Er erinnerte sich an das Zimmer in der Villa, in dem sie zum ersten Mal zusammenkamen. Da stand eine mächtige Stereoanlage mit gewaltigen Boxen und einem Highend-Plattenspieler. Eine Wand war ganz bedeckt mit Regalen, in denen Hunderte Schallplatten lagerten. Überall Modelle von Autos. An den Wänden gerahmte Schwarzweißfotos schöner Frauen. Dazu ein Tisch gefüllt mir Whisky-Flaschen verschiedener Sorten. Ganz eindeutig ein Männerzimmer. Im wurde klar, dass sie dort nicht wohnte, sondern das Appartement nur nutzte. Vielleicht als temporäre Unterkunft gemietet. Und dann ihr eigenartiger Rucksack, das einzige Gepäckstück, das sie besaß. Jetzt im Zug hatte sie das Ding auf einem Sitz abgestellt. Groß wie ein Koffer, wie die Ausrüstung eines Backpackers, und prall gefüllt. Das untere Drittel war vom Rest abgetrennt und mit einem eigenen Reißverschluss versehen. Vielleicht war sie eine moderne Nomadin, vielleicht hatte sie gar keinen festen Wohnsitz. Ihm war aufgefallen, dass sie offensichtlich nur einen begrenzten Bestand an Kleidung besaß, den sie aber geschickt zu kombinieren wusste. „Wietten und die Tilde (4)“ weiterlesen
Wietten und die Tilde (3)
Sie erzählte die Geschichte mit langen Pausen und stockte an Stellen, die Wietten gar nicht heikel erschienen. Er konnte an ihrem Gesicht ablesen, dass es sie schmerzte, diesen Bericht abzugeben, dass sie lieber nicht darüber gesprochen hätte. Und nahm das als Vertrauensbeweis. Gleichzeitig erschien ihm diese Nacht im Hotel in F. das erste Mal, dass sie sich ebenbürtig waren. Vielleicht gespeist aus einer gewissen Unsicherheit, die er aufgrund des enormen Altersunterschied spürte. Immerhin war er sogar älter als ihr Großvater. Wobei sie miteinander nie über das Alter sprachen. Also weder darüber, dass sie erst siebenundzwanzig war, noch über seine mehr als siebzig Jahre. Die Situation war in jeder Hinsicht ungewohnt für ihn, weil er sein ganzes Leben lang meistens der Jüngste oder einer der Jüngsten in seinem jeweiligen Umfeld war. Zum Beispiel beim Gewinn der Goldmedaille bei den olympischen Spielen in Rom 1960 im Achter. Gerade einmal achtzehn war er an jenem 3. September auf dem Albaner See. „Wietten und die Tilde (3)“ weiterlesen
Wietten und die Tilde (2)
Sie schwebten in ihrem Bett über den glitzernden Lichtern der Stadt. Sie war einfach mitgekommen als Wietten nach F. reiste, wo er zwei Wochen lang an einem Problem bei der C.-Bank zu arbeiten hatte. Also hatte er die Suite im 22. Stockwerk gemietet, die mit den deckenhohen Fenstern und dem freien Blick nach Südwesten bis hinüber zum Flughafen, wo jetzt die Maschinen davonflogen wie Leuchtkäfer im Juni. Er hatte keine Ahnung, was sie tagsüber unternahm. Wenn er gegen sechs aus dem C.-Tower zurückkam, saß sie immer entspannt auf dem Sofa der Suite und tat als schaue sie Fernsehen. Dann vögelten sie ein bisschen, gingen essen oder ließen sich etwas bringen, lagen den ganzen Abend im Bett und unterhielten sich. Wobei es Wietten war, der die Unterhaltung führte, denn sie redete wenig. Nicht nur an diesem Ort zu dieser Zeit. Am Wochenende verließen sie das Hotel gar nicht. Wechselten nur von der Suite ins Spa, ins Restaurant oder in die Bar. „Wietten und die Tilde (2)“ weiterlesen
Wietten und die Tilde (1)
Sie lag auf der Liege und er daneben im warmen Sand. Hob den Kopf, drehte sich seitwärts und stützte sich mit dem Ellenbogen ab. Ihr Körper wie die Landschaft. Sanfte Hügel mit einem delikaten Gebüsch in dem einen Tal. Vielleicht, dachte Wietten, lieben die Menschen ja deshalb solche Landschaften, weil sie an den nackten Leib einer schönen Frau erinnern. Später standen sie nebeneinander auf dem Steg in der Abendsonne. Sie lehnte sich an ihn, den Kopf schräg an seine Schulter. Er hatte seinen linken Arm um ihre Hüfte geschlungen. Zuvor waren sie ruhige Bahnen geschwommen und miteinander zu reden. Sie ließen die Liege am winzigen Sandstrand stehen. Dann fuhren sie los. [Lesezeit ca. 4 min] „Wietten und die Tilde (1)“ weiterlesen
Unsere Düssel
Es hieß einfach: Wir gehen an die Düssel. Das war einer unserer bevorzugten Spielplätze. Damals in den Fünfzigerjahren. Wir ahnten nicht, dass es den schmalen Fluss auch noch woanders in der Stadt gab: Für uns war das Stück zwischen der Post an der Heresbachstraße und der Ballonwiese im Volksgarte einfach Die Düssel. Besonders natürlich der Abschnitt zwischen Mecumstraße und dem Hennekamp. Das war unser Revier. Und zwar nur das – bachabwärts betrachtet – rechte Ufer. Denn die andere Seite war für uns nicht zugänglich. Anfangs gab es die Gurlittstraße noch gar nicht. Drüben war Brachland, teilweise mit Maschendraht gegenüber der Düssel versperrt. Wo heute die kleine Hundewiese zu finden ist, stand das Hexenhaus. Tatsächlich wohnte eine alte Dame, deren Schatten man höchsten manchmal hinter den Büschen erahnen konnte, dort in einer Art Gartenlaube. Wir fürchteten sie und mieden diese Ecke weiträumig. [Lesezeit ca. 6 min] „Unsere Düssel“ weiterlesen
Erik und Parishad
Er musste noch schneller sein. Noch viel schneller! Er war das ganze Wochenende über schnell gewesen, von Freitagabend bis Sonntagnacht, er konnte jetzt nicht mehr bremsen. Überhaupt konnte er inzwischen kaum noch bremsen, weil er Angst vor dem Stillstand hatte. Er musste dauernd nachtanken, um immer ganz vorne dran zu sein. Nur so konnte er in der Agentur bestehen, ein kreatives Wunderkind. Der Termin war für zehn angesetzt, er wollte um zehn vor zehn da sein. Das Navi hatte 09:54 als Ankunftszeit ermittelt. Er musste schneller sein als das Navi. Die Einfallstraße nahm er mit neunzig. Schnell auf die linke Spur und an der F.-Straße schnell links abbiegen. Die Ampel zeigt schon Gelb. Gasgeben, und so sicher der X6 sonst auf der Straße liegt, das ist zu viel. Der Wagen schlingert, er kontrolliert ihn nicht mehr. Der schwarze Marmor unter den Schaufenster des Goldhändlers. Fast ungebremst gegen die Wand. Er ist nicht angeschnallt. Wird nach vorne geschleudert, das Stirnbein bricht. Sein Körper quer durchs Innere. Rippen, Unterarm, Schienbein, Füße, Hände, alles bricht. „Erik und Parishad“ weiterlesen
Helma und Ulrike
Sie liegen nebeneinander auf der Decke in der Sonne und fühlen sich noch einmal so jung wie damals, als sie sich kennenlernten. Wie sie dann mit den Klischees gespielt hatten: Der blonde Engel und die schwarzhaarige Domina. Galten über viele Jahre als das bekannteste Lesbenpaar der Stadt und waren doch nur gute Freundinnen. „Ich bin eine schwedische Finnin“, so stellte sich Helma vor. Und Ulrike sagte dann jedes Mal: „Quatsch! Sie ist eine finnische Schwedin“. Damals war Helma das, was man fraulich nannte, und fühlte sich wohl in ihrem Körper. Ulrike überragte sie um anderthalb Köpfe, dünn, beinahe dürr, mit raspelkurzen Haaren. Trug meist schwarze Jeans und eine dazu passende Motorradjacke. Rauchte schwarzen Tabak und soff Wodka pur. Zusammen sind sie alt geworden. Und haben sich über die Zeit aneinander angeglichen. Nach ihrer langen Krankheit ist Helma abgemagert und lässt sich die weißgrauen Haare immer sehr kurz schneiden. Ulrike hat durch das viele Training Muskeln angesetzt und trägt einen langen, schwarzen Zopf. „Helma und Ulrike“ weiterlesen
Adele und Wilhelm
Wenige Tage nach der Beerdigung ihres geliebten Mannes beschloss Adele, sich das Leben zu nehmen. Schon als sie ganz allein hinter dem Wagen mit der Urne ging und später als der Bestatter den Behälter in einem Loch in der Erde versenkte, war ihr der Gedanke gekommen. Wider Erwarten hatte dieser Beschluss nichts Trauriges an sich. Sie saß bei einer Tasse Tee an der offenen Terrassentür, blickte auf den Garten, den sie und Wilhelm einst angelegt und beinahe vierzig Jahre gepflegt hatten, und war heiterer Stimmung. Natürlich dachte sie ständig an ihn, so wie sie in den fast sechsundsechzig Jahren ihrer Ehe immer an ihn gedacht hatte. Immer waren sie ein schönes, aber beinahe unmögliches Paar gewesen, die sie beide im selben Jahr und im selben Monat und nur mit zwei Tagen Abstand voneinander geboren waren. Kaum drei Wochen vor Wilhelms Tod waren sie neunundachtzig Jahre geworden und hatten wie immer gemeinsam an einem Tag gefeiert. Zum ersten Mal allein, denn mit Adeles Schwester Claire war die letzte Verwandte gestorben. „Adele und Wilhelm“ weiterlesen
Antoine und Inge
Als Antoine ein Dutzend Lammkoteletts bestellte, legte ihm Inge die Hand auf den Unterarm und sah ihn mit leichter Mißbilligung an. Er lachte kurz und mit weit geöffnetem Mund, sodass man die vielen Lücken und Zahnruinen sehen konnte. Das erste Glas Wein leerte er in einem Zug. Wie immer tropfte ihm das Hammelfett aufs Hemd. Auch die Fritten aß er mit den Fingern. Seine Lebensgefährtin hatte eine kleine Portion Moussaka bestellt und stocherte im Auflauf herum. Sie machte sich Sorgen um Antoine. Sie war der Ansicht, in seinem Alter müsse man mehr auf die Gesundheit achten, nur noch in Maßen essen und sich regelmäßige Ruhepausen gönnen. Dabei war ihr Mann nicht im mindesten krank. Wie schon mit neunzehn, zwanzig stach er aus jeder Menschenmenge heraus: Sehr groß, absolut schlank mit einem wilden Haarschopf und einem kaum gestutzten Bart. Seit Jahren durchzogen graue Strähnen sein Haar, und er fand, das mache ihn noch attraktiver. Genau wie seine Narben. „Antoine und Inge“ weiterlesen
Monika und Bernd
Dieser Tage wachte Monika in der beginnenden Morgendämmerung auf stellte fest, dass Bernd auf dem Rücken lag und leiste schnarchte. Sie erschrak und setzte sich auf. In den mehr als 30 Jahren, in denen sie mit ihm das Bett geteilt hatte, war das noch nie geschehen. Immer schlief er auf dem Bauch. Manchmal auch auf seiner rechten Seite, den Arm lang ausgestreckt. Und geschnarcht hatte er noch nie. Monika war schockiert und wusste, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Leise stand sie auf, um sich einen Tee aufzusetzen. Gegen vier saß sie auf der Terrasse, in eine Decke gewickelt, und hörte den frühen Vögeln zu. „Monika und Bernd“ weiterlesen
Der Igel an den Bären
Nur weil wir beide immer den Winter verschlafen, sind wir noch lange nicht Kollegen. Und du brauchst dir auf deine Größe und deine Kraft nun wirklich nichts einzubilden. So offensiv wie du bist, so defensiv bin ich. Man sagt dir ja nach, alter Brummbär, dass dein Hirn in Relation zur Körpermasse winzig sei. Bei mir ist es umgekehrt. Deshalb hast du über alles gesehen keine Chance gegen mich. Es ist auch bekannt, dass du Gewalt für eine Lösung hältst. Das muss mit deinem kleinen Hirn zusammenhängen, denn wer gern nach vorne geht und draufhaut, hat zweifellos Angst vor der intellektuellen Auseinandersetzung, der er sich nicht gewachsen fühlt. Ich würde trotzdem nicht so weit gehen, dich dumm zu nennen. Und böse bist duch auch nicht. Du kannst an guten Tagen ziemlich nett sein. Außerdem sagen alle übereinstimmend, dass du treu wie Gold bist und deinen Freunden immer beistehst, wenn sie dich brauchen. Das gefällt mir. Aber trotzdem möchte ich nicht dein Freund, nicht einmal dein Kollege sein – wir spielen einfach in zwei ganz unterschiedlichen Ligen. So, und jetzt troll dich bevor ich meine Stacheln ausfahre.
Der Adler zu den Hühnern
Ich fliege nicht so hoch, sagte der Adler zu den Hühnern, weil ich mich über euch erheben will, sondern weil die Höhe mein angemessener Lebensraum ist. Natürlich wirkt es lächerlich wie ihr mit gesenkten Köpfen hin und her trippelt und auf dem Boden herum pickt. Oder hüpft und das für Fliegen haltet. Ich verachte euch nicht dafür, denn ich weiß, ich käme nicht besser weg, würde ich mich auf den Boden begeben. Sicher bin ich euch überlegen, weil ich den Überblick habe, weil ich den Horizont sehen kann und einen Blick auf die Erde einschließt, der mehr Dinge einschließt, als ihr euch vorstellen könnt. Aber das heißt nicht, dass ihr nicht auch Vögel seid wie ich, mit Feder und gelegten Eiern. Manchmal bewundere ich euch für eure große Friedfertigkeit und bin neidisch, dass ihr nicht töten müsst um zu überleben. Aber so ist es eben. Selbst wenn ich wollte könnte ich euch nicht das Fliegen beibringen, ihr seid dafür nicht geschaffen. Und ich kann nicht werden wie ihr, weil ich von Körnern allein nicht leben könnte. Also hört auf schlecht über mich zu denken, euch gegenseitig zu versichern, wie arrogant und überheblich ich sei, dass ich einfach immer weit über euren Köpfen am Himmel kreise als sei ich etwas Besseres. Lasst mich einfach in Ruhe so wie ich euch in Ruhe lasse.
Ein Mädchen namens Stern
Sie saß ganz am Ende der Bank und hatte ihre Hand flach mitten auf der Tischplatte liegen. Gelangweilt sah sie sich um im Hinterhof, wo das Fest stattfand. Ich saß ihr gegenüber und versuchte, ihren Blick aufzufangen. Dann schob ich meine Hand in ihre Richtung, und nach einer Weile berührte sich unsere Fingerspitzen. Sie rückte ein wenig hin und her, um sich noch mehr von mir abwenden zu können. Diese Familienfeier in Krakau zu besuchen, war eine Schnapsidee. Einen Großonkel kannte ich, aber der erkannte mich nicht als ich ihn begrüßte. War auch schon sehr betrunken der alte Mann, ein Bruder meiner polnischen Großmutter. Nur die wenigen alten Menschen sprachen Deutsch, aber auf eine Art, dass ich kaum etwas verstand. Die jungen Leute amüsierten sich prächtig, tranken und tanzten. War schon schwierig genug, den Ort der Party zu finden, weil mir keiner den Straßennamen mitgeteilt hatte. Der Hof gehörte zu einer Tischlerwerkstatt, dessen Besitzer weitläufig mit der Sippe verwandt war, und der hieß Nowak. Jeder den ich ansprach, kannte einen Schreiner oder Tischler namens Nowak, nur waren es offensichtlich ganz verschiedene Personen, deren Werkstätten an ganz verschiedenen Ecken der Stadt lagen. Als ich nach Stunden durchs Kasimir-Viertel ging, fand ich eher zufällig die richtige Straße und die richtige Toreinfahrt. „Ein Mädchen namens Stern“ weiterlesen
Hotelzimmer
Sie hatten sich in einem Hotelzimmer verfangen. Gutes Haus, fünf Sterne. Jetzt standen sie Leib an Leib vor dem ersten Kuss. Hinter dem Fenster die leblose, dunkle Stadt, bestreut mit glimmenden Lichtern. Als sie zum ersten Mal hier waren, hatte er zur ihr gesagt: Im Traum habe ich schon hundert Mal mit die geschlafen. Sie hatten dann aus der Bettdecke ein Zelt gebaut im stockdunkeln Zimmer. Und ihre Körper in der Höhle beim Schein einer Taschenlmape studiert. Inzwischen war ein Raum im siebzehnten Stock ihr Revier. Damals hatte der Rezeptionist noch gefragt: Sie haben kein Gepäck? Denn es ist ein gutes Haus, fünf Sterne, kein Stundenhotel. Hier bringt das Institut seine wichtigen Gäste unter. Man kennt das Paar mittlerweile und übergibt den Schlüssel ohne Fragen. „Hotelzimmer“ weiterlesen
Der Mann mit dem Messer in der Brust
Bin mir nicht sicher, ob ich es geträumt habe oder erlebt. Neulich ging ich ziemlich unbetrunken von der Stammkneipe nachhause. Eine trübe Neumondnacht, ein wenig Nieselregen in der Luft. Der Abend war öde verlaufen. Keine interessanten Gespräche, und meine Lieblingskellner hatten alle frei. In der R-Straße drückte ich mich an den Hauswänden entlang, um nicht noch nasser zu werden. PLötzlich trat vier, fünf Meter vor mir eine Gestalt aus einem Hauseingang, blieb stehen und wandte sich mir zu. Großgewachsen, trug einen altmodischen Kleppermantel und hatte die Kapuze eines Hoodies über dem Kopf. Zwei Schritte kam er mir entgegen, und ein wenig Licht der Lampe, die über der Fahrbahn im Wind hin und her schwang, traf sein Gesicht. Scharfgeschnitten mit eingefallenen Wangen und sehr tiefliegenden Augen. Dann öffnete er den Mantel, hatte darunter ein weiße Hemd an. Und aus seiner Brust, rechte Seite auf Höhe des Herzens, schaute der Griff eines Fleischermessers hervor. „Der Mann mit dem Messer in der Brust“ weiterlesen
