Falsch abgebogen


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An diesem heißen Junitag bleibt Albert im Bett. Er liegt unter der warmen Winterdecke und schwitzt. Kann sich nicht entscheiden aufzustehen. Überhaupt kann er sich schon seit einiger Zeit nicht entscheiden, was er tun soll. Sein Freund Klaus hat einmal gesagt: Es gibt keine Fehlentscheidungen, nur Entscheidungen. Und hat hinzugefügt, dass man sich das Leben vorstellen kann, wie eine Fahrt über ein komplexes Straßennetz mit vielen Gabelungen und Kreuzungen oder Kreisverkehren. Wenn man kein Ziel hat, ist es egal, wann und wo man abbiegt – man kommt irgendwohin. Hat man aber ein Ziel, ist es gut, wenn man ein Navi oder eine Straßenkarte besitzt. Albert ist sich nicht sicher, ob er je ein Ziel hatte. Gut, er wollte schon als Jugendlicher nichts anderes werden als Künstler. Nur hatte er keine Vorstellung davon, was das bedeutet. [Lesezeit ca. 4 min]

Außerdem war, das weiß er mittlerweile, die Motivation eher die Abscheu davor, jeden Tag auf irgendeiner Arbeitsstelle pünktlich zu erscheinen, zu tun, was einem gesagt wird und abends wieder nachhause zu kommen. So wie sein Vater es über vierzig Jahre getan hat. Er kann sich den Vater nicht als glücklichen Menschen vorstellen. Albert wollte frei sein, wollte tun und lassen können, was ihm einfiel, wollte Kunst erschaffen. Denn, dies seine Ansicht, nur die Kunst könne die Welt retten. Er wusste nur nicht, welche Entscheidungen er treffen müsse, um Künstler zu werden.

Und so entschied er nach Lust und Laune, rechts oder links abzubiegen oder eine Weile einfach geradeaus zu fahren. Alles in seinem Leben ergab sich einfach so. Er machte sein Abitur mehr schlecht als recht. Er bewarb sich bei der Kunstakademie und wurde überraschenderweise angenommen. Schon im ersten Semester attestierte ihm sein Professor absolute Talentlosigkeit. Er fuhr einfach weiter und erschummelte sich das Staatsexamen. Hätte Lehrer werden können, wenn er ein zweites Fach studiert hätte. Aber er musste ja auch Geld verdienen, denn das Bafög und der Verdienst in den Semesterferien reichten hinten und vorne nicht.

Also nahm er die nächstbeste Ausfahrt. Blieb bei einer Firma, die mit Industriegas handelte, in der er ein paar Mal als Aushilfe angestellt war. Man bot ihm einen festen Job im Vertrieb an, und er nahm an, weil das Gehalt hoch und die Aussicht auf zusätzliche Provisionszahlungen verlockend war. Noch in der Probezeit attestierte ihm der Vertriebsleiter absolute Talentlosigkeit. Als Disponent verdiente er dann deutlich weniger.

Albert lernte Sigrid auf irgendeiner Party ehemaliger Akademiekollegen kennen. Sie nahm ihn am ersten Abend mit. Sie war ihm sympathisch, aber verliebt war er kein bisschen. Und er hatte nicht den Eindruck, dass Sigrid in ihn verliebt war. Sie waren beide Singles und hatten ein großes Bedürfnis danach, einen warmen Arsch im Bett zu haben. Das reichte ihnen aus. Nach drei Monaten bezogen sie eine gemeinsame Wohnung, und weil sie beide gut verdienten, leistete sich Albert ein Motorrad.

Seit er als Jugendlicher einen Typen im Viertel bewundert hatte, der eine schwere Maschine fuhr und Lederklamotten trug, wollte auch er Biker werden. Er träumte von weiten Reisen ganz allein auf dem Motorrad, ans Nordkap oder nach Marokko. Weiter als bis an die Nordsee kam er nie, und so gammelte die Guzzi in der angemieteten Garage vor sich hin.

Als Sigrid schwanger wurde, heirateten sie natürlich. Und weil er immer ein Bild vor Augen hatte von einer großen Familie mit mindestens drei Generationen, die zusammen in einem Garten unter einer Linde an einer langen Tafel sitzen, essen und trinken, schwatzen und lachen, kauften sie ein Haus in einem Vorort, natürlich ein freistehendes Einfamilienhaus mit dem gewünschten großen Garten und einem Lindenbaum. Nur kam die Großfamilie nicht zustande: Seine Eltern waren in der Zwischenzeit gestorben, und die Schwiegereltern mochten ihn nicht. Außerdem blieb es bei dem einen Kind, weil Sigrid es nach einer fürchterlichen Geburt ablehnte, noch einmal schwanger zu werden. Er sah sein Ziel verschwinden und fuhr trotzdem geradeaus.

Sie ließen sich scheiden und verloren beim Verkauf des Hauses viel Geld. Sigrid brach alle Kontakte ab und verschwand. Albert hörte das Gerücht, seine Ex-Frau sei obdachlos geworden und dann an einen Kleinkriminellen geraten, der sich von Spendenbetrug ernährte. Nach gut elf Jahren meldete sie sich bei Michael, dem gemeinsamen Sohn, inzwischen sechzehn Jahre alt. Sie trafen sich heimlich, gingen gemeinsam ins Kino und auf Rockkonzerte. Albert merkte lange nicht, dass sich der Sohn immer weiter von ihm entfernte. Und eines Tages blieb Michael einfach weg. Er war zur Mutter gezogen.

Als die Firma, in der er immer noch als Disponent arbeitete, pleite ging, wurde er arbeitslos. Ihm fiel nichts ein, was er tun konnte. Begann wieder zu zeichnen. Wusste aber nicht, ob und was er mit seiner Kunst tun sollte. Die Kneipe an der Ecke, über deren Stammgäste Sigrid und er immer gespottet hatten, wurde sein Wohnzimmer. Immerhin hatte er seinen Alkoholkonsum im Griff. Und von den Sozialleistungen konnte er sich eine winzige Dachwohnung leisten und seinen bescheidenen Lebensunterhalt bestreiten. Dann schaffte sich Albert einen Hund an. Im Tierheim hatte er sich in eine graumelierte Mischlingshündin verliebt, eine sanfte Begleiterin, die er Bella nannte.

Die nächsten zehn Jahre verliefen ereignislos. Die Lebensumstände passten perfekt zu seiner Mentalität, er musste nichts entscheiden und konnte sich ganz seinen Zeichnungen und Bella widmen. Im Prinzip ging es ihm gut. Bis die Hündin an einem herrlichen Frühlingstag im Wald ausriss, auf die Gleise der S-Bahn geriet und überfahren wurde. Albert war unfähig, sich um die Bellas Leiche zu kümmern, ließ sie einfach liegen und ging nachhause. Er begann zu frieren, obwohl die Temperaturen ständig stiegen. Er legte sich ins Bett unter die warme Winterdecke und stand nur auf, um auf die Toilette zu gehen oder etwas zu essen oder zu trinken. Seine Vorräte würden vielleicht bis zum Ende des Sommers reichen, danach müsste er etwas unternehmen. Er fühlte sich wie in einem Kreisverkehr ohne Ausfahrten. Das einzige Ziel, das ihm blieb, war der Himmel.