnen sie diese ein und lassen sie im Netz hängen, um sie später auszusaugen. Georg denkt an Tommy, seinen besten Freund, vielleicht sogar seinen einzigen Freund, diesen genialen Musiker, einen schüchternen Typ, der seinen Hit von damals produziert hatte. Den er mit hundert Mark für seine Arbeit abgespeist hatte, obwohl ihm die Hälfte der Einnahmen zugestanden hätte. An diesem Morgen ist die Spinne nicht zu sehen.
Manchmal steht Georg vor seinem Plattenregal. Hunderte von Vinyl-Scheiben, viel Soulklassiker, auch Weltmusik und was es sonst an tanzbaren Sachen gab. Die letzte Platte hatte er vor mehr als fünfzehn Jahren gekauft, kurz nachdem er aufgehört hatte, als DJ G im Club Sieben aufzulegen. Die Leute kamen wegen ihm dorthin. Erst galt er unter den Disco-Fans als Geheimtipp, ein paar Jahre später als Kult-DJ. Damals fiel er auf mit seinem rasierten Schädel und dem scharf gestutzten Bart. Er trug Weiß, keine andere Farbe. Vor seinem Pult immer eine Schar Frauen, die ihn anhimmelten. Georg war und ist kein Typ für One-Night-Stands, wenn, dann sollte es etwas Festes sein. Es dauerte drei Monate, bis er nach dem Set mit Silvie einen Wein trinken ging, weitere zwei Monate, bis er sie mit nach Hause nahm und noch einmal sechs Wochen, bis sie zum ersten Mal miteinander schliefen.
Wieder sitzt er mit dem Morgenkaffee auf dem Balkon. Mehr Züge als sonst auf den Gleisen. Die Spinne sitzt wieder an der gewohnten Stelle, aber die Beute baummelt nicht mehr im Netz. Vielleicht brauchen Kreuzspinnen nicht mehr als eine Fliege pro Woche, denkt Georg. Vielleicht fangen sie nur so viel, wie sie brauchen. Genau in diesem Moment verfängt sich eine Wespe in den klebrigen Fäden. Er ist fasziniert davon, wie schnell die Spinne bei ihrem Opfer ist, das nur noch kurz zappelt, bevor es eingesponnen wird. Kaum hängt die Wespe im Netz, landet eine kleine Fliege am oberen Rand. Wieder ist die Spinne da und tut, was sie tun muss.
Silvie wurde der wichtigste Mensch in seinem Leben – außer dem Papus in Thermaikos. Sie war eine Frau, die anpackte, die Pläne hatte. Eine geborene Gastronomin, aufgewachsen in der Gastwirtschaft der Eltern, eine erfahrene Kellnerin. Silvie war es, die vorschlug, zusammen ein Lokal zu eröffnen. Georg dachte lange darüber nach und telefonierte einige Male mit dem Großvater. Mach es, sagte der, wir Griechen sind die besten Gastgeber der Welt, und mit unserem Essen kannst du die Menschen verzaubern. Sie waren seit mehr als einem Jahr ein festes Paar, und manchmal war es Georg so, als wolle sie heiraten und Kinder haben.
In der Nacht muss es eine Invasion an fliegenden Insekten gegeben haben. Das Netz hängt voll mit eingesponnener Beute. Ein paar Fäden scheinen schon unter dem Gewicht gerissen zu sein, und seine Spinne ist dabei, das Netz zu flicken. Auf einmal kommt sie Georg vor wie eine gierige, maßlose Bestie. Kurz hat er den Impuls, das Netz zu zerstören und die Spinne zu erschlagen. Und als ob sie seine Gedanken erraten hätte, verschwindet sie schnell nach oben, wo er ihr Versteck vermutet.
Sie fand ein passendes Lokal, Einbau einer Küche möglich, sechzehn Plätze. Ob er kochen könne, fragte sie ihn. Er verneinte, aber er könne alle Rezepte des Großvaters besorgen. Silvie kochte gern und gut. Sie besorgte den Bankkredit, und an einem kühlen Märzabend eröffneten sie die Taverne. Er hat sie Stou Savva getauft, nach seinem Papus, und schnell sprach sich in der Stadt herum, dass es beim Savvas wirklich authentisches, nordgriechisches Essen gab. Er nahm den Vornamen des Opas an und wurde, was die Gäste für einen typisch griechischen Wirt hielten. Zehn Jahre nach seiner Zeit als DJ G, als er noch ein schmaler Typ war, mehr George Michael als Cat Stevens, hatte er jetzt ordentlich Fett angesetzt, trug einen ausladenden Vollbart und zu enge Hemden.
Der Herbst geht in den Winter über. Georg sitzt jetzt morgens mit seinem Kaffee im Mantel auf dem Balkon und schaut sich die Reste des Netzes an. Kreuzspinnen leben nur ein Jahr, hat er gelesen. Er vermisst seine Spinne und weiß, dass sie tot ist. Er erinnert sich ans Frühjahr, als er sie zum ersten Mal gesehen hat mit ihrem milchbraunen Körper mit den gelblichen Strichen. Wie er sie Tag für Tag beobachtet hat. Und fragt sich, ob die Spinne ihn auch beobachtet hat.
Ohne ihn zu fragen, hatte Silvie einen jungen Beikoch eingestellt. Tom hieß er, ein fröhlicher Bursche, der sein langes, schwarzes Kraushaar in einen Zopf band und beim Kochen eine Baseballkappe trug. Als Georg eines Tages Lust auf Bifteki hatte, bat er Tom, ihm rasch eines zu braten. Und war entsetzt, als er den Teller mit dem gefüllten Hacksteak vor sich hatte. Das Ding sah anders aus als bei seinem Opa. Und es schmeckte auch anders. Weißt du, erklärte Silvie, Tom hat sich um die Rezepte gekümmert und modernisiert; ich finde, die Umstellung ist ihm gelungen. Georg hätte schreien wollen vor Wut, aber er riss sich zusammen. Die Gäste jedenfalls lobten die Gerichte beim Savvas mehr als je zuvor.
Über Nacht ist der Frost gekommen, der kälteste Tag dieses Winters. Die Gleise auf dem Bahndamm sind schneebedeckt. Georg wärmt sich die Hände an der Kaffeetasse und fragt sich, ob im Frühjahr eine neue Spinne kommen und ein Netz auf seinem Balkon weben wird. Es wäre nicht dasselbe, denkt er, denn es wäre nicht mehr seine Spinne, mit der er fast ein Jahr verbracht hat. Er ist traurig, beinahe so traurig wie zwei Jahre zuvor, als ihn die Nachricht vom Tod des Papus erreichte.
Silvie hatte ihr Zimmer in der WG aufgegeben und war zu ihm in das Appartement gezogen, das eigentlich zu klein war für zwei. Immer öfter klagte sie über Bauchschmerzen, und wenn Georg nachfragte, sagte sie bloß: Ach, das ist nur so ein Frauending. Bis zu dem Tag, als sie weinend ins Lokal kam, ihn in die Küche zog und sagte: Es ist Krebs. Tom war es, der Silvie in den Arm nahm und tröstete. Nein, sagte Georg, es wird nicht alles wieder gut. Nach dem Tod ist nichts gut. Silvie kam ins Krankenhaus. Sie würde eine Chemotherapie bekommen. Ob jemand sie zuhause betreuen könne, fragte die Ärztin. Zwei Wochen lang kümmerte sich Georg um sie, bevor er ins Lokal ging, und abends, wenn er wieder da war.
Eines Tages sagte er: Du, ich mach den Laden zu. Ohne dich läuft der eh nicht. Und Tom macht, was er will. Hab die Pacht schon gekündigt. Außerdem geht’s meinem Opa nicht gut. Ich muss dahin, muss mich kümmern. Hast du nicht jemand anderes, der dich betreuen kann? Silvie sagte nichts, weinte nicht, sah ihn nur unbewegt an. Ich finde bestimmt einen Platz im Hospiz, da kann ich in Ruhe sterben. Das ist eine gute Lösung, sagte Georg und packte seine Sachen.
Das ist nun mal seine Natur.
