Mann mit Hunden

Nicht immer, wenn ein Mensch auf einem Foto zu sehen ist und dabei in die Kamera schaut, posiert er. Wir haben hier ein Hochformat. Der Mann steht auf dem Weg, der aus dem Park ins freie Feld führt. Man sieht ihn von vorne, und er schaut an der Linse vorbei. Das Kinn leicht angehoben, den Kopf ein wenig schief, mit neutralem Gesichtsausdruck. Die Hunde sitzen zu seinen Füßen und blicken in entgegengesetzte Richtungen. Es dürfte später Herbst oder früher Winter sein, denn der Mann trägt einen Dufflecoat, einen Schal und eine Mütze. „Mann mit Hunden“ weiterlesen

Lebensunterhalt

Es ist möglicherweise die einsamste Bushaltestelle des Landes. Gilda sitzt im schmalen Wartehäuschen und liest in einem ziemlich dicken Buch. Aus der einzigen Straßenlaterne in weitem Umkreis sickert weiches Licht durch die trübe Luft. Die Landstraße kommt aus einer Senke und führt rechterhand in einer flachen Linkskurve den Hügel hinauf. Unterhalb verschicken einzelne Häuser Licht aus ihren Fenstern. Jemand kommt und setzt sich neben sie. Sagt Hi, und sie grüßt mit einem schwachen Nicken zurück. Wann kommt er denn, der nächste Bus? fragt der Mann. Sie legt sorgfältig das Lesezeichen zwischen die Seiten und klappt das Buch zu. Holt das Handy aus der Manteltasche, entsperrt es und zeigt auf das Display: Noch siebenundzwanzig. „Lebensunterhalt“ weiterlesen

Die Sieben und der Schmerz

Als ich heute früh erwachte, sagte Thibaud, hatte ich sieben Schmerzen; erfreulich wenige. Ja, ja, warf Storck ein, in unserem Alter ist man ja froh, wenn morgens was weh tut, denn dann weiß man, dass man noch am Leben ist. Immer noch kannst du keiner Banalität aus dem Weg gehen, entgegnete Thibaud und ergänzt: Lasst uns über physische Schmerzen sprechen, nicht über das Alter. Denn wenn eines das gesamte Leben begleitet, dann sind es Schmerzen. Aber in den letzten Jahren vor dem Tod, wandte Storck ein, ist jeder Schmerz ein Alarmsignal dafür, dass dieses oder jenes Körperteil funktional am Ende ist. Nimm die Leber. Ist die durch ständigen Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch angeschwollen, dann wird sie sich zersetzen und ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Und daran stirbt man. Gut, dass du dieses Organ erwähnst, stimmte Thibaud zu, es sendet nämlich einen meiner sieben Schmerzen aus. „Die Sieben und der Schmerz“ weiterlesen

Geschichte von einem frühen Tod

Wir sehen einen noch nicht ganz Zehnjährigen zwischen seinen Brüdern. Sie sitzen in kurzen Hemden und Hosen auf einer Bank an der Oder und lächeln schief in die Kamera: Paul, Gerhardt und Hans. Das Bild hat ein Fotograf aufgenommen, der den Abzug mit dem Namen seines Geschäfts abgestempelt hat. Es war an einem der wenigen wirklich sommerlichen Sonntage im Juli des Jahres 1933. Da sind die Jungen schon vaterlos, wissen aber nicht wie und weshalb der Vater verschwunden ist. In Stettin war im Mai den Gauleiter Karpenstein entmachtet worden. Gegen dessen Willen hatte die SS zuvor ein Internierungslager auf dem Gelände der Vulkanwerft eingerichtet und ab Ostern damit begonnen, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten zu verhaften und dorthin zu bringen – unter ihnen der Maurer Max Roggisch, Mitglied der KPD und Vertrauensmann der Baufirma Schlieske. Später würden Historiker dieses Lager als erstes KZ des Naziregimes bezeichnen. „Geschichte von einem frühen Tod“ weiterlesen

Manuela fährt Rad

Bist du jüdisch? fragt Hamza. Die Gruppe hat sich vor dem Ferienheim aufgebaut. Hinten stehen die Großen, davor die Kleineren, fünf Kinder liegen im Gras. Dazu die Fahrräder. Manuela ist die dritte von links in der mittleren Reihe. Und wenn? antwortet sie. Na, sagt Hamza, dann bist du ein schlechter Mensch, weil alle Jüdischen schlechte Menschen sind. Der Fotograf ruft: Jetzt alle mal Spaghettisoße sagen! Die Teilnehmer an der Radtour lächeln oder grinsen oder auch nicht, nur Manuela und Hamza gucken nicht in die Kamera. „Manuela fährt Rad“ weiterlesen

Jelles Tränen

Wer weiß, was den Furzknoten dazu getrieben hatte, mich in den Glaskasten zu verbannen. Offiziell begründete der große Inhaber die Maßnahme damit, ich sei jetzt Führungskraft und müsse zu meinen Untergebenen Distanz wahren. So dürfe ich die Kollegen, denen ich nun vorgesetzt war, nicht mehr duzen, sondern müsse sie siezen. Das ist so ungefähr der Psychoquark meines Chefs, der sich für klug und gewitzt hält. Mich aber zwang es dazu, nicht mehr an der Nahtstelle zwischen Konzeption und Grafik zu sitzen, sondern am anderen Ende des verwinkelten Großraumbüros in einer Kabine. „Jelles Tränen“ weiterlesen

Hautfarben

Vor ein paar Jahren hatte Silke einen Aquarellierkurs belegt. Die Dozentin war eine ältere Dame mit grauen Haarschnecken über den Ohren. Im dritten Semester ging es um das Porträtieren, und die Kursleiterin sagte in jeder Stunde mindestens einmal das Wort hautfarben. Silke konnte damit nichts anfangen. Als ob die Haut eine Farbe habe. Wann immer sie Leute nackt oder nur in Badebekleidung gesehen hatte, wat ihr aufgefallen, wie viele verschiedene Farben die Oberfläche eines Menschen aufwies. Aber die Lehrerin hatte eine bestimmte Vorstellung von Hautfarbe und wollte sie ihren Schülern aufzwingen. Das gefiel Silke nicht, und sie nahm sich vor, nur noch dunkelhäutige Personen zu malen und begann mit einem Selbstporträt. „Hautfarben“ weiterlesen

Rache im Konjunktiv

Stell dir einen Bären im blauen Monteursoverall vor. Nur ohne niedliche Knopfaugen, ohne Lacknäschen und ohne pelzige Puschelohren. Stattdessen setz einen gewaltigen Schädel drauf. Mit meerblauen Seeschlitzen, einem Wust rotblonder Haare und einem Mund, bei dem die Lippen nie ganz stillstehen. Wie auch seine Hände. Großflächig und wulstig und immer in Bewegung. Wenn er spricht, knetet er die Finger oder wedelt wie ein Dirigent. Laut seiner Musterungsakte exakt zwei Meter und acht Zentimeter groß. Damals wog er um die einhundertfünfzig Kilo, vorwiegend Muskelmasse, weil er seine Tage im Sportstudio verbrachte, während er nachts am Schlachthof arbeitete. Ich denke, Ewald hat seine Elise wirklich geliebt. „Rache im Konjunktiv“ weiterlesen

Weite Ebene

Möth befindet sich in der Mitte einer weiten, kargen Ebene und schaut sich um. Er war schon einmal in einer ähnlichen Situation, auf einer leeren, staubigen Fläche. Das war der Betondeckel einer Giftmülldeponie in Brandenburg. Jetzt aber sieht es aus wie auf einem trockenen Salzsee in Utah, wo Weltrekordfahrten stattfinden. Er weiß nicht, wie er an diesen Ort geraten ist, er weiß nur, aus welchem Grund: Er ist mit Anna verabredet. Und dann spricht eine Stimme aus großer Höhe: Hartmut, wartest du? Sie kommt gleichzeitig aus der Luft und aus seinem Kopf. Er nickt. „Weite Ebene“ weiterlesen

Handke

Keiner von uns glaubte damals, dass Walter schwul sein könnte. Wir nahmen nur die besondere Beziehung zum gemeinsamen Klassenkamerad Dieter wahr. In jenen Jahren kannten wir keine Schwulen. Wir wussten nur so ungefähr, was Wörter wie schwul und homosexuell bedeuteten. Mein Vater sagte über einen Kollegen, der sei vom anderen Ufer, und grinste leicht verschämt. Onkel Eberhard sprach von warmen Brüdern, die mit der flachen Hand bügeln könnte. Mein großer Bruder erklärte mir seinerzeit, es handele sich um Männer, die nur auf Männer scharf seien – für mich vollkommen unvorstellbar. Wie könnte man sich nicht in diesen wunderbaren Wesen mit Rundungen und Mündern und Augen verknallen, zum Beispiel in Gisela, Monika, Christel oder Yvonne? Aber insgesamt war Schwulsein kein Thema für uns. „Handke“ weiterlesen

21 Knöpfe

Wir waren beide nicht passend zum Anlass gekleidet. Die Bildungsbürger hatten sich feingemacht, und die betroffenen Künstler waren entsprechend ihres jeweiligen Markenkerns kostümiert. Man hatte eine viel zu große Location gewählt, sodass sich die vielleicht zweihundert Gäste im Saal verloren. Da hatte ich es vorgezogen, die Fotos von der Empore aus per Tele zu schießen. Ich lehnte gerade an einer der tragenden Säulen und wartete auf den nächsten Redner. Da sah ich sie fünf Säulen weiter stehen. Halbverdeckt vom Stützwerk, nur das Profil und die Linie ihrer Figur war sichtbar. Ein besonders auffällig kostümierter Künstler betrat das Podium, Beifall brauste auf, und sie trat vor. Sah mich aus den Augenwinkeln, erstarrte kurz, drehte sich dann zu mir um und musterte mich. Ihr Blick traf mich voll auf die Zwölf. „21 Knöpfe“ weiterlesen

Stabile Seitenlage

Zwei Drittel meines Blickfelds nimmt ein schillerndes Grau ein. Etwas wie ein rissiger Estrich. Ich liege auf der Seite, der Kopf auf der linken Wange. Oben bewegen sich unscharfe Menschen. Hören kann ich nichts, weil da ein stetiger Pfeifton in meinen Ohren ist. Versuche die Leute zur Hilfe zu rufen. Strenge mich an, aber aus meinem Mund kommt nur ein verschwommenes Raunen. Dann mein linker Arm, steckt unter meinem Körper fest. Ich spüre nichts unterhalb des Ellenbogens. Versuche ihn trotzdem hervorzuziehen. Bin ich gelähmt? Was ist gebrochen? Es riecht nach frischem Blut. Meine Erinnerung: Wie ich unter dem Hallendach über die Streben klettere. „Stabile Seitenlage“ weiterlesen

Höller blickt zurück

Nun sitzt er da und denkt über sein Leben nach. Das Familienfest ist in vollem Gange, aber das blendet er aus, wenn ihm Verwandte auf deprimierend tröstliche Art die Hand auf die Schulter oder den Unterarm legen. Oder wenn ihn junge Frauen auf die Wange küssen. Das müssen Enkelinnen sein, denn seine Töchter sind auch schon alt. Aus der Höhe des Alters sieht man vor allem Enttäuschungen und Niederlagen, denkt Höller. Wobei er das Alter auch nicht als Gipfel sieht, sondern eher als Schacht, der tief in die Erde führt, in dem man langsam versinkt und unsichtbar wird. Die Jugend dagegen, denkt er, ist bestimmt von Hoffnungen, Erwartungen und Plänen. Er kann sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal einen Plan gemacht hat in der Hoffnung, er können aufgehen. An Elisabeth kann er sich erinnern, sehr gut erinnern. Ihr Gesicht kann er sich jederzeit an jedem Ort vor Augen holen. Und ihr jugendlicher Körper aus den guten Jahren ist ihm so vertraut, dass er ihre Haut spüren und riechen kann. „Höller blickt zurück“ weiterlesen

Katarakt

Eines Tages kletterte Moritz dann doch die Leiter an der Rutsche auf dem Spielplatz hinauf, vierzehn Sprossen. Als er oben angekommen war und auf dem Absatz stand, begann es seinen Waden zu kribbeln und sein Skrotum zog sich zusammen. Da war er vier Jahre alt. Ihm wurde schwindlig, und er bekam keine Luft mehr. Beim Sturz in die Sandgrube brach er sich den rechten Fuß, und es dauerte acht Wochen bis er wieder richtig gehen konnte. Zweiundzwanzig Jahre später lernte er Sara kennen und verliebte sich sofort in sie. Für dich würde ich alles tun, sagte er eines Tages. Ihr gefiel der schüchterne Mann mit den langen dunklen Haaren und den kleinen zärtliche Händen sehr, also wurden sie ein Paar. Dann wurden beide berufstätig, und ihr gemeinsames Leben verlief in ruhigen Bahnen. „Katarakt“ weiterlesen

Vater, mein Vater

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein ausgeglichener, entspannter Mensch bin. Es braucht schon einiges, damit ich mich aufrege. Okay, wenn ich im Stress bin, können mich auch schon einmal kleinere Dinge aus der Fassung bringen. Besonders, wenn meine Sachen nicht da sind, wo sie hingehören. Oder wenn mir jemand dazwischen quatscht. Nicht liegt mir außerdem ferner, als die Schuld immer bei anderen zu suchen. Deshalb soll das hier auch keine Rechtfertigung sein, keine Entschuldigung oder so etwas. Dass ich Ulrike rausgeschmissen habe, ist Fakt. Aber auch Schnee von gestern. Kann man nicht mehr ändern. Ist einfach so. „Vater, mein Vater“ weiterlesen